Richard und das Meer im Oktober

Liebling, wir müssen mit einander reden. Was nur ist geschehen, Richard, was nur hat dich so verändert? Du kommst nach Hause, entnervt und gelangweilt von der Arbeit und den Kollegen, mit deinem Eintreten beginnen die Teppichböden negative Energie zu knistern, und alles hingegen, was du mir bietest, ist der Anblick eines Stückes Unterschenkel zwischen Socke und Hosensaum bei übereinander geschlagenen Beinen, während du dich auf der Couch hinter der Zeitung verschanzt. Das ist ja auch in Ordnung

oder zumindest verständlich

soweit, jeder hat von Zeit zu Zeit einen schlechten Tag, außerdem ist allgemein bekannt, Männer brauchen ihre Ruhe, und Arbeit ist nun mal kein Ponyhof und keine Puppenstube. Aber, Richard

(du musst nicht gleich so böse werden)

warum tust du so, wenn ich ein Gespräch versuche, als gäbe es nur die Zeitung, die

(mich gibt es nicht)

du liest, ich wage den Versuch ein zweites Mal, deine Beine wandern in die mir entgegengesetzte Richtung, das Stück Unterschenkel wächst mit der Aufmerksamkeit, die du nicht mir, die du nur der Zeitung und deinem allabendlichen Sudoku schenkst, ich spüre deinen Atem launischer werden, begehe die Dummheit, meine Hand auf deine

warum wirst du so zornig, Richard?

Schulter zu legen, und deine Schulter, Richard, versucht mir zu entkommen, meine Hand wandert zu deinen Haaren

(kastanienbraun, meine Lieblingsfarbe)

und deine Haare wollen nicht berührt werden, zucken weg, als solle es sie nicht, also so wenig wie mich geben oder wie dein Gesicht, von dir existiert nur Oberkörper, Hosensaum, Socken, deine gereizte Stimme

– was ist denn Ines

– laß mich bitte die Zeitung lesen Ines

– tue mir den Gefallen und störe mich nicht Ines

du nimmst wortlos und hastig das Abendessen zu dir, schielst heimlich auf die Uhr, mit der Hoffnung, ich würde es nicht bemerken

ich bemerke es sehr wohl

und dann läßt du mich allein mit deinem schmutzigen Geschirr zurück, obwohl ich noch nicht aufgegessen habe, verlierst kein Wort über meine neue junigrüne Bluse, meine neue junigrüne Bluse

absolut und vollkommen

uninteressant und ihr Inhalt

(mich gibt es nicht)

ebenso, du interessierst dich nicht

interessierst dich seit Ewigkeiten schon nicht mehr dafür, wie mein Tag war, oder ob das Asthma mir Schwierigkeiten gemacht hat, du gibst mir keinen Kuß, seit Ewigkeiten hast du mich nicht mehr geküßt, nicht einmal auf die Wange, Richard, seit Ewigkeiten hast du mich nicht mehr zärtlich angesehen, diese ganz besondere Art

Melodie

deiner Augen, wohin ist sie?, was ist der Grund, weswegen du es vorziehst, die Hände vor der Brust verschränkt, auf die Straße zu starren, den Fernseher einzuschalten und den Nachrichtensender dröhnen zu lassen, sobald die Uhrzeit auf den Beginn meiner Serie prallt, bist du von allem

bist du von Nachrichten, Uhrzeit, Seifenoper noch mehr genervt, noch mehr angeödet, und von mir scheinbar

von mir offensichtlich

obwohl, sicher bin ich mir nicht

ebenso, rotierst mit der Fernbedienung einmal durch alle Programme, läßt den Kanal bei meiner Serie

– mach doch was du willst

jedes Ding, jede Kleinigkeit regt dich auf, jedes Ding, jede Kleinigkeit frustriert dich, jedes Ding, jede Kleinigkeit enttäuscht dich, in den Sonntagnächten hingegen, vorzugsweise, wenn ich beinahe eingeschlafen bin, spüre ich

