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	<title>Zarathustras miese Kaschemme &#187; erinnern</title>
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	<description>Blog &#38; Magazin für exzentrische Literatur</description>
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		<title>Wind und Wolken</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Apr 2010 05:00:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Und unter den Wolken blockieren Nobelpreisträger Straßen, um damit gegen den Krieg zu protestieren, gegen einen Krieg, der wie dichter, dicker Rauch in der Luft liegt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/12/regenhimmel100lang.jpg"><img class="size-medium wp-image-1313 alignleft" title="regenhimmel100lang" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/12/regenhimmel100lang-62x500.jpg" alt="regenhimmel100lang" width="50" height="420" /></a></p>
<p>Die Wolken spielen Hasch mich, sie galoppieren, und der Wind ihnen nach. Und unter den Wolken blockieren Nobelpreisträger Straßen, um damit gegen den Krieg zu protestieren, gegen einen Krieg, der wie dichter, dicker Rauch in der Luft liegt. Polizisten spielen mit den Protestierenden Hasch mich, sie galoppieren, und der Wind ihnen nach. Aber darum geht es hier nicht: weder um Wind und Wolken noch um Nobelpreisträger oder Polizisten, sie alle sind Statisten, die ebenso gestrichen und vergessen werden könnten wie er. Das Buch seines Lebens ist bereits zu mehr als die Hälfte gefüllt, zumeist mit Nebensächlichem, mit Bagatellen; es hat viele Leerstellen, ungeschriebene Seiten gar, in denen all das stehen würde, was er nie getan hat, ob aus Angst, aus Mangel an Phantasie, Ehrgeiz oder günstigen Gelegenheiten. Das Buch seiner Tage würde niemand lesen wollen – am wenigsten er selbst. Dabei verlief es nicht immer wie die Sonntagsfahrt eines Rentners. Dafür spricht allein jene Silvesternacht, als seine Mutter seine Geschwister aus dem Fenster warf. Nur er kam davon, er war schon zu alt, zu groß und stark, um sich aus dem Fenster werfen zu lassen. Heute weiß er, dass es besser gewesen wäre, wenn auch er damals den Tod gefunden hätte, denn heute würde er sich nicht mehr wehren.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Nacht über Opa</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Nov 2009 22:01:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Statt Mittelmeer oder Übersee wird Opas Urlaubsziel Friedhof heißen. Ihm soll es recht sein, denn dort hat er wenigstens Ruhe, von weinenden Engeln einmal abgesehen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Statt Mittelmeer oder Übersee wird Opas Urlaubsziel Friedhof heißen. Ihm soll es recht sein, denn dort hat er wenigstens Ruhe, von weinenden Engeln einmal abgesehen. Ich weiß, daß er nichts weiß. Die Werkzeuge seines Verstandes stammen aus der Steinzeit. Die Reihe der Zahlen endet für ihn bei 2153, seinem voraussichtlichen Todesjahr. Das war schon immer so, seit seiner Kindheit. Die Ziffer 2154 hält er für unvorstellbar, sie liegt außerhalb seiner Reichweite, ganz zu schweigen von 2155 oder darüber hinaus.</p>
<p>Das Geheimnis des Lebens, jedenfalls soweit es Opa angeht, ist gelüftet: Es gibt keins. Seit langem lebt er in den Herbst hinein, ein Tag wie jeder andere: sie sind grau und kalt und regnerisch und werden immer kürzer.</p>
<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/11/opa.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1247" title="opa" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/11/opa-250x250.jpg" alt="opa" width="250" height="250" /></a>Sein Leben ist schnell erzählt, es war schneller als der Schall. Am Anfang waren der Schrei und die Dummheit, ein Flügelzwerg, der sich nicht lange bitten ließ; er fiel aus allen Wolken, aus heiserem Himmel und verbiß sich in Opas Hirnwurst. Die Menschheit machte um ihn, um den gelernten Kartoffelquetscher, um den Bierakademiker und Hilfsweichenwärter große Bögen, die Menschheit wich ihm und seinen Grobheiten, seinen Frechheiten und seinem Gestank so oft und weit wie möglich aus. Opa sollte es recht sein. Denn es ist Nacht über Opa, seit langem lebt er in den Herbst hinein, ein Tag wie jeder andere: grau und kalt und regnerisch und immer kürzer. Der große Geist des Weines sei seiner Säuferseele gnädig!</p>]]></content:encoded>
