Hunger

Die Dinge wurden kurios. Er saß in der Küche und hatte Hunger. Und er hatte kein Geld mehr.

„Hunger, man soll es nicht glauben“, murmelte er, und er öffnete noch mal die Schränke, sah noch einmal nach – es war jedoch beim besten Willen nichts zu machen. Bis auf eine Konserve mit geschälten Tomaten waren die Regale leer. Im Kühlschrank lag ein kleiner Rest Butter und ganz hinten stand ein fast leeres Glas Salzgurken. Geschälte Tomaten – ohne alles – oder ein Stück Butter – sollte er das vielleicht essen? Nein, dann lieber gar nichts.

Mutlos saß er am Küchentisch und starrte zu Boden. Was für eine verfahrene Situation! „Man hungert heute nicht mehr“, sagte er sich noch einmal, flehentlich fast, als ließen sich die Regale allein durch diese Feststellung wieder füllen. „Man hungert heute nicht mehr. Jedenfalls nicht in Berlin. Das ist albern!“

Verzweifelt blickte er umher. Natürlich, er müsste  nicht hungern. Er müsste in eines dieser Ämter gehen, sich melden – erwerbslos melden – und dann bekäme er Geld. Müsste nicht mehr hungern. Und müsste auch nicht hilflos zusehen, wie die vielen Kleinigkeiten des Lebens plötzlich zu Bedrohungen wurden, jede für sich groß und gefährlich: abgelaufene Schuhsohlen! Nichts war schlimmer als abgelaufene Schuhsohlen. Und vor einigen Tagen hatte er versucht, sich die Haare selbst zu schneiden. Sie standen ab, seine Haare, ungepflegt, in allen Richtungen, vorn und hinten zu lang und an den Schläfen hingen sie schon über die Ohren und er bekam sie kaum noch glatt gekämmt. Er hatte in den Spiegel geblickt, die Schere dann jedoch wieder weggelegt und sich nicht getraut.

Und er war wunderlich geworden: Beim Bäcker hatte er nach Kuchenresten gefragt. Früher, als Kind, hatte er Kuchenreste bekommen, kurz vor Feierabend, wenn die Bäcker die Regale leerten. Für 20 Pfennige, eine große Masse Kuchenreste.

Heute aber gab es keine Kuchenreste mehr. Die Verkäuferin hatte ihn angesehen, verwirrt. Und auch ein paar ältere Damen, die Kundinnen hinter ihm, maßen ihn ab und blickten schließlich verächtlich an ihm vorbei.

Leere Küche

Leere Küche

Und jetzt saß er hier, in der Küche, zusammengesunken. Und wie er es auch drehte und wendete: Er hatte kein Geld mehr. Und er hatte Hunger.

Nein, er wollte nicht zu diesen Ämtern. Das wäre ja die letzte Bankrott-Erklärung, die Allerletzte! Immerhin hatte er seinen Beruf von sich aus gekündigt. Einen guten Beruf, als Redakteur. Kein Mensch hatte ihn dazu gezwungen. Er hatte seine Arbeit nicht „verloren“, er war nicht „abgewickelt“ worden, – nein, er hatte den Job aufgegeben. An der Garderobe abgegeben, sozusagen. Um richtig zu schreiben. Und alle hatten sich gewundert. Warum denn nur? Besser ginge es doch gar nicht! Und schreiben könne man doch auch „nebenbei…“

Mit 20 000 war er an den Start gegangen. Das war immerhin so hängen geblieben, in den Jahren als Redakteur. Und er hatte sich reich und unverwundbar gefühlt. Aber nun war die Zeit davon gerast, das Geld war weg – er war umhergereist – und er hatte nichts zuwege gebracht. Kaum etwas, jedenfalls, nicht annähernd das, was man einem Verlag als Manuskript anbieten könnte. Skizzen, Pläne, Gedanken, bestenfalls die grobe Richtschnur für einen Roman, mehr nicht. Und ein Jahr war jetzt vergangen! Wütend starrte er zu Boden.

Vor kurzem hatte er eine Geschichte gelesen. Eine kleine Geschichte von Kesten, der erzählte, wie er einmal Gerhart Hauptmann zum Bahnhof begleitet hatte. Hauptmann war da schon ein alter Mann und der Zug war überfüllt. Trotzdem hatte sich der alte Mann sofort auf seinen Sitz gezwängt, hatte Papiere und einen Stift aus der Tasche gekramt und sich an seine Arbeit gemacht. Als der Zug ausfuhr, war er schon ganz vertieft und hatte zum Abschied nicht einmal mehr aufgeblickt. Hauptmann hatte gearbeitet, zielstrebig. Gleichgültig, wie laut und beengt die Umgebung auch sein mochte. Wie es sich gehörte. So geht man mit der Zeit um!

