Seemannsgarn

I.

Nachdem mein Jollenkreuzer abgelegt hatte, sank der Luftdruck, sammelten sich Wolken. Eine Stunde flussabwärts wurde das Unwetter zur Gewissheit. Mein Boot schaukelte wie ein Papierschiff in der Fahrrinne: Das Vorsegel ließ sich nicht los machen. Ich klammerte mich ans Ruder und starrte auf ein Frachtschiff, auf ein Hochhaus im Wasser, das auf mich zu schoss. Vor dem Zusammenstoß aber sprangen so viele Wellen an Bord, dass ich kenterte. Ich blieb wie angenagelt sitzen, während wir sanken. Plötzlich wurden wir vom Sog des Frachters jäh empor gerissen. Regenbogengroße Schiffsschrauben schüttelten den Fluss wie der Barmixer den Cocktail. Immer schneller ging die Tauchfahrt, bis ich mit meinem Boot aus dem Wasser und im hohen Bogen durch die Luft, über die Gischt hinweg flog. Bei der Landung schwappte sämtliches Wasser über Bord, es löste sich die Rolle, das Vorsegel erschlaffte, es flatterte im Wind. Endlich hatte ich die Möglichkeit, ans Ufer zu kreuzen. Kaum hatte ich den Entschluss dazu gefasst, flaute der Sturm ab. Sonnenstrahlen zerfetzten den Wolkenvorhang, sie rissen ihn in Stücke.

II.

Es war irgendwo über der Mordsee, irgendwo zwischen Engelland und dem Rest der Welt. Die Tragflächen begannen zu zerbröckeln, zu zerbröseln, sich in Luft und Wohlgefallen aufzulösen. Dr. Tod, der Pilot, versuchte die Lage runterzuspielen, eine Lage, die sich der tosenden See zuneigte. Die Düsendrohne schlingerte, die Stahlblechschnepfe stürzte ab. Ich nestelte einen Folianten aus der Aktentüte, ein Abschiedsgeschenk Höhensonnenheidis, meiner Gast- und Gunstgeberin. Der Titel „Die großen Katastrophen der Weltgeschichte“ reizten Nerven und Neugier. Ich warf einige Blicke, vielleicht meine letzten Lebensaugenblicke, hinein. Kaum, dass ich die Zeichnung „Titanic unter Eisbergen“ würdigen konnte, riss es mich aus Sitz und Stahlblechschnepfe heraus. Meine Flugbahn zeichnete die Form einer Bogenlampe nach. Rückblickend sah ich die Düsendrohne in Neptuns gischtzerwühltem Schlund verschwinden. Dann stemmte ich „Die großen Katastrophen der Weltgeschichte“ unter meine Sitzhälften. Ich prallte auf Neptuns Bauch auf. Doch Neptun hatte keinen Hunger mehr. Er schleuderte mich zurück in die Luft. Mit großen Sprüngen hüpfte ich über ihn hinweg, über seine Schuppenhaut. Ich tanzte wie ein Teufel oder Derwisch auf der Gischt, über fauchende Wellen hinweg. Legoland ließ ich links liegen, obwohl es freundlich grüßte. Ich raste über die Tumbtonische Bucht, dann die Elbe hinauf, bis ich, nach und nach an Fahrt verlierend, meine Anker auf den Strand von Blankenese warf.

 



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Rüdiger Saß:
Das nervöse Zeitalter: oder Literatur zum Kilopreis
dasnervoesezeitalter

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008.
Siehe auch www.myspace.com/leereimer – Noch zu haben: Nachtstühle – Erzählungen und Prosa

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