Herbst im eigenen Körper

Es verlangt nicht diesen Herbst, um die Frau an ihre Müdigkeit zu erinnern, es verlangt keine Fünfuhrdunkelheit im Oktober, es verlangt nicht weder diese Erwartung von Kindergeschrei im Wohnungsflur noch dieses Kopfzerbrechen, ob ihr Pflichtbewußtsein, das verdammte, alle Erledigungen gespeichert und absolviert hat, und ebenso verlangt es nicht diese Anhäufung tiefgefrorener Schwarzweißphotographien, in der ihre Ehe eingefrostet ist. Es genügt

jetzt

sage ich

jener Moment, wenn sie einen der wenigen Parkplätze in ihrer Straße sich gesichert, das Auto eingeparkt, den Motor abgestellt, einige Minuten sich in den Sitz gepreßt, meditativ geatmet hat, um nicht den Kopf auf das Lenkrad sinken zu lassen oder ihn auf das Lenkrad zu hämmern, wieder und wieder und wieder. Siebzehn Uhr, vier Minuten. Es genügen

jetzt

sage ich

die vorüber hastenden Passanten, sie sehen eine Frau im Wagen, komatös geschlossene Augen, es genügt, irgendwann auszusteigen, Mantel und Tasche zu raffen, das Haus zu betreten, die Tür wie das Maul zu dieser Schlucht voller Erschöpfung und Ausgelaugtheit, in die die Frau jeden Tag sich zu stürzen fühlt, es genügt, auf den Fahrstuhl zu warten, der die Frau ausspucken wird im dritten Obergeschoß. Siebzehn Uhr, zwölf Minuten. Siebzehn Uhr, fünfzehn Minuten: der Fahrstuhl spuckt die Frau aus im dritten Obergeschoß, sie sperrt die Wohnungstür auf, Sohn und Ehemann sitzen auf der Couch und gehen Hausaufgaben durch. Blicken auf, lächeln die Heimkommende an, wenden sich erneut dem Schulheft zu. Es verlangt nicht dieses Familienlächeln und diese Müdigkeit, diese Schlucht aus Müdigkeit, Erschöpfung, viele Worte treffen ihren Zustand und beschreiben ihn doch nur ungenügend, trennen Kopf und Körper voneinander. Der Kopf auf der einen Seite der Schlucht, der Körper auf der anderen. Der Kopf wußte, es muß noch ein Paket abgeholt werden, ihr Pflichtbewußtsein, das verdammte

sagte ich bereits

zum Teufel damit, der Körper ist nach der Arbeit auf

(mehr oder weniger)

direktem Wege zum Auto geschlurft, schnurstracks nach Hause. Und es verlangt nicht die Gedanken an dieses Paket, dieses bescheuerte, dieses beschissene Paket und dann an das Abendessen, sie geht in die Küche, in der ihr Ehemann Geschirr auf den Tisch stellt, zwei Weingläser dazu, die Tiefkühlpizza

(Gorgonzola, zwei Sorten Salami)

