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	<title>Zarathustras miese Kaschemme &#187; doppelgänger</title>
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	<description>Blog &#38; Magazin für exzentrische Literatur</description>
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		<title>Wir tun so, als täten wir so, als führen wir mit der Bahn in Tokio</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Apr 2011 05:25:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Viktor Szukitsch</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Japan]]></category>
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		<description><![CDATA[In William T. Vollmanns skandalöser Weise noch nicht auf deutsch erhältlichem Sachbuch Poor People findet ein japanischer Nachtclub Erwähnung, der den vielsagenden Namen „Subway Molesters“ trägt. Dort, so erklärt Vollmann, hätte der zahlende Gast für eine bestimmte Zeitspanne Gelegenheit, in einem, U-Bahnen zur Hauptverkehrszeit nachempfunden, überfüllten Raum Mädchen zu begrabschen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In <a href="http://www.amazon.de/gp/redirect.html?ie=UTF8&amp;location=http%3A%2F%2Fwww.amazon.de%2Fgp%2Fentity%2FWilliam-T.-Vollmann%2FB000AQ3MP4%3Fie%3DUTF8%26ref_%3Dntt_athr_dp_pel_1&amp;site-redirect=de&amp;tag=scarewarede-21&amp;linkCode=ur2&amp;camp=1638&amp;creative=19454" target="_blank">William T. Vollmann</a>s skandalöser Weise noch nicht auf deutsch erhältlichem Sachbuch <em><a href="http://www.amazon.de/gp/product/0060878843/ref=as_li_ss_tl?ie=UTF8&amp;tag=scarewarede-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;creativeASIN=0060878843" target="_blank">Poor People</a> </em>findet ein japanischer Nachtclub Erwähnung, der den vielsagenden Namen „Subway Molesters“ trägt. Dort, so erklärt Vollmann, hätte der zahlende Gast für eine bestimmte Zeitspanne Gelegenheit, in einem, U-Bahnen zur Hauptverkehrszeit nachempfunden, überfüllten Raum Mädchen zu begrabschen.</strong></p>
<p>Dass einseitig angemaßtes<strong> </strong>Fremdenpetting in japanischen Bahnen eine weniger große Seltenheit ist als in mitteleuropäischen Nahverkehrsmitteln, kommt einem nicht gänzlich unbekannt vor. Es ist aber auch nicht das erste, was einem zu diesem Land einfällt. Auf der ziemlich improvisiert wirkenden Internetseite <em>Facts and Details </em>fand ich einen Beitrag, der da hieß „<a href="http://factsanddetails.com/japan.php?itemid=672&amp;catid=19&amp;subcatid=127" target="_blank">Sex, Children, Teachers und Subways in Japan</a>“. Man muss schon ein bisschen ein Insider sein, was fernöstliche Sexphantasien angeht, um da nicht das Wort, das nicht in die Reihe passt, rot umkreisen zu wollen.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1575" title="Subway UBahn Animation - FotoAnimator: der.wirt" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/04/subway_ubahn_animation.gif" alt="" width="240" height="180" />Der Artikel platzt vor Wissenswertem. So erfährt man zum Beispiel, dass es einen Namen gibt für die Männer, die die Enge des Abteils zum Befühlen nebenstehender Frauen nutzen: Sie heißen <em>chikan</em>. Das weiß doch aber eh schon jeder, heißt es jetzt. Na gut, wer Folgendes aber auch schon weiß, ist entweder ein abstrus spezialisierter Wissenschaftler oder aber er gehört getadelt ob seines zwielichtigen Bekanntenkreises. Es gibt nämlich einen <em>Chikan</em>-Verein, der immer mal wieder zusammenkommt, um Tipps für erfolgreiches und straffreies Grabschen auszutauschen, und eines der Mitglieder, ein gewisser Samu Yamamoto, moderierte Mitte der 90er Jahre eine Late-Night-Show namens „Enzyklopädie des Grabschens“, wo er seine Weisheit mit skimaskiertem <em>Chikan</em>-Nachwuchs teilte. Wer nun denkt, so ein Programm hätte ja wohl in etwa den selben Marktanteil wie eine Liveübertragung des alljährlichen Winterweitweinens zu Kopenhagen, dem sei empfohlen, sich auf besagter Seite von der übermäßig großen Beliebtheit des <em>Chikan</em>-tums zu überzeugen.</p>
<p>Dass es so etwas in Japan in recht großem Stile gibt, kann man dem Land verzeihen, wenn auch nicht den Inhabern dieser illegalen Gewohnheiten. Dass es einen Club gibt, der die U-Bahn-Experience simuliert, scheint mir sehr viel irritierender. Dass etwas legal simuliert werden muss, das in der Realität nur in seltenen Fällen juristische Konsequenzen nach sich zieht, so zumindest der oben genannte Artikel, scheint mir seltsam. Dass etwas legal simuliert werden kann, das seinen Reiz ja wohl hauptsächlich aus der Illegalität der Handlung zieht, spricht für die außerordentlichen Verdrängungsfähigkeiten japanischer Widerlinge.</p>
