Schweinejournalismus, made bei Spiegel.de

Zum Spiegel.de-Artikel
‚Drehbücher für Amokschützen‘ vom 3. Mai 2002

Meine 5 Minuten Ruhm
und wie ich dazu kam

Ich freue mich jedes Mal, wenn die Kollegen von Spiegel online durch intensiven investigativen Journalismus auffallen. Wenn knallharte Rechercheure es zum Beispiel tatsächlich schaffen, in eine Suchmaschine „Pumpgun“ einzugeben und dann – Oh Schreck! Das Internet ist wahrlich ein Sumpf der Gewalt! – auf Seiten rauskommen, in denen Pumpguns vorkommen. Wer hätte das gedacht?

Zu lesen, das gleich in der ganzen Kaschemme

„die Autoren“
(es handelte sich um eine Autorin)

„… häufig Pumpguns“
(in Kaschemme.de gibt es zwei Texte, in denen das Wort vorkommt)

„als Waffen für kaltblütige Morde (verherrlichen ) und … Schüsse aus dem Hinterhalt (zelebrieren)“
…ja, das macht mich wirklich betroffen.

Die Wahrheit ist die folgende: Die Damen und Herren von Spiegel online würden die Kaschemme als Magazin für exzentrische Literatur ja normalerweise nicht mal mit dem Arsch ansehen. Sobald aber eine Pumpgun drin vorkommt, dann ist die Website ihnen gut genug. Das juckt mich an sich herzlich wenig, und die deutsche Online-Literaturszene kann bestätigen, dass ich mich nicht um Publicity reiße.
Es ist jedoch ein weiterer Beweis dafür, dass die Amokschützen recht haben: Nur wer die Knarre zückt und auch benutzt, der hat endlich die Aufmerksamkeit, die sonst nur Boxenschlampen und Big-Brother-Ludern zuteil wird, auch im „Nachrichtenmagazin“ ‚Der Spiegel‘. Weniger geradlinige Denker als Kulick gaben daher zum Beispiel in Spiegel.de lesenswertere Essays wie ‚Ich morde, also bin ich‘ zu bedenken. Und das ist wahrlich ein Trost: Schnellschüsse von Amok-Journalisten sind also die Ausnahme. (Was mag ihn getrieben haben? Hat er zu viel schlechten Journalismus gelesen und wurde davon moralisch enthemmt?)

Liebe Freunde aus Hamburg:

1. Die Texte in Kaschemme.de in einem „Bericht“ zum Thema ‚Drehbücher für Amokschützen‘ zu zitieren zeigt, dass euer Autor keine Ahnung von Literatur hat. Und zwar derart wenig, dass es schon erschütternd ist, dass solche Autoren bei euch ihre Dünnsäure verklappen dürfen. (Das ist umso verwunderlicher, weil er ja selbst Kurzgeschichten schreibt, und daher wissen sollte, dass Krimiautoren keine Morde begehen und der fiktive Autor eines Textes nicht der Hinschreiber seiner Sätze ist.)

2. Außerdem ist er feige, sonst würde er ja diejenigen angreifen, die wirkliche Drehbücher für den Amok liefern, aber das sind ja erstens potentielle Anzeigenkunden beim Spiegel (sorry, unsachliche Polemik; aber sehen Sie bei mir irgendwo Werbebanner?)und zweitens haben die ja Anwälte, anders als die kleine Kaschemme. (Ja, Holger, recherchier doch mal über Stoiber, den Strauss-Sohn, die wahre Kirch-Geschichte, etc. etc. Da kannst Du Dir Deine Sporen mal anständig verdienen.)

3. Unter Recherche verstehe ich was anderes als ein Wort in eine Suchmaschine einzugeben und das erstbeste Ergebnis rauszufischen. (Andererseits: Klar, Holger, Bullys Pumpgun-Song, die Freude der Intellektuellen an überschätzten Filmen wie ‚Pulp Fiction‘ – wen interessiert das schon, wenn Du jemanden anpissen kannst, der sich mangels Auflage / Hitzahlen ohnehin nicht adäquat zu Wehr setzen kann?)

4. Ich finde es verwunderlich, dass der Herr Journalist es nicht für nötig befunden hat, mit dem Objekt seiner Recherche ein Mal (in Zahlen: 1, das ist die Zahl nach der Null) in Mailkontakt zu treten. (Soll ich Dir mal das ‚ABC des Journalismus‘ schicken, Holger?)

