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	<title>Zarathustras miese Kaschemme &#187; essen</title>
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	<description>Blog &#38; Magazin für exzentrische Literatur</description>
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		<title>Selbst das Kacken fällt bei dieser Hitze schwer</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Aug 2009 22:01:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Hochnäsiges junges Fleisch vor mir, am Mittelmeer. Wenn sie nur ihre Fressen hielten und ihre Finger vom Radio ließen!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/strandidyll_258px3.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/strandidyll_258px3.jpg" alt="strandidyll_258px3" title="strandidyll_258px3" width="258" height="80" class="alignright size-full wp-image-1083" /></a>Später mehr dazu. – Jetzt ist es noch heißer! Hochnäsiges junges Fleisch vor mir, am Mittelmeer. Wenn sie nur ihre Fressen hielten und ihre Finger vom Radio ließen! Ja, es ist hell, grellhell, und es ist heiß, hirnaufweichend heiß. Der Strand lebt von Leuten wie mir: Habenichtse und Minutenmillionäre. Ein Bier, ein kühles, blondes, schwitzendes Bier, bitte!</p>
<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/strandidyll_258px.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/strandidyll_258px.jpg" alt="strandidyll_258px" title="strandidyll_258px" width="258" height="80" class="alignright size-full wp-image-1079" /></a>Soviel junges, nacktes, schwitzendes Fleisch! Unerträglich viel davon in unerreichbarer Nähe. Und neben mir liegt eine Frau, die alles für mich tut. Sogar zum Strand fahren und In-der-Sonne-braten. Nur besteigen darf ich sie nicht. Dafür kommt sie zu weit aus dem Süden, zu weit aus Afrika, um genau zu sein. Und jetzt nervt auch noch der Sand! Als ob ich es vergessen hätte, wie anstrengend ein Strand sein kann. Halbstarke lassen ihre Energien an einem Ball aus. Armer Ball! Ich hasse den Strand, die Sonne, die Leute, kurz: das langweilige Strandleben.</p>
<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/strandidyll_258px2.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/strandidyll_258px2.jpg" alt="strandidyll_258px2" title="strandidyll_258px2" width="258" height="80" class="alignright size-full wp-image-1082" /></a>Verdammt, Nixen und Amazonen kommen aus dem Wasser! Ich traue meinen Augen kaum. Und noch ein Wunsch geht in Erfüllung: Kaltes Bier aus der Kühlbox. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Selbst Bälle, die wie Bomben, wie Granaten auf mich fallen, kreischende Kinder und Radios können mir nichts mehr anhaben. Das Bier besänftigt, das Bier hat mich im Griff. Nun, es könnte auch ein Pils sein, aber: ruhig Brauner! Der Tag wird kommen, der Tag ist nah, die Heimat ruft. Sie verlangt nach mir, nach meinen schweren Schritten, nach dem Gestank in meinem Schritt.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Geplatzter Termin</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Jul 2009 05:17:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susann Klossek</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Leben hatte einen Termin mit Dir / Doch Du bist einfach nicht erschienen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Leben hatte einen Termin mit Dir<br />
Doch Du bist einfach nicht erschienen<br />
So hat es stattdessen<br />
Mich zerschreddert</p>]]></content:encoded>
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		<title>Ich denke an Charles Bronson</title>
		<link>http://kaschemme.de/2009/06/ich-denke-an-charles-bronson/</link>
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		<pubDate>Sat, 20 Jun 2009 16:45:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stirnulator</dc:creator>
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		<description><![CDATA[An irgendwelche beschissenen Bruce Willis wird man sich erinnern. Bronson wird man vergessen. Auf siebtklassigen Sendern im Nachtprogramm wiederholen. Als Nice-Price-DVDs verramschen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/charles_bronson_200x300.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/charles_bronson_200x300.jpg" alt="Charles Bronson (Foto von Fish Cop)" title="Charles Bronson (Foto von Fish Cop)" width="200" height="300" class="alignright size-full wp-image-1095" /></a>Ich sehe durch das Zielfernrohr und denke an Charles Bronson. Er starb 2003. Er war mein Lieblingskiller. Er war schmierig, nicht mehr ganz taufrisch, stets etwas zu alt für eine junge Frau. Sein Anzug war wie er: reif zum Ausmustern. Aus der Mode. Wie die Lederpatten an den Ellenbogen. Wie sein ewiger scheiß Haarschnitt. Abstellgleis und Rente gehörten zum Plot wie Rache und Abknallen. Darin war er Profi. Mit der Genugtuung, seinen Job gemacht zu haben, konnte er abtreten. Auftrag erledigt. Dienstleistung erbracht. Im Kino und im Sterbebett. </p>