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		<title>Im Land der Würmer</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Sep 2009 05:02:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich klopfte gegen das Holz, aber niemand schien mich zu hören. Wie auch? Ich lag zwei Meter unter der Erde in einem Sarg mit einer Ladung Erde darauf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/08/friedhofsteine_350x-250x250.jpg" alt="Grab mal" title="Grab mal" width="250" height="250" class="alignright size-thumbnail wp-image-1217" />Ich konnte nicht mehr Schreiben. Ich konnte mich ja noch nicht mal mehr richtig bewegen. Ich klopfte gegen das Holz, aber niemand schien mich zu hören. Wie auch? Ich lag zwei Meter unter der Erde in einem Sarg mit einer Ladung Erde darauf. Saß ich nicht noch Minuten zuvor an meinem Schreibtisch und machte meinen ersten Eintrag in mein blankes Tagebuch? “Liebes Tagebuch…ich…ich…” Dann war es vorbei. Was für eine bescheuerte Idee es sowieso war, ein Tagebuch zu führen. Meine ehemalige Therapeutin hat mir mal dazu geraten, eins zu führen. “Das ist so was von verrückt, wenn man sich das Jahrzehnte später durchliest”, hatte sie mir gesagt. Gut, dass ich mir die Mühe nicht gemacht hatte, denn jetzt konnte ich nichts mehr lesen. Es gab nichts mehr zu schreiben und auch nichts mehr zu lesen. Alles was es gab, war die Dunkelheit, das schnelle Atmen, das tobende Herz in meiner Brust, der Druck der Innenpolsterung des Sarges gegen meinen Rücken und der Geruch von Erde und Holz. Meine Arme lagen auf meiner Brust und ich konnte meine Hände mit aller Mühe nur noch gegen das Holz über mir bewegen. Der Kasten war viel zu eng. Hatten sie mich hier mit einem Hammer reingeprügelt? Schmerzen hatte ich jedenfalls nicht und vom Tod war auch keine Spur. Ich war vor wenigen Minuten aufgewacht und suchte nach meiner Stehlampe, die neben meinem Bett stand, doch meine Arme steckten fest. Ich dachte ich würde in meinem Bett liegen. Dann fing ich an zu begreifen. Nun, ein wenig später, war mir meine aussichtslose Lage bewusst. Nein, ich konnte nicht mehr schreiben. Das war vorbei. Doch allmählich bekam ich wieder den Drang, einen Eintrag in mein neues Tagebuch zu schreiben. Es musste nun eben ohne Buch und Stift gehen. Mein Verstand musste diese Utensilien ersetzen. Die Schwärze vor mir, dann das leere weiße Blatt Papier drauf projiziert. Der Stift erschien direkt daneben und ich ließ ihn übers Blatt wandern. Es würde nie jemand lesen, aber was hatte ich schon zu verlieren? Ich hatte Unrecht gehabt: Es gab was zu schreiben und es gab was zu lesen.</p>
<p><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/08/friedhofstein_180hoch-180x250.jpg" alt="Friedhofstein" title="Friedhofstein" width="180" height="250" class="alignleft size-thumbnail wp-image-1216" />“Liebes Tagebuch, der Eintrag, den ich eigentlich vor einigen Jahren machen sollte, mag heute nicht mehr ganz akkurat sein, aber das ist nun egal. Ich hätte es in dem mit leuchtenden Blumen bewachsenen Garten schreiben sollen. Nun schreibe ich aus dem Land der Würmer. In dem Garten mit den leuchtenden Blumen brachen wir Nachts immer ein und legten uns auf das Gras neben dem schmalen Steinweg, der zur Laube führte. Wir lagen da, jung und unerfahren, und machten uns Gedanken über die Zukunft. Wir zerbrachen uns die Köpfe, was denn nun werden soll. Vielleicht hätten wir uns einen eigenen Garten zulegen sollen, aber das Einbrechen machte schon Spaß. Jetzt allerdings wollte ich lieber ausbrechen, aber ich lag zu tief.” Da war wieder meine Therapeutin mit ihrer Brille, die ihr von der Nase zu rutschen drohte. </p>
<p>“Na, was machst du denn hier?” fragt sie mich.<br />
Ich hätte ja mit den Schultern gezuckt, aber ich konnte nicht.<br />
“Ich hab auch immer ein Tagebuch geführt”, sagt sie.<br />
“Ich weiß.”<br />
“Da steht so viel drin.”<br />
“Schön für dich.”<br />
“Willste mal was draus lesen?”<br />
“Klar, ich hab ja sonst nichts zu tun”, antwortete ich und war eigentlich nicht sonderlich interessiert. Sie begann ein paar Seiten vorzulesen. Über ihre Eltern, die sich immer so sorgsam um sie gekümmert hatten, und über ihre Studienzeit, die sie nie vergessen wird. Dort, an der Uni, hatte sie auch ihren Ehemann kennen gelernt.<br />
“Das war meine erste große Liebe”, sagte sie mir.<br />
“Schön.”<br />
“Mein erster Mann. Auf der Rückbank seines altes VW Käfers haben wir es zum ersten Mal getan”, fuhr sie fort.<br />
“Ich bin mir nicht sicher, ob ich das hören will,” sagte ich.<br />
“Wenn ich jetzt an das denke, wird mir ganz flau im Magen.”<br />
Ich konnte ihr Lächeln in der ganzen Dunkelheit erkennen.<br />
“Tat aber gar nicht weh.”<br />
“Freut mich.”<br />
“Er lag auf mir drauf und dann hat’s auch schon geflutscht.”<br />
“Warum liest du mir das vor?”, wollte ich wissen und ihr Lächeln wurde noch mal etwas breiter.<br />