Ich persönlich glaube, Holger Kulick hat in seinen Text maximal 5 Minuten Recherche investiert und dabei alles gemieden, was Arbeit macht. Schnell verdientes Geld, möchte ich mal annehmen. Entstehen so eigentlich alle Spiegel-Berichte? Das mag ich nicht glauben noch hoffen.

Der Kaschemmenwirt

PS: Lieber Holger ‚McCarthy‘ Kulick: Der Begriff, den auf die Kaschemme anzuwenden Du vergessen hast, ist ‚entartete Kunst‘, nicht wahr? Ehrlich, man muss schon in ganz schön kurzen Sätzen denken, um so einen Schrott über Kaschemme.de schreiben zu können. Es gibt doch wirklich lohnendere Ziele. Schon eine Mail an mich hätte gereicht, und ich hätte Dir welche genannt.

PPS: Liebes Spiegel.de: Was wurde eigentlich aus dem Satz „Dass die Macher solcher Seiten nicht aus eigenem Antrieb auf solche Texte verzichten, deutet vor allem auf eines hin: Moral ist ihnen fremd und sie versuchen diesen Mangel mit aufgesetztem Humor zu überdecken.“ aus der ersten Version des Textes? Warum fiel der – plötzlich, irgendwann, undokumentiert – heraus? Weil irgendwer dann doch feststellte, dass die Welt nicht so platt ist, wie sie von Hero Holger gewalzt worden war? (Danke an ihn oder sie!)

Die entsprechenden Texte bleiben übrigens in Kaschemme.de, denn anders als die Speerspitze des deutschen Journalismus patchen wir nicht an unseren eigenen Texten herum. Und mein Humor ist im übrigen nicht ‚aufgesetzt‘, sondern Basis meines sonnigen Gemüts. Ob Moral mir fremd ist, das sei dahingestellt, aber es wäre sicher eine journalistische Erörterung wert gewesen, zu fragen, warum einer Autorin wie Kraszentia sie vielleicht fremd zu sein scheint oder vielmehr, warum sie in einem Text das schreibt, was sie schreibt; und warum der Kaschemmenwirt das dann auch noch veröffentlicht. Aber das ist wohl ein bisschen viel verlangt für fünf Minuten Recherche plus 15 Minuten zum Artikel-runterrotzen; denn das würde ja erfordern, die wirklichen Grundlagen der Moral unserer Gesellschaft zu hinterfragen. (Kann man sowieso nicht in 5000 Zeichen, gell Holger, also lieber ein bisschen heucheln? Verkauft sich ja auch besser)

PPPS: Ein letztes Wort an Holger Kulick, der mir anhand seiner Vita gar nicht wie ein leichtfertiger Bild-Schmierulant vorkommen will: Du meinst jetzt vielleicht, Du wärst mit Deinem moralischen Mr.-Proper-Anliegen gescheitert, Leute wie mich (O-Ton: „Betreibern einschlägiger Internet-Seiten“) nachdenklich zu machen. Aber ich möchte Dich trösten: Gescheitert sind Leute wie ich, denn kaschemme.de hat es wohl ebenfalls nicht geschafft, Dich vor dem Zuschlagen zum Nachdenken zu bewegen. Dank Dir habe ich jetzt auch die ganzen Stalker und Web-Psychos am Hals, das nenne ich doch mal verantwortungsvollen Journalismus.

Liebe Fernsehshows: Ich stehe als angeblicher Herausgeber gewaltverherrlichender Texte für Talkrunden zur Verfügung.