<p>Ich sehe durch das Zielfernrohr und denke an Charles Bronson. Die Party vor mir ist im vollen Gange. Der Politiker stellt seine neue Website vor. Ich weiß dass, weil ich sie gemacht habe. Der Auftraggeber will eine neue Website? Ich liefere sie. Ich bin Dienstleister. Die Surf-Stationen auf der Party habe ich aufgebaut. Die Monitore habe ich beschafft, flache TFTs mit großem Sponsorenlogo. Die Sponsoren sponsern dass Zeug sogar, obwohl es nur hier rumsteht, wo Computer-Analphabeten mit Parteibuch es begaffen und sich dann modern fühlen können. Hätte ich für eine Schule gesammelt, wo Kinder damit etwas lernen, ich hätte bestenfalls Prospekte gekriegt. Und Luftballons mit Partei-Emblem.</p>
<p>Ich mache jeden Scheiß mit.<br />
Ich mache alles.<br />
Ich bin Dienstleister.<br />
Ich sehe durch das Zielfernrohr.</p>
<p>Ich habe die Tastaturen besorgt, jedes einzelne Kabel angeschlossen, jede einzelne Funkverbindung abgesichert. Ich habe sogar die Mäuse poliert. Die Mauspads mit dem PRT-Partei-Logo vom Produzenten abgeholt. Die ich habe fertigen lassen. Ich habe Ärsche getreten, weil die Idioten von der Partei das Logo CMYK in Mac-TIF lieferten statt RGB und in JPG, und natürlich waren das zu viele Großbuchstaben für sie, obwohl sie selber nur drei Grossbuchstaben sind. Am Ende war alles, so, wie es sein sollte. Der Einsatz war wichtig. Der Auftrag erledigt. Die Dienstleistung erbracht.</p>
<p>Ich sehe durch das Zielfernrohr. Der Politiker lebt noch. Charles Bronson starb 2003. An den beschissenen Bruce Willis wird man sich erinnern. <a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/charles_bronson_200x300.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/charles_bronson_200x300.jpg" alt="Charles Bronson (Foto von Fish Cop)" title="Charles Bronson (Foto von Fish Cop)" width="200" height="300" class="alignright size-full wp-image-1095" /></a>Bronson wird man vergessen. Auf siebtklassigen Sendern im Nachtprogramm wiederholen. Er wird das Zielfernrohr auspacken, er wird durch das Zielfernrohr sehen, genau wie ich. Doch bevor er abdrücken kann, kommt ihm der Werbeblock dazwischen. Titten, Ärsche und die Telefonnummern von Porno-Hotlines - sieben Rufmichans, vergnügt und lasziv in den Äther gequietscht. Seine DVDs werden Nice-price-DVDs sein. Wenn sie überhaupt erscheinen. </p>
<p>Ich denke an Charles Bronson. Ich habe sein Bild als Logo auf das Handy geladen. Das hat irgend jemanden 2 Euro 50 gekostet, denn die SIM-Karte ist gestohlen. Weitere 11 Cent wird die vorbereitete SMS kosten. Mein Daumen wird sich bald durch die Menüs des Handys drücken, um sie zu verschicken. Ein anderes Handy wird diese Message empfangen. Der Akku wird vibrieren. Ein Signal auslösen. Der Lauf der Geschichte wird sich ändern. Ich werde mein Zielfernrohr einpacken.</p>
<p>Ich sehe durch das Zielfernrohr. Den Finger am Drücker. Da kommt der Werbeblock.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Der Verwalter</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Jun 2009 22:05:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susann Klossek</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Immer sitzt am Nebentisch / Irgendein Idiot / Und sondert lautstarke Redeschwalle ab / Man möchte aufstehen / Und selbigem die Fresse polieren]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Immer sitzt am Nebentisch<br />
Irgendein Idiot<br />
Und sondert lautstarke Redeschwalle ab<br />
Man möchte aufstehen<br />
Und selbigem die Fresse polieren<br />
Stattdessen sitzt man sich fest<br />
Und erhebt das Glas<br />
Auf die Errungenschaften der Zivilisation</p>
<p>Ich trank meinen Tall Chai Latte und dachte:<br />
Du balancierst besorgniserregend<br />
Am Rande eines grossen dunklen Lochs, mein Freund<br />
Zwischen seinen Beinen<br />
Hampelte ein Hund herum<br />
"Dein Herrchen wagt sich ganz schön weit aus dem Fenster", flüsterte ich<br />
"Ich weiss, er ist ein Arschloch. Aber er verwaltet das Fressen."<br />
