Krater in der Matraze

Sieben Uhr dreissig
Ich liege tiefe Krater in die Matratze
„Mein Motor stottert“, sag ich
„Wen wundert‘s, Du bist ja antriebslos“, sagt Rex, mein Freund
Ihm ist das R abhanden gekommen
Als hätte er seinen neuen Beziehungsstatus vorweggeahnt
Ich teile ihm die Neuigkeiten mit
Er lächelt sein dünnes Lächeln
So dünn, dass nur ich es sehen kann
Es ist schwer an einem Mittwochmorgen aufzustehen
Da unterscheidet er sich kaum vom Montag
Ex ist aber clever, er hat verstanden
Schüttet den Kaffee in den Ausguss und trollt sich

Sieben Uhr vierzig
Sitzfleisch auf dem Küchenstuhl
Kurz vorm Bersten
Der Stuhl und ich haben viel gemeinsam
Stellt sich die Frage wer zuerst bricht
Draussen Nebel
Vielleicht sind’s auch die verdreckten Scheiben
Um diese frühe Stunde ist differenzieren schwierig
Fröhliche Musik auf SWR1
Verdammtes Gutelaune-Programm
Vermasseln einem die schöne Tristesse
Dabei hat der Tag so gut angefangen

Sieben Uhr fünfzig
Der Toaster spuckt Briketts
Frau P. klaut meine Zeitung
Die eigentlich Herrn M. gehört
Lisa wässert ihre Hanfplantage
Die Ernte war schlecht im letzten Jahr
Wir sassen auf dem Trockenen
Um ein Haar hätten wir Tomaten angebaut
Wir kriegten uns grade noch ein
Das Frühstücksei zerfliesst auf dem Tisch
Wie die Zeit
Es ist alles nicht mehr das Gelbe vom
Ich lese ein paar Fauser-Gedichte
Dazu sollte auch eine Waffe mitgeliefert werden
Das Rundum-Sorglos-Suizid-Paket
Eine völlig neue Einnahmequelle für Buchhändler

Acht
„So, auch endlich aufgestanden?“, sag ich zu meinem Kater
Der zeigt mir die Mittelkralle und geht kacken
Plopp plopp hör ich‘s aus dem Katzenklo
Wir beide haben eine Fettabsaugung nötig
Später frisst jeder sein Müsli
Seins hat vorher noch „Piep“ gemacht
Der Kater liest die NZZ
Blödes Intellektuellen-Vieh
Ich zünde mir eine Zigarette an
Die Asche fällt ins zerlaufene Ei
Sieht ein bisschen wie Konzeptkunst aus, denk ich
Und mach vorsichtshalber mal ein Foto
Der Kater schüttelt den Kopf
Whiskas hat 5 Prozentpunkte verloren
„Ich hätte verkaufen sollen“, faucht er
“Aber Du musstest ja ums Verrecken mit mir zum Tierarzt, Schlampe!“
Ja mein Freund
Wer keine Eier hat
Sollte die Pfoten vom Dax lassen!

Susann Klossek

1966 in Leipzig geboren, lebt in Zürich; grösste Leidenschaft: Scheitern und Lebensverplanung; Versuche im Saxophonspiel, experimentellen Theater, Malerei und in der Zeugung eines Thronfolgers (alle gescheitert); Kolumnistin; Undercover-Schreiberin; Autorin: „Nichts und wieder Nichts“, „Männer“, „Berührung im Dickicht“, „Besser dümpeln“, „Tropenfieber“. Hoffnung auf den Literatur-Nobelpreis noch nicht aufgegeben. Letztes Buch: desperate mousewife

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