Georg und ich.

Georg holt sich die zweite Portion aus der Kantine. Es gibt Geschnetzeltes mit Speck und Bohnen. Kartoffeln, Klöße oder Reis kosten extra. Ich trinke Kaffee für 1,20. Hundert Menschen laufen jede Minute an uns vorbei, wie die Ameisen strömen sie in und aus dem Bau. Georg kommt mit seinem Tablett wieder und kaut. Er hat einen unbändigen Appetit, wir verziehen uns in eine Ecke. Ich stecke mir eine Zigarette an, aber rauchen darf man hier nicht. Gleich wird jemand kommen und etwas sagen. Georg lächelt mich an.

Ich liebe Georg nicht. Wie sollte ich jemanden lieben, der mir die Haare vom Kopf frisst? Ich denke da viel weiter. Allerhöchstens mag ich ihn.

Und wenn er mich, wie jetzt, anfasst, wenn er seine Hand auf meinen Oberschenkel legt und mein Knie streichelt, dann sage ich

Nicht mehr, Georg,

Nicht mehr

Ich liebe jetzt einen Anderen.

Georg nimmt seine Hand weg und kaut weiter. Er ist beleidigt. Ich rauche und schlürfe den heißen Kaffee, bis die Kantinenmitarbeiterin eilig zu mir kommt und mich des Raumes verweist. Georg steckt sich hastig das Geschnetzelte in den Mund,

dann stehen wir im Regen. Jemand hat rote Überzüge auf sämtliche Fahrradsattel gestülpt. Warum frage ich, und Georg lacht, und kaut nun langsamer. Wir haben keinen Regenschirm dabei, also zieht sich Georg die Kapuze über den Kopf und schleift mich unter das Vordach der Cafeteria.

Scheißwetter, sagt er, als Sarah an uns vorbei läuft. Ich sage dazu nichts. Sarah ist die Schwester von Jakob, Jakob ist der Cousin von Aline und Aline hat eine kleine Tochter, Josephine. Sarah macht heute einen gemütlichen Abend, aber Georg und ich sind nicht eingeladen. Auf Georgs Fragen hin, antwortet sie nur, dass nicht mehr als dreizehn Mann in ihre Wohnung passen. Ich nicke. Ich wollte da sowie so nicht hin. Georg schon.

Georg betrachtet die alten Fahrräder, die die schon eine ganze Zeit hier stehen. Wenn sie niemand will, wird Georg sie abholen und auseinander bauen. Er bastelt daraus Maschinen fürs Theater. So verdient er sein Geld.

In meiner Tasche trage ich drei Bücher von Marques, die ich lesen will. Georg zieht aus seiner Tasche ein Brötchen, das hat er in der Cafeteria ergattert.

Magst du mal abbeißen, fragt er, aber ich schüttle den Kopf. Du wirst doch nicht nur von Kaffee und Milchschaum leben, fragt er.

Vater ist abgebrannt, Mutter ist abgebrannt und Georg ist es auch. Er braucht eine Packung Nudeln und Reis, damit er über die Woche kommt. Wenn er zwei Packungen Nudeln kauft, bekommt er eine umsonst.

Wenn er noch die Tomatensoße dazu nimmt, hat er etwas Anständiges zu essen.

Wenn du meinen Oberschenkel nicht mehr berührst, leihe ich dir etwas.

Okay. Ich bin gespannt, ob Georg es durchhält.

Wir kaufen ein und dann gehen wir zu Georg. Er bastelt gerade an seiner neusten Erfindung, einem Bühnenbild für das Theater. Ich lese Alain de Botton, Wie Proust ihr Leben verändern kann. In meiner Tasche trage ich noch drei weitere Bücher von Marques, die mir den Heimweg erschweren.

Er kocht Nudeln auf seine Weise. Nudeln in den Topf, heißes Wasser drüber, Deckel drauf und zehn Minuten stehen lassen.

Wirkt Wunder, wirst sehen.

Ich esse trockenes Brot und trinke Pampelmusensaft, den ich mit der elektrischen Presse gewonnen habe, die Georg selbst gebastelt hat.

Zum Schluss schüttet er die Tomatensoße über die Nudeln und gibt Salz und Pfeffer dazu.

Gar nicht mal so übel, willst du mal kosten.

Hm, geht.

Georg kaut und wieder liegt seine Hand auf meinem Bein. Ich schiebe sie beiseite. Denke an den Anderen. Georg vielleicht auch. Ich blättere in Marques und Georg sitzt am Küchentisch und kaut. Der Küchentisch ist noch von Biermann, sagt er, damals hat ihn sein Vater mitgenommen und in die Küche gestellt, nun steht er bei Georg. Und die Stühle? Die hat der Vater über die Jahre zusammen gesucht, keiner passt zu dem anderen. Und als die Familie sich vor ein paar Jahren einen neuen Tisch und Stühle gekauft hat, hat Georg sie genommen. Das Küchenbuffet ist von Kafka.