Das ist genau das Problem: es gibt immer einen, der das Fressen verwaltet</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/mannmithund_xproc.jpg"><img class="size-full wp-image-1130 aligncenter" title="Mann mit Hund (Foto:aw)" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/mannmithund_xproc.jpg" alt="Mann mit Hund (Foto:aw)" width="258" height="80" /></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Entschlossen</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Jun 2009 22:04:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susann Klossek</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich sass in der Küche in der Sonntagmorgensonne / Früher okkupierten Männer vorübergehend diesen Platz / Doch das war vorbei / Ich hätte Wegezoll verlangen sollen
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich war kürzlich 42 geworden<br />
Das einzig wirklich Gesicherte in meiner augenblicklichen Lage<br />
Die Existenz war nicht gerade ausbalanciert<a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/fruehstueck_350x250px.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/fruehstueck_350x250px-250x250.jpg" alt="Frühstück (Foto:aw)" title="Frühstück (Foto:aw)" width="125" height="125" class="alignright size-thumbnail wp-image-1144" /></a><br />
Wenn man so wollte<br />
Und es war noch nicht raus<br />
In welche Richtung das Pendel ausschlagen würde<br />
Ich sass in der Küche in der Sonntagmorgensonne<br />
Früher okkupierten Männer vorübergehend diesen Platz<br />
Doch das war vorbei<br />
Ich hätte Wegezoll verlangen sollen<br />
Als noch Zeit dafür war<br />
Die Krise ging mir gelinde gesagt am Arsch vorbei<br />
Das Geld auf meinem Konto würde locker langen<br />
Sich von allem zu verabschieden und aus dem Staub zu machen<br />
Kurzfristig betrachtet zumindest<br />
Ich schrieb mal wieder an einem Buch<br />
Doch der Grossteil der Menschheit bekam davon<br />
Für gewöhnlich nichts mit<br />
Die fette Katze schaute mir beim Denkversuch zu<br />
Sie blinzelte und schien es gut zu finden<br />
Immerhin es hätte schlimmer um mich stehen können<br />
Es war nahezu erschreckend<br />
Was ich alles nicht von meinen Nachbarn wusste<br />
Andererseits ersparte mir diese Erkenntnis<br />
Möglicherweise einen Umzug in ein feuchtes Exil<br />
Man braucht so wenig um sich gut zu fühlen<br />
Nachbarn die einen in Ruhe liessen<br />
Gehörten definitiv dazu<br />
Ich überlegte was ich als Nächstes tun könnte<br />
Für mein Leben<br />
Für die Menschheit<br />
Aber mir viel nichts ein<br />
Getränke gab‘s an jedem Automaten<br />
Aber wo bekam man bloss die Ideen her?<br />
Eins war jedenfalls klar: Ich war dazu entschlossen<br />
Entschlossen zu sein</p>]]></content:encoded>
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		</item>
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		<title>Bis Zum Äußersten</title>
		<link>http://kaschemme.de/2009/06/bis-zum-ausersten/</link>
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		<pubDate>Sun, 31 May 2009 22:03:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susann Klossek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
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		<description><![CDATA[Er hatte einen Ansatz zum Bauch / Angefressen in 25 Jahren Revolutionspause / Jetzt trat er wieder aufs Tapet / Und auf die Barrikaden]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Er spuckte wenn er sprach<br />
Versprühte Geifer<br />
Mit zu Berge stehenden Haaren<br />
Die, die ihm geblieben waren<br />
Er referierte<br />
Während er hastig meinen Wein leerte<br />
Und die Hände ring<br />
Dass das Weisse an den Knöcheln hervortrat<br />
Er hatte einen Ansatz zum Bauch<br />
Angefressen in 25 Jahren Revolutionspause<br />
Jetzt trat er wieder aufs Tapet<br />
Und auf die Barrikaden<br />
Warum gerade jetzt blieb unklar<br />
Er wollte etwas tun<br />
Egal was<br />
Aber es interessierte Keinen<br />
Sie waren zu beschäftigt<br />
Mit der Rettung ihrer Spareinlagen<br />
Und der Spannkraft ihrer Haut<br />
Er fühlte sich wie ein einsamer Wolf in den Abruzzen<br />
Ich bestellte mir einen Espresso<br />
Für meinen Wein gab es eh keine Rettung mehr<br />
Und auch nicht für den alten Aufwiegler<br />
Er würde bis zum Äussersten gehen<br />
Glücklicherweise lag das Äusserste<br />
Knapp hinter seiner Couch<br />
Es bestand also zu keinem Zeitpunkt<br />
