Sie schlief

Sie schlief. Er strich ihr sanft über die Schulter und schmiegte sein Gesicht an sie. Sie sprach lachend, ohne daß sie erwachte. Er strich weiter und sie sprach lachend. Er verstand ihre Worte nicht. Es war ein gelallter Brei, der jedoch wohlig seinen ganzen Körper erzittern ließ. Sie lachte. Alle lachten. Das Zimmer war hell erleuchtet. Alles war voller Leute. Sie saßen rund um das Bett und lachten. Manche standen, die Ohren gegen tuschelnde Münder geneigt, kichernd in einer Ecke. Sie tranken Rotwein. Blicke flogen auf ihn. Er lag entspannt an ihrer Seite und lauschte dem Lachen. Da drehte er sich zur Seite und begann mit den vielen Leuten, lauter alte Bekannte, zu reden. Sie antworteten durch Lachen. Auch er begann damit. Das ganze Zimmer schallte vor Lachen wider. Pferde wieherten. Alle Leute bekamen Pferdeköpfe und aus ihren Nüstern prustete es. Mit den Hufen schlugen sie den Takt. Ohrenbetäubend war das Poltern und Galoppieren. Sie lallte und lachte. Er nahm den Arm von ihrer Schulter und verschränkte sie genüßlich unter dem Kopf. So sah er in die Runde seiner Pferde. Alle wieherten. Da fuhr sie plötzlich aus dem Schlaf. Ein Wind hob die Bettdecke und schleuderte sie durch das geschlossene Fenster hinaus. Das Schallen und Wiehern überschlug sich. Ihr Lachen erschauderte. Nackt kniete sie neben ihm und mit gewaltiger Wucht knallte ihre Hand gegen seine Wange. Er erwachte. Was ist? Wie? Nie, nie! Es war nichts. Die Nacht klebte schläfrig an den Fenstern, die Finsternis matt an seinen Augen. Das Zimmer lag still. Nichts bewegte sich. Ein leichter Wind heulte streunend vor dem Fenster. Regen schlug gegen die Scheiben. Im Zimmer war es kalt. Die Kälte strömte durch die Glasscheiben. Mit einem Vorhang vor diesen wäre es wärmer gewesen. Er besaß keine Vorhänge. Nichts hinderte die Kälte am Eindringen; sie hockte drüben an der anderen Hauswand und sprang elastisch wie ein Athlet zu ihm herüber. Hier stand sie schweigend und wartend. Wie abgestandenes Wasser. Mit den Händen schwamm er zum Tisch hinüber. Es fröstelte seinem Oberkörper. Er zündete eine Zigarette an und tauchte erlöst zurück in die Trockenheit seines Bettes. Nur das Gesicht und eine Hand gab er der nassen Kälte preis. Niemand. Allein. Die letzten Hufe versanken blass in den Wänden. Nur ein Traum, nur ein Traum. Die Realität fegte ihn fort. Die Realität ist öde, ist Nacht, ist abgestandenes Wasser. Da lacht keiner.

Manfred Bibiza

Also: Neuzehnhundertneunundfünfzig erstmals gezwinkert (in Tirol), dann Kindergarten, dann Schule, dann immer noch Schule, dann Fotografenlehre, dann Müßiggänger (die besten, dh sowohl die glücklichsten als auch unglücklichsten Jahre), dann Zivildiener, dann Hilfsarbeiter, dann abschlußloser Architekturstudent, dann arbeitslos, dann Arbeitssklave ... künftig weiterhin Arbeitssklave, dann Mindestrentner, dann Leiche ... aber bis dahin lebe ich, und zwar schon seit Jahrzehnten, in Wien.

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