Ich streiche mit der Hand über die Küchenmöbel und Georg schaut mich erwartungsvoll an. Das Nachmittagstief entspringt dem natürlichen Bedürfnisses des Körpers sich auszuruhen. Georg hält oft Mittagsschlaf, aber heute hat er ihn ausfallen lassen. Mir zu liebe. Stattdessen öffnet er sich ein warmes Bier, von dem ich nicht weiß, wo er es her hat. Kein Geld, aber Bier, oder kein Geld, aber Zigaretten. Eines passt immer.

Er trinke kein Bier vor acht, jetzt ist es drei. Heute Nachmittag noch eine Vorlesung. Georg hat frei. Georg sagt, dass er seine Wäsche noch waschen muss. Seit vier Wochen wäscht er nun schon bei seiner Nachbarin, obwohl er längst seine Waschmaschine repariert hat. Die Nachbarin ist eine junge Frau, mit wasserstoffblonden Haaren.

Ich wusste gar nicht, dass du auf wasserstoffblond stehst.

Die Haarfarbe ist doch egal.

Ach so. Was machen wir jetzt. Ich hab noch eine Stunde Zeit. Georg wohnt viel näher an der Uni als ich. Für gewöhnlich suche ich mir in der Freistunde einen lehren Seminarraum und drehe Zigaretten vor. Heute bin ich mit zu Georg gegangen.

Und eigentlich müsste ich noch Socken kaufen und Handschuhe und einen Schal.

Ich brauche Butter, Marmelade, Tomaten, Gurke, Öl, Sahne, Toilettenpapier, meine Ruhe. Draußen vor der Tür hockt

Generation X

Generation Golf

Generation Geil

Generation Praktikum

Und bittet um Einlass.

Komm mit, ich zeig dir mal was.

Georg geht mit mir auf den Flur und mustert sich im Spiegel. Wegen der Blonden. Georg zieht den Mantel an und schiebt die Kapuze über den Kopf. Wenn er neben mir steht, ist er gebeugt, vielleicht um auf meine Größe zu kommen. Dann schleichen wir auf den Dachboden, wo er seine Werkstatt hat.

Vor einem Apparat mit Zahnrädern bleibt er stehen. Er hat alles verarbeitet, was er finden konnte. Fahrradschläuche als Riemen, eine alte Waschmaschinentrommel als Gehäuse, einen Motor, den er Gottweißwo ausgebaut hat.

Was ist das? Frage ich.

Mein neuer Apparatus. Sagt er gestochen, wie immer, wenn er über seine Erfindungen spricht.

Ja, aber ich meine, was kann er denn?

Der Regen klopft auf das Dach und auf die abgedeckten Fensterscheiben. Georg tüftelt an seiner Erfindung,

er hantiert

und näht

und schneidet

Ich stehe wie verloren da, weil ich da nicht hingehöre. Nicht so wie Georg dahin gehört. Ich streife durch den Raum, suche die Regale ab und finde Georgs Sammelsurium an Dingen, die niemand mehr braucht. Schrauben, Räder, alte Lampen, Kisten, Fernseher, Nähmaschinen, leere Einmachgläser oder volle, Bücher, die Insel, die Faust Gottes, der richtige Mann, alt und staubig, zerlesen, von wem, frage ich mich.

Mist, ruft Georg und ich hebe den Blick in seine Richtung. Es tropft irgendwo. Nachdenklich kommt er hinter seiner Maschine hervor und betrachtet mich von oben bis unten.

Was trägst du für einen Pullover, fragt er, mich immer noch musternd.

Wolle.

Er greift nach dem Bündchen und reibt es zwischen Daumen und Zeigefinger.

Das könnte gehen.

Wieder verschwindet er hinter seiner Maschine, nur um kurze Zeit später, blitzschnell mit einer Schere wieder hervorzukommen. Die Schere setzt er an meinen Pullover und schneidet ein handtellergroßes Stück Stoff heraus.

Was machst du da?

Komm schon. Fasziniert und erheitert lasse ich ihn gewähren. Ich besitze neben diesem Pullover nur noch zwei weitere. Er schneidet und schneidet – ich werde es wohl flicken müssen – und verschwindet wieder hinter der Mechanik, oder auch der Ansammlung von Schrott, zusammengehalten mit Schrauben und Schnüren, wie man es nimmt.

Ich höre es rattern

rufen

schnaufen

fluchen.

Georg weist mich an, auf einem alten Stuhl Platz zu nehmen. Mir ist kalt. Ich blase meinen Atem in die Luft und kann ihn sehen. Dass Georg nicht friert, denke ich, hier oben, wenn er Stunde um Stunde bastelt. Ich stecke mir erst einmal eine Zigarette an und blase den Qualm in die staubige Luft, während Georg seinen Apparat in Gang setzt. Das heißt, er versucht es.

Er überprüft die Leitung, den Fahrradschlauch, die Zahnräder.

Hast du da einen alten Fernseher verarbeitet? Frage ich, aber Georg antwortet nicht, weil er zu sehr beschäftigt ist. Ich suche mir einen Aschenbecher.

Kann ich das hier als Aschenbecher nehmen. Georg ist hinter seinem Apparat verschwunden. Was ist, wenn dieser ihn verschluckt hat?