Gefahr für die Zivilbevölkerung</p>]]></content:encoded>
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		<title>Ausflug mit Heinzi</title>
		<link>http://kaschemme.de/2009/06/ausflug-mit-heinzi/</link>
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		<pubDate>Sun, 31 May 2009 22:01:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daudieck</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Heinzi hat mir seinen verfaulten Zahn geschenkt. Es war der drittletzte oben in der Mitte, die anderen beiden sind nur zu sehen, wenn er lacht. Heinzi lacht oft. Ich weiß, was ihm dieser Zahn bedeutete.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heinzi hat mir seinen verfaulten Zahn geschenkt. Es war der drittletzte oben in der Mitte, die anderen beiden sind nur zu sehen, wenn er lacht. Heinzi lacht oft. Ich weiß, was ihm dieser Zahn bedeutete, ein echtes Geschenk. Sonst macht Heinzi meistens kurzen Prozess, wacklige Zähne zieht er einfach raus, und dann röchelt er sich einen. Röcheln ist sein Lachen. Für einen Spastiker kann er ganz gut sprechen: langsam, vermurkst, gequetscht. Wir beide können uns unterhalten. Aber in der Schule ging's für ihn irgendwann nicht mehr weiter. Als sein Gelalle und Gezucke schlimmer wurden, schmissen sie ihm als Trost die Mittlere Reife hinterher - sein Traum vom Abitur war ausgeträumt, ein Tiefschlag für Heinzi, auch noch nach Jahren.<br />
„Nu brauch ich... ’n Gebiss.“<br />
Guter Witz, er röchelt, ich grinse ihn an.</p>
<p>Sie hätten ihn wieder vergessen – Heinzi, dieser Lügner. Ich sag’ dazu nichts mehr. Der Fahrer, der die Leute von der Werkstatt nach Hause fährt, ist Zivi wie ich, er hat mir vorher Bescheid gesagt.<br />
„Was grölst du hier so laut rum?“ Die sanfte Tour ist bei Heinzi nicht angesagt, steht er sowieso nicht drauf. Wenn er durchdreht, schnauz’ ich ihn voll an. Ein Mal schrie er so lange im Scherenlager, bis der Dorfpolizist anrückte.<br />
„Vergessen mich hier. Bin’n armes Schwein.“<br />
„Logo.“<br />
„Tour machen, hey? Vielleicht... kommt mein Kumpel.“<br />
„Du nervst.“<br />
<a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/04/rollstuehle_350x250.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/04/rollstuehle_350x250-250x250.jpg" alt="rollstuehle_350x250" title="rollstuehle_350x250" width="250" height="250" class="alignright size-thumbnail wp-image-1121" /></a>Bevor wir auf Tour gehen, muss ich den Rollstuhl vollpacken, er hat hinten ein extra großes Netz – obenauf die drei Sixpacks, die sind am wichtigsten, Zigaretten, eine Flasche Wasser, Pampers, Ersatzwäsche und den Beutel mit den Pillen.</p>
<p>„Alles okay... mit Carlo?“ Heinzi meint meinen Chef. Dem passt es nicht, dass ein Zivi mit einem seiner Behinderten säuft. Kein Alkohol bei der Arbeit, trotzdem haben Carlo und ich unser kleines Geheimnis: den abgeschlossenen Spind mit den Sixpacks. Er sorgt stillschweigend für Nachschub. Als Zivi seh’ ich nicht ein, auch noch das Bier zu bezahlen.</p>
<p>„Hab’ schon geschissen... ehrlich.“<br />
„Klasse“, lobe ich wahrheitsgemäß. Heinzi hat sich zwei Mal unterwegs vollgesaut, gibt Schöneres.<br />
Gleich hinter der Hauptstraße fängt das Moor an. Der schnurgerade Feldweg, den sie neu asphaltiert haben, ist ideal für den Rollstuhl. Sogar gutes Wetter, Frühjahr, die Bäume schlagen aus, die Wiesen grünen. Ich schieb’ so vor mich hin, Heinzi lässt sein erstes Holsten einlaufen, zappelt, sabbert, schmatzt vor Vergnügen. Er will schon wieder eine rauchen, pechschwarze Gitanes, normalerweise zwei Schachteln am Tag – seitdem sein linker Arm nicht mehr richtig mitmacht, qualmt er weniger. Ich stecke ihm die Zigarette an und schiebe sie zwischen seine braunen Finger.</p>
<p>„Kann sein... mein Kumpel kommt heut. Reich’... noch’n Holsten rüber.“<br />
Wir sind weit ins Moor gerollt, an unseren Platz, wo wir anhalten und zusammen saufen.<br />
Ich schnapp’ mir auch ein Bier, trinke es in einem Zug aus. Warm hier draußen.<br />
„Willst du heulen?“, frage ich.<br />
„Klar... muss sein... danach quatschen wir, wa?“<br />
Heinzi weint am liebsten allein. Auf der anderen Seite des Weges gibt es eine erhöhte Einfahrt zu einer Viehweide, sein Stammplatz. Es ist ein festgelegter Wechsel, ein Ritual, er winselt, dann wieder glotzt er stumm in die Landschaft.<br />
„Komm’ her!“</p>