<p>Wie dem auch sei: Man stelle sich einmal vor, man hätte das Vergnügen, so ein Etablissement tatsächlich zu besuchen. Vollmanns Club lässt zwar nur Japaner ein, aber man kann sich ja vorstellen, man wäre Japaner, vielleicht ist man ja sogar Japaner, oder, wem das lieber ist, man stelle sich eben vor, der Club wäre vorurteilsfreier. In einer perfekten Welt dürften ja sowieso Menschen aller Nationalitäten in die jew. U-Bahn-Fummel-Simulationsgaststätte ihrer Wahl.</p>
<p>Wie sieht so ein Ding also aus?</p>
<p>Ich stelle mir vor, dass der Raum, in dem das alles stattfindet, in etwa so länglich und schmal ist, wie die Bahn, die er zu simulieren gezwungen wird. Ansonsten sieht sich der Betreiber vor allerlei unangenehme Entscheidungen gestellt: Soll er die übermäßige Breite des Raumes zum Beispiel ebenfalls mit Fahrgästen, oder vielleicht Fahrgastattrappen auffüllen? Sehr realistisch ist das nicht. Allerdings wahrscheinlich doch etwas besser, als die Menschen sich innerhalb eines markierten Rechtecks drängen zu lassen, während Steppenläufer (das sind diese durch die Wüste rollenden Dornbuschballen, die auf englisch tumbleweed heißen) durch den Rest des Saals wehen. Der eintretende Gast käme sich vor wie ein Bräutigam, der aus der Kirche in einen aus Freundesarmen gebildeten Glückwunschtunnel tritt.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1575" title="Subway UBahn Animation" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/04/subway_ubahn_animation.gif" alt="" width="240" height="180" />Musik läuft wohl keine. In U-Bahnen läuft in der Regel ja auch keine Musik, obwohl ich weiß nicht, wie das in Japan ist. In Brügge, wo ich einmal war, plärrte sogar auf der Fußgängerzone laut Radio aus kleinen Hochfrequenzboxen, was der Stadt das romantisch Altertümliche ebenso austrieb wie es das lebensnah Erotische aus japanischen U-Bahn-Bars verdammen würde. Eine Bar, noch dazu eine überfüllte, in der keine Musik liefe, wäre aber eine beklemmende Sache. Vielleicht werden ja aber als Kompromiss Zug-Geräusche eingespielt, die der zufriedene Gast im Souvenirladen am Ausgang auf CD erstehen kann.</p>
<p>Wahrscheinlich ähnelt das Ganze weniger einer Bar als einer Kirmes-Attraktion. Vor dem samtverhangenen Eingang steht ein Ausrufer mit Klappzylinder und bittet Vorbeigehende näherzutreten. Die Kopfbedeckung lässt Frack etc. erwarten, jedoch trägt dieser Ausrufer ein Longsleeve mit einem T-Shirt darüber, auf dem so etwas geschrieben steht wie <em>Jährlich sterben 240 Kinder auf malaysischen Hanfplantagen </em>und außerdem Jeans. Weil japanische Grabschclub-Betreiber keinen Sinn haben für stereotype Zirkusästhetik.</p>
<p>Man tritt ein und zahlt bei dem studentischen Kassenmädchen das Yen-Equivalent von 75 Euro. Wer keine Aktentasche dabei hat, kann sich gegen eine kleine Kaution eine leihen, weil wer ohne Aktentasche in der Rushhour steht, der träumt und steht gar nicht in der Rushhour. Dann begibt man sich zum wirklichen Eingang, der eine Bahntür eines längst ausrangierten Bahntyps ist, die der Bruder des Barbesitzers vom Schrottplatz geerntet hat. Man zieht die zweite Tür zur Seite und betritt den Waggon.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1575" title="Subway UBahn Animation" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/04/subway_ubahn_animation.gif" alt="" width="240" height="180" />So wie Vollmann das beschreibt, scheinen da nur Mädchen im Zug zu sein. Das kommt mir aber unwahrscheinlich und simulationshinderlich vor, und Vollmann als Nichtjapaner war schließlich nicht wirklich drin. Also sind da zumindest ein paar Männer, die sich wahrscheinlich in den hinteren, dem Gast nicht so leicht zugänglichen Teilen des Raumes aufhalten. Beziehungsweise: Wir sind ja nicht der einzige Gast, schätze ich, und der simulationsdienliche männliche Prozentsatz der Passagiere wird also, wenn möglich, von anderen Gästen gestellt. Das spart natürlich Geld. Sollte man den Fehler machen, um 9 Uhr morgens in die Bar zu gehen, wenn alle normalen Menschen tatsächlich zur Arbeit pendeln, ist man entweder wirklich allein unter den weiblichen Angestellten und muss sich vorstellen, man wäre in den Schulausflug eines Mädcheninternats geplatzt, oder aber der Besitzer hat für diese eher traurigen Stunden männliches Personal eingestellt, bzw. verdingt seine Familie für diese Zwecke.</p>