Aber er selbst? Ein ganzes Jahr war verstrichen! Und jetzt saß er in seiner Küche und hatte Hunger. Hilflos sah er sich um, hing Gedanken nach, Fetzen von Gedanken, floh vor der traurigen Situation, erging sich in Betrachtungen: „Es geht schnell zu Ende“, dachte er zum Beispiel, „…wenn es einmal soweit ist, geht es schnell. Nicht langsam und schleichend – nein, mit Karacho. Ganz plötzlich fehlt’s an allem….und man kommt nicht mehr zur Ruhe.“ Die Miete war jetzt den zweiten Monat überfällig. Jeden Tag konnte der Vermieter vor der Tür stehen. Hin und her sprangen seine Gedanken, eilten von Sorge zu Sorge: „…und sie werden mir auch noch den Strom abdrehen! Den Strom, die Heizung – alles was man abdrehen kann, wenn nicht mehr gezahlt wird… und nicht einmal versichert bin ich noch, wenn ich jetzt stolpere und mir ein Bein breche? …Man darf ja gar nicht daran denken….“ Zum Verzweifeln war das alles, er fühlte sich müde und weidwund. Und er hatte Hunger.

Der Hunger kann ausgeschaltet werden, wenn man nachdenkt – aber irgendwann meldet er sich natürlich immer zurück.

Immerhin gab es viel zu bedenken. Jeder Tag war jetzt voller Gefahren, überall lauerten Miseren, Schwierigkeiten.

Es wurde Frühling. Die Sonne schien hell in die großen Fenster und tauchte alles in ein gleißendes, lebensfrohes Licht; die Bäume blühten, es wurde grün – aber in diesem Jahr konnte er sich kaum erfreuen, am ewigen Wunder; seine Geldsorgen übertünchten alles, er hatte keinen Blick dafür. Ruhelos war er auf- und abgegangen, aufgewühlt, hilflos. Endlich verließ er die Wohnung, entschlossen, und marschierte davon.

*

Gerüste, Kräne und Baustellen prägten damals die Stadt. Am Potsdamer Platz ragten längst schon stolz die Wolkenkratzer in den Himmel, das neue Kanzleramt war gebaut, der Reichstag renoviert, der Lehrter Bahnhof begann neue Dimensionen anzunehmen – alles erstrahlte in neuem Licht; aber im Kleinen wurde noch überall gebaut und erneuert. Ganze Straßenzüge waren damals eingerüstet, im Ostteil der Stadt, Handwerker waren am Werk, emsig, an diesem hellen Maitag atmete die Stadt anpackenden Elan, Aufschwung und Neubeginn, Hoffnung und Zuversicht – er aber marschierte durch diese Stadt, taumelnd fast, und spürte, wie er immer tiefer sank, wie er seine Kraft, seine Zuversicht immer mehr verlor. Niedergeschlagen marschierte er Unter den Linden entlang, über die Engels-Brücke, sah die weißen Ausflugsdampfer auf der Spree, voller Menschen an Deck, die gespannt, in Ausflugsstimmung umhersahen, fotografierten, fröhlich waren.

Vom Zeughaus marschierte er bis runter zum Brandenburger Tor. Er kam an einem Bratwurst-Stand vorbei und der Grillgeruch der Würste stieg ihm in die Nase. Er schritt schneller voran, verbissen, und endlich fand er, wonach er suchte: Ein Mann spielte Saxophon, direkt am Pariser Platz. Der Mann trug einen grauen Mantel, und sein Instrument war arg lädiert, an vielen Stellen war der Lack ab vom Saxophon. Vor sich hatte der Mann den Instrumentenkasten gelegt, aber nur wenige kleine Münzen verloren sich darin. Variationen waren es, immer wieder die gleichen Töne, Tonleitern rauf und runter, ohne Anfang und Ende, es klang gefällig, insgesamt jedoch blieb es viel zu beliebig, um wirklich die Menschen zum Aufhorchen und Bleiben zu bekommen.

Er stand vor dem Mann, hörte eine Weile zu, ging ein Stück weit weg, sah aus der Entfernung zu… die Touristen fotografierten und staunten, vor der Quadriga und dem Brandenburger Tor, und beachteten den Saxophonspieler dabei kaum.

Er hatte sich zurecht gelegt, dass auch er vielleicht Saxophon spielen könnte, auf der Straße. Er spielte ganz leidlich; allerdings hatte er seit einer Ewigkeit keine Praxis mehr darin. Aber dennoch – einen Versuch war es jetzt wert.