ist fast fertig. Es genügt der Frau, Momente nur allein zu sein in der Küche, aber was bitte kann es bedeuten, die Lyrik von allein, die Bedeutungslosigkeit von allein, das bedeutet nur die Frau und dieses Brummen in ihrem Kopf, das sich ankerschwer auf all ihre Gedanken, Nerven legt. Am Kühlschrank die Schiefertafel, auf der die Einkäufe notiert werden. Es genügt der Frau, ein Stück Kreide zu nehmen, und sie schreibt, Milch, denkt, Stefan hat bestimmt nicht an die Milch gedacht, und tatsächlich, sie muß nicht in den Kühlschrank, die Speisekammer schielen, um das Ergebnis zu kennen; die Frau lugt in den Kühlschrank, die Speisekammer, und tatsächlich, viele Dinge, nur keine Milch. Siebzehn Uhr, neunundvierzig Minuten. Erbsendosen, Pfifferlinge, Kartoffeln usw., nur keine Milch. Stefan kann so süß sein, so zärtlich, rücksichtsvoll, zuvorkommend, Stefan hat viele Tugenden und schreibt becketthafte Bücher in Kleinauflage, in dieser bösen Wirklichkeit auf der anderen Seite des Fensterglases jedoch ist er rettungslos verloren. Kongo, Surinam, Ostseeküste, das macht keinen Unterschied. Und wenn wir schon bei den Fensterscheiben sind, die Fenster müssten auch wieder geputzt werden, seit drei Wochen predigt die Frau das, und was ist geschehen. Nun ja. Achselzucken, achtzehn Uhr, dreißig Minuten. Mutter, Vater, Sohn sitzen am Tisch und kauen Pizza. Gorgonzola, zwei Sorten Salami. Mutter und Vater trinken Wein dazu. Vier Stühle und drei Gedecke, zwei Monate zuvor waren es noch vier, aber dies ist Geschichte, seit die Tochter zu ihrem Freund gezogen ist, mit der Begründung, es unter dieser Käseglocke nicht mehr ertragen zu können. Es genügt ein Gedanke an Julia, und schon diese Müdigkeit, bitte bitte, nicht weiter an sie denken, bitte bitte, oder an das Wort, das sie benutzt hat, Käseglocke, exakt dies war ihr böses Wort, Käseglocke, und die Frau fragt sich, was ist so schlecht an einer Käseglocke, eine Käseglocke behütet und wärmt, beinahe wie ein Brutkasten, man muß nicht miteinander Worte tauschen oder Interesse heucheln, das denkt die Frau, man sitzt am Tisch und darf schweigend Pizza kauen mit Gorgonzola und zwei Sorten Salami, das ist gut so und schön.

Schweigen.

Anschließend kann man sich vor den Fernseher fläzen, ein zweites Glas Wein leeren und vielleicht noch ein drittes, was spielt das für eine Rolle, man kann nebeneinander schweigend die Abendstunden verstreichen sehen und von ganz gleich welchem Stumpfsinn auf der Mattscheibe langsam, behutsam sich in den Schlaf tauchen lassen, auch das ist gut so und schön. Und gefahrlos vor allem. Wieder brummt und kratzt es im Kopf der Frau. Neunzehn Uhr, sieben Minuten. Es brummt stärker, in konzentrischen Kreisen, Radiowellen ähnlich oder diesen Wellen, wenn man am Kai steht oder auf dem Molenende und Steine in der Ostsee versenkt. Wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle. Ist das nicht aus einem Gedicht von, von wem noch mal? Egal. Über welche Dinge Menschen sich den Kopf zerbrechen, das glaubt mir niemand wie im Meer eine Welle drängt mein Körper hin zu dir es fragt ja auch niemand, aber das ist

jetzt

(nebenbei bemerkt)

