Himmel und Hölle

jmengele_140x140 Bei meinem Leben hätte ich niemals daran denken dürfen, dereinst in den Himmel zu kommen. Und so stand ich nach einem Badeunfall mir nichts dir nichts in der Hölle, deren Pforte, eine mit rotgelben Flammenfolien verzierte Glastür wie durch Zauberhand für mich geöffnet wurde. Und siehe da, der Führer höchstpersönlich nahm mich in Empfang. Mit weit ausholender Hand wies er auf das Offizierskasino hinter sich, auf eine lärmende Schar von Kriegsverbrechern. Sie feiern meinen Geburtstag, schnarrte Hitler, sie feiern mich jeden Tag. Und da traf ich sie alle wieder, meine Helden, meine Kameraden und Kollegen, alle etwas älter, die einen aufgebläht, aufgedunsen von Alkohol und fettem Essen, andere eher eingefallen: von ausschweifendem Sex, von Zigaretten, Opium und anderen Drogen. Hätte ich gewusst, was mich erwartet, lallte Eichmann, ich hätte mich während der Vernehmungen und vor Gericht ganz anders verhalten. Ich hätte alle verhöhnt, allen ins Gesicht gespuckt. Dann hakten er und Hitler sich bei mir ein und führten mich zum Tresen. Schnaps, schrie Eichmann mit überdrehter Stimme, die nächste Runde geht auf mich. Und dann staunte ich wie ein Kind, ich staunte darüber, wie sich der Führer gehen ließ, wie ein Wodka nach dem andern in seiner Kehle verschwand, ohne dass er auch nur einen Hauch an Haltung verlor. Nach einer Lokalrunde auf Kosten des Hasses und des Hauses nahm mich mein Führer an die Hand und führte mich durch die Hölle. Nicht dass du denkst, wir seien hier die einzigen, sabberte er und öffnete eine riesige Flügeltür, deren oberer Teil sich im Nebel verlor. Wir betraten einen Saal, der sich in nichts von dem unterschied, aus dem wir kamen. An Tischen und Tresen saßen und standen „rote Horden“. Da steckten Stalin und Berija die Köpfe zusammen, schwere, von Wodkawellen überflutete Köpfe, die uns, als sie auf uns aufmerksam wurden, mit einem Lächeln und hoch erhobenen Gläsern begrüßten. Obwohl Hitler den Gruß mit aller einem Österreicher zur Verfügung stehenden Höflichkeit erwiderte, drängelte sich mir der Eindruck auf, dass er sich in dieser Gesellschaft nicht zu Hause fühlte. Und so zog er mich, Leute wie Pol Pot oder Nicolai Ceausescu aus dem Weg rempelnd, in den nächsten Saal, wo er hörbar aufatmete, als sich seine Geistesverwandten Bokassa, Duvalier und Idi Amin sogleich zu Boden warfen und ihn mit vielem Wortwerk huldigten.

So ist es hier überall in der Hölle, fasste Hitler zusammen, ein Paradies, wenn wir nicht zur Untätigkeit verdammt wären. Nicht das geringste Verbrechen ist uns vergönnt, und daran, an dieser ewigen, eintönigen Langeweile, an dieser Verdammung zum Nichtstun leiden wir alle. Aber es gibt Ausnahmen von dieser Regel, zwinkerte der Führer und lotste mich in einen Fahrstuhl, der, kaum dass wir ihn betreten hatten, mit atemberaubendem Tempo in die Höhe schnellte. Während der Fahrt bot mir der Führer nicht nur einmal einen Schluck aus seinem „Flachmann“ an, ein handgranatengroßes Fläschchen, das seine Uniformjacke ausbeulte.

Unten, schnarrte Hitler, als wir den Aufzug verließen und auf einen im hellen Frühlingslicht liegenden Platz, einen Vorplatz traten, unten in der Hölle bin ich der Chef, dort habe ich das letzte Wort, hier oben aber bin auch ich leider nur Befehlsempfänger, Offizier zwar, aber an die Weisungen des Chefs gebunden. Wir kamen zu einem Lager, zu einer stacheldrahtumzäunten Lagerstadt, über dessen Tor die wellenförmigen Worte „Arbeit macht frei“ prangten.