– komm her Ines

in der Dunkelheit dein Gewicht auf mir, das Becken schmerzt, mein Asthma beschwert sich, die Beine möchten fliehen, eine mitternächtliche Straßenbahn läßt Weingläser in der Wohnzimmervitrine zaghaft, aber penetrant klirren, zu gerne würde ich die Zeiger der Uhr an der Wand entziffern, doch ist es zu dunkel, doch ist es zu kalt, wenn ich mich zudecke, hast du mir bereits den Rücken zugedreht, bist bereits eingeschlafen. Was nur ist geschehen, mein Liebling, was nur hat dich so verändert? Als wir uns vor annähernd dreizehn Jahren

ungefähr dreizehn Jahren

kennengelernt haben, ich kann mich noch genau entsinnen, wie du, mit diesen unbeholfenen, mich so rührenden Schritten mir entgegenkamst, von Zeit zu Zeit mit einer Blume

zumeist einer Orchidee

in der zitternden Hand, der du, lautlose Worte murmelnd, ein Blütenblatt nach dem anderen ausgerupft

(sie liebt mich nicht, sie liebt mich, ich wünsche mir, sie liebt mich)

hast, und dein Oktoberlächeln sanfter als alle Wellen, die da kamen, eine endlos hohe Zahl an Wellen, alle plump, du so warm, so unsicher, wo die Wellen enden dürfen

– was für schöne Ohrringe Fräulein Ines

makellose Aufmerksamkeit, makellose Zärtlichkeit, makellos mich umwerbend, kein Satz ohne mindestens einem

– Fräulein Ines

(davon träumen Frauen)

nicht mit dem heutigen

– ach du

nicht mit dem heutigen

– mach doch was du willst

wenn ich meine Frisur geändert, mich für andere Ringe oder eine Brosche entschieden habe, die du noch nicht kanntest, die Bronzeschnecke aus Kroatien beispielsweise, dauerte es nur einen Moment, nicht länger als ein Herzschlag, bis du etwas charmantes, etwas aufmerksames darüber zu sagen wußtest, und augenblicklich ein zärtlicher Satz in meinem Ohr, dein braunes

(kastanienbraun, davon träumen Frauen)

Haar, dein brausewarmer Atem und ein zärtlicher Blick auf meiner Haut, ein zärtliches

– Fräulein Ines

ich meine, immerhin ist es dir sogar gelungen, meinen Vater einzunehmen, was wirklich eine Leistung ist, ich kann mich noch genau entsinnen, wie angetan er von dir war, von deinem Wissen, deinen Manieren, ihr habt über Politik, Geschichte, Astronomie debattiert, du hast augenblicklich jede Debatte unterbrochen, bist augenblicklich vom Stuhl aufgestanden, wenn ich den Raum betreten habe, was nur ist geschehen

mein Liebling

Richard

was nur hat dich so verändert? Wir sind im Oktober ans Meer gefahren, du kanntest eine bescheidene, aber sehr saubere und hübsche Pension, unser Zimmer hatte champagnerfarbene Stofftapeten

(champagnerfarbene Stofftapeten sind himmlisch)

und Meerblick, ich sah zum ersten Mal das Meer, und das Meer im Oktober ist eine von Möwen und Muscheln bevölkerte Endlosigkeit mit der Konsistenz und Farbe von Schlamm, jeden Morgen nach dem Frühstück

englischer Toast, Eier, Orangensaft

sind wir dem Ufer gefolgt und haben Hand in Hand Vögel erschreckt, und du hast gesagt, ich

(die es nicht gibt)

sei so fröhlich, du hast gesagt, ich

(die es nicht gibt)

sei so hübsch, manchmal hast du sogar gesagt, ich

(die es nicht gibt)

sei schön, ich entsinne mich an dein Lächeln

dein Lächeln, großer Gott, dein Lächeln

wenn ich mit schnellen Schritten dem Ufer folge auf der Jagd nach Möwen, und dann deine nächtliche Angst, ich könnte, kreischend mit einem Fisch zwischen den Lippen, davonflattern, nach Fisch miefende Tropfen auf den Bettvorlegern oder der champagnerfarbenen Stofftapete

(champagnerfarbene Stofftapeten sind großartig)

hinterlassen, deine bange, besorgt flüsternde Stimme, die mich bat, beinahe anflehte, bei dir zu bleiben, dich niemals zu verlassen und für immer bei dir zu bleiben, bis du

