Kastanien

Jedes Mal, wenn das Jahr langsam alt, grau und bitter wurde, legte mir der Herbst eine ungeöffnete Kastanie auf das Fensterbrett und ich legte sie in das Regal neben die unzähligen Bilderrahmen mit den grauen und vergilbten Fotos. Jedes Mal, wenn das Jahr auf dem Totenbett lag, nahm ich die Kastanie an mich und trug sie die letzten Tage in den Hosentaschen umher und legte sie zuletzt auf das Grab des verschiedenen Jahres. Jedes Mal, nur nicht dieses. Das Jahr war bereits bitter und alt und grau, aber ich fand keine Kastanie auf dem Fensterbrett, die ich zu den Bilderrahmen hätte legen können. In der ganzen Stadt war keine zu finden, obwohl ich die Anwesenheit des Herbstes längst spürte. Als ich die Suche aufgegeben hatte und den Schal, den ich zum ersten Mal in diesem Jahr trug, in die Ecke und mich auf das Bett warf, spürte ich etwas Hartes unter mir. Als ich die Decke vom Bett riss, verstand ich den Grund dafür und auch, warum es dieses Jahr keine Kastanien gab. Der Herbst hatte alle Kastanien der Stadt eingesammelt und in mein Bett gelegt und dort, wo das Kissen lag, stellte ich die staubigen Bilderrahmen hin.

Patrick Steiner

(geb. '89) lebt in Dresden. Mit seinen prosaischen Kurztexten versucht er, das Ungewöhnliche fühlbar zu machen und dem Leser das Leise zu zeigen. Veröffentlichungen in TRIEB, Dresdner Literaturmagazin; Im Web: zivilisationslaerm.tumblr.com + twitter.com/_menschlein

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