<p>Männlicher Statist in einer U-Bahn-Bar zu sein stelle ich seltsam vor, da gäbe es allerhand zu sagen, aber wir stellen uns ja schon vor, wir seien Gast, und fürs Erste muss das genug sein.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1575" title="Subway UBahn Animation" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/04/subway_ubahn_animation.gif" alt="" width="240" height="180" />Wir sind jedenfalls im Mantel der Nacht hierher gekommen und der Waggon ist also beinahe zur Hälfte mit Kunden voll, zur anderen Hälfte mit Mädchen, insgesamt also gerammelt, wie man sagt.</p>
<p>Und gerammelt nach japanischem Standard natürlich. Es gibt ein Video auf Youtube, das zeigt, wie an einem Stopp Asiaten in eine sowieso schon übervolle Bahn drängen und einige Bahnangestellte drückend und schiebend dabei behilflich sein müssen, auch den letzten noch aus dem Türbereich in die Waggons zu bekommen, was ein wenig so aussieht, wie wenn man einen nachlässig zusammengerollten Schlafsack in seine Hülle zwängt.</p>
<p>Wer illegal grabscht, grabscht hier sehr gut, weil sich in so einer Bahn niemand auch nur umdrehen, geschweige denn wehren kann. Wer illegal grabscht, tut dies außerdem, so stelle ich mir vor, einigermaßen wahllos. Wir aber haben 8500 Yen gezahlt und finden uns jetzt umgeben von drei kurz vor uns eingetreten älteren Herren und das einzige Mädchen, das wir mit unseren einigermaßen unfreien Händen erreichen könnten, ist nicht unser Typ: Wir würden sie noch nicht einmal angrabschen, wenn wir nicht dafür gezahlt hätten.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1575" title="Subway UBahn Animation" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/04/subway_ubahn_animation.gif" alt="" width="240" height="180" />Es ist ziemlich ruhig hier, bis auf die Bahngeräusche aus der Dose. Die Luft ist unglaublich stickig und warm, es riecht nach Schweiß, nassem Leder, altem Rauch und Sperma. (Es besteht vielleicht ein Onanierverbot aber setz das mal durch.) Keiner spricht, diverse Männer stöhnen typisch pervers, die Mädchen werden bezahlt fürs still sein und -halten, in der Position einarmiger Kirschenpflückerinnen hängen sie an den Deckengriffen und würden möglicherweise sogar etwas simulant schwanken, wenn es bloß nicht so voll wäre. Sie alle tragen stereotyp Mädchenhaftes, das heißt entweder die vor allem in Japan sehr beliebten Schuluniformen oder aber knapp bemessene Kinderklamotten in pink und weiß. Die Kleider sind verrutscht und wirken so dreckig wie das schweißdurchtränkte Bettlaken der minderjährigen Hure, die Garcia Marquez in seinem besten Roman mit ihrer gierigen Großmutter, glaube ich, durch den Urwald tingeln lässt, wo sie hunderten von Kunden pro Nacht und Tag Befriedigung verschaffen muss. Wer von den <em>Chikans</em> noch glaubt, hier Unbeflecktes beflecken zu können, der hat sie nicht alle.</p>
<p>Und, oh, ist uns unwohl hier zwischen diesen von den sogenannten Snakeheads, einer weniger stylischen Yakuza, nach Japan geschmuggelten Huren mit ihren gelangweilten Gesichtern und blutleeren Armen und den geifernden Kunden, zu denen jeder Außenstehende uns zählen müsste, was unserem Selbstbewusstsein gar nicht gut tut. Wir wollen raus, aber wir müssen tatsächlich bis zur nächsten Haltestelle warten, kein Scheiß, so weit geht das hier mit dem Realismus, aber da ist eine Signalstörung oder Umbauarbeiten oder ein Selbstmörder und kein Halt in Sicht. Für alle Anderen ist das eine Art happy hour, für uns der blanke Horror.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1575" title="Subway UBahn Animation" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/04/subway_ubahn_animation.gif" alt="" width="240" height="180" />Neben uns streiten sich zwei Männer mit Sakeatem, wessen Hände wo weg sollen. Hinter dem gleichgültig zerfledderten Rücken des Mädchens, das in Gedanken Stundenlöhne von ihren Mafiaschulden subtrahiert, werden Gebiete abgesteckt wie in Jugoslawien. Der eine fordert oben vorne, bietet oben hinten, aber wer will schon oben hinten: Oben hinten ist das Palästinensergebiet unter den Körperregionen. Da muss mindestens noch unten hinten draufgelegt werden wie Camembert auf Kirmes-Käsekörbe, aber wer bekommt dann unten vorne? Eigentlich müsste der Konflikt in eine Prügelei ausarten, aber erstens kann ich mir eine einfache Prügelei ohne Handkantenschläge und minutenlanges Inderluftsein zwischen Asiaten nicht vorstellen und zweitens lässt die Enge des Abteils sowieso nichts Derartiges zu. Vielleicht spucken die beiden sich gegenseitig an. Damit kann ich leben.</p>
