Moosjesus

Schweinhart Schmorwurst ist einer von denen, die unter die Brücken kriechen, um sich dort vor Regen, Lärm und Leuten zu verbergen. Doch in dieser Nacht dringt der Winter durch Schlafsack, Lumpen und von Witterung und Jahren zermürbte Knochen. Im Morgengrauen schwankt der Bettler zu einem Kirchenskelett. „Der Wärme wegen“, schwatzt Schweinhart, obwohl die Wände des Gerippes Kältespeicher sind. Schweinhart Schmorwurst fürchtet die Stürme, die man Leben nennt.

Ausgerechnet hier stört der Herr von Nazareth, mittschiffs an ein Schwebekreuz genagelt, flankiert von zwei Hunden mit Maulkorb und Überwürfen.

„Bist du es, mein Tod?“ Unser Held reibt sich die Augen.
„Nein“, antwortet der Herr. „Ich bin das Leben und die Liebe.“

„Du bist alt geworden, Heiland…grüngrau.“
„Zwei Jahrtausende warten bereits auf euch. Ihr aber, Ihr öffnet eure Augen immer noch nicht. Also höre!“ hebt Herr Jesus Kopf und Stimme.

„Vergiß es! Ich bin raus aus dem Geschäft. Egal, was du verlangst, es wäre zuviel. Willst du mich zurück in die Anstalt bringen?“ Schon schwingt frisches Blut in Schweinhart Schmorwursts sonst so müden Beinen, und sie tragen ihn hinaus in die Stürme, die man Leben nennt.

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008. Siehe auch www.myspace.com/leereimer - Noch zu haben: Nachtstühle - Erzählungen und Prosa

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