Georg?, frage ich vorsichtig, dann taucht er hinter den Schläuchen wieder auf, ich bin erleichtert.

Mach mal das Licht aus, ruft er mir zu. Ich stehe auf und gehorche. Die Fenster sind bereits mit Vorhängen bedeckt. Das muss Georg gewesen sein, auf einer seiner vielen Exkursionen hier oben.

Schweigsam schalte ich den Lichtschalter um und suche meinen Stuhl im Dunkeln.

Jetzt geht es los, sagt Georg und ich höre, dass er die Maschine anstellt. Es beginnt zu rattern und im gleichen Moment wirft die Maschine einen Lichtstrahl, einen kleinen Lichtkegel in den Raum.

In Erwartung wippe ich mit dem Fuß, auf die Uhr schaue ich nicht, ich weiß sowieso, dass es viel zu spät ist. Schweißgebadet erscheint nach einer Weile Georg und stellt sich neben der Maschine auf.

In der Hand hält er eine Fernbedienung. Seine Finger ruhen immer noch auf dem roten Knopf, so als glaube er selbst nicht, dass er diese Maschine, den Apparatus, das Faszinosum soeben selbst in Gang gesetzt habe.

Die Seminarräume waren heute geschlossen, deshalb bin ich überhaupt mit Georg mitgegangen. Sarah hat uns ausdrücklich nicht zu sich nach Hause eingeladen, weil die Wohnung zu klein ist, weshalb ich nun die Zeit mit Georg hier oben verbringe.

Das Faszinosum, Georg und Apparat, der Eine schwitzt, der Andere pfeift, der Eine rasselt, der Andere brummt und es ist nur schwer auszumachen, wer was tut.

Die Maschine wirft einen Lichtstrahl in den Raum und Georg geht extra zur Seite, damit er mit seinem Parka ja nichts verdeckt. Ich nehme täglich eine Dekristol 400 i.e. gegen die fehlende Sonne. Nudeln kocht Georg auf seine Art und ich drehe in den Pausen Zigaretten vor, mit zitternden Händen.

Georgs Gang ist schwer zu beschreiben. Er schiebt einen Fuß vor den anderen, ohne dass man sagen könnte, in welcher Weise er das tut. Seine Hose hängt lose auf seinen Beinen, weil er die Sachen stets in XL kauft. Den alten Armeeparka trägt er hier oben, wie seinen Kittel, seine Uniform. Teilnahmslos ist er nicht, vielmehr in Gedanken versunken, bei der Arbeit, beim Essen, bei den Frauen.

Hier oben ist sein Refugium und das zeigt er mit seinem Gang. Gebeugt, weil er auf meine Größe kommen will, gebeugt, wenn er schnaubt, und hämmert und schneidet. Wenn er sich aufrichtet, um den Rücken zu dehnen, sieht man seine ganze Größe. 1,80 m reichen fast bis zur Decke. 1,80 m tragen 65 Kilogramm Körpergewicht. Im alten Parka erscheint er breiter.

Die Maschine leuchtet und rattert und pufft, aber es bewegt sich nichts. Angespannt setzt sich Georg neben mich und streift mein Haar. Er atmet schwer und rasselt und pfeift.

Ich verstehe das nicht, sagt er und drückt noch einmal den roten Knopf, den er noch immer fest umklammert hält. Dann beugt er sich über den Kassettenrekorder neben mir und hält sich dabei an meinem Knie fest. Jetzt ertönt Leierkastenmusik aus dem Rekorder, aber außer dass der Lichtkegel flackert, passiert nichts.

Ich verstehe das nicht, murmelt er in seine Bartstoppeln und alles im Raum wirkt angespannt. Ich projiziere eigene Bilder in den Lichtkegel, passend zu der Musik aus dem Lautsprecher.

Noch einmal rüttelt Georg am roten Knopf, dann steckt er sich die Fernbedienung in die Tasche und steht wieder auf. Weder hat er diesmal mein Bein berührt, noch mein Haar, noch mir seinen Atem ins Gesicht geblasen, wofür ich ihm dankbar bin.

Wieder verschwindet er hinter dem Lichtkegel ins Dunkle. Ich merke an, dass ich bald los muss, wir werden es nachholen müssen. Und plötzlich ein dumpfer Knall von dort, wo Georg herumbastelt. Über der Maschine steigt dunkler Qualm auf und wird vom Lichtkegel eingefangen. Und Georg ruft ‚Scheiße‘ und ‚so ein Mist‘. Und ich sehe traurig in seine Richtung, und beobachte den Tanz, den der Qualm im Lichtkegel vorführt.

Beim nächsten Mal, sagt Georg und ich schalte die Musik ab. Ich muss gehen, die Vorlesung beginnt.

Georg sucht seine schmutzigen Sachen zusammen und begleitet mich zur Tür. Er will noch waschen.

Sanjak Rouens

studierte irgendwas in England und danach was an der Universität Leipzig. Außerdem arbeitete sie für ein Institut für evolutionäre Anthropologie.

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