<p>Das Mädchen, das nicht unser Typ ist, sieht uns der derweil mit besorgten Augen an, weil wir sie nicht begrabschen, und hofft, dass niemand ihre relative Unzerfleddertheit bemerkt, weil sonst ist sie womöglich ihren Job los. Um ihr die Schmach des Harakiri-Zerfledderns zu ersparen, zerren wir ihr also einmal schnell an ihrer weißen Bluse, die sofort an der Schulter einreisst. Kurz ist das Mädchen verwirrt, dann aber sieht sie uns dankend an: Der moderne Samariter zerreisst nicht seinen eigenen Mantel, das haben wir heute gelernt.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1575" title="Subway UBahn Animation" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/04/subway_ubahn_animation.gif" alt="" width="240" height="180" />Minuten vergehen, in denen nicht viel passiert, außer dass die Luft immer schlechter wird. Wir denken: Raus, raus, raus, raus, raus, raus. Wir denken auch: Wenn einer meint, so ein Etablissement holt die Perversen wenigstens von der Straße, kanalisiert ihre Lust also auf legalem Weg, dann sei diesem erwidert, dass die Mädchen hier nicht arg viel glücklicher über ihr Befummeltwerden wirken als es ihre Geschlechtsgenossinnen auf dem Weg zur Arbeit wahrscheinlich tun. Dass die hier dafür bezahlt werden, macht kaum einen Unterschied, weil die anderen werden dafür bezahlt, dort zu sein, wohin sie mit der Bahn, in der sie befummelt werden, fahren. Letztendlich ist das Jacke wie Hose. Dann denken wir wieder: Raus, raus, raus.</p>
<p>Irgendwann ist es dann endlich vorbei. Es macht vielleicht „Ding“ und das heißt dann, man  muss aussteigen und erlöst treten wir in diese schöne Freiheit, die sich auftut, wenn sich eigener Wille und äußerer Zwang decken. Wir atmen unversamte Luft und entfernen uns ganz schnell von den anderen Fahrgästen, bevor uns noch einer von denen auf ein Bier einlädt. Diese Leute tendieren, wie wir wissen, zur Rudelbildung, machen gar Vereine auf, was noch so eine irritierende Sache ist. Einen „Verein deutscher Freier“ kann ich mir nicht recht vorstellen. Aber vielleicht sollte ich den anerkannten „Freierforscher Udo Gerheim“ fragen, den ich soeben auf der Malmoe-Website gefunden habe. Der weiß da sicher mehr.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Im Spiegel</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Feb 2011 09:00:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Fightestörk</dc:creator>
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		<description><![CDATA[An Tagen wie diesen, an denen man leicht von der eigenen Minderwertigkeit umspielt wird, kommt man sich von dieser nur geweckt vor, nur gekniffen, aber man könnte ebenso an diesem Kniff verbluten, weil sie so mordlustig und bösartig ist.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright size-full wp-image-1456" title="Spiegel-Kugeln" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/02/spiegelkugeln_1.jpg" alt="" width="100" height="346" />An Tagen wie diesen, an denen man leicht von der eigenen Minderwertigkeit umspielt wird &#8211; vielleicht nicht mal eine, die dir zeigen will, dass Jemand oder Etwas höher ist als das Du (Ich), in dem man sich nur gefangen sehen kann, aber nie ausbrechen will, in einem Schwindel der Freiheit, dem man sich immer ausgesetzt fühlt, aber nie erliegt, eingeschweißt in die eigene Pathologie, sondern gar eine, die jede Zuschreibung eines Sinnes im vielleicht dem Menschen in dieser Zeit eigenen ewiglichen Herumtraben und Einstampfen von papierischen Numerologien, Gratiscoupons, Altmetall von Feuerzeugsteinen und Postkastenständern und Rückspiegeln, Reue, Lippenstifthaltern, alten Büchern, neuen Büchern, Glas und Vorurteilen, dem Einstampfen des Ichs (Dus) quer hindurch verbietet, ins Absurde führt, das uns ganz alleine einmullt, nicht wie einen Kranken, sondern wie einen völlig krank werdenden, unrettbaren Retten-Müsser &#8211; man denkt jedenfalls, dass man sich retten müsse &#8211; kommt man sich von dieser nur geweckt vor, nur gekniffen, aber man könnte ebenso an diesem Kniff verbluten, weil sie so mordlustig und bösartig ist und mit ihrem Gesicht aus tausend Gesichtern von vor zwei Minuten und vor ein paar Jahren, von Gesprochenem und Gesehenem tollwütig in das eigene lacht.</p>
