Nacht über Opa

Statt Mittelmeer oder Übersee wird Opas Urlaubsziel Friedhof heißen. Ihm soll es recht sein, denn dort hat er wenigstens Ruhe, von weinenden Engeln einmal abgesehen. Ich weiß, daß er nichts weiß. Die Werkzeuge seines Verstandes stammen aus der Steinzeit. Die Reihe der Zahlen endet für ihn bei 2153, seinem voraussichtlichen Todesjahr. Das war schon immer so, seit seiner Kindheit. Die Ziffer 2154 hält er für unvorstellbar, sie liegt außerhalb seiner Reichweite, ganz zu schweigen von 2155 oder darüber hinaus.

Das Geheimnis des Lebens, jedenfalls soweit es Opa angeht, ist gelüftet: Es gibt keins. Seit langem lebt er in den Herbst hinein, ein Tag wie jeder andere: sie sind grau und kalt und regnerisch und werden immer kürzer.

opaSein Leben ist schnell erzählt, es war schneller als der Schall. Am Anfang waren der Schrei und die Dummheit, ein Flügelzwerg, der sich nicht lange bitten ließ; er fiel aus allen Wolken, aus heiserem Himmel und verbiß sich in Opas Hirnwurst. Die Menschheit machte um ihn, um den gelernten Kartoffelquetscher, um den Bierakademiker und Hilfsweichenwärter große Bögen, die Menschheit wich ihm und seinen Grobheiten, seinen Frechheiten und seinem Gestank so oft und weit wie möglich aus. Opa sollte es recht sein. Denn es ist Nacht über Opa, seit langem lebt er in den Herbst hinein, ein Tag wie jeder andere: grau und kalt und regnerisch und immer kürzer. Der große Geist des Weines sei seiner Säuferseele gnädig!

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008. Siehe auch www.myspace.com/leereimer - Noch zu haben: Nachtstühle - Erzählungen und Prosa

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