(was nie lange dauerte)

eingeschlafen bist, und während dich mein Oberkörper als Kopfkissen verwöhnte, süße Träume schenkte, lagen deine Arme derart schwer, derart drückend auf meinem Becken, daß sie mir das Blut abschnürten, sage mir doch endlich, welchen Fehler habe ich begangen, was nur ist geschehen

mein Liebling

Richard

was an mir hat dich so verändert, bin ich keine Möwe mehr, Richard, ich verstehe es nicht, und was mich

(die es nicht gibt)

betrifft, so bin ich der Meinung, wir sollten im Oktober Urlaub nehmen und wieder das Meer besuchen, in dieser hübschen Pension absteigen, in der wir jede Nacht …, wohin ist dieses Wellenlächeln verebbt, fühlst du dich von mir

(die es nicht gibt

die es nicht mehr gibt)

vernachlässigt, warum sagst du das nie, aber damit ist nun Schluß, ich werde mir mehr Mühe geben, abwechslungsreicher kochen, sorgfältiger die Blumen gießen, ich werde einen teueren Lippenstift, eine tiefer ausgeschnittene, enger anliegende Bluse, Schuhe mit hohen Absätzen kaufen und in den Reisekoffer schmuggeln, jeden Morgen das Ufer aufsuchen, wo ich, schöner noch als vor annähernd dreizehn Jahren

ungefähr dreizehn Jahren

auf dich warten, und wenn auch du am Strand bist und mich siehst, am Rande dieser Endlosigkeit aus Möwen, Muscheln, Schlamm, wirst du einen Augenblick lang stehen bleiben, und du wirst lächeln

ganz bestimmt wirst du lächeln

mein Liebling

die Zeitung, dein allabendliches Sudoku, die Nachrichten aus aller Welt werden dich nicht mehr interessieren, du wirst nur noch mich sehen, mich so nervös wie damals in ein Cafè ausführen, mir Käsekuchen und Milchkaffee spendieren, makellose Aufmerksamkeit, makellose Zärtlichkeit, makellos mich umwerbend, eine Flut an lächelnden Wellen, die kein Ende nehmen, kein Ende nehmen werden, niemals ein Ende nehmen, die mitternächtliche Straßenbahn wird unsere Weingläser häufiger zittern lassen, du wirst mir wieder diese gewissen Dinge ins Ohr flüstern, die mich damals erröten ließen, du weißt schon, und jetzt, schau nur, Richard, du siehst ja gar nicht hin, die Möwen vermischen lautlos sich mit den Wolken, wir sind allein, mein Liebling, nur du und ich und der nasse Sand und

vielleicht finden wir Bernsteine, man muß nur sorgfältig genug suchen

das ewige Meeresrauschen, und du bist glücklich, nicht wahr, sage mir, daß du so glücklich

(komm schon, sag es)

bist wie ich, denn ich bin glücklich, fühle mich geborgen bei dir, spüre in mir, in meinem Herzen keine Zweifel mehr, nur noch eine Sicherheit, die mir kein Mensch nehmen kann, denn ich weiß, daß wir

und nichts überzeugt mich vom Gegenteil

endlos glücklich, für alle Zeiten glücklich, bedingungslos glücklich sein werden

bedingungslos glücklich sein können, sofern du dir endlich einen Ruck gibst, dich endlich überwinden kannst und dich nicht mehr dagegen sträubst

(du sträubst dich, du sträubst dich nicht, ich wünsche mir, du sträubst dich nicht)

wenn mich dein Oberkörper als Kopfkissen verwöhnt und ich meine Arme derart schwer, derart drückend auf dein Becken lege, bis sie dir das Blut abschnüren, während ich dich an dein Versprechen

und versprochen ist versprochen

erinnere, mich niemals zu verlassen und für immer bei mir zu bleiben, bis ich

(was nicht lange dauern wird)

eingeschlafen bin.

(November 2009 )

Vincent E. Noel

, *1980 in Wilhelm-Pieck-Stadt Guben, lebt in Nürnberg. Der zweifache Literaturpreisträger ist Verfasser von Theatertexten, Kurzgeschichten, Märchen, Novellen, Erzählungen. Veröffentlichte eine Serie von Kurzgeschichten in einer Tageszeitung [Altmühl-Bote], daneben Publikationen in Literaturzeitschriften, Anthologien. Seine aktuelle Publikation „wem wenig vergeben wird (darf fressen mein Herz)“ ist im Juni 2010 im Wiesenburg Verlag erschienen.

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