<p>Gibt es für dich daran einen Witz, spricht er sich wohl nur als der, dass an diesen Tagen die einzigen Schwächen, und das als solche, die größten Pranken haben und das Stärkste in dir sind, als Ausspruch der unveränderlich ist &#8211; wenn dir Lacan fest ins Ohr beißt weißt du, wie tief sich der Gott den es gibt weil er in deinen Gedanken und auch außerhalb ist oder vielleicht auch nicht in die Faust lacht. Selig sind, die Leid tragen. Aber du trägst es nicht, du versprachlichst Gemeinheiten, Absonderlichkeiten, reibst sie dir selbst in den Nacken und kannst auch nur von dir selbst sprechen, weil das die einzige Wissenschaft ist, in der du studiert bist, du träumst von aufgeschnittenen Stallhengsten und Poolanlagen mit goldbrüstigen Mädchen und von Kokain im nächtlichen violetten Tokio, weil es dich eben gibt weil du in deinen Gedanken und auch außerhalb bist oder vielleicht nicht &#8230; in die Faust lacht.</p>
<p>Und das machst du ständig, nicht nur als Mittel, derer gibt es mehr irgendeinen Gott zu verleugnen und die Welt zu schultern als es dann möglich wäre, etwas anderes über das Faustlachen zu sagen als dass es profan und unzeitgemäß und langweilig ist, wenn man nämlich am Galgen baumelt muss man lachen und es liegt mehr Romantik darin als in fast allem Anderen, nur mit einem blauen Auge lässt es sich leben, und meistens nicht ein mal dann.</p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1457" title="Spiegel-Kugeln" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/02/spiegelkugeln_2.jpg" alt="" width="100" height="328" />Wenn er in den Spiegel schaut&#8230; schreibt Jotie T&#8217;Hooft Neunzehnhundertachtundsiebzig und schon in der nächsten Schrift kapituliert er vor seinen Heroinwehen. Wenn ich in den Spiegel schaue erkennt mich eine Nase mit großen Schlöten wieder, wie von einem Schwein, sie schauen mich mit runden schwarzen Augen an. Weiterhin gibt es da ein ausdrucksloses Grinsen, mit einem schmalen Kiefer mit recht geraden Zähnen und äffischen, spitzen Eckhauern, festen Backen und geröteten Jochbeinen. Dreckigblonde Haare von strohiger Konsistenz über polarblauen Augen. Ich erkenne darin keine Schönheit oder ein Konzept. Es ist wohl neutral. Vielleicht ein wenig unbedarft, mit einem bösartigen Einschlag.</p>
<p>An solchen Tagen sehe ich in den Spiegel und suche meinen Hals ab nach dem Käfer mit den großen harten Säbelzangen, den man Weltschmerz nennen mag, wenn man an meinem Tag mit schnauzbärtischem Pathos aufgewacht ist, von Zeit zu Zeit lässt er die Luft aus meinen Venen, und dann zischelt eine Stimme wie aus einem grobporigen Fahrradschlauch: »Siehst du, das passiert, wenn man zu viele Fragen stellt!«</p>
<p>Dann muss ich zusehen, wie sich mein Genick langsam zusammenfaltet, mein Schädel verwelkt und erst wenn alle Luft raus ist, kann ich wieder anfangen zu atmen. Dann liege ich in meinem Bettgestell oder in einem Busbahnhof oder in meiner Armbeuge und sobald wieder Luft an das Hirn unter den unkämmbaren Haaren kommt, durchfahren mich zur selben Zeit all die lächerlichen Angelegenheiten, um die ich mich sonst nie kümmere, als ob etwas in mir aufwacht und mir vorwirft, dass ich andere Schmerzen als die der vielen, gemeinen Kleinigkeiten gar nicht zu tragen hätte, dass keine der großen, schweren Warums mein Geschäft wäre &#8211; und das sind sie wohl auch keinesfalls &#8211; aber ein Vertrag, der nie unterschrieben wurde und nie unterschrieben hätte werden sollen, lässt sich nicht abändern. <img class="size-full wp-image-1457 alignright" title="Spiegel-Kugeln" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/02/spiegelkugeln_3.jpg" alt="" width="100" height="359" />Wie lange komme ich noch mit all dem Gift davon, das ich so begeistert in mich reinschlucke und reinatme? Ist es die Einsamkeit, die ich brauche, oder ist sie mein ärgster Feind mein liebster Feind mein verhasster Freund? War ich schon mal vollkommen, ohne es zu bemerken? Diese Fragen würde ich noch mit Sicherheit beantworten können, Stück für Stück. Aber nicht heute, und sie waren nie lächerlich, nur lächerlich einfach zu beantworten. Veränderung ist mir schwer zu akzeptieren, sie bedeutet dir, dass du noch nicht abgeschlossen warst.</p>