<p>Ich bleibe sitzen, auf dem Erlenstamm, der schon seine Borke verloren hat, dessen Holz über den Winter schon weich wurde. Erlen sind nicht langlebig, ihr Holz taugt nichts. Heinzi hat sich aufgebäumt und ist in sich zusammengesackt. Der Rollstuhl steht noch. Sein Kumpel, wir haben beide auf ihn gewartet. Ich bleibe sitzen, ich schnapp’ mir das nächste Bier, trinke es in einem Zug aus – ist ja noch genug da, ein Glück.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Freunde, von denen man spricht</title>
		<link>http://kaschemme.de/2009/05/freunde-von-denen-man-spricht/</link>
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		<pubDate>Sun, 24 May 2009 22:01:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Zeitgeist arbeitet: als Federhalter oder Finderlöhner, als Lückenbüßer oder Zeitzerstreuer. Der Zeitgeiz zerhackt den Tag in immer kleinere Teile, bis zur Unkenntlichkeit, bis nichts mehr von ihm übrigbleibt]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>I. Der Zeitgeist</strong></p>
<p>Wohin ich auch blicke, an wen ich mich auch wende: Spießer, jung und alt, groß und klein, Bauchbürger und die, die es werden wollen. Und mitten unter ihnen der Zeitgeist, ein kleiner Geist in großem Körper, mit verfettetem, nahezu erstarrtem Mienenspiel. Dieser Herr schert sich um nichts, er überläßt sich und sein Schicksal anderen, unbekannten Mächten, die „schalten und walten, wie sie wollen“, wie er sagt.</p>
<p>Der Zeitgeist arbeitet: als Federhalter oder Finderlöhner, als Lückenbüßer oder Zeitzerstreuer. Er arbeitet, um einzukaufen. Während seiner Freizeit findet er sich in Kramgewölben wieder, in Zeitschriften und Katalogen. Oder er macht Urlaub, zu Lande, zu Wasser oder in der Luft. Kein Land, kein Erdteil, in dem er nicht auf Liegen liegt, auf Plastikliegen am Strand, verwöhnt und verhätschelt, von Zäunen und Sicherheitspersonal abgeschirmt – alles im Preis inbegriffen - abgeschirmt von Einheimischen, die vor den Zäunen verhungern und verdursten.<br />
Der Zeitgeist sieht das Elend anderer nicht. Alle seine Sinne sind auf ihn selbst gerichtet. Die anderen werden zusammen mit der Vergangenheit in die Verließe des Vergessens geworfen, immer und immer wieder, so oft sie auch ausbrechen sollten.</p>
<p>Der Zeitgeist hat mindestens ein Auto, das größte und schnellste im Kollegen- und Bekanntenkreis, trotz ständig steigender Preise, trotz allem. Mit dem Auto fährt er überallhin: zum Bäcker, zur Arbeit und in den Park, wo sich „Hansi“ oder „Hector“, sein Hund, an Enten und Langläufern austobt. Der Kampfhund ist sein bester, sein einziger Freund, denn der Zeitgeist lebt allein. Er hat keine Freunde, nur Bekannte, keine Frau, keine Kinder. „Frauen und Kinder kosten Nerven, Zeit und Geld. Sie kosten die Freiheit“, sagt der Zeitgeist.<br />
Abends, wenn er müde von der Arbeit kommt, in seine leere, weiß geleckte Wohnung, dann raucht der Zeitgeist eine Zigarette. Er raucht auf dem Balkon, er raucht bei Wind und Wetter, damit die Wände seiner leeren, weiß geleckten Wohnung keinen Schaden nehmen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>II. Der Zeitgeiz</strong></p>
<p>Er ist der kleine große Bruder des Zeitgeists, ein dürrer, abgehetzter Vogel mit fliehendem Blick. Der Zeitgeiz ist der König der Sparkünstler. Er schlägt Menschen und Zeiten in die Flucht - ganze Erdteile und Epochen - in eine fortdauernde Flucht vor dem Leben, vor sich selbst, er jagt sie vor sich her wie gehetztes Wild, wie Schlachtvieh, von Termin zu Termin, von Fluchtpunkt zu Fluchtpunkt. Kein Anhalten, kein Aufatmen. „Nur nicht stillstehen!“ heißt die Devise des Daseins, wer stehenbleibt, hat verloren.</p>
<p>Der Zeitgeiz zerhackt den Tag in immer kleinere Teile, bis zur Unkenntlichkeit, bis nichts mehr von ihm übrigbleibt. „Wie heißt meine Frau noch, und wie sieht sie eigentlich aus?“ heißt es dann. „Wie viele Kinder habe ich? In welche Klasse gehen sie?“ Selbst der Urlaub wird nicht mehr wahrgenommen, der Kurzurlaub auf Mars und Mond. Ein Tag wie der andere, Jahre und Jahrzehnte auf der Überholspur. Und plötzlich spielt das Leben einen Streich, plötzlich zieht es einem einen Strich durch die Rechnung: wenn sich Krankheiten melden, wenn das Rentenalter, der Ruhestand winkt, wenn der Tod plötzlich auftaucht. Dann zeigt der Zeitgeiz sein wahres Gesicht: das eines aufgeplusterten, falschen Vogels, eines Wichtigtuers und Hochstaplers, der einen um die besten Jahre, wenn nicht ums Leben gebracht hat.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Tagtraum</title>