Warum auch Spiegel.de
mal nen Arschtritt braucht

Zum tapferen Spiegel.de-Nachtritt ‚Wie viel Selbstkontrolle ist Zensur?‘

In dem leider enttäuschend wirr geratenen Nachschlag Wie viel Selbstkontrolle ist Zensur? macht Spiegel.de dann klar, dass wir alle reingefallen sind. Die Absicht war wohl gar nicht, wie es zunächst scheinen wollte, einen bigotten Feldzug gegen ein willkürlich herausgegriffenes Literaturmagazin zu führen, während zeitgleich das journalistische Erzeugnis ‚Coupé‘ sowie die Werke des Marquis de Sade in Buchläden und Kiosken zu haben sind und Dreck wie ‚Blade 2‘ im Kino Kasse macht, ohne dass Spiegel.de das auch nur ein Nebensätzchen wert wäre. Dass Cannabis noch immer als Droge gilt, während Alkohol, ein gesundheitschädigendes Sucht-Gift mit einem Millionenheer deutscher Abhängiger, nicht nur in Bayern als Mahlzeit durchgeht, schert bei Spiegel.de keinen Gutmenschen – letzteres liegt vielleicht daran, dass der Sprit ja auch in den Schreibtischschubladen nicht weniger Journalisten zuhause ist und mitunter die klare Sicht trübt.

Des Rätsels Lösung: Die armen Poeten der hochanspruchsvollen Web-Gazette, die mit investigativen Coups wie „Fotostrecke: Liebe, Macht und Sternenkrieg“ ein friedlich-intellektuelles Publikum um sich scharen, müssen sich ja irgendwie ernähren. Und das geht so: Erst füllen sie einen ersten Artikel mit Zitaten und provozieren damit gezielt ein paar Mitmenschen. Dann sammeln sie die Protestmails ein und füllen damit den zweiten Artikel. – Ich hoffe, das es sich für Journalisten wenigstens auszahlt, Ideenlosigkeit mit dem Ausverkauf des Restgewissens auszugleichen.

Eigentlich finde ich ja, dass der zweite Spiegel.de-Artikel, der kaschemme.de erwähnt, schon für sich als Kritik an sich selbst stehen kann, doch ein paar Anmerkungen habe ich dann doch noch. (Unbezahlte, denn anders als die Meute der Meinungsmacher habe ich keine 30 Silberlinge für denunziatorische Texte übrig.)