Zuvor jedoch wollte er sich die Sache ansehen, bevor er selbst loslegte. Und was er sah, machte ihm kaum Mut. Hier, auf dem Pariser Platz, war es ganz unmöglich. Hier wurde man zu wenig beachtet. Was ist schon ein abgerissener Saxophonspieler gegen das Brandenburger Tor? Er beschloss, wenn überhaupt, weiter oben zu spielen, an der Ecke zur Friedrichstraße.

Und wenn ihn jemand erkannte? Nicht auszudenken! „Ich müsste einen Hut aufsetzen“, hatte er überlegt, „und eine Sonnenbrille.“

Nach einiger Zeit wusste er zumindest, wie man es am besten anstellte. Den größten Erfolg hatten die Musikanten, die ein tragbares CD- oder Kassettengerät bei sich hatten, die gängige Musik durch ihre Anlagen spielten und dazu improvisierten. Man hatte einen doppelten Effekt dadurch – und die Blicke der Passanten richteten sich viel schneller auf einen.

Aber woher sollte er so ein Gerät nehmen? Kaufen kam zur Zeit ja nicht in Frage. Er verwarf die Idee mit dem Saxophon. Müde ging er wieder nach Hause.

*

„Hunger, man soll es nicht glauben. Romantisch war das ja geradezu, trivial. Albern! Hamsun hatte Hunger, aber das war vor mehr als 100 Jahren… und in Norwegen.“ Er ging durch die Wohnung, ruhelos, hatte den Punkt erreicht, an dem das Elend übermächtig wird. An dem es vorbei war, mit der Ruhe. Selbst auf die Arbeit konnte er sich nicht mehr konzentrieren. Den vierten Tag hatte er nicht gegessen, den zweiten Tag nicht mehr geschrieben, keine einzige Zeile. Es war plötzlich gar nicht mehr daran zu denken. Die Gedanken kreisten nur noch um eine Frage: Was tun?

Und um den Hunger. Um den Durst nicht, Wasser gab es ja.

Aber er hätte sich gern mal wieder richtig besoffen. Um alles für einen Abend zu vergessen. Und er hätte gern geraucht. Gesoffen und geraucht, wie früher, in den guten Tagen. Damals hatte er für eine Havanna-Zigarre so viel Geld ausgegeben, wie heute für eine ganze Woche Proviant. Wütend könnte man werden, rasend vor Wut, alles war so furchtbar falsch gelaufen, man war einem schönen Traum hinterher gerannt. Schriftsteller – Größenwahn! Ein paar Nummern zu groß. Und jetzt waren sie da, der Hunger und das Elend.

Er ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen, sein Blick fiel auf die Armbanduhr. Natürlich – die Uhr! Es schoss ihm durch den Kopf. Der Geistesblitz, das war’s! Schnell stand er auf, ging durch die Wohnung, kramte in Schubladen – und kehrte schließlich zurück in die Küche, legte seine Schätze auf den Tisch. Die Uhr – von Gucci –  der goldene Füllfederhalter – die goldenen Manschettenknöpfe. Was könnte er dafür bekommen? Er starrte auf die Sachen, überlegte, stand mit einem Ruck auf, steckte alles in die Tasche und verließ wiederum die Wohnung. Zum zweiten Mal an diesem Tage. Ihm war flau im Magen. Alles war unwirklich.

*

Er hatte kein Geld mehr für die Bahnfahrt – trotzdem fuhr er bis ans andere Ende der Stadt.  Schwarz. Niemand sollte ihn sehen, treffen, zufällig. Mulmig war ihm auf der Fahrt, aber schließlich ging es gut.

Am Theodor-Heuss-Platz stieg er erst wieder aus. Zweimal umkreiste er dann das Leihhaus, direkt am belebten Platz lag der Eingang und es flanierten immer viele Menschen daran vorbei. Schließlich nahm er jedoch seinen Mut zusammen, steuerte auf den Eingang zu, öffnete die Tür und verschwand schnell.

Das Leihhaus lag im ersten Stock. Er stieg die Stufen hinauf. Im Geiste sah er verzweifelte Menschen vor sich, gleich, in wenigen Sekunden. Vor ihm in einer langen Schlange. Verzweifelte Menschen, die Ihr Gold, ihren Schmuck, ihre Habseligkeiten verpfänden müssen – und am Schalter sitzt ein alter böser und geiziger Mann, mit einer Lupe am Auge, mit Habichtsblick – und beäugt das Gold, den Schmuck – oft in den schönsten Stunden des Lebens bekommen, bei Hochzeiten, Verlobungen, behaftet mit den wunderbarsten Erinnerungen – beäugt es unerbittlich und krächzt dann einen Preis heraus, der nicht annähernd mit den Vorstellungen der Verzweifelten übereinstimmt. Eine Szene wie bei Balzac, bei Zola, bei Dickens. Dantes Inferno. Fegefeuer. So etwas schwante ihm, als er – zum ersten Male in seinem Leben – eintrat, ins Leihhaus.