<p>Wie kann man nur so verbittert sein, so skeptisch und in einer eisigen Rille festgefahren, und das vor seinem einundzwanzigsten Geburtstag, voller energiesaugender Zecken im Kopf.</p>
<p>Einbildung, Fantasie, Rausch?</p>
<p>Mit verkohltem Schädel hört das Ich (Du) irgendwann immer wieder auf, sich Sorgen zu machen, sich zu fürchten, sich zu ekeln. Wenn es etwas schönes vernimmt, einen Schutthaufen im süffigen Morgenwind erklimmt, eine Flasche Augustiner und ein Bündel Telefonkabel zwischen den Fingern, in ein Handtuch vergraben die eigene Nase in der Adriasonne beobachtet, eine Rechte in den Magen geschoben bekommt und dabei lachen muss, wenn plötzlich die Sonne ihre Arme durch die Wolken plumpsen lässt und sie dir das Gesicht warm verpacken, wenn ein Mädchen auftaucht, aus dem nichts und doch lang herbeigesehnt, das die Tage plötzlich anders macht. Wenn du mit Sartre zusammen vor Streifenpolizisten flüchtest. Wenn die Welt kurz aufplatzt und dich unter ihren Rock sehen lässt, noch hinter der Naht, wenn du auf ein mal ganz klar die Fäden zählen kannst.</p>
<p><img class="size-full wp-image-1459 alignleft" title="Spiegel-Kugeln" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/02/spiegelkugeln_4.jpg" alt="" width="100" height="360" />An jenen und an diesen Tagen, das heißt fast immer, bin ich doch um eines reich und frei von so manchen Unterwerfungen und vom Bereuhen und von den Stirnschmerzen die hier säuberlich in grellfarbene Rucksäcke und Reisekoffer und Mänteltaschen gebettet sind. Ich sage »Ja« und »Nein« zum Leben, aber niemals: »Vielleicht«</p>
<p>Das mag die einzige Kunst sein, die ich je gelernt habe und lernen musste, als wohlbehüteter, aber immer gefährdeter und gefährlicher Prototyp und unreifer Steinewerfer unter den Kindern des ausgehenden Jahrtausends, unter den Geburten aus dem Kalten Krieg und dem Mauerfall heraus. Keinesfalls macht mich das, als Tugend die nur aus der Not entsteht zu etwas Besonderen oder auch nur Alleinigem, bleibe ich doch immer ein Exemplar unter Exemplaren, ein lädiertes, hinkendes zwar, aber weder ein schnelleres noch ein langsameres, wenn die Tüpfelhyänen die Hälse nach Kranken recken. In meiner Sonnenbrille und der unauffälligen nächtlichen Garderobe scheine ich doch gut verpackt und kerngesund. Das beeindruckt bestenfalls mich, aber das und mein Restgenießen in absonderlichen Momenten, in kleinen Altstadtkinos und über Buchbäuchen und an Theken mit Bierflaschen wie Pilze in den bayrischen Wäldern, immer um einen Stamm versammelt, und einer davon anstimmt »Ich trinke um zu vergessen dass ich trinke«, in Gedanken an Reisen in südliche Länder im Sommer und dem Nehmen und Geben mit meiner geliebten, durchtriebenen Frau lässt mich heute weiter Gipfel bejubeln und in Tälern lachen.</p>
<p>&nbsp;<br />
-<br />
&#8211;<br />
&#8212;</p>
<hr />
<p><strong>Bücher von <a href="http://www.amazon.de/s?ie=UTF8&#038;search-alias=books-de&#038;ref_=ntt_athr_dp_sr_1&#038;field-author=Johannes%20Fightest%C3%B6rk&#038;_encoding=UTF8&#038;site-redirect=de&#038;tag=sflex-21&#038;linkCode=ur2&#038;camp=1638&#038;creative=19454" target="_blank">Johannes Fightestörk</a>:</strong></p>
<table border="0" cellspacing="0" cellpadding="0" align="center" bgcolor="#FFFFFF">
<tbody>
<tr style="vertical-align: top; horizontal-align: left;">
<td width="280">
<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3868585230/ref=as_li_ss_il?ie=UTF8&#038;tag=sflex-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=19454&#038;creativeASIN=3868585230" target="_blank"><img border="0" src="http://ws.assoc-amazon.de/widgets/q?_encoding=UTF8&#038;Format=_SL160_&#038;ASIN=3868585230&#038;MarketPlace=DE&#038;ID=AsinImage&#038;WS=1&#038;tag=sflex-21&#038;ServiceVersion=20070822" /><br />
<small>Sinthom</small></a></td>
<td width="280">
</td>
</tr>
</tbody>
