Niemand hatte mir gesagt

Niemand hatte mir gesagt, dass es ein interaktives Kunstwerk war. Ich dachte, es wäre bloß ein Theaterstück, und hatte mir sogar eine Krawatte umgebunden, natürlich nur Nadja zuliebe.

Immerhin schenkte sie mir zwei bis dreimal im Jahr Krawatten (zu Weihnachten und an meinem Geburtstag, zu Ostern gab es Socken). Deswegen hielt ich es nach dem kleinen Streit für besser, eine Brücke zwischen uns zu bauen – und sei sie nur aus Stoff.

Wir gingen in das Theater, ein schmieriges Loft in einer noch schmierigeren Seitenstraße irgendwo in einem der Viertel von München, in denen man schnell merkt, dass man besser keine Krawatte angezogen hätte sondern einen schwarzen Rolli. Die zog ich aber nicht mehr an, seitdem Nadja mir gesagt hatte, ich hätte damit einen Bauch.

Im Loft war es kalt. Ein bisschen freute mich das schon, da Nadja auf einem hauchdünnen Kleid bestanden hatte, das ich nicht mal an einer Nutte tolerieren würde. Aber um des Friedens willen sparte ich mir sogar den Kommentar, ebenso wie sie sichtlich das Zittern unterdrückte und sich lediglich schweigend an ihrem Cape festkrallte.

Das Ambiente entsprach dem einer alten Badewanne, nur dass deren Böden normalerweise sauber sind. Zwei große Lautsprecher waren das wichtigste Interieur, sie markierten in etwa in Linie zwischen der Kunst und uns Gaffern aus dem Publikum. Man musste stehen.

Hinter einem Campingtisch stand ein Mädchen mit etwa zehn Ohrringen, die Hälfte davon sehr groß, und statt im Ohr in der Nase steckend. Ich stellte mir sie beim oralen Sex vor, was aber nicht allzu viel Spaß machte. Der Kaffee, den sie aus Thermoskannen in Plastikbecher goss, war so grauenhaft, dass ich Nadja eine Tasse davon mitbringen wollte.

„Zwei Kaffee bitte.“

Das Mädchen schenkte zwei Becher ein, zeigte vier Finger, ich legte fünf Mark hin.

Nadja umklammerte den Kaffee, ich sah mit Genugtuung, wie sie sich Wärme erhoffte. Wir sahen uns um. Schick waren die hier schon. Ich überlegte, ob ich den Raum verlassen und meine Krawatte dezent verschwinden lassen sollte. Nadja blickte ausdruckslos drein, um ihr Gesicht zu entspannen und jünger zu wirken.

„Könnte schon langsam losgehen, oder?“

Sie hob nur die Augenbrauen um einen halben Millimeter, genug, um mir mitzuteilen, das mein Kommentar nicht angebracht war, da ich ja im Gegensatz zu vielen anderen hier nicht zu einem Grüppchen gehörte, dass sich in intellektuellen Gesprächen ergehen konnte. Ich bereute ein zweites Mal, die Krawatte angezogen zu haben.

Dabei hatte sie mich hergeschleppt.

„Wir gehen doch sonst nie ins Theater.“

Was stimmte. Wir hatten ein Abo gehabt, aber sie hatte sich nie aufraffen können, wenn etwas lief. Manchmal konnte auch ich mich nicht aufraffen. Natürlich immer dann, wenn sie mal wollte. Strafe muss sein.

„Entschuldigen Sie, wann sollte das Stück losgehen?“

Das Mädchen mit den Ringen sah mich gelangweilt an und legte den Finger auf den Mund.

Ich nahm noch einen Kaffee. Sie zeigte zwei Finger, sagte wieder keinen Ton. Ich legte zwei Markstücke hin. Intellektuelle Piepsmäuse mit schwarzem Lippenstift fand ich schon nervig, als ich noch in ihrem Alter war.

Als ich mich umdrehte, rempelte mich ein Mann an. Ich verschüttete meinen Kaffee, er sah mich finster an.

„Arschloch!“

Sollte etwa ich mich entschuldigen? Kam gar nicht in Frage.

„Was war das?“

Es klang nicht so tief, wie ich gehofft hatte. Er zog an meiner Krawatte.

„Wixer! Du bist ein Wixer!“

Meine Reaktion war, ihm eine reinzuhauen. Das tat gut, mir hatte in letzter Zeit etwas Bewegung gefehlt.

Nachdem er mich verprügelt hatte, ging ich nach Hause, allein. Zwei Tage später las ich in der Süddeutschen eine Rezension über das Stück. Der Schreiberling war ganz begeistert von dem interaktiven Kunstwerk, von seiner Lebendigkeit, der unmerklich zwischen Realität, ‚Artifizialität‘ und Farce changierenden Wirklichkeitsnähe. Ich hatte darin eine der Hauptrollen gespielt, so gut, dass der Idiot mich als weiteren Beleg für die These anführte, Kunst komme von Künstlichkeit.

Antonjan Fellhagen

(exküntzlername 'jon do') ist autor, maler und fotograf und lebt in bremen | am liebsten schreibt er gebrauchstexte für die industrie, weil küntzla und adelige sonst arm sind und prostituierter dreck die meiste asche abwirft | findet den literaturapparat unappetitlich + aufgeblasen + fazinierend - jedenfalls den teil mit den texten

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