“Na, du kannst es doch keinem mehr erzählen.”<br />
“Da hast du wohl recht.”<br />
Sie räusperte sich und feuchtete sich die Finger, um weiter zu blättern.<br />
“Das war vielleicht ein merkwürdiges Gefühl.”<br />
“Das glaub ich, aber jetzt reicht es wirklich.”<br />
“Es geht aber noch weiter.”<br />
“Verschwinde endlich, verdammt noch mal.”</p>
<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/08/friedhofstein_180hoch.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/08/friedhofstein_180hoch.jpg" alt="Friedhofstein" title="Friedhofstein" width="180" height="747" class="alignright size-full wp-image-1216" /></a>Mein Schrei hallte durch den ganzen Kasten und ließ die Erde darüber beben. Der Zorn eines untoten Mannes und seines toten Tagebuchs. Ich sollte vielleicht doch lieber was schreiben, bevor sich noch jemand anders hierher verirrt, der sich ebenfalls gezwungen fühlt, seine Vergangenheit indiskret vor mir auszubreiten. Jetzt wollte ich mal ein paar Worte loswerden. Ich wusste zwar noch nicht so richtig, wie ich anfangen sollte, aber wenn ich erstmal in Fahrt kam, dann würde sich vielleicht schon was brauchbares daraus ergeben. Wo sollte ich nur beginnen? Ich wurde geboren und ich bin bisher noch nicht gestorben, aber dennoch denken alle, ich wäre tot. Was für eine Überraschung es doch wäre, wenn ich es tatsächlich hier raus schaffte und ihnen wieder vor die Augen träte. Ich sehnte mich nach einigen Gesichtern und wünschte, ich könnte sie noch einmal sehen. Die Angst erreichte mich wieder und sie war wohl die beste Vorraussetzung, ein Tagebuch zu beginnen. So wie Antoine Roquentin. Ich bräuchte wahrscheinlich nur einen Sartre, der mir dabei half. Nein, das schaffe ich schon allein. Es war ja auch mein Leben und nicht Antoine’s. Der erste Satz würde sicherlich lauten: Ich weiß, dass ich hier nie mehr lebend rauskomme. Das war ein guter Anfang und ganz falsch war er auch nicht. Er war vielmehr absolut treffend, aber noch war die Angst zu groß, um diesem zweifellos zuzustimmen. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich keine Hoffnung mehr hatte. Noch immer spielte ich mit dem Gedanken, dass dies alles nur ein schlimmer Alptraum war oder falls nicht, dass ich mich doch noch irgendwie befreien würde. Falsche Hoffnung ist wie geliehenes Geld. Ich machte es meiner Therapeutin gleich und verlor mich in der Nostalgie meines kurzen Lebens. Es gab wahrscheinlich mehr schlechtes als gutes zu berichten, aber ich kann nicht sagen, dass ich mit dem Gesamtergebnis unzufrieden war. Ich bereute nichts. Natürlich habe ich mich des Öfteren zum Affen gemacht, habe falsche Entscheidungen getroffen oder meine Zeit mit nutzlosen Dingen verschwendet, aber all das hat mich letztendlich auch zu dem gemacht, was ich nun war: ein Mann, der lebendig begraben wurde. Dennoch bereue ich nichts, denn es gab ja auch so viel Schönes dort oben, an dem ich teilgenommen hab. Ich ging in der Zeit zurück und sah all die Gesichter, die meinen Weg gekreuzt hatten. Wer waren sie? Was haben sie getan? Was haben sie mir angetan? Jetzt wünschte ich mir meine Therapeutin zurück. Liegen tat ich ja schon. </p>]]></content:encoded>
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		<title>Fremd</title>
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2009 05:00:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Du hast dir ein Glas vom Tisch genommen, am Rand noch fremden Mündern gerochen ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Du hast mich in meinem Haus besucht<br />
Hast weder geklopft<br />
noch gefragt, ob du reinkommen darfst<br />
du bist einfach durch den Flur gekommen<br />
hast im Wohnzimmer Platz genommen<br />
und das Licht gedimmt.<br />
Dann hast du dir ein Glas vom Tisch genommen<br />
an dem Rand noch fremden Mündern gerochen und<br />
Wein nachgeschüttet. </p>
<p>Ich saß dir gleich gegenüber, doch angesehen hast du mich<br />
nicht.<br />
Erst als die erste Flasche leer war, hast du mich<br />
eines Blickes gewürdigt und mich gebeten eine neue zu holen.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Ich denke an Charles Bronson</title>
		<link>http://kaschemme.de/2009/06/ich-denke-an-charles-bronson/</link>
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		<pubDate>Sat, 20 Jun 2009 16:45:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stirnulator</dc:creator>