Aber es war mäuschenstill und leer. Nur ein kurzer Flur führte in den Schalterraum, mit leisen Schritten betrat er ihn, über einen Teppich, der  jedes Geräusch verschluckte. Durch dickes Glas sah er auf zwei Plätze, zwei Schalterplätze, wie in einer Bank. Beide Plätze waren leer. Außer ihm war niemand im Raum. Verwundert sah er sich um. An den Wänden waren Vitrinen ausgestellt, mit Uhren, Füllfederhaltern, Schmuck. Er blickte auf die Vitrinen, nahm sich inständig vor, dass seine Schätze dort nicht landen werden, dass er sie rechtzeitig wieder auslösen werde. Unsicher sah er sich weiter um. Was nun? Schließlich erblickte er eine Klingel an der Glaswand. Er klingelte also, aber die Klingel blieb lautlos. Trotzdem schlurfte jetzt, aus einer hinteren unsichtbaren Ecke des Raumes, jemand zum Schalter. Ein Mann kam hervor, mittelalt, sehr freundlich. Dick, mit rosigem Gesicht. Betont jovial. Sofort bemüht, seiner Kundschaft die Scham zu nehmen, vor seinem Schalter, durch besonders zuvorkommende Freundlichkeit, in seinem Blick lag – unausgesprochen, aber  chronisch: ‘Wir sind doch alle Mal irgendwann in Schwierigkeiten. Dafür muss man sich doch nicht schämen.’

Der Mann besah sich die Dinge schließlich, nacheinander, prüfend – und fragte dann: „Na, und nun mal rundheraus…was brauchen Sie denn so?“

Er starrte den Mann an. Die Frage überraschte ihn, was sollte er sagen? Was er brauchte? 10 000 Euro, um alle Schulden zu zahlen und noch ein Jahr zu schreiben. Das brauchte er. Benötigte er. Auch im Leihhaus sollte man sprachlich korrekt bleiben. Aber was seine Sachen hier wert waren – davon hatte er nun keine Ahnung. Deshalb entschloss er sich zur Offensive: „Was könnten Sie denn geben?“

Der Mann fingerte wieder herum, nahm alles noch einmal in die Hand. Zu den Manschettenknöpfen sagte er Manschknös. Und für den Füllfederhalter, für die Uhr und die Manschknös könnte er insgesamt also 1200 geben. Ob das in Ordnung wäre?

1200! Das war viel mehr, als er erwartet hatte! 1200! Das war großartig! Auszulösen in drei Monaten, sogar verlängern war möglich. Ein Hauch von Morgenröte tauchte plötzlich auf, wenigstens konnte er wieder essen, trinken, rauchen, für einige Wochen. Und ein bisschen Miete zahlen. Wie ein normaler Mensch. Zum Friseur gehen, zum Schuster. Klopapier kaufen. Vorräte. Und wieder ein paar Wochen schreiben. … Ein Geschenk war das! Und dies nur für einen Füllfederhalter! Wozu war der schon gut? Ein Bleistift tat’s ja schließlich auch. Und Uhren gab’s an jeder Ecke, wer brauchte heute noch eine Uhr? Und Manschknös erst! Etwas Überflüssigeres als Manschknös gab’s ja gar nicht. Nichts davon tat wirklich weh.

Und für die Zukunft muss man es dann eben sportlich nehmen. Es eben schaffen, die Dinge hier rechtzeitig wieder auszulösen. Immer schön fleißig sein! Weiter schreiben! Nicht aufgeben. Dann wird es schon alles…jetzt ist erst mal ein paar Wochen Ruhe.

Dies alles schoss ihm durch den Kopf, in einer Sekunde, und der Mann hinter dem Schalter wartete immer noch auf eine Antwort.

Er sagte deshalb, lapidar, unbeteiligt: „1200? Ok! Aber kleinere Scheine, wenn’s geht.“

Und er nahm die 1200, gelassen, in kleinen Scheinen, verließ lautlos das menschenleere Leihhaus und trat wieder auf die Straße.

Die Sonne schien, alles wurde grün – und er fühlte sich plötzlich wie ein König.

Marc Hecht

ist "Journalist und Autor" und hat "bereits in anderen Online-Foren und Literaturzeitschriften veröffentlicht"

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