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		<title>Essen und Trinken</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Dec 2009 22:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich mußte das Bewußtsein verloren haben, mußte wie tot dagelegen haben, auf einem Parkplatz, vor einem Kaufgewölbe, denn als ich aufwachte, war die Welt wüst und leer.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ausgerechnet an dem Tag, an dem mich meine Umwelt wie Luft behandelte, am Tag meiner Nichtbeachtung ging die Welt zugrunde. Bereits am Morgen war ich unter die Hufen eines Nashorns geraten, eines Dickhäuters in Nadelstreifen. Ich mußte das Bewußtsein verloren haben, mußte wie tot dagelegen haben, auf einem Parkplatz, vor einem Kaufgewölbe, denn als ich aufwachte, war die Welt wüst und leer. Zwar waren das Gewölbe und der Parkplatz noch da, aber die Menschen, diese Bienen auf zwei Beinen waren wie vom Erdboden verschlungen. Nichts rührte sich, nichts war zu hören, kein Wind, kein Vogel, kein Motor, die Welt vor meinen Augen lag so still und starr wie am Heiligabend da. Die Kaufgewölbe spielten Toter Mann. Ihre Türen glichen verrammelten Festungstoren. Denselben Eindruck vermittelten Polizeirevier, Siechen- und Spritzenhaus.</p>
<p>Ich trat – jäh frierend – den Rückzug an, ich zog mich nach Hause, in meine Wohnung zurück. Es zog mich in den Schutz meiner festen Burg, es zog mich zum Telephon, doch &#8211; oh Schreck! – auch das Telephon blieb stumm. Panik zerriß mein Herz, ein kalter, polternder Gast verbiß sich in meine Eingeweide. Ich hetzte in den Hausflur hinaus. Doch auch die Nachbarn gaben kein Lebenszeichen, niemand öffnete auf mein Klingeln, auf mein Klopfen.</p>
<p>Ich erwartete Gäste. Was, wenn sie kommen würden, was tun ohne Salz, ohne Öl, Mehl und Milch? Meine Vorratskammern, die Kaufgewölbe, waren geschlossen. Mein eigener Vorrat an Wasser und Brot reichte gerade einmal für drei, vier Tage. Bevor mich die Angst vor dem Hungertod packen, bevor sie mich mit Haut und Haaren auffressen konnte, klingelte es an meiner Wohnungstür. Es waren meine Freunde, gutgelaunte Gäste, die so taten, als ob nichts geschehen wäre. Auf meinen Einwand, ihnen nichts anbieten zu können, lachte einer von ihnen, wir hätten ja ihn und legte sich auf den gedeckten Tisch. Schon begannen meine Gäste, ihn mit Messern und Gabeln auseinander zu nehmen, einen guten Freund, der dazu lächelte, anstatt vor Schmerzen zu schreien. Seine letzten Worte waren, er freue sich, seinen Freunden als ein gutes Mahl dienen zu dürfen. Dann schloß er seine Augen, dann verschwanden sie in meinem Magen. Doch der Hunger, das gefräßige Tier, war noch nicht gebändigt, der Hunger verlangte nach mehr. Schon spürte ich, wie sich die Messer meiner Freunde in meine Muskeln fraßen, schon spürte ich eine Hand auf der Schulter, die Hand meiner Frau. Sie schüttelte mich und sagte: „Aufwachen, das Essen ist fertig!“</p>]]></content:encoded>
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		<title>besuch bei pinocchio</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Sep 2009 05:02:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daudieck</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
		<category><![CDATA[dekonstruktion]]></category>
		<category><![CDATA[doppelgänger]]></category>

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		<description><![CDATA[pinocchio zappelt / er kriegt kein bein auf die erde // der hampelmann ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/08/pinocchio_hoch.jpg" alt="Pinocchio by Enrico Mazzanti (1852-1910)" title="Pinocchio by Enrico Mazzanti (1852-1910)" width="220" height="496" class="alignright size-full wp-image-1231" /></p>
<p>k. wartete vor dem schloss<br />
danach ging er wieder</p>
<p>nun ist er da</p>
<p>von musil kam ulrich<br />
er floh aus kakanien</p>
<p>er ist schon länger da</p>
<p>pinocchio zappelt<br />
er kriegt kein bein auf die erde</p>
<p>der hampelmann<br />
zwischen dem feuerfresser und<br />
der fee mit den blauen haaren </p>
<p>sein leben kommt sein leben geht</p>
<p>rückenlagen kafkaesk<br />
zeichen von chitinbildung </p>
<p>mit pinocchio hätte sich geppetto<br />
mehr mühe geben können</p>
<p>k. und ulrich starren auf die fäden<br />
als der nächste holzscheit schreit</p>]]></content:encoded>
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		<title>Nur Kopien</title>
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		<pubDate>Sun, 31 May 2009 22:23:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Schida</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bild]]></category>
		<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[copy]]></category>
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		<category><![CDATA[leben]]></category>