  • Zu „Der Macher der Website kaschemme.de widmete SPIEGEL ONLINE sogar mehrere Thesen, in denen er sich hauptsächlich darüber beschwerte, dass ausgerechnet aus seinem vielfältigen Angebot ein offenbar imageverzerrender Text einer seiner Autorinnen zitiert worden war:“: Nö. Stimmt nicht. Denn wie jeder nachlesen kann, der Augen hat, „beschwerte“ sich der Wirt gar nicht, schon gar nicht in „Thesen“, auch nicht übers „verzerrte“ „Image“, und ein „vielfältiges Angebot“ bewirbt auf kaschemme.de auch keiner. (Wo hat Spiegel.de denn all das Marketingseifenblasengequatsche her?).Ich bemängle vielmehr die Qualität der Durchführung: a. die schlampige Recherche, die geradezu ein Witz ist; b. die Bigotterie eines Magazins, dass von der Blutgier seiner Leser ganz gut lebt und dennoch meint, mit knapp 6000 Zeichen literarische und moralische Fragestellungen zugleich aufwerfen und beantworten zu können sowie c. die Feigheit, Schwächere anzugreifen, weil man sich bei Stärkeren ja nicht traut, selbst als „Spiegel“ nicht. Die Wahrheit: Jeder Munitionsfabrikant genießt im Wirtschaftsteil des Hamburger Blattes und seines Online-Abklatsches mehr Ansehen als ein Literat im Kulturteil. (Der Literat kommt bestenfalls zu Wort, wenn er mal einen Kommentar zur Koks-Gesellschaft schreiben darf, nachdem selbiges Blatt den Koks-Konsum zum Trend herbeigeschrieben hat.)
  • Einem Zitat folgt die scheinheilige Frage: „Ob Satire oder schwarzer Humor, darf so etwas frei von Kritik sein?“– Nein, liebe Journalisten, bububu, natürlich nicht, gutzi-gutzi. Aber es ist halt weder Satire noch schwarzer Humor, sondern Literatur, auch wenn sie nicht allen denkbaren Maßstäben an selbige genügen mag. Denn: Nichts darf frei von Kritik sein, die Kirche nicht, die Literatur nicht, Flugzeugträger fern der jeweiligen Heimat nicht, der Martin Walser nicht, Westerwelle im Container nicht, Israel und Möllemann nicht, Rassismus bei der Bundeswehr nicht, Einfuhrzölle der freihandelsliebenden USA nicht, die flächendeckende Bombardierung von Afghanistan nicht – einer Nation übrigens, die an dem Anschlag vom 11. September ungefähr so beteiligt war wie Deutschland oder die Schweiz.Was aber ist mit Journalismus? Darf der frei etwa von Kritik sein? Persönlicher Vorschlag an den spiegel.de-Autor: Widme Dich anstelle halbgarer Literaturkritik doch mal der Journalismuskritik! Ich suche schon lange jemanden, der eine entsprechende Web-Site mit mir hochzieht, um Drecksblättern und unverantwortlichen Schmierulanten ans Schienbein zu treten; natürlich ehrenamtlich (und, dank Deines scharfen Auges, gewaltfrei & qietschesauber). Kostet uns beide ein bisschen Freizeit, ist aber ein Dienst an der Gemeinschaft. Eine Mail von Dir genügt, ein kleines Ja, und ich ziehe es gemeinsam mit Dir hoch, und verspreche Dir, dass wir dort auch Literaturkritik berücksichtigen! Alternativ ein Buch, ganz egal. (Hand anbiet‘) Los, schlag ein: Ich habe keine Berührungsängste! ;-)
  • „Doch prompt schimpfte der „Kaschemmenwirt“ ….“ belferte höhnisch Spiegel.de – doch wie anders als „prompt“ soll der Kaschemmenwirt denn darauf reagieren, Herr Journalist? Ein Jahr später vielleicht (=>“doch erst Jahre später reagierte…“)? Oder lieber gar nicht (=>“..noch immer ignoriert der Kaschemmenwirt hartnäckig die heldenhafte Kritik von Spiegel.de…“)?Nun, egal, was der „Kaschemmenwirt“ macht, Spiegel.de fände immer ein paar negative Worte dazu, denn das ist das aufgebotene Minimum, mit dem „Spiegel.de-Autoren“ das Attribut in der Phrase „kritischer Journalismus“ rechtfertigen wollen. Und diesen Satz „schimpft“ der Wirt nicht, sondern er sagt es, wie alles auf dieser Seite, mit einem freundlichen Lächeln. (Beweis: :-) Wer also behauptet, dass der Wirt hier schimpft, gibt falsche Tatsachenbehauptungen wider besseres Wissen zum Besten.
  • Zu „als in einem zugespitzten Denkanstoß [Anm. d. Wirts: sagt Spiegel.de, Fachmagazin für zugespitzte Denkanstösse wie „T-Aktie im Aufwind“ oder „BMW Z3 – James Bonds Dienstwagen“] nicht nur auf gewaltverherrlichende Spiele, sondern auch Texte in Internetforen hingewiesen wurde, in denen der skrupellose Umgang mit Pumpguns anschaulich geschildert wird.“ (Danke übrigens für die anschauliche Schilderung, wie man zu Gewalt in Fernsehen kommt.) Tja, nun, was soll man da sagen? Ist schwer, bei dem schwurbeligen Gemurke. Der Autor des Spiegel.de-Textes liebt es nämlich, sich unklar ausdrücken. Zum Beispiel die Passivkonstruktion mit „wird“, die das Subjekt verbergen soll, in diesem Fall verkleistern. Warum drückt Spiegel.de sich so unklar aus? Damit das Web-Zine leichter alles in einen Sack stecken und auf diesen dann ungeniert eindreschen kann. Das geht dann sicher als „Der Zweck heiligt die Mittel“ durch. Ist das im Gesinnungsjournalismus üblich, Herr Journalist? Hinweis ans das betreffende Magazin: Es gibt Wehrdienstleistende in Deutschland. Denen „schildert“ man bei der Bundeswehr „anschaulich“, wie man mit Gewehr G3, Maschinengewehr MG1 und Pistole P1 schießt. Auf Zielscheiben, die menschliche Umrisse haben. Wer leugnet, dass es Sinn und Zweck dieser anschaulichen Schilderung ist, zu lernen, wie man mit einer Knarre umgeht, um andere Menschen gezielter, besser, effektiver umbringen zu können, der ist ein Euphemist und Heuchler. Den Fakt an sich (den Wehrdienst) sei hier weder verteidigt noch angeklagt, denn das ist ein anderes Thema. Wer gedankenlos Kritiken wie „Umgang mit Pumpguns anschaulich geschildert“ gegen literarische Texte loslässt, sollte sich das aber mal vergegenwärtigen. (BTW ein Gruss von der Korinthenkackerfront: Kann man Pumpguns auch anders als „skrupellos“ benutzen, Herr Journalist?)
  • Ein Wort noch zur Adjektivverwendung („skrupelloser Umgang“, „grenzenlose Pumpgun-Gewalt“, „betrübte Mienen“, „überschwänglicher Jubel“, etc.) in Texten auf Spiegel.de: Literaten und Journalisten wissen, dass man an massivem Adjektiv-Beschuss und aufgehübschten Verben typischerweise Lügen und Propaganda erkennt. Ein Satz wie „Einige Journalisten aus Hamburg schreiben dem Wahlkampf nach dem Mund.“ will keine Propaganda sein, sondern eine Aussage, während ein Satz wie „Die massenleserschaftshörigen Zeilenhuren aus der eitlen Hochburg deutscher Revolverblatt-Produktion pissen lieber einem unschuldigen Exzentriker-Magazin ans Bein als ihrer stinkenden Doppelmoral, seit sie an einem Freitag plötzlich ihr Gewissen entdeckten.“ deutlich Propaganda und Denunziation ist. Es lohnt sich, in Hinblick darauf mal den Spiegel zu lesen.
  • Nach einem Zitat aus der Kaschemme.de-Replik zum Spiegel-Artikel wiegelt Spiegel.de ab: „Dabei ging es nur um einen Beispieltext über grenzenlose Pumpgun-Gewalt, mit dem sich der Wirt allerdings weniger befasste.“– ho ho ho, ja, genau, recht hat er, die Antwort auf die verquasten Anschuldigungen von Spiegel.de hat sich mit dem Text „weniger“, nämlich gar nicht befasst. Weil der Journalist, der hier ‚Drehbücher für Amokschützen‘ ausgemacht haben will, das ja ebenfalls nicht getan hat. Will der Spiegel.de-Autor uns etwa ernstlich weismachen, sein auf der Eingabe eines Wortes in eine Suchmaschine aufbauender „Artikel“ würde sich mit jenem Text auseinandersetzen, auf den sich zu beziehen er vorgibt?Genauso gut könnte man behaupten, seine andernorts nachzulesende Aussage „Schuld lastet auch auf Thüringens Schulsystem.“ würde sich mit Thüringens Schulsystem „befassen“.