schon in Ordnung so, jetzt keine Fragen bitte, keine Gespräche über die Arbeit, wie war dein Tag wie im Meer eine Welle waren die Kinder anstrengend wie im Meer eine Welle war der Chef gut gelaunt wie im Meer eine Welle schweigend räumt die Frau das Geschirr in die Spülmaschine, nimmt die Tischdecke und wedelt die Krümel in den Mülleimer, sie sieht die Krümel fallen in den Mülleimer wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle drängt mein Körper hin zu dir und was, wenn sie einen Müllsack sich überstülpe, sich selbst in den Flur stelle, bereit zur Entsorgung, wäre das denn so schlimm? Wahrscheinlich nicht, höchstwahrscheinlich nicht. Neunzehn Uhr, zwanzig Minuten. Neunzehn Uhr, einundzwanzig Minuten. Neunzehn Uhr, zweiundzwanzig Minuten. Der Sohn chattet mit Freunden, das Geräusch seiner Finger auf der Tastatur genügt und quetscht sich unter den Türspalt, durch das Schlüsselloch hindurch, tackert sich in ihr Ohr, der Ehemann ist im Arbeitszimmer, korrigiert eine Kurzgeschichte für eine dieser Literaturzeitschriften, die seine Texte veröffentlichen, ohne Honorar zu zahlen. Möge der Teufel seinen künstlerischen Idealismus holen und dieses Gefasel von Kunst um der Kunst willen, davon kann man keine Brötchen oder Schuhe bezahlen, aber auf der anderen Seite findet er innere Ruhe auf einem Blatt Papier, und das ist etwas, worum sie ihren Mann ernsthaft beneidet wie im Meer eine Welle wie im Meer wie ist das in ihrem Kopf gelandet, schlimmer als jeder Ohrwurm. Und sie, sie könnte sich neben die Hausschuhe ihrer Tochter im Flur kauern, niemand käme auf die Idee, sie dort zu bemerken, sie mitsamt den Hausschuhen aufzuräumen, auch davon redet sie seit drei Wochen, aber naja, man will ja nichts sagen. Und es genügt, den Oleander anzustarren, den niemand gegossen hat, leblose Dinge und Pflanzen verstehen sie, nehmen ihre gekrümmte Haltung an, wann immer sie irgendeinen Raum betritt, verdorren genau wie sie am ausgestreckten Arm. Solidarität ist heutzutage steuerlich absetzbar. Einundzwanzig Uhr, das Telefon klingelt. Bitte bitte keine Einladung der Schwiegereltern zu einem Spieleabend bitte bitte. Wie still es doch sein kann. Diese Stille könnte wirklich genügen und irgendwo weit hinten, gar nicht so weit weg, das Meer. Ihr Mann geht ins Zimmer des Sohnes, der ist vor seinem Computer eingeschlafen, sein Kopf ruht auf der Tastatur, der Vater weckt den Sohn kurz auf, schickt ihn ins Bett. Geht dann zu seiner Frau, entnimmt das Weinglas ihrer Hand, tendiert zum Weg ins Schlafzimmer. Seine Frau bleibt sitzen. Es genügt sein After Shave, es drängt sich ihr auf und ist dezent im gleichen Atemzug. Stochert in ihrer Luftröhre, auf ihrem Nacken, wie eine Spinne, nein, ein Igel, der über ihr Genick tappt. Doch in diesem Fall genügt es, kurz im Flur stehen zu bleiben, den Igel mehr oder weniger

eher weniger als mehr

unauffällig aus dem Genick zu ziehen, im Klo zu ertränken, und Abgang. Vorzugsweise, sobald ihr Ehemann noch einmal kurz das Arbeitszimmer aufsucht, so wie jeden Abend. Der Mensch als solcher braucht Routine, geht ohne sie gnadenlos unter. Eine Laufmasche an ihrem rechten Strumpf nimmt mit einem Schlag das komplette Wohnzimmer ein. Weder Wein noch Fernbedienung hindern ihren Blick daran, in einem unförmigen Takt immer wieder zur Laufmasche zurückzueilen. Der Sohn trottet in Shorts durch das Wohnzimmer zum Bad und dann wieder zurück in sein Zimmer, ohne die Frau zu stören noch wahrzunehmen. Zweiundzwanzig Uhr, sieben Minuten. Es genügt, daß ihr Mann zu ihr kommt, sich neben seiner Frau auf dem Sofa niederläßt, es genügt, daß sein Knie ihr Knie berührt wie im Meer eine Welle und sein Schenkel ihren Schenkel wie im Meer eine Welle und wieder dieser Igel, sie steht auf, schützt Durst vor, um in die Küche zu fliehen. In der Küche öffnet sie den Wasserhahn, und wieder dieses Brummen, Kratzen in ihrem Kopf. Eine Lücke zwischen den Gardinen enthüllt Bäume am gegenüberliegenden Straßenrand, Eschen vielleicht oder Kastanien. Sobald das Glas leer ist, trottet sie ins Bad, zieht sich behutsam aus, einen Pyjama an, sie entledigt sich ihres Schmuckes, als da wäre, beispielsweise, ein Armreif, Altgold, aus Marokko

(scheußlich)

als da wäre, beispielsweise, eine Bernsteinhalskette, ein Geschenk ihres Mannes, erstanden bei einem immer lächelnden Straßenhändler während eines Urlaubs im Baltikum

(deutlich besser)

und mit ihrem Make-up und dem Schmuck entledigt die Frau sich ihres Charakters, ihres Rückgrates, entledigt die Frau sich dieser Erinnerungen, die mit manchen Stücken verwachsen sind, rotiert ihr Dasein zurück zum Stadium einer Larve, und das genügt, tatsächlich, das genügt, sie sollte einen Kokon um sich spinnen, in einer der Baumkronen