		<category><![CDATA[oben]]></category>
		<category><![CDATA[simulacrum]]></category>
		<category><![CDATA[weise]]></category>

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		<description><![CDATA[Er folgt mir bis ins Terrassencafé in der 5. Ebene des Museums, ganz hinten bei den Impressionisten, deutet auf den Stuhl mir gegenüber, wartet mein Zeichen der Zustimmung gar nicht ab und setzt sich. Erst jetzt fallen mir seine schräg übers rechte Auge gezogene Mütze und der dunkle, am Kragen und an den Ärmeln leicht abgenützte Wintermantel auf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1103" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px">&nbsp;</p>
<div style="text-align: auto;"><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/helmut_schida_25_kirche-von-auvers-van-gogh.jpg"><img class="size-full wp-image-1103 " title="Helmut Schida: Die Kirche von Auvers" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/helmut_schida_25_kirche-von-auvers-van-gogh.jpg" alt="Die Kirche von Auvers" width="500" height="593" /></a></div>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><p class="wp-caption-text">Die Kirche von Auvers(Helmut Schida, Wien, Juni 2007, Replik nach van Gogh)</p></div>
<p>Er folgt mir bis ins Terrassencafé in der 5. Ebene des Museums, ganz hinten bei den Impressionisten, deutet auf den Stuhl mir gegenüber, wartet mein Zeichen der Zustimmung gar nicht ab und setzt sich. Erst jetzt fallen mir seine schräg übers rechte Auge gezogene Mütze und der dunkle, am Kragen und an den Ärmeln leicht abgenützte Wintermantel auf. Ich hab den Kerl schon einmal gesehen! War’s oben am Montmartre? Bevor ich mir ganz sicher sein kann, beginnt er auch schon mit seiner Geschichte.</p>
<p>Sie kennen sich in der Malerei aus. So etwas sehe ich auf den ersten Blick. Ihnen ist die falsche Kirche von Auvers beim Eingang sofort aufgefallen. Sie ist heuer wesentlich kleiner als die Jahre vorher. Stimmt’s? Und wissen Sie, woher das kommt? Sie haben eine andere Kopie aufgehängt.</p>
<p>Sie haben sich darüber auch schon so Ihre Gedanken gemacht. Stimmt’s?</p>
<p>Er sagt zu oft „stimmt’s“, fällt mir auf. Die Kellnerin kommt vorbei. Ich bestelle einen Café au lait. Auch mein Gegenüber nickt der Kleinen zu. Als die beiden Tassen auf dem Tischchen stehen, erzählt der Typ weiter.</p>
<p>Also, kaum eines der wirklich teuren Bilder hängt hier noch im Original. Sind alles Kopien, gut gemacht, aber eben nur Kopien. Sie haben kurz nach dem Anschlag auf die Mona Lisa damit begonnen. Ganz Paris ist seit Jahrhunderten durch ein immenses unterirdisches Geflecht an Gängen, Höhlen und Sälen in mehreren Ebenen unterminiert. Aber darin ist Paris ja nicht allein auf der Welt. Stimmt’s?</p>
<p>Der Louvre und das Musée d’Orsay haben ein ganz besonderes Leben unter Tage. Gegen die anderen Gänge komplett abgeschottet, lässt es sich unter den beiden Museen direkt schöner leben als hier oben bei der Unmenge von ahnungslosen Idioten.</p>
<p>Tief unter uns sitzen – auch jetzt, in diesem Moment &#8211; etliche Malergenies, die gerade Monet, Dégas, van Gogh und Kollegen in mühevoller Kleinarbeit kopieren. Rund 80 Prozent aller Ausstellungsstücke sind auf diese Weise in den letzten Jahren schon dupliziert worden. Und einmal im Monat werden nachts etliche Bilder gegen die zuletzt im Keller – wie ich den Untergrund nenne &#8211; angefertigten Kopien ausgetauscht. Sie werden sich fragen, wo denn dann die Original bleiben. Stimmt’s?</p>
<p>Lange Zeit waren die Amis die Bestbieter, aber im Moment sind die Oligarchen die eindeutigen Marktführer.</p>
<p>Aber es wird langsam Zeit für mich. Danke für den Kaffee.<br />
Er steht auf, nickt mir zu und im Vorbeigehen flüstert er mir ins Ohr: Ich muss wieder hinunter, um an den Sonnenblumen weiter zu arbeiten. Ist eine harte aber schöne Arbeit. Stimmt’s?</p>
<div id="attachment_1105" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/helmut_schida_63_sternennacht-van-gogh.jpg"><img class="size-full wp-image-1105" title="Helmut Schida: Sternennacht" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/helmut_schida_63_sternennacht-van-gogh.jpg" alt="Sternennacht" width="500" height="404" /></a><p class="wp-caption-text">Sternennacht(Helmut Schida, Wien, März 2008, Replik nach van Gogh)</p></div>]]></content:encoded>
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