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		<description><![CDATA[An irgendwelche beschissenen Bruce Willis wird man sich erinnern. Bronson wird man vergessen. Auf siebtklassigen Sendern im Nachtprogramm wiederholen. Als Nice-Price-DVDs verramschen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/charles_bronson_200x300.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/charles_bronson_200x300.jpg" alt="Charles Bronson (Foto von Fish Cop)" title="Charles Bronson (Foto von Fish Cop)" width="200" height="300" class="alignright size-full wp-image-1095" /></a>Ich sehe durch das Zielfernrohr und denke an Charles Bronson. Er starb 2003. Er war mein Lieblingskiller. Er war schmierig, nicht mehr ganz taufrisch, stets etwas zu alt für eine junge Frau. Sein Anzug war wie er: reif zum Ausmustern. Aus der Mode. Wie die Lederpatten an den Ellenbogen. Wie sein ewiger scheiß Haarschnitt. Abstellgleis und Rente gehörten zum Plot wie Rache und Abknallen. Darin war er Profi. Mit der Genugtuung, seinen Job gemacht zu haben, konnte er abtreten. Auftrag erledigt. Dienstleistung erbracht. Im Kino und im Sterbebett. </p>
<p>Ich sehe durch das Zielfernrohr und denke an Charles Bronson. Die Party vor mir ist im vollen Gange. Der Politiker stellt seine neue Website vor. Ich weiß dass, weil ich sie gemacht habe. Der Auftraggeber will eine neue Website? Ich liefere sie. Ich bin Dienstleister. Die Surf-Stationen auf der Party habe ich aufgebaut. Die Monitore habe ich beschafft, flache TFTs mit großem Sponsorenlogo. Die Sponsoren sponsern dass Zeug sogar, obwohl es nur hier rumsteht, wo Computer-Analphabeten mit Parteibuch es begaffen und sich dann modern fühlen können. Hätte ich für eine Schule gesammelt, wo Kinder damit etwas lernen, ich hätte bestenfalls Prospekte gekriegt. Und Luftballons mit Partei-Emblem.</p>
<p>Ich mache jeden Scheiß mit.<br />
Ich mache alles.<br />
Ich bin Dienstleister.<br />
Ich sehe durch das Zielfernrohr.</p>
<p>Ich habe die Tastaturen besorgt, jedes einzelne Kabel angeschlossen, jede einzelne Funkverbindung abgesichert. Ich habe sogar die Mäuse poliert. Die Mauspads mit dem PRT-Partei-Logo vom Produzenten abgeholt. Die ich habe fertigen lassen. Ich habe Ärsche getreten, weil die Idioten von der Partei das Logo CMYK in Mac-TIF lieferten statt RGB und in JPG, und natürlich waren das zu viele Großbuchstaben für sie, obwohl sie selber nur drei Grossbuchstaben sind. Am Ende war alles, so, wie es sein sollte. Der Einsatz war wichtig. Der Auftrag erledigt. Die Dienstleistung erbracht.</p>
<p>Ich sehe durch das Zielfernrohr. Der Politiker lebt noch. Charles Bronson starb 2003. An den beschissenen Bruce Willis wird man sich erinnern. <a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/charles_bronson_200x300.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/charles_bronson_200x300.jpg" alt="Charles Bronson (Foto von Fish Cop)" title="Charles Bronson (Foto von Fish Cop)" width="200" height="300" class="alignright size-full wp-image-1095" /></a>Bronson wird man vergessen. Auf siebtklassigen Sendern im Nachtprogramm wiederholen. Er wird das Zielfernrohr auspacken, er wird durch das Zielfernrohr sehen, genau wie ich. Doch bevor er abdrücken kann, kommt ihm der Werbeblock dazwischen. Titten, Ärsche und die Telefonnummern von Porno-Hotlines - sieben Rufmichans, vergnügt und lasziv in den Äther gequietscht. Seine DVDs werden Nice-price-DVDs sein. Wenn sie überhaupt erscheinen. </p>
<p>Ich denke an Charles Bronson. Ich habe sein Bild als Logo auf das Handy geladen. Das hat irgend jemanden 2 Euro 50 gekostet, denn die SIM-Karte ist gestohlen. Weitere 11 Cent wird die vorbereitete SMS kosten. Mein Daumen wird sich bald durch die Menüs des Handys drücken, um sie zu verschicken. Ein anderes Handy wird diese Message empfangen. Der Akku wird vibrieren. Ein Signal auslösen. Der Lauf der Geschichte wird sich ändern. Ich werde mein Zielfernrohr einpacken.</p>
<p>Ich sehe durch das Zielfernrohr. Den Finger am Drücker. Da kommt der Werbeblock.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Entschlossen</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Jun 2009 22:04:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susann Klossek</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich sass in der Küche in der Sonntagmorgensonne / Früher okkupierten Männer vorübergehend diesen Platz / Doch das war vorbei / Ich hätte Wegezoll verlangen sollen
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich war kürzlich 42 geworden<br />
Das einzig wirklich Gesicherte in meiner augenblicklichen Lage<br />
