Milena kann keinen Kopfstand

Oh, Milena. Sie kehrt von Zeit zu Zeit zurück in meine Erinnerung, wie sie sich wieder einmal in ihrem SilberlöffelSilberlöffel betrachtet, einem Erbstück von ihrer Oma, um ihr Spiegelbild auf den Kopf gestellt zu wissen. Sie zelebrierte es immer, nachdem die anderen Mädchen und Jungen sie gehänselt hatten, weil Milena keinen Kopfstand konnte. Für einen Kopfstand braucht man keine Beine, lästerten sie. Milena konnte auch keinen Spielzeuggüterzug hinter sich herziehen, unsere Gasse entlang. Milena war von der Taille abwärts gelähmt. Einen Rollstuhl für sie konnten sich ihre Eltern nicht leisten. Ihr Vater hatte sich lauthals darüber empört, weil Milena ihn danach gefragt hatte, nur das eine Mal.

Milenas Spielzeugwaggons waren einfache räderlose Holzklötze, welche die Form von Briketts hatten. Sie standen vor ihr auf dem Tisch und waren nicht in so albernen Farben bemalt wie die der anderen Kinder. Ihr Zug hatte zehn Anhänger, alle in weiß, mit aufsteigenden Zahlen darauf, aber nicht einfach nummeriert von eins bis zehn wie die der anderen. Außerdem waren die Zahlen fein säuberlich gezeichnet und falsch herum, weswegen Milena ausgelacht wurde.

Mir schrieb sie die Zahlen richtig herum auf ein Blatt Papier und vollständig, denn ich war Milenas einziger Spielkamerad. Mit mir teilte sie das Geheimnis ihrer Reihe, deren regelmäßigen Aufstieg von Zahl zu Zahl und dass es Primzahlen waren; voran an der Lok stand die böse 13, die Milenas Schicksal widerspiegeln sollte. SilberlöffelEs folgten: 23; 43; 73; 113; 163; 223; 293; 373; 463; 563. Auf ihrer Holzeisenbahn hatte sie die Ziffern Drei am jeweiligem Zahlenende weggelassen, so dass einige Primzahlen sich in gewöhnliche verwandelten. Weil die Zahlen auf dem Kopf standen, waren es die umgedrehten Dreien am Anfang, die fehlten. Nur auf der Lok hatte Milena die Eins richtigherum aufgemalt, also die heimliche 13.

Ich schlug vor, es den anderen Kindern zu erzählen, sie darüber aufzuklären, damit sie nicht über Milena spotteten. Sie lehnte es ab. Ich glaube, Milena genoss es sogar, ausgegrenzt zu werden. Sie hatte keine Chance, jemals von ihrer Lähmung geheilt zu werden, um mit den anderen gleichzuziehen. Sie blieb auch für mich etwas Besonderes, so wie das „antipodische Zahlenvermächtnis“ und die „Kopfstände“ in dem Silberlöffel von ihrer Oma. Dass sie gelähmt war, kommt kaum vor in meiner Rückschau.

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