Radio Tunnel

Nachdem Karl Molk ein Jahr lang Praktikant beim österreichischen Sender „Radio Gute Laune“ war, flüchtete er mit seinem beigefarbenen Volkswagen Richtung Deutschland. Leider passierte ihm beim Überqueren der Alpen ein Missgeschick: Die Ölwanne schlug leck und das ganze Öl lief aus (die Aktivisten von Greenpeace versuchen heute noch die entstandene Sauerei wieder wegzukriegen). Als er da so in den Alpen gefangen saß, völlig von jeder Zivilisation isoliert, kam ihm endlich die lang gesuchte Idee, was er mit seinem Leben anfangen könnte.

Karl packte das ganze technische Zeugs, das er im Laufe der Zeit bei „Radio Gute Laune“ geklaut hatte, und verstaute es in seinem außergewöhnlich großen Wanderrucksack, den er glücklicherweise dabei hatte. Damit marschierte er die Straße entlang bis er zum nächsten Tunnel kam. Der war zwar nur etwa elf Meter lang, weiter wollte Karl aber nicht mehr gehen, und für das, was er vorhatte, genügte die Tunnellänge allemal. Voller Elan begann er, den Tunnel radiotechnisch so zu verkabeln, dass darin klarster Empfang möglich war. Dann sammelte er Holz, um in unmittelbarer Nähe des Tunnels eine kleine Radiostation aufzubauen.

Seit diesem Tag sitzt Karl Molk in seiner kleinen Holzhütte und macht Radio. 24 Stunden am Tag. Wenn er schläft, hört man sein Schnarchen. Live. Um nicht zu verhungern, lässt er sich tagtäglich vom Pizzaboten  Angelo beliefern. Auf seiner Frequenz macht Karl für dessen Pizzeria (Angelos Pizzeria) Werbung, dafür muss er das Essen nicht bezahlen.

„Haaall-o ihr Leute im Tunnel, ich bin‘s wieder, der alte Karl. Jetzt mal ein bisschen Groove, damit die Party hier drinnen niemals aufhört“. So und so ähnlich klingen seine immer gleichen Moderationen. Ein Schild an der Einfahrt zum Tunnel mit der Aufschrift „Radio Tunnel auf 99.99 MHz – 24 Stunden feinstes Liveprogramm von und mit Karl Molk“ verspricht Unterhaltung pur. Zugegeben, die Wahrscheinlichkeit, dass jemand sein Programm empfängt, ist eher gering. Denn nicht nur, dass seine Frequenz erst mal gefunden werden muss, ist der Tunnel eben doch sehr kurz. Und außerhalb von diesem ist der Empfang nicht möglich. Aber Herr Molk ist sehr stolz auf das, was er da geschaffen hat.

Clemens Ettenauer

Clemens Ettenauer wurde 1986 in St. Pölten geboren. Nach häufigem
Sitzenbleiben hat er an einem Abendgymnasium maturiert. Er lebt mit Freundin und Katzen in Wien, wo er bei einem Buchmagazin arbeitet und nebenbei Komparatistik studiert. Neben dem Schreiben fabriziert er am liebsten Telefonstreiche. Facebook: facebook.com/clemens.ettenauer Im Oktober 2010 erscheint sein erstes Buch „Morbuso geht ab“ im PROverbis Verlag.

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