Im Wald der wilden Schweine

bucht-bergIm Vordergrund die Salamibucht, im Hintergrund der Schwafelberg mit seinem Wald der wilden Schweine auf dem Buckel. Im Wald lungern Halbgierige herum, Kettensägenphilosophen in zu großen Uniformen, keine Elitetruppen, soviel ist sicher, bestenfalls Mittelmaß, wenn es ihnen denn einmal oder ein ums andere Mal hochkommt. Ihr seid ja auch noch alle da, sagt einer der Mittelmäßigen zu den Grabsteinen – vielmehr ein Spucken als Sprechen – er spuckt auf Grabsteine wie auf gute alte Freunde, Steine, die nur er sieht und sonst niemand. Wahrlich eine nicht alltägliche Fantasieleistung im Zeitalter der Maschinenmenschen, die den Neid der anderen Kettensägenphilosophen wie ein Gewitter heraufbeschwört, das sich vorerst hinter anerkennendem Kopfnicken und offenem Applaus verbirgt. Der so Bedachte lässt sich nicht beirren: Dick bist du geworden, spricht der Spuckende zu seinem Lieblingsbaum. Man kennt sich, man grüßt sich, man tauscht Höflichkeiten aus. Plötzlich erwacht ein Telefon aus dem Dornröschenschlaf. Es zwingt seinen Herrn, es sich ans Ohr zu schmiegen, ihm gut zuzureden, obwohl er von der Stimme im Telefon gezwungen wird, sich endlich, in absehbarer Zeit selbstständig zu machen: als Straßenkehrer, als Henker, als sonst was. Die Tage als Kettensägenphilosoph seien jedenfalls gezählt.

bucht-berg2Von der nahen Autobahn wälzt sich der Verkehrslärm wie eine Kriegsfront heran, Verkehrslärm wie Trommelfeuer verschluckt den Wald der wilden Schweine, er frisst das Zirpen der Insekten, den Gesang der Vögel, die Gespräche der Philosophen, er verschlingt ihre Gesten, ihre Bewegungen und zuletzt sie selbst. Alles Leben geht im Lärm zugrunde. Zurück bleibt ein einziges, gewaltiges Zittern, das wie ein Affe von Baum zu Baum springt und wie verrückt, wie von Sinnen an den Ästen rüttelt und schüttelt. Der Schwafelberg bebt und mit ihm die Salamibucht, deren Wellen zu Wänden emporwachsen, wandernde Wände, die alles unter sich begraben, was ihnen in die Quere kommt. Und selbst die Sonne scheint zu zittern, selbst sie: ein gleißendgelber Wackelpudding an einem ödemblauen Himmel, der wie eine Fensterscheibe in Scherben fällt.



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Rüdiger Saß:
Das nervöse Zeitalter: oder Literatur zum Kilopreis
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Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008.
Siehe auch www.myspace.com/leereimer – Noch zu haben: Nachtstühle – Erzählungen und Prosa

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