Oktagon

After-Show-Party nach einer öden Modenschau im Oktagon. Hab mich bequatschen lassen, Caro zu dieser Gaudi zu begleiten. Sie war schon Tage vorher aufgedreht und redete über nichts anderes, verschleuderte ein Monatsgehalt für die Abendgarderobe und sieht doch längst nicht so gut aus wie heute morgen, als sie vom Weckergeheul hochschreckte und ihr eine Locke in den Augen hing.

Jetzt wuselt sie durch die Menschentrauben, ziellos wie eine Flipperkugel, und ich versuch mir möglichst viel von dem kostenlosen Empfangssekt reinzuschütten. Hab ernsthaft das Gefühl, dass ich das hier brauchen werde. Alle Anwesenden haben sich in Schale geworfen, nur um noch am selben Abend geknackt zu werden. Vorher werden sie in ihrem Inneren noch eine schillernde Perle produzieren, die ihr irgendein Halunke dann stibitzen kann, wenn sie sich auf ein paar Schmeicheleien hin öffnen. Gehört wohl irgendwie dazu. Teil des Spektakels.

Ich sitze an der Theke, verschleppe Krankheiten und ertränke Gefühle, kippe mir das nächste Glas und betrachte diesen Karneval voller Abscheu.

Verlaufenes Theaterblut, Corpsepaint wie auf nem Mayhem-Gig, Gruftbeleuchtung, verwässerte Cocktails mit unaussprechlichen Namen aus den Schädeln von Primaten.

Die schönsten Frauen der Welt sind aufgetakelt wie Schabrackenhyänen, mit klobigen Blutdiamanten behangen. An ihren schlanken Hälsen baumeln lebendige, hilflos zappelnde Fauchschaben.

Caro kommt herangerauscht, herausgeschleudert aus einem Pulk betont verfallener, ausgehungerter Seite-3-Mädchen in raffiniert enthüllenden Grabgewändern. Andere haben sich mit Kletten, Knöterich oder Efeu umwachsen lassen, um ihren Hang zur Natur zu symbolisieren. Sie sind alle moderne Kunst. Also mindestens genauso nichtssagend und beliebig.

„Du amüsierst dich ja gar nicht. Sitzt nur hier rum und lässt dich zulaufen. Rede doch mal mit irgendwem.“

„Mit wem soll ich denn hier reden?“

„Gibt ja wohl genug kreative, spannende Leute hier. Schau mal, Oh mein Gott, das ist Sylvia Malade.“

„Wer soll das sein? Hör den Namen zum ersten Mal.“

„Scheiße, das ist die Designerin, von dir ich dir so viel erzählt hab. Die ist in ihrer Mode und ihren Ansichten ja sowas von radikal. Ich kann nicht fassen, dass du die nicht kennst. Weia, sie kommt rüber. Sag jetzt bloß nichts Dummes.“

„Ich und was Dummes? Nene.“

Sylvie Malade stellt sich zu uns. Sie erinnert mich an Cruella DeVille aus der Disney-Verfilmung, nur mit mehr missglückten Schönheitsoperationen. Und eine furchtbare Stimme hat sie noch dazu. Der Ohrenschmalz rieselt von der Deckenbefestigung unserer Innenohren, als sie beginnt um Bestätigung zu betteln. Sie wiehert wie ein bestiegenes Pferd: „Na, Kinders. Wie hat euch denn meine Show gefallen?“

„Oh, es war einfach wahnsinnig intensiv und so sensibel und trotzdem noch radikal. Ich meine, du hast so viel ausgedrückt. Einfach unglaublich.“, schnattert Caro.

„Yeah. Das hat schon ne verdammte Menge ausgedrückt. Nur frag ich mich noch immer was.“, sage ich.

Caro lacht nervös und stößt mir ihren Ellenbogen in die Seite.

Sylvie fällt in das künstliche, bis zur Hysterie gesteigerte Lachen ein. Sie drückt auf nem Luftpolster in ihrem Dekolleté rum, bis ein paar künstliche Tränen aus ihren Augenwinkeln perlen.

Als sie sich wieder beruhigt hat, beginnt sie selbstgefällig zu erzählen: „Die Arbeit an meiner Linie Komandeuse ist maßgeblich von Ilse Koch beeinflusst. Sie steht für den eigenen Weg einer selbstbewussten Frau in einer von Männern dominierten Welt und für den Körper als Projektionsfläche jeglicher Sehnsucht. Sie ist der Inbegriff des Stils über das Leben.“

Ich kann’s nicht fassen.

„Ilse Koch? Scheiße, die Frau hat aus der Haut von KZ-Insassen Lampenschirme gemacht! Die war ein Monster und keine Heldin! Was seit ihr eigentlich für ne widerwärtige Bande?“

Wider spüre ich Caros Ellenbogen. Sie hats wohl darauf abgesehen, mir die Rippen rauszubrechen und daraus Kleiderbügel anzufertigen oder so.

„Halt die Klappe.“, zischt sie mir zu, „wenn du mir diesen Abend versaust, werd ich dir das nie verzeihen.“

Ich beiß mir auf die Lippen. Sie ist das Beste, was mir je passiert ist.

„Okay. Ich warte im Wagen, Baby.“

Ich tanke mich nach draußen und pralle dabei mit einem Model zusammen, dass einen Umhang aus tätowierter Menschenhaut elegant um ihre knochige Figur geschwungen hat. Sie schaut mich angewidert an, als ich mich vorbeidränge und ich versuch dasselbe, aber bei mir wirkt es einfach viel weniger überzeugend.

Sebastian Wippermann

sagt: "Alle Autoren, für die ich mich wirklich begeistere, werden eigentlich bereits durch ihre Texte charakterisiert. Bei B... braucht kein Mensch die paar biographischen Angaben im Buchrücken. Alles was man über den Mann wissen muss, steht in seinen Texten."

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