Saubermanns Schrecken

Neulich trällerte mein Telephon. Ich ging ran und sagte wie man so sagt: „Hallo?“ Und am anderen Ende salutierte ein Mann: „Heil Hitler!“

„Nein“, antwortete ich. „Sie müssen sich verwählt haben.“

„Im Gegenteil“, hauchte der Kerl. „Ich bin Journalist, ich habe recherchiert.“

„Dann haben Sie sich in der Zeit geirrt“, dampfte ich und legte auf.

Am nächsten Tag klingelte es an der Tür. Ich ging wie man so geht und öffntete. Da war ein Mann, ein Mann wie eine Fliege, wie eine Florfliege. Der Mann flog über meinen Kopf hinweg in den Flur. „Habe die Ehre, Herr Hitler. Wir hatten bereits gestern das Vergnügen.“

„Aber ich bin nicht der, für den Sie mich halten. Ich heiße Endhuhn. Sehen Sie, da steht es an der Tür.“

„Erinnern Sie sich, mein Führer! Niederlagen und Verluste werden leicht verdrängt.“

„Aber woher denn. Ich bin erst dreiundzwanzig Jahre alt.“

„Das stimmt nicht“, erwiderte der andere. „Ich hab’s überprüft, April 1889 sind Sie geboren.“

„Das geht doch nicht!“

„Die Wunder des medizinischen Fortschritts zu bezweifeln, nur weil Ihre Wunderwaffen nicht rechtzeitig eingeschlagen haben? Sie enttäuschen mich, mein Führer.“

Dann klingelte wieder jemand an der Tür. „Das ist für mich“, meinte die Florfliege und öffnete. Ein windiger Geselle trat ein, ein Kelchkopf, der sofort mit einer Kamera auf mich losging. „Lassen Sie das. Gehen Sie!“

Die Journalkanaillen drängelten mich in meinen Sessel. „Gut“, sagte ich, „wieviel ist für mich drin?“

„Die Regierungsgewalt, mein Führer. Erst Teutonien, dann die ganze Welt.“

Ich fragte mit Nachdruck: „Wieviel Geld?“

„Davon sprechen wir später. Viel wichtiger sind die Fragen, die ich vorbereitet habe.“ Der Fliegenmann zog ein Taschentuch hervor und sah hinein. Dann legte er los: „Warum haben Sie Amerika den Krieg erklärt? Das war doch Selbstmord, das war Wahnsinn!“

„Nachdem die Japsen Pearl Harbour zerstörten und meine Panzer vor Moskau standen? Pah!“ sagte ich. Doch ehe ich mich über mich wundern konnte, setzte die Journalkanaille nach. „Hand aufs Herz, mein Führer, warum haben Sie Millionen von Juden ermorden lassen?“

„Weil ich, weil…“ Meine Handflächen schwitzten, meine Augen sahen schwarz. Ich sah einen Kerl aus der Dunkelheit auftauchen. Er grinste gehässig. Ihn hatten sie zum Studium zugelassen, mich nicht. Wie gemein, gemein, gemein…

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008. Siehe auch www.myspace.com/leereimer - Noch zu haben: Nachtstühle - Erzählungen und Prosa

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