Liebestriebe

Weg ist sie, denn ich habe ihren Geruch vergessen. Sie hieß Schund Sandsack, und ich hoffe, daß sie heute noch so heißt, zumindest mit Vornamen. Schund lernte mich, einen Pickelausdrücker, kennen, und sie nahm mich, wie ich war. Ohne sie hätte ich nie zu lieben gelernt. Dafür bin ich ihr jetzt noch – nach Jahrzehnten – dankbar. Danke Schund! Vielen Dank!

Sein kurzes Dasein kann der Mensch mit Arbeit vertun, mit Fernsehen und Geselligkeit, mit Rennwagengeschwindigkeit. Die Liebe aber setzt so viele Hormone frei, daß sie alles andere in den Schatten stellt. Raum und Zeit scheinen still zu stehen. Sie drehen sich nur noch um sich selbst, um die eigene Achse.

Schund Sandsack, wie habe ich dich geliebt! Dabei ging ich ganz vorsichtig vor. Ich tastete mich an dich heran, ehe ich mich gänzlich, mit Haut und Haaren, hingegeben habe. Solange sie meine Distanz spürte, mein Zögern, mühte und warb sie um mich wie das fünfzigste Haremsweib um seinen Pascha. Doch sobald sie sich im Besitz meines Herzens wußte, legte sie mich zu den Akten. Die Suppe muß heiß sein, wenn sie schmecken soll. In meinem Fall hieß das: Ich wurde kalt und ungenießbar.

Oh Schund, was hast du aus mir gemacht! Aus einem täppischen Bären wurde ein Liebesnarr, dann ein Verlorener. Sie schickte mich über den Leidensweg in die Wüste. Nichts als Schmerzen, von Kopf bis Fuß. Unfaßbar, tief und gewaltig der Verlust. Problem: Nichtloslassenkönnen. So muß es kommen, wenn man Menschen wie Dinge begehrt.

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008. Siehe auch www.myspace.com/leereimer - Noch zu haben: Nachtstühle - Erzählungen und Prosa

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