Eschen, Kastanien vielleicht

sich verschanzen, der Dinge harren, die da kommen mögen, als da wäre, beispielsweise, irgendwann, vielleicht

(vielleicht auch nicht)

der nächste Frühling. Fünf Monate Winterschlaf, klingt doch verlockend. Ob jemand ihr Fernbleiben bemerke? Wahrscheinlich nicht, höchstwahrscheinlich nicht. Höchstens der Sohn, hilf-, orientierungslos wie immer, wenn er von der Schule nach Hause kommt und kein ihn tischfertig erwartendes Essen vorfindet. Und wenn nicht, egal. Oder es gelingt ihr der unauffälligere Weg, durch ein dunkles Schlafzimmer hindurch kriechen in ihr Bett, ihre Bettdecke als Kokon von den Zehenspitzen bis zum Kinn. Der Kopf verschanzt unter einer straßenköterblonden Haarflut, ganz unsichtbar jedes Blinzeln und Atmen, allein eine längliche Delle ist geblieben unter einer nichtssagenden Bettdecke. Es würde genügen, eine schlafende Katze auf dieser länglichen Delle zu drapieren, den kompletten Raum einem Museum als Installation

(„chambre total #2“)

unterzujubeln, von dem Honorar eine Wohnung zu kaufen, irgendwo in einer anderen Stadt an einem anderen Meer als an dieser Ostsee, dieser stumpfen, dieser dumpfen, dieser plumpen Ostsee, das könnte

(könnte, wie gesagt)

die Lösung sein wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle tagein, tagaus am Fenster sitzen, Wellen zählen, bei der millionsten Welle wieder bei Null beginnen. Und

vor allem

nie wieder arbeiten, die Wohnung verlassen oder überhaupt morgens aufstehen. Zweiundzwanzig Uhr, fünfzig Minuten. Ihr Mann streicht ihr Haar zur Seite, raubt seiner Frau ihr Versteck. Es genügt

jetzt

sage ich

diese Geste als Beweis seiner Gedankenlosigkeit, was nur soll man sagen. Es genügt nur diese Gier und das After Shave, aufdringlich und dezent im gleichen Atemzug, es genügt nur der Igel, er rollt sich von ihrem Nacken die Wirbelsäule entlang abwärts bis zur Hüfte, dann auf ihren Bauch, dann wieder aufwärts. Diesen Igel erneut packen, im Klo versenken und ersäufen

(zweiter Abgang)

der fordernder, stacheliger wird. Männeratem in ihrer Armbeuge drängt sie auf den Rücken, dabei etwas raunend in einer ihr fremden Sprache. Dreiundzwanzig Uhr, zehn Minuten. Die Frau in der Küche, mit geschlossenen Augen, stehend, an die Wand gelehnt, der Arm, die Hand mit dem Glas baumelt kraftlos herab, es verlangt nicht dieses Baumrauschen

Eschen vielleicht, Kastanien

auf der anderen Seite des Fensterglases wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle um ihr glaubhaft zu versichern, daß irgendwann

ganz bestimmt

dieses Raunen leiser wird, diese brummende, kratzende Sehnsucht nach einem Kokon voll lyrischer Stille und Gleichgewicht, und darüber hinaus genügt vielleicht

eben, vielleicht

dieser Kokon, um in der Frau Hand in Hand mit dieser Sehnsucht auch dieses Verlangen abzukühlen, die Seele sich vollkommen aus dem Leib zu kotzen.

Vincent E. Noel

, *1980 in Wilhelm-Pieck-Stadt Guben, lebt in Nürnberg. Der zweifache Literaturpreisträger ist Verfasser von Theatertexten, Kurzgeschichten, Märchen, Novellen, Erzählungen. Veröffentlichte eine Serie von Kurzgeschichten in einer Tageszeitung [Altmühl-Bote], daneben Publikationen in Literaturzeitschriften, Anthologien. Seine aktuelle Publikation „wem wenig vergeben wird (darf fressen mein Herz)“ ist im Juni 2010 im Wiesenburg Verlag erschienen.

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