Kommissar Bredenbeck erhebt sich

Kommissar Bredenbeck und sein Assistent Günzel starrten gebannt auf den Obduktionstisch. Stiglmair, der Pathologe, beugte sich über den Leichnam, griff ein Skalpell, durchtrennte akribisch Muskeln und Sehnen, öffnete den Brustkorb mit einer Knochensäge und schälte schließlich mehrere Gewebeschichten ab. Dann nahm er eine Pinzette und zog vorsichtig ein großes Stück Haut ab, das er stirnrunzelnd gegen das grelle Licht einer Leuchtstoffröhre hielt.

“Am gesamten Körper auffällige Verbrennungen zweiten und dritten Grades!”, nörgelte er ins Diktiergerät. “Alle lebenswichtigen Organe wurden entnommen. Außerdem sind die Extremitäten am ersten Gelenk und der Kopf inklusive Halswirbelsäule entfernt worden, wahrscheinlich, um eine Identifikation zu erschweren. Sieht mir trotzdem nicht nach einem Ritualmord aus. Soviel jedenfalls kann ich jetzt schon sagen: Die Leiche ist männlich, jung, zeigt Anzeichen von Mangelernährung und ist nicht an den Folgen der Verbrennungen gestorben.”

Dann steckte er sich den Hautfetzen in den Mund und begann, genüßlich darauf herumzukauen. Günzel presste sich entsetzt ein Taschentuch vor Mund und Nase und betrachtete das Schauspiel mit weit aufgerissenen Augen.

“Zart besaitet, was?”, feixte Bredenbeck.

“Nein!”, kreischte Günzel. „Ich bin auf Diät!“

Stiglmair blickte gequält zu den Beiden herüber. “Ich habe Mittagspause. Warum schwirren sie nicht einfach ab und lassen mich in Ruhe mein Brathähnchen essen?“

Die beiden Polizisten entfernten sich abschwirrend, nicht ohne dem Pathologen zum Abschied einen geringschätzigen Blick zuzuwerfen, dem dieser durch eine Verlagerung seines Oberkörpers geschickt auswich. Wieder auf dem Präsidium angekommen, fand Günzel im Saum seiner speckigen Jacke endlich die Stimme wieder.

“Meine Nerven halten das nicht mehr durch!”, keuchte er nach kurzer Rücksprache mit seinen Nerven und wischte sich die Stirn ab. Bredenbeck holte wortlos eine Neue aus der Innentasche und reichte sie seinem zitternden Assistenten. Dann lehnte er sich lässig in seinen Drehstuhl zurück, bis sein Hinterkopf den Boden berührte.

“Braucht mein zitternder Assistent vielleicht Urlaub?”, fragte der Kommissar mit einem süffisanten Blick unverdünnter Mischungen seines reichhaltigen Repertoires gespielter Anteilnahmen und zur Decke. Günzel fummelte seine neue Stirn aus der Folie und klebte sie geistesabwesend auf seine linke Wange.

“Urlaub? Gerade jetzt, wo der Polatschek-Fall in die heiße Phase kommt?”

Seine linke Wange zog sich in Falten, während sein Blick polternd auf einen dampfenden Aktenordner fiel. Bredenbeck ließ sich von der Lehne seines Stuhles wieder nach vorne beugen.

“Der Polatschek-Fall? Tja, ich denke ohnehin, daß ich den wohl oder unwohl während Ihrer geistigen Abwesenheit lösen muss”, seufzte er überzeugend falsch.

“Aber dafür muß ich doch nicht in Urlaub fahren!”, wehrte sich Günzel.

“Stimmt”, parierte der Kommissar und versteckte hastig ein breites Grinsen hinter seinem Rücken. “Dafür müssten sie nicht einmal den Raum verlassen. Aber ein mehrjähriger Urlaub in der Wüste kann manchmal Wunder bewirken. Danach …”

“… bin ich wieder ganz der Alte?”, fing Günzel den Halbsatz seines Chefs mit einer schnellen Handbewegung auf. Mit der anderen Hand kramte er ein Stück Kreide aus der Schublade hervor.

“Günzel, Günzel! Wir wollen doch nicht gleich den Teufel an die Wand malen, oder?”, tadelte er seinen Assistenten. “Nein, die Sache ist beschlossen: Sie spannen mal richtig aus und ich kümmere mich derweil um alles!”

Günzels Wange hatte sich mit ihrer neuen Rolle angefreundet und kräuselte sich: “Und Sie kommen hier wirklich ohne mich zurecht?”

Kommissar Bredenbeck wog seinen Kopf hin und her ab: “Ich fürchte, bis zum Vorruhestand. Vielleicht sogar länger.”

“Ich sollte ihnen vor der Abreise aber noch meine Unterlagen zum Polatschek-Fall übergeben.”

Günzels Blick hellte sich auf, während sich das Gesicht des Kommissars verdunkelte, was die Beleuchtungsstärke im Büro nahezu konstant hielt.

“Sicher”, log er ungelogen, “Packen Sie alles in den Eimer unter meinem Schreibtisch. Gleich Morgen Früh wird sich eine extra dafür ein- und ausgebildete Fachkraft darum kümmern.”

Eine kaum wahrnehmbare Veränderung ging in Günzel vor, unter denen Teile seines Aktenschrankes überwiegend wahrnehmbar zu Bruch gingen. Bredenbeck hielt die Luft an und tauchte, um nicht von fliegenden Einrichtungsgegenständen getroffen zu werden, unter seinen Schreibtisch und fragte sich, wie lange er Günzels ärgerlichen Gesichtausdruck wohl noch ignorieren konnte. Er erinnerte sich an sein Deeskalations-Training und beschloß, seinen Assistenten von beiden Beinen zu schießen.

“Warum, Bredenbeck?”, wimmerte der sterbende Günzel und drückte dem Kommissar mit letzter Kraft ein paar Fragezeichen in die Hand.

Bredenbeck beugte sich über seinen wohin-auch-immer scheidenden Assistenten.

“Sagen wir einfach”, sagte er einfach, “ihre Diät stand uns im Wege.”

Günzels Augen brachen so geräuschvoll, daß Bredenbeck fast sein Telefon überhört hätte. Der Kommissar erhob sich selbst und nahm die Gabel vom Hörer.

“Aha. In welchem Zustand ist die Ware?”
“….”
“Gut. Currypulver?”
“……..”
“Verstehe. Erfrischungstücher?”
“…………….”
“Perfekt. Ich bin fast auf dem Weg zu Ihnen! Ich hole nur noch kurz die Pommes aus der Aservatenkammer. Und Stiglmair: Fangen Sie nicht ohne mich an!”

Peter Hostermann

1961 Ausgeburt und lebhaft in Hannover | 1980 Gründung von AmA (Art meet Art). Zeichnungen und Collagen | 1985 erste literarische Gehversuche | 1990 mehrere kurze SciFi-Stories ernsterer Coleur | 1993 erste satirische Stories | 2000 Erstkontakt ZYN!, bis zum bitteren Ende über 200 Texte und ein paar Cartoons | seit 2001 diverse Kapriolen bei Kaschemme.de

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