Hotel America

Der Fahrer machte einen Umweg, er musste den großen Bus 20 Kilometer lang im Kreis fahren, denn die anderen vier Personen wollten nach Osten, ich nach Westen, und ihm wäre lieber gewesen, wenn es die oder mich nie gegeben hätte. Seine wütende Seele war müde. Er drehte die Musik lauter und blieb mürrisch. Erst 90 Minuten später öffnete er die große Klappe – und ich holte meinen kleinen Koffer raus, gab ein Trinkgeld und winkte zum Abschied. Vor mir ein abscheulicher Betonklotz. Meine Augen brannten, trotzdem setzte ich meine 5-Euro-Ray-Ban-Sonnenbrille auf, das sah zwar affig aus, war mir aber egal. An der Rezeption bekam ich ein dämliches Plastikarmband, und das sah noch affiger aus.
Entgegen dem Anschein, den die negativen Hotelrezensionen hergegeben hatten, blieb es die erste Nacht ruhig. Auch die 96,5 % Engländer, die hier hauptsächlich verkehren sollen, ließen sich nicht blicken. Nur einer, der kurz vor 24 Uhr sein Tablett mit Bier nachfüllte, einer mit frischer Säuferröte, in Bermudashorts und Union Jack auf dem T-Shirt.

Ich warte auf Annabel. Auch sie hat sich gestern nicht blicken lassen, obwohl sie weiß, wann ich angekommen bin. Meine Hände zittern. Nicht wegen Annabel. Meine Hände zittern eigentlich jeden Morgen, erst nach 2-3 Bieren lässt es nach. Der Kaffee schmeckt erstaunlich gut, wohl deshalb, weil ich sonst nur hundsmiserablen Kaffee trinke. Ich verschütte ein Drittel. Anschließend bekleckere ich mich mit der Kaffeesahne, weil ich keine nehme, ich wollte nur das Kännchen wegstellen. Irgendwann wird sie mir über den Weg laufen, das ist unumgänglich, es sei denn, wir verstecken uns 7 Tage und 6 Nächte. Soeben erscheint ein Flusspferd, dem Pool draußen entstiegen, leicht außer Atem, bzw. schnaubend, es hinterlässt mit jedem Schritt riesige Wasserlachen; pickelige Haut, halb verbrannt, weil es gleich am ersten Tag braun werden wollte. Laut und hässlich. Doch ich weiß, wie Annabel aussieht, jedenfalls nicht wie eine Katastrophe in XXL. Dieses Ding – denn nur Dinge können größer als Lebewesen sein – kommt direkt auf meinen Tisch zu, schmeißt sein Badetuch über die Stuhllehne und schwankt Richtung Büfett. Dort trifft sie/es kleinere Dinge, drei Stück an der Zahl. Es sind Kinder, quadratisch und rund zugleich. Besser gesagt: voluminös. Sie haben Plastikeimer dabei, sie füllen sie schichtweise mit Toast, Würstchen, Marmelade und Rührei. Die Mutter bittet einen Kellner um Traghilfe. Bevor sie alle meinen Tisch erreichen, bin ich weg. 10 Uhr, die Bar öffnet. Ich brauche meinen Arm nur auf den Tresen zu legen, damit der Kellner das dämliche Armband erkennt, dann mixt er mir einen Gin-Tonic. All-inclusive. Wer das bucht, braucht Potenzial, ob in Leber, Leib oder Seele.