Die Existenz war nicht gerade ausbalanciert<a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/fruehstueck_350x250px.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/fruehstueck_350x250px-250x250.jpg" alt="Frühstück (Foto:aw)" title="Frühstück (Foto:aw)" width="125" height="125" class="alignright size-thumbnail wp-image-1144" /></a><br />
Wenn man so wollte<br />
Und es war noch nicht raus<br />
In welche Richtung das Pendel ausschlagen würde<br />
Ich sass in der Küche in der Sonntagmorgensonne<br />
Früher okkupierten Männer vorübergehend diesen Platz<br />
Doch das war vorbei<br />
Ich hätte Wegezoll verlangen sollen<br />
Als noch Zeit dafür war<br />
Die Krise ging mir gelinde gesagt am Arsch vorbei<br />
Das Geld auf meinem Konto würde locker langen<br />
Sich von allem zu verabschieden und aus dem Staub zu machen<br />
Kurzfristig betrachtet zumindest<br />
Ich schrieb mal wieder an einem Buch<br />
Doch der Grossteil der Menschheit bekam davon<br />
Für gewöhnlich nichts mit<br />
Die fette Katze schaute mir beim Denkversuch zu<br />
Sie blinzelte und schien es gut zu finden<br />
Immerhin es hätte schlimmer um mich stehen können<br />
Es war nahezu erschreckend<br />
Was ich alles nicht von meinen Nachbarn wusste<br />
Andererseits ersparte mir diese Erkenntnis<br />
Möglicherweise einen Umzug in ein feuchtes Exil<br />
Man braucht so wenig um sich gut zu fühlen<br />
Nachbarn die einen in Ruhe liessen<br />
Gehörten definitiv dazu<br />
Ich überlegte was ich als Nächstes tun könnte<br />
Für mein Leben<br />
Für die Menschheit<br />
Aber mir viel nichts ein<br />
Getränke gab‘s an jedem Automaten<br />
Aber wo bekam man bloss die Ideen her?<br />
Eins war jedenfalls klar: Ich war dazu entschlossen<br />
Entschlossen zu sein</p>]]></content:encoded>
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		<title>Für die Kinder</title>
		<link>http://kaschemme.de/2009/05/fur-die-kinder/</link>
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		<pubDate>Sun, 10 May 2009 22:01:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Hier gab es sie alle: Junge, aufstrebende Literaturstudenten, die schon heimlich ihre Dankesrede für den Nobelpreis geschrieben hatten oder die verträumten Boulevard-Zeitschriften-Dichter, die Posie für ihre Blumentapete schrieben. Es gab Schreiber, die Kredite aufgenommen hatten, damit sie ihre Book-on-Demand Bücher in den Druck geben konnten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>“Warum schreiben wir? Wie oft hat sich das schon einer von euch gefragt? Geht es um die Dinge, die wir nicht vergessen können - oder wollen? Dinge, die wir nicht verstehen und….” Der Professor ließ seinen Kopf nach unten fallen, um über seine runde Brille schauen zu können, und zog die Augenbrauen hoch. Die Falten auf seiner Stirn waren so tief, dass man dachte, jemand hätte sie mit einem Messer in die Haut geritzt. Ein junger Teilnehmer des Schreibkurses, der weiter vorne saß hatte seine Hand gehoben.</p>
<p>“Ja bitte”, sagte der Professor und deutet auf den jungen Mann in der zweiten Reihe, der seinen Arm nun wieder runternehmen konnte.<br />
“Ich hab Angst vor Papier”, sagte der junge Typ verlegen.<br />
“Was hat das mit meiner Frage zu tun?”<br />
“Das nennt man Papyrophobie”, rief einer von ganz hinten.<br />
Paul mit dem Schnurrbart fing an zu lachen.<br />
“Der hat ja voll einen an der Waffel” platzte es aus ihm heraus.<br />
Der Typ aus der zweiten Reihe drehte sich zu Paul.<br />
“Was ist denn da so komisch dran?”<br />
“Nun lasst uns doch mal bitte zu meiner Frage zurückkehren.” Der Professor bat wieder um Aufmerksamkeit und klopfte mit seinem Stift auf das Pult.<br />
“Um unserer Fantasie ein Forum zu geben?”, rief ein anderer dazwischen.<br />
Der Professor nickte nicht ganz unzufrieden.<br />
“Um nicht zu vergessen”, sagte ein junges Mädchen aus der ersten Reihe.<br />
“Gut möglich”, so der Professor.<br />
“Weil wir nichts anderes können”, sagte ich ohne meinen Arm zu heben.</p>
<p>Unruhe kam auf. Einer sagte, dass es mit Sicherheit noch viel mehr gebe, dass er gut beherrschen würde, aber das Schreiben würde ihn halt reizen. Ein weiterer Teilnehmer machte auf das instinktive menschliche Verlangen, sich mitzuteilen, aufmerksam, während ein älterer Typ seine Brille zurecht rückte und noch hinzufügte, dass es auch den Reiz, nicht vergessen zu werden, in sich berge.<br />
“Das hab ich doch gerade gesagt”, sagte das Mädchen aus der ersten Reihe und drehte sich um.<br />
“Du hast gesagt, um nicht zu vergessen … nicht vergessen zu werden ist aber was ganz anderes”, antwortete der Typ mit der Brille prompt.<br />
“Glaubst du denn wirklich in hundert Jahren liest noch einer deine Geschichten?”, fragte das Mädchen kess.<br />