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		<pubDate>Sun, 17 May 2009 22:04:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daudieck</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich will Schönes sehen, ich will Gefühle ausleben, die vergraben sind unter euren Haufen von Machen und Tun. Seht, was ihr getan habt, so vieles, Enttäuschungen füllen eure Vitrinen, enden in Pappkartons auf Flohmärkten, rumoren digitalisiert auf den Festplatten, vagabundieren im Gespinst eurer Vorsätze, verhallen in Hirnen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="size-thumbnail wp-image-1110 alignright" title="Tagtraum (Foto: kaschemme.de)" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/tagtraum_350x250-250x250.jpg" alt="Tagtraum (Foto: kaschemme.de)" width="250" height="250" />Ich will Schönes sehen, ich will Gefühle ausleben, die vergraben sind unter euren Haufen von Machen und Tun. Seht, was ihr getan habt, so vieles, Enttäuschungen füllen eure Vitrinen, enden in Pappkartons auf Flohmärkten, rumoren digitalisiert auf den Festplatten, vagabundieren im Gespinst eurer Vorsätze, verhallen in Hirnen. Die Zeit, das gnadenlose Agens, entsorgt sie auf Halden, formt Wanderdünen aus Weggeworfenem und Verzicht, verdichtet bis zur Unkenntlichkeit wälzen sie sich träge über Lebenswege bis zur Abbruchkante.</p>
<p>Ich will Schönes sehen, ich will ausblenden, die mich beschweren, mich endgültig abwenden von den Sojasachsen, von den Kalkülen der Ökoschwaben, vom Bionadenplausch in den Reihenhausschlössern des sozialästhetischen Neuadels, von Pornobrillenträgern und Potenzpiefkes im Wellnessambiente, von den bulimischen Arschgeweihträgerinnen, von den oberflächenversiegelten Zahnweißstrahlerinnen im Workoutlook, von Champagnersüfflern á la mode, von Geldschefflern, Kretins und Dekadenzbratzen – vom elephantiasisch wuchernden Schmock des Carpe diem im Fieber, dabei zu sein.</p>
<p>Ich will Schönes sehen, ich will meine Bedürfnisse von allem Extrinsischen befreien, nur genießen, ein stilles Lachen auf Gesichtern von Menschen in sich hinein, das mich mitnimmt, bis ich auch lachen muss, zusammen sitzen unter der Sonne, einfach essen, Brot und Früchte, klares Wasser und gewöhnlichen Wein trinken, reden, sich über Sensationen des Alltäglichen unterhalten, über die Dinge, die interessieren, sich vor Regen schützen, gemeinsam das Gewitter fürchten, sich der Natur ausgesetzt wissen, endlich nichts mehr verstehen wollen – wozu – nicht mehr besser oder schlechter sein müssen als andere, verletzlich bleiben dürfen, offen und gelassen, Geborgenheit fühlen, ein bisschen geliebt werden im unfassbaren Verlorensein.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Für die Kinder</title>
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		<pubDate>Sun, 10 May 2009 22:01:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Hier gab es sie alle: Junge, aufstrebende Literaturstudenten, die schon heimlich ihre Dankesrede für den Nobelpreis geschrieben hatten oder die verträumten Boulevard-Zeitschriften-Dichter, die Posie für ihre Blumentapete schrieben. Es gab Schreiber, die Kredite aufgenommen hatten, damit sie ihre Book-on-Demand Bücher in den Druck geben konnten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>“Warum schreiben wir? Wie oft hat sich das schon einer von euch gefragt? Geht es um die Dinge, die wir nicht vergessen können - oder wollen? Dinge, die wir nicht verstehen und….” Der Professor ließ seinen Kopf nach unten fallen, um über seine runde Brille schauen zu können, und zog die Augenbrauen hoch. Die Falten auf seiner Stirn waren so tief, dass man dachte, jemand hätte sie mit einem Messer in die Haut geritzt. Ein junger Teilnehmer des Schreibkurses, der weiter vorne saß hatte seine Hand gehoben.</p>
<p>“Ja bitte”, sagte der Professor und deutet auf den jungen Mann in der zweiten Reihe, der seinen Arm nun wieder runternehmen konnte.<br />
“Ich hab Angst vor Papier”, sagte der junge Typ verlegen.<br />
“Was hat das mit meiner Frage zu tun?”<br />
“Das nennt man Papyrophobie”, rief einer von ganz hinten.<br />
Paul mit dem Schnurrbart fing an zu lachen.<br />
“Der hat ja voll einen an der Waffel” platzte es aus ihm heraus.<br />
Der Typ aus der zweiten Reihe drehte sich zu Paul.<br />
“Was ist denn da so komisch dran?”<br />
“Nun lasst uns doch mal bitte zu meiner Frage zurückkehren.” Der Professor bat wieder um Aufmerksamkeit und klopfte mit seinem Stift auf das Pult.<br />