Gestern hab ich mich fürchterlich betrunken. Eigentlich wie immer. Diesmal lag es an Annabel, nachdem sie mir über den Weg gelaufen war, aber erst am frühen Abend des zweiten Tages. Das war so: Als das Abendbüfett eröffnet wurde, ging ich gleich zum Weinspender und trank das erste Glas direkt vor dem Fass, denn hinter mir warteten andere, alles durstige Zeitgenossen mit einem dämlichen Armband, und als ich das zweite Glas füllte, sah ich Annabel neben mir, am Wasserspender. Ihr Profil glich einer ägyptischen Reliquie. Ich stellte mich hinter sie, ziemlich nahe, denn das macht man nicht, man lässt eine  Diskretionsdistanz, darum erschrak sie und rempelte mich an. Zwei Gläser gingen zu Boden. Fast hätte ich sie in den Arm genommen, und sie erwartete es wohl, stattdessen nutzte ich die Überraschung der anderen und zapfte mir einen neuen Wein.
Wie gesagt, gestern hab ich mich fürchterlich betrunken, weil Annabel, diese Diva, verstimmt war. Wir saßen schweigend an der Bar, mit Gin-Tonic und Wodka-Lemon, und als die Diva genug Alkohol im Blut hatte, bestellte sie frech einen Screwdriver, beinahe diabolisch, doch der ahnungslose Kellner brachte einen Schraubenzieher, und das verstimmte Annabel bis zum Zapfenstreich. Nun hockt sie am Strand. Handtuchparzelle auf felsigem Untergrund, was hier als formidabler Sandstrand beworben wird. In einer Stunde ist Fütterung. Im Flur zum Speisesaal ziehen die Kellner bereits einen dicken Strick durch den Gang, sie werden die Startlinie erst freigeben, wenn der Oberkellner pünktlich den Arm hebt. Die Terrasse leert sich, ich habe mehr Platz für mich, man geht langsam hoch, um sich frischzumachen, sprich, man entleert den Darm, damit der Magen mehr Platz hat. Ich nehme ein kleines Bier, ich gehe lieber öfter, das hält meine Darmflora auf Trab. Annabel ist schizophren und paranoid. Sie ist jünger als ich und hübsch.

Das Hotel hat 280 Zimmer auf sechs Etagen in zwei Komplexen. Annabels Zimmer liegt völlig entgegen meinem, wir müssen uns telefonisch verabreden, um uns zu treffen. Allerdings vögeln wir nur bei mir, eine ihrer Marotten, hervorgerufen durch den paranoiden Gedanken, dass sie in fremden Zimmern missbraucht werden könnte. Nach dem Orgasmus spricht sie gerne über Mord. Sehr facettenreich. Heute ist es ein wenig diesig, ich trinke einen Gin-Tonic und winke Annabel hinterher. Sie winkt nicht zurück. Kann sie auch nicht, mit Handschellen an den Armen hinterm Rücken. Was war geschehen?
Nun, ich schätze, ich war nicht fürsorglich genug, das heißt, ich bin ihr nicht hinten reingekrochen – vorne schon, denn sie erwartete immer eine Art Huldigung, eine kompromisslose Unterwerfung und alle naselang ein Kompliment. Am fünften Tag verließ sie mich, der andere war smarter, jünger und sah gut aus. Am Abend drauf stand sie mit einem Messer vor meiner Tür, mit blutverschmiertem Kleid, beide Arme gehoben, als ich öffnete, und dann fiel sie hin. Gott sei Dank rückwärts. Nach dem Fall kamen – der Reihe nach – zuerst ein Kellner, ein Gast, der Oberkellner und der Manager, das verschlafene Sicherheitspersonal, und schließlich die Polizei.

Tja, ich tauge nicht zum Kronzeugen, man entlässt mich einfach. Also werde ich zurück zum Hotel, ins Handtuch onanieren, weil ich es eh nicht klauen will, und dann einen Gin-Tonic nehmen. Bevor der Bus kommt.

Hartmut Malorny

absolviert 1974 den Hauptschulabschluss cum laude. Stationen: Verkäufer, Vertreter, Gleisbau, Hilfsarbeiter, Faktotum, Arbeitslosengeldempfänger, Bundesbahn, Auslandsaufenthalte in Frankreich, Italien, Südostasien. Ledig, verheiratet, geschieden, Vater mehrerer Kinder. Verfasst Gedichte, Geschichten, Romane und Artikel. Trinker mit den üblich kontroversen Meinungen. Einige Lesungen. Zur Zeit Sonderreiniger.

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