“In hundert vielleicht nicht, aber…” Der mit der Brille stockte und dachte nochmal eine Sekunde darüber nach. “Ja, warum denn nicht?”<br />
Das Mädchen drehte sich wieder zum Pult und lachte.<br />
“Ha, das Vierauge denkt, er wäre ein Apostel.”<br />
“Was ist denn das für eine schwachsinnige Aussage”, feuerte er gleich zurück.<br />
“Kinder, Kinder”, rief der Professor ins Klassenzimmer und hielt die Hände ermahnend hoch, “Wir wollen uns doch hier nicht gegenseitig die Motivation stehlen. Ein Meister ist noch nicht vom Himmel gefallen.”<br />
“Ich hab die 75 Euro im Voraus bezahlt, gibt es die Möglichkeit, einen Teil davon wieder zubekommen, sagen wir mal, wenn man mit dem Seminar nicht zufrieden war?”, fragte Paul ganz beiläufig.<br />
“Das steht hier nicht zu Debatte, jeder von ihnen wird hier schon auf seine Kosten kommen”, versicherte uns der Professor.</p>
<p>Hier gab es sie alle: Junge, aufstrebende Literaturstudenten, die schon heimlich ihre Dankesrede für den Nobelpreis geschrieben hatten oder die verträumten Boulevard-Zeitschriften-Dichter, die Poesie für ihre Blumentapete schrieben. Es gab Schreiber, die Kredite aufgenommen hatten, damit sie ihre Book-on-Demand Bücher in den Druck geben konnten, um dann jeder Tussi im Bekanntenkreis von ihrer Autorenkarriere zu berichten. Eine junge Frau saß an einem Tisch in der Ecke des Raumes. Sie trug eine Brille mit schwarzem Gestell und stellte dauernd Fragen nach der Philosophie des Schreibens. Sie lächelte so gut wie nie und kümmerte sich stets um den korrekten Sitz ihres spitzen Kragens. Sie hatte eine lange Nase, ein sehr schmales Gesicht, das von dunkel-blonden Locken umgeben war. Im Sarah Jessica Parker Double Contest hätte ich ihr auf jeden Fall das Halbfinale zugetraut. In jüngeren Jahren war sie bestimmt mal die Herausgeberin der Schüler-Frauenzeitschrift, die in jeder zweiten Ausgabe ein Gratis-Kondom mit herausbrachte. Ficken ja, aber verlieben nein, denn Männer sind ja sowieso alles Arschlöcher und wir emanzipierten Frauen mit Designerbrillen und Zehner-Karte fürs Fitness-Center mit Gratis-Protein-Shake im Monat, haben etwas Besseres verdient. Hier saß ich nun und trauerte meinen 75 Euro nach. Das ich mich zur Teilnahme an diesem Kurs entschieden hatte, war mehr oder minder eine Kurzschlussreaktion gewesen. Ich saß zu Hause herum, blätterte durch meine Absagen zahlreicher Verlagshäuser und dachte mir, dass ich es vielleicht mal über einen akademischen Umweg versuchen sollte. Wie viele Schreiber hatten es denn schließlich schon von der Straße geschafft? Nicht jeder wird ein Bukowski, ein John Fante oder ein Hubert Selby Jr. Diese Leute haben doch den vielen verlorenen Schreiberseelen den ganzen Mist erst eingebrockt. Ich sehe diese verzweifelten Schreiberlinge vor meinem geistigen Auge: sie sitzen zu Hause, leeren eine Flasche Bier nach der anderen, schreiben von ihren Tagen in der Gosse und hoffen auf ihren großen Durchbruch. Fante hat's geschafft. Dann pack ich das auch! Ich sollte vielleicht einfach eine Geschichte schreiben, sie zwanzigtausend Mal ausdrucken und dann die Blätter in der Innenstadt verteilen. Vielleicht kommt ja jemand daher und erzählt mir was für ein unglaubliches Talent ich doch besitze. Dann lächele ich und fühle mich geschmeichelt. Oh, Mann. Ich sollte vielleicht auch mal meinen Arm heben und eine Frage stellen. Schließlich habe ich einiges hingeblättert für diesen Kurs.</p>
<p>Ich hob meinen Arm und kurz darauf nahm mich der Professor auch schon dran.<br />
"Wann, denken Sie, ist der Punkt gekommen, an dem man sich eingestehen sollte, dass man es einfach nicht drauf hat?", fragte ich und der Professor schaute nachdenklich zu Boden. Mit einer müden Bewegung stand er auf und trottete langsam durch den Raum. Er nahm seine Brille ab und begann auf dem Gestell herum zu kauen. Er bemerkte meine negative Haltung zu der ganzen Sache und wollte nun einmal mehr das Boot vor dem sicheren Untergang bewahren. Er atmete tief ein, kratzte sich die Stirn und machte seinen gekrümmten Rücken gerade. Er stand da, als wäre er im Begriff, vor der ganzen Nation die Nationalhymne zu singen, doch stattdessen sagte er einfach nur in lakonischer Art: "Jedem ist es selbst überlassen, wann er aufgeben will, aber raten würde ich es keinem."</p>