jmengele_140x140Wer glaubt, die Leiden der Menschen zu Lebzeiten würden nach ihrem Tod mit einem ewigen Leben voller Liebe, Sorglosigkeit und Freude vergolten werden, sieht sich getäuscht. Sie arbeiten jetzt alle, sagte Hitler und deutete auf die ausgestorbenen Lagerstraßen, zu deren Seiten sich friedlich rauschende Pappeln und zweigeschossige rote Backsteinhäuser aufreihten. Auf dem Appellplatz standen Galgen, die wie Teppichstangen aussahen, mit dem Unterschied, dass an ihnen keine Teppiche sondern Menschen hingen. Die Endstation für alle, die sich nicht an die gottgewollte Ordnung, an Recht und Gesetz halten, meinte mein Führer und führte mich in den so genannten „Bunker“. Der wachhabende Offizier, ein Soldat in schwarzer Uniform zeigte uns nicht ohne Stolz die Zellen im Keller, kleine, feuchte und niedrige Kammern, in denen man nicht einmal aufrecht stehen konnte und die mit jeweils fünfzehn bis zwanzig Gefangenen belegt waren, stehend, gegeneinander gepresst, Menschen wie in einer Sardinenbüchse, ohne Heizung, ohne Nahrung, ohne Luft. Der Kellerflur war so lang, dass sein Ende nicht zu sehen war, und durch die Zellentüren zu beiden Seiten drangen die Schreie und das Stöhnen der Gequälten, während draußen im Innenhof die Salven der Erschießungskommandos krachten. Die schrecklichste Strafe, sagte der Offizier und salutierte, die endgültige, restlose Vernichtung. Nichts bleibe von einem übrig, nicht einmal die leiseste Erinnerung, wenn man im Paradies zum Tod verurteilt werde. Apropos Vernichtung, mischte sich Hitler ein, ich muss dir unbedingt die Gaskammern und Krematorien zeigen. Ihnen gegenüber waren die unseren seinerzeit ein Kinderspiel, eine Lachnummer. Der Führer strahlte, sein sonst fahles, aufgedunsenes Gesicht belebte sich, es blühte wie das einer Jungfrau auf, die Wangen füllten sich mit Blut. Doch alles der Reihe nach, sagte er, als wir den „Bunker“ verließen und die „Baracke der Gerechten“ betraten, wie sie im Lagervolksmund hieß. Diese Baracke, ein unförmiger Pferdestall, bevölkerten all jene, die ihr Leben in den Dienst des Guten, der Menschlichkeit und Nächstenliebe gestellt hatten. Nun waren sie auf ewig dazu verdammt, die Getöteten auszuplündern, ihnen die Zähne auszubrechen, sie zu schinden, das Fleisch von den Knochen zu kratzen, aus den Häuten Lampenschirme zu nähen, die Knochen in Mühlen zu zerkleinern und zu Seife, Blut und Gedärme jedoch zu Dünger und Fischfutter zu verarbeiten. Und alles unter der Aufsicht schreiender Soldaten, die jede Nachlässigkeit, jede Unachtsamkeit und Schwäche mit sadistischer Gewalt bestraften, mit Schlägen, Tritten, mit Gewehrkolben und Peitschenhieben.

Gegen Mittag betraten wir die Kommandantur. Die Wände in den Fluren zierten gerahmte Blaupausen, Grundrisse der Krematorien; sie hatten die Aufgabe, Besucher anzusprechen: Seht her, sagten sie, seht und staunt, zu welch ungeheuren Ingenieurleistungen wir in der Lage sind, oder habt ihr irgendwo schon einmal größere Menschenverbrennungsanlagen gesehen? jmengele_280xHitler führte mich in ein Büro, worin ich wie geblendet, wie festgenagelt stehen blieb, denn der Uniformierte hinter dem Schreibtisch konnte niemand anderes als Gott selbst sein, ein gepflegter Herr in den Fünfzigern, ein Bürokrat mit glattrasiertem Gesicht und den trüben kalten Augen eines toten Fisches. Rührt euch, befahl uns der HERR. Dann bot ER uns Cognac und Zigarren an und sagte: Herzlich willkommen, mein lieber Mengele! Wir haben Sie vermisst, wir haben lange auf Sie warten müssen. Und indem ER auf Hitler deutete, sagte ER: Hat Sie mein Sohn und Stellvertreter schon auf Ihre Aufgaben vorbereitet? Wir haben hier jede Menge Kinder, jede Menge unschuldiger Kinder.

 



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Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008.
Siehe auch www.myspace.com/leereimer – Noch zu haben: Nachtstühle – Erzählungen und Prosa

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