Kommissar Bredenbeck steigt aus

Günzel scheuchte das Einsatzfahrzeug mit 90 verschiedenen Sachen die Strasse hinauf. Kommissar Bredenbeck durchsaß derweil den Beifahrersitz und stellte bei der Beobachtung seines Fahrgeräusche imitierenden Assistenten felsenfest, dass Intelligent Design keinesfalls für die Entstehnung der Arten verantwortlich sein konnte.

“Er entkommt uns!”, schrie Günzel die Frontscheibe an, die an manchen Stellen durchblinken ließ, dass sie Fahrer mit feuchter Aussprache hasste.

“Ist Ihnen je der Gedanke gekommen, dass in Ihrem Leben etwas falsch läuft?”, fragte der Kommissar nebenbeiläufig und kurbelte seinen Sitz in Liegeposition, um noch lässiger zu wirken.

“Was?”, günzelte sein Sozius mit hochrotem Kopf zurück und schielte entlang einer gestrichelten Linie auf den Karton mit den Spitzfindigkeiten, den Bredenbeck im Schoß hielt.

“Oder anders gefragt:”, fragte er anders, “Sind Sie Veränderungen gegenüber aufgeschlossen?”

“Welchen Veränderungen gegenüber?”, echote sein Assistent überzeugend ahnungslos und sah nach gegenüber.

“Zum Beispiel: Dass das von uns verfolgte Fluchtauto immer kleiner wird!”

Günzel durchwühlte vergeblich das Handschuhfach, um eine plausible Erklärung zu finden. Er formulierte in Gedanken ein vorsichtiges Weil es sich immer weiter entfernt?, wußte aber, dass er damit nicht durchkommen würde. Nicht bei Bredenbeck, dem mit allen Fahrwassern gewaschenen Kriminaler.

“Weil es schneller ist als wir?”, überraschte er sich höchstselbst.

“Und was können wir dagegen tun?”, fragte der Kommissar so gedehnt, dass seine Sehnen knackten.

Günzel fühlte, dass er sich vollens in die Enge getrieben fühlte und das lag maßgeblich daran, dass sein Chef unbemerkt an seiner Sitzverstellung gespielt hatte, die ihn bedrohlich zwischen Rückenlehne und Lenkrad einquetschte.

“Ich weiß nicht!”, erwiderte Günzel frisch gepresst. “Haben sie vielleicht leihweise eine gute Antwort für mich?”

“Wie wär’s mit: In den dritten Gang schalten?”, grinste Bredenbeck eigenhändig. Dann nahm er sich einen Korb und begann die Früchte seiner raffinierten Verhörmethoden zu ernten. Seinem Assistenten entfiel alle Farbe aus dem Gesicht, die sich platschend in den Fußraum ergoss.

“In den dritten Gang schalten!”, wiedergab der kleinlaute Günzel mehr klein als laut.

Seine jahrzehntelange Fahrschulzeit lief in Zeitraffer vor seinem einzigen geistigen Auge ab: Die Eröffnung der Fahrschule, die Pensionierung ihres Gründers, die vom Verkehrsminister persönlich mit sorgenvollem Gesicht verlesene Straßenverkehrsordnung. Günzel stoppte den Film, trat beherzt nach dem Kupplungspedal und betätigte den Schaltknüppel. Verschiedene, bis an die Zähne bewaffnete Zahnräder gerieten aneinander. Einige, von umsichtigen Autoherstellern ursprünglich für den Rückwärtsgang vorgesehene Teile bekamen überraschend den Einsatzbefehl und stürzten sich verwundert, aber pflichtbewusst ins Getümmel. Ein Rucken ging durch den schweren Wagen, als eine Reihe von Getriebeteilen durch die Motorhaube entkam und nach kurzer Suche das Weite fanden. Ein Schuss durchfiel die folgende Stille. Das Einsatzfahrzeug rollte langsam aus und kam am Bordstein zum Erliegen. Minutenlang ergriff niemand ein Wort, obwohl eine ganze Reihe davon zur freien Verwendung bereitgelegen hatten. Schließlich war es der Kommissar, der sich zum Sprechen anhob.

“Sie wussten, dass sie eines Tages während eines Einsatzes sterben würden, nicht wahr?”, fragte Bredenbeck nicht wirklich interessiert aber trotzdem, nachdem er gelangweilt in seinem Fragenkatalog geblättert hatte. Günzel fühlte sich überhaupt nicht wohl in seiner Haut – zum Einen, weil er selbst darin steckte und zum Anderen, weil sich neben ihm noch eine Kugel darin befand.

“Ja!”, ächzte Günzel final. “Aber dass mir das ausgerechnet in einem Fahrsimulator passsieren muss!”

Der kinderlose Kommissar nickte väterlich und verließ das Gefährt. Seine Waffe dachte noch lange nicht daran, mit dem Rauchen aufzuhören.

Peter Hostermann

1961 Ausgeburt und lebhaft in Hannover | 1980 Gründung von AmA (Art meet Art). Zeichnungen und Collagen | 1985 erste literarische Gehversuche | 1990 mehrere kurze SciFi-Stories ernsterer Coleur | 1993 erste satirische Stories | 2000 Erstkontakt ZYN!, bis zum bitteren Ende über 200 Texte und ein paar Cartoons | seit 2001 diverse Kapriolen bei Kaschemme.de

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2 Antworten

  1. Paeth Claudius-Raphael sagt:

    Pfunderpfoll!

    Mir muss jeschtehn:

    Das ist mal eine BILDHAFTe Sprache, die Sie dort fairwenden Herr Herberger. Liegt das an Hannoi? Ich bin zu meinem Leidwesen seit Jahren in dieser Schtatt gefangen und verkrüppele mental zusehend ( ich kann mir selbst dabei zusehen – ach was wär das MenschSein gäb’s keine schuldzuweisungen … );

    Jedenfalls,
    herzlichen Dank für den Erguss. Eine Bereicherung für jeden, möchte ich meinen.

    Kann man denn ihre Ferkel irgendwo gebräuchlich erwerben?

    Mit froindlixem grusz;

    claudiusraphael

  2. Dem Erstkommentator gebührt das Erstferkel!

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