“Um unserer Fantasie ein Forum zu geben?”, rief ein anderer dazwischen.<br />
Der Professor nickte nicht ganz unzufrieden.<br />
“Um nicht zu vergessen”, sagte ein junges Mädchen aus der ersten Reihe.<br />
“Gut möglich”, so der Professor.<br />
“Weil wir nichts anderes können”, sagte ich ohne meinen Arm zu heben.</p>
<p>Unruhe kam auf. Einer sagte, dass es mit Sicherheit noch viel mehr gebe, dass er gut beherrschen würde, aber das Schreiben würde ihn halt reizen. Ein weiterer Teilnehmer machte auf das instinktive menschliche Verlangen, sich mitzuteilen, aufmerksam, während ein älterer Typ seine Brille zurecht rückte und noch hinzufügte, dass es auch den Reiz, nicht vergessen zu werden, in sich berge.<br />
“Das hab ich doch gerade gesagt”, sagte das Mädchen aus der ersten Reihe und drehte sich um.<br />
“Du hast gesagt, um nicht zu vergessen … nicht vergessen zu werden ist aber was ganz anderes”, antwortete der Typ mit der Brille prompt.<br />
“Glaubst du denn wirklich in hundert Jahren liest noch einer deine Geschichten?”, fragte das Mädchen kess.<br />
“In hundert vielleicht nicht, aber…” Der mit der Brille stockte und dachte nochmal eine Sekunde darüber nach. “Ja, warum denn nicht?”<br />
Das Mädchen drehte sich wieder zum Pult und lachte.<br />
“Ha, das Vierauge denkt, er wäre ein Apostel.”<br />
“Was ist denn das für eine schwachsinnige Aussage”, feuerte er gleich zurück.<br />
“Kinder, Kinder”, rief der Professor ins Klassenzimmer und hielt die Hände ermahnend hoch, “Wir wollen uns doch hier nicht gegenseitig die Motivation stehlen. Ein Meister ist noch nicht vom Himmel gefallen.”<br />
“Ich hab die 75 Euro im Voraus bezahlt, gibt es die Möglichkeit, einen Teil davon wieder zubekommen, sagen wir mal, wenn man mit dem Seminar nicht zufrieden war?”, fragte Paul ganz beiläufig.<br />
“Das steht hier nicht zu Debatte, jeder von ihnen wird hier schon auf seine Kosten kommen”, versicherte uns der Professor.</p>
<p>Hier gab es sie alle: Junge, aufstrebende Literaturstudenten, die schon heimlich ihre Dankesrede für den Nobelpreis geschrieben hatten oder die verträumten Boulevard-Zeitschriften-Dichter, die Poesie für ihre Blumentapete schrieben. Es gab Schreiber, die Kredite aufgenommen hatten, damit sie ihre Book-on-Demand Bücher in den Druck geben konnten, um dann jeder Tussi im Bekanntenkreis von ihrer Autorenkarriere zu berichten. Eine junge Frau saß an einem Tisch in der Ecke des Raumes. Sie trug eine Brille mit schwarzem Gestell und stellte dauernd Fragen nach der Philosophie des Schreibens. Sie lächelte so gut wie nie und kümmerte sich stets um den korrekten Sitz ihres spitzen Kragens. Sie hatte eine lange Nase, ein sehr schmales Gesicht, das von dunkel-blonden Locken umgeben war. Im Sarah Jessica Parker Double Contest hätte ich ihr auf jeden Fall das Halbfinale zugetraut. In jüngeren Jahren war sie bestimmt mal die Herausgeberin der Schüler-Frauenzeitschrift, die in jeder zweiten Ausgabe ein Gratis-Kondom mit herausbrachte. Ficken ja, aber verlieben nein, denn Männer sind ja sowieso alles Arschlöcher und wir emanzipierten Frauen mit Designerbrillen und Zehner-Karte fürs Fitness-Center mit Gratis-Protein-Shake im Monat, haben etwas Besseres verdient. Hier saß ich nun und trauerte meinen 75 Euro nach. Das ich mich zur Teilnahme an diesem Kurs entschieden hatte, war mehr oder minder eine Kurzschlussreaktion gewesen. Ich saß zu Hause herum, blätterte durch meine Absagen zahlreicher Verlagshäuser und dachte mir, dass ich es vielleicht mal über einen akademischen Umweg versuchen sollte. Wie viele Schreiber hatten es denn schließlich schon von der Straße geschafft? Nicht jeder wird ein Bukowski, ein John Fante oder ein Hubert Selby Jr. Diese Leute haben doch den vielen verlorenen Schreiberseelen den ganzen Mist erst eingebrockt. Ich sehe diese verzweifelten Schreiberlinge vor meinem geistigen Auge: sie sitzen zu Hause, leeren eine Flasche Bier nach der anderen, schreiben von ihren Tagen in der Gosse und hoffen auf ihren großen Durchbruch. Fante hat's geschafft. Dann pack ich das auch! Ich sollte vielleicht einfach eine Geschichte schreiben, sie zwanzigtausend Mal ausdrucken und dann die Blätter in der Innenstadt verteilen. Vielleicht kommt ja jemand daher und erzählt mir was für ein unglaubliches Talent ich doch besitze. Dann lächele ich und fühle mich geschmeichelt. Oh, Mann. Ich sollte vielleicht auch mal meinen Arm heben und eine Frage stellen. Schließlich habe ich einiges hingeblättert für diesen Kurs.</p>