<p>Ich war mit der Antwort nicht sonderlich zufrieden, aber wahrscheinlich wäre ich mit keiner Antwort zufrieden gewesen. Jeder schaute in diesem Moment auf zu unserem Kursleiter wie zu einem Fremdenführer, der uns aus der trostlosen Wüste hinein ins gelobte Land führen sollte. Doch dieser Führer hatte eigentlich gar keine Ahnung. Er wusste nicht mehr als wir. Jeder hier wusste eigentlich gar nichts und doch nahm er sich das Recht eines angehenden Fachmanns heraus. Wir waren doch nichts. Wir schrieben auch nichts. Wir sagten auch nichts. Wir verbrachten nur unsere gottgegebene Zeit hier und stierten Löcher in die Luft.</p>
<p>"Lasst uns eine Geschichte schreiben", sagte der Professor schließlich und gab uns als Hausaufgabe für den nächsten Tag eine Geschichte ohne irgendeinen Themenbezug auf. Alle verabschiedeten sich und schmiedeten schon heimlich Pläne, wie man wohl am morgigen Tag den gesamten Kurs mit einer fetzigen Geschichte weghauen könnte. Ich ging nach Hause, trank zwei Flaschen Wein und machte mich an die Arbeit. Bis zu der Sekunde, in der ich vor den anderen Schreibern in spe den Text vortrug war mir eigentlich nicht ganz bewusst, was ich überhaupt geschrieben hatte. Ich setzte an und las vor. Immer wieder verdrehten die Leute im Kurs die Augen oder fingen an zu lachen, während ich vorlas. Dann war es irgendwann zu Ende und überraschenderweise blieb der Applaus aus. Vielleicht hätte ich vorher dem Kursleiter etwas besser folgen und den einen oder anderen Hinweis zur Kenntnis nehmen sollen.</p>
<p>"Deine Geschichte ergibt doch überhaupt keinen Sinn", sagte Paul zu mir und ich lächelte.<br />
"Der tiefere Sinn steckt im zweiten Absatz", sagte ich und versicherte mich selbst nochmal. Ja, genau dort lag er verborgen. Aber das versteht ihr alle nicht. Ich nehm mir jetzt mein Robert-Frost-Gedichtebuch, stell mich in die Ecke und höre einfach nicht mehr zu. Da lerne ich doch bestimmt mehr, als in dieser inkompetenten Runde hier. Doch lasst mich vor meinem großen Abtritt noch einmal kurz jemanden zitieren. Ja, ein Zitat. Das passt hier so wunderbar her. Ich zitiere also Bertolt Brecht: <em>So mancher wollt so manches haben was für manchen gar nicht gab: Er wollt sich schlau ein Schlupfloch graben und grub sich nur ein frühes Grab.</em></p>
<p>"Der nächste, bitte", sagte der Professor und die Blümchentapeten-Dichterin legte los. Nach der Vortragsstunde bat der Professor jeden von uns zu einem persönlichen, abschließenden Gespräch zu sich ins Büro.<br />
"Herr ... ," begann er und versuchte sich zu erinnern.<br />
"Nennen Sie mich wie Sie wollen."<br />
"Genau da liegt das Problem."<br />
Er goss sich Kaffee aus der Kanne in seine Peanuts-Tasse und begann ein paar Zuckertüten aufzureißen. Das Büro wirkte auf mich mehr wie eine kleine Kantine, als ein Büro. Ein Kühlschrank, eine Mikrowelle, Elektroherd, frische Weintrauben in einer mit Wasser gefüllten Schale, Bananen, glänzende Kirschen in einem Schälchen. Ein kleines Schlaraffenland mit einem schmalen Schreibtisch, einem hölzernen Stuhl davor und ein gerahmtes Mark Rothko Bild an der Wand, das hier ungefähr so gut reinpasste wie der Teufel in den Petersdom.<br />
"Also, Herr ... ." Der Professor schob seine Brille hoch. "Wie spricht man das aus?"<br />
"Hat ihnen meine Geschichte gefallen?" fragte ich.<br />
"Im Großen und Ganzen ... sagen wir mal ... ja."<br />
Ich schmunzelte und trauerte einmal mehr meinen 75 Euro nach.<br />
"Das Problem mit ihrem Text ist, dass ich nicht sonderlich schlau daraus werde."<br />
"Ach ja?"<br />
"Was soll er aussagen und für wen soll er geschrieben sein?"<br />
"Sie meinen so eine Art Botschaft?"<br />
"Genau. Wie jede Geschichte sie hat."<br />
"Könnte es nicht sein, dass Sie die Botschaft einfach nicht bemerkt haben?"<br />
"Aber wenn ich sie nicht bemerke, dann haben Sie doch irgendwie das Ziel verfehlt."<br />
"Das Problem ist wohl, dass, und nun sind wir beim zweiten Punkt, den Sie angesprochen haben, meine Zielgruppe wahrscheinlich nicht aus solch hochangesehenen, akademischen Schwergewichtlern besteht."<br />
"Und wer ist Ihre Zielgruppe? Für wen schreiben Sie?" fragte er abschließend und nahm seine Brille ab.<br />
Ich ging einen Moment in mich und überlegte mir, ihm eine Antwort darauf zu geben, aber ich dachte mir, er wird vielleicht selbst früher oder später darauf kommen oder er wird mich einfach vergessen. Keine fünf Sekunden nachdem ich aus der Tür bin, wird er schon den nächsten Kursteilnehmer zu sich herein bitten und ihn mit ähnlichen Kritikpunkten konfrontieren, ohne auch nur einen Funken Erinnerungsvermögen an mich zu verschwenden.</p>
<p>"Kann ich mir eine Banane mitnehmen?", fragte ich höflich, und in seiner Perplexität brachte er es nur zu einem Nicken. Ich griff mir das Obst, begann schon beim Hinausgehen mit dem Schälen und verschwand.<br />