Für das Befassen mit Texten wird man als Journalist bei Spiegel.de nämlich nicht bezahlt. Stellen wir Holger Kulick mal die Frage: Für was werden Sie bezahlt? Genauer: Für welche Art von Text? Werden Sie bezahlt für Texte, in denen Sie etwas gut finden? Dass die Menschen nicht auf kaschemme.de surfen sollen, weil da der Sumpf der Gewalt auf sie wartet, das ist ja nun bekannt – aber schaffen Sie es, von Spiegel.de Geld dafür zu bekommen, fünf gute Websites zu empfehlen? (Ist natürlich ’ne kleine Provokation von mir. Ich wette, Sie schaffen es nicht. Weil Spiegel.de Sie nämlich nur für Miesmach-Artikel zahlt; freiwillig schreiben Sie die nämlich nicht; so mies kann keine Person sein. Beweisen Sie mir das Gegenteil, he he he. :-)


Schlusswort vom Wirt:

Die Respektlosigkeit und Blutgier mancher Medien nimmt in erschreckendem Masse zu und wird nur übertroffen von ihrer Boulevardisierung. Falls der Journalist, der Kaschemme.de in einem Artikel mit dem Titel „Drehbücher für Amokschützen“ als Beispiel aus 5 Mrd. Möglichkeiten herausgreift, es mit der Literaturkritik an dem Text, den er bisher nur journalistisch denunziert hat, ernst meint und diese nachreichen will: Der Kaschemmenwirt würde sich über eine profunde Auseinandersetzung aus seiner Feder über die literarische und moralische Problematik des betreffenden Textes herzhaft freuen. Und den Standpunkt mit 99%iger Wahrscheinlichkeit auch veröffentlichen (das eine Prozent, na, Sie wissen schon: kein Rassismsus, kein Aufruf zu Gewalt, etc.). Aber ich sags gleich: Kaschemme.de kann – anders als Spiegel.de – nichts zahlen, der heroische Autor müsste das also ehrenhalber tun. Dann würde er vielleicht auch etwas Verständnis dafür entwickeln, was Literaturmagazine wie kaschemme.de für die Gesellschaft leisten. Das ist nämlich ein bisschen mehr als ein bezahlter „zugespitzter Denkanstoß“ auf Basis einer „Zufallsrecherche“ (vulgo die Meisterleistung, „Pumpgun“ in den Suchschlitz eingegebenen zu haben).

„Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.“ heißt es im Pressekodex. Dagegen verstößt schon der erste Artikel aus Spiegel.de, wenn er es auch durch Wischiwaschzi-Formulierungen verschleiert. „Zur Veröffentlichung bestimmte Nachrichten und Informationen in Wort und Bild sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden.“ heißt es im Pressekodex. Handelt es sich bei der von der ersten Spiegel-Story angegriffenen Literatur wirklich, wie suggeriert wird, um „Drehbücher für Amokschützen“? Ich bezweifle das.

Wer Lust hat hat, einen Beitrag über gewaltverherrlichende Stellen und Texte aus Spiegel und Spiegel.de zu verfassen, der möge sich melden. Übrigens plant man, gegen kriegsverherrlichende Websites vorzugehen, in dieser Angelegenheit würde sich für die zu erwartende Zensurbehörde auch ein Blick auf die Berichterstattung bei Spiegel.de lohnen, die sichtlich Mühe hatten, sich vom Kriegsgeschrei US-Amerikanischer Medien („Amerika under attack“) wenigstens dem Anschein nach zu distanzieren. Allein die unverantwortliche Anthrax-Berichterstattung in Spiegel.de wäre eine eigene Analyse wert…

Lesetipps:

Nachtrag im Juli 2002:

Erwartungsgemäß haben weder Holger Kulick noch Spiegel.de eine positive Besprechung von fünf positiven Websites nachgereicht. Der weltfremde Elfenbeinturm abgehobener Schreiberlinge ist scheinbar realitätsresistent.

Mein Angebot an Holger Kulick, mit ihm zusammen eine Website zum Thema Journalismuskritik aufzubauen, hat selbiger nicht angenommen und ist nach wie vor seiner Recherchepflicht nicht nachgekommen, die darin bestanden hätte, Kontakt mit mit aufzunehmen. Vermutlich mangels Fähigkeit zur Selbstkritik. Vielleicht erscheint es ihm auch schwieriger, als seine übliche Arbeit: Ein Wort in eine Suchmaschine eingeben, darüber berichten und das dann als Recherche ausgeben.

Die Zahl der Hits auf Kaschemme.de, die auf der Eingabe von „kaschemme.de“ und „pumpgun“ basierten, ist seit der fahrlässigen Falschmeldung von Spiegel.de um das Vierzigfache gestiegen.

Informiert seine jugendlichen Leser im ‚Games Corner‘ über neue, gewaltverherrlichende, rassistische, das Töten lehrende Computerspiele: spiegel.de

Das heißt: Durch verantwortungslosen Journalismus eines schlecht recherchierenden Autoren, dessen denunziative Texte in ihrer absichtlichen Wirklichkeitsverzerrung knapp am Pressekodex vorbeischrammen, veröffentlicht in einem Magazin, dass es vorzieht, ausschließlich Negativ oder über Negatives zu berichten, wurden vierzig mal mehr Menschen mit den angeblichen Drehbüchern für Amokschützen konfrontiert und – so die These des Spiegels – zum Amoklauf inspiriert, als ohne Spiegel.de.

Paranoiker mögen Absicht vermuten: Denn in einem Artikel über das Kriegsverbrecher-Trainingsspiel Americas Army informiert der Spiegel alle Jugendlichen unter den Lesern im Spieleteil seines Hetzblatts freizügig über neue Gratis-Ego-Shooter. [Polemik_on] Bloss Gipfel der Heuchelei oder schon der Versuch, weitere Gewalttaten unter unschuldigen Jugendlichen zu provozieren, um wieder was zu berichten zu haben? [Polemik_off] Da bleibt einem der ‚;-)‘ im Halse stecken.

Der Kaschemmenwirt

Gründer und Herausgeber des Literaturmagazin Zarathustras miese Kaschemme, welches seit 1989 in rein elektronischer Form erscheint und damit eines der ersten deutschen, wenn nicht europäischen Magazine seiner Art gewesen sein dürfte. Mag Literatur.

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.