"Vielen Dank und viel Glück noch", sagte ich und biss zu.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Taschenuhr</title>
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		<pubDate>Wed, 06 May 2009 22:28:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Schida</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
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		<category><![CDATA[leben]]></category>
		<category><![CDATA[rituale]]></category>
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		<category><![CDATA[tod]]></category>
		<category><![CDATA[vater]]></category>

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		<description><![CDATA[Sie hat viele Jahre meinem Vater gehört
Er ist längst tot
und ich weine ihm keine Träne nach
Er war ein harter Hund]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn ich vor der Maschine sitze<br />
und meine Zeilen in sie hineinhämmere<br />
dann mach ich zwischendurch<br />
kleinere oder auch mal größere Pausen</p>
<p>Und dann schaue ich auf die kleine<br />
silberne Taschenuhr<br />
die neben dem Papierstapel auf dem Schreibtisch liegt</p>
<p>Sie hat viele Jahre meinem Vater gehört<br />
Er ist längst tot<br />
und ich weine ihm keine Träne nach<br />
Er war ein harter Hund<br />
und irgendwie schiebe ich ihm die Schuld<br />
für mein eigenes verkorkstes Leben zu</p>
<p>Er hat mich nie geliebt<br />
hat stets für Aufruhr und Unruhe gesorgt<br />
und mit mir oder meiner Mutter herumgebrüllt<br />
Auch den Riemen ließ er ab und zu<br />
auf mich niedersausen</p>
<p>Er war das Arschloch<br />
das meine Entwicklung um mindestens<br />
ein Jahrzehnt gehemmt<br />
und nachhaltig gebremst hat</p>
<p>Und jetzt liegt er schon längst bei den Würmern<br />
falls überhaupt noch etwas von ihm übrig ist<br />
und seine Taschenuhr zeigt mir täglich<br />
mehrmals die genaue Zeit<br />
Und jeden Morgen<br />
wenn ich sie aufziehe<br />
erregt mich ihr glattes kühles Metall<br />
und ihr schlankes zeitloses Aussehen</p>
<p>Ich finde, das ist mehr<br />
als man von einer Uhr verlangen kann</p>
<p>(2001)</p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Kultursau</title>
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		<pubDate>Sun, 03 May 2009 23:01:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Miniatur]]></category>
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		<category><![CDATA[bücher]]></category>
		<category><![CDATA[enden]]></category>
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		<description><![CDATA[Auf die Frage eines Einfaltspinsels, was der Morgensterngedichtband koste, antwortete er: bloß einen Ditscher, weil ein Gedicht fehle.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auf dem Trödelmarkt bekramte ich die Bücherkisten eines ergrauenden Vierzigers. Auf die Frage eines Einfaltspinsels, <a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/buecher_250x500.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-990" title="Antike Bücher" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/buecher_250x500.jpg" alt="Antike Bücher" width="250" height="500" /></a> was der Morgensterngedichtband koste, antwortete er: bloß einen Ditscher, weil ein Gedicht fehle. Er ließ sich nicht entblöden zu erzählen, daß er es herausgerissen habe, um sich irgendwo damit rezitativ bloßzustellen. Ein Dichter, schloß ich, war er also nicht. Sonst hätte er sich sicher mit eigener Ware wichtig gemacht. Aber warum dieses Beiwerk, dieser Schmuck? Warum spielte er sich auf? Sollte das sein Trödlerdasein veredeln, entschuldigen, oder dachte er, damit seinen Umsatz zu steigern? Immerhin, es ging um einen Ditscher.</p>
<p>Ich bog meinen Arm, streckte ihm zwei Taschenbücher entgegen und fragte „Wieviel?“ Der falsche Vierziger nahm die Bände und blätterte darin herum, vielleicht um auf irgendeiner Seite Antwort oder eine entblößende Glosse zu finden. Schließlich antwortete er: „Zwei Ditscher.“ Das war in Ordnung.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Bilanz eines Wochenendes</title>
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		<pubDate>Fri, 24 Apr 2009 15:56:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[(Die Bilanz eines Wochenendes, als Miniatur literarisiert.)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die ausreichende Leidensdosis: zwei Liter Bier, zwei Whisky, zwei verlorene Pullover, ein Fahrradsturz und ein pochender, blau angelaufener großer Zeh, dazu eine halbwegs ruinierte Hose und drei Tage strenge Bettruhe.</p>]]></content:encoded>
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