<p>Ich hob meinen Arm und kurz darauf nahm mich der Professor auch schon dran.<br />
"Wann, denken Sie, ist der Punkt gekommen, an dem man sich eingestehen sollte, dass man es einfach nicht drauf hat?", fragte ich und der Professor schaute nachdenklich zu Boden. Mit einer müden Bewegung stand er auf und trottete langsam durch den Raum. Er nahm seine Brille ab und begann auf dem Gestell herum zu kauen. Er bemerkte meine negative Haltung zu der ganzen Sache und wollte nun einmal mehr das Boot vor dem sicheren Untergang bewahren. Er atmete tief ein, kratzte sich die Stirn und machte seinen gekrümmten Rücken gerade. Er stand da, als wäre er im Begriff, vor der ganzen Nation die Nationalhymne zu singen, doch stattdessen sagte er einfach nur in lakonischer Art: "Jedem ist es selbst überlassen, wann er aufgeben will, aber raten würde ich es keinem."</p>
<p>Ich war mit der Antwort nicht sonderlich zufrieden, aber wahrscheinlich wäre ich mit keiner Antwort zufrieden gewesen. Jeder schaute in diesem Moment auf zu unserem Kursleiter wie zu einem Fremdenführer, der uns aus der trostlosen Wüste hinein ins gelobte Land führen sollte. Doch dieser Führer hatte eigentlich gar keine Ahnung. Er wusste nicht mehr als wir. Jeder hier wusste eigentlich gar nichts und doch nahm er sich das Recht eines angehenden Fachmanns heraus. Wir waren doch nichts. Wir schrieben auch nichts. Wir sagten auch nichts. Wir verbrachten nur unsere gottgegebene Zeit hier und stierten Löcher in die Luft.</p>
<p>"Lasst uns eine Geschichte schreiben", sagte der Professor schließlich und gab uns als Hausaufgabe für den nächsten Tag eine Geschichte ohne irgendeinen Themenbezug auf. Alle verabschiedeten sich und schmiedeten schon heimlich Pläne, wie man wohl am morgigen Tag den gesamten Kurs mit einer fetzigen Geschichte weghauen könnte. Ich ging nach Hause, trank zwei Flaschen Wein und machte mich an die Arbeit. Bis zu der Sekunde, in der ich vor den anderen Schreibern in spe den Text vortrug war mir eigentlich nicht ganz bewusst, was ich überhaupt geschrieben hatte. Ich setzte an und las vor. Immer wieder verdrehten die Leute im Kurs die Augen oder fingen an zu lachen, während ich vorlas. Dann war es irgendwann zu Ende und überraschenderweise blieb der Applaus aus. Vielleicht hätte ich vorher dem Kursleiter etwas besser folgen und den einen oder anderen Hinweis zur Kenntnis nehmen sollen.</p>
<p>"Deine Geschichte ergibt doch überhaupt keinen Sinn", sagte Paul zu mir und ich lächelte.<br />
"Der tiefere Sinn steckt im zweiten Absatz", sagte ich und versicherte mich selbst nochmal. Ja, genau dort lag er verborgen. Aber das versteht ihr alle nicht. Ich nehm mir jetzt mein Robert-Frost-Gedichtebuch, stell mich in die Ecke und höre einfach nicht mehr zu. Da lerne ich doch bestimmt mehr, als in dieser inkompetenten Runde hier. Doch lasst mich vor meinem großen Abtritt noch einmal kurz jemanden zitieren. Ja, ein Zitat. Das passt hier so wunderbar her. Ich zitiere also Bertolt Brecht: <em>So mancher wollt so manches haben was für manchen gar nicht gab: Er wollt sich schlau ein Schlupfloch graben und grub sich nur ein frühes Grab.</em></p>
<p>"Der nächste, bitte", sagte der Professor und die Blümchentapeten-Dichterin legte los. Nach der Vortragsstunde bat der Professor jeden von uns zu einem persönlichen, abschließenden Gespräch zu sich ins Büro.<br />
"Herr ... ," begann er und versuchte sich zu erinnern.<br />
"Nennen Sie mich wie Sie wollen."<br />
"Genau da liegt das Problem."<br />
Er goss sich Kaffee aus der Kanne in seine Peanuts-Tasse und begann ein paar Zuckertüten aufzureißen. Das Büro wirkte auf mich mehr wie eine kleine Kantine, als ein Büro. Ein Kühlschrank, eine Mikrowelle, Elektroherd, frische Weintrauben in einer mit Wasser gefüllten Schale, Bananen, glänzende Kirschen in einem Schälchen. Ein kleines Schlaraffenland mit einem schmalen Schreibtisch, einem hölzernen Stuhl davor und ein gerahmtes Mark Rothko Bild an der Wand, das hier ungefähr so gut reinpasste wie der Teufel in den Petersdom.<br />
"Also, Herr ... ." Der Professor schob seine Brille hoch. "Wie spricht man das aus?"<br />
"Hat ihnen meine Geschichte gefallen?" fragte ich.<br />
"Im Großen und Ganzen ... sagen wir mal ... ja."<br />
Ich schmunzelte und trauerte einmal mehr meinen 75 Euro nach.<br />
"Das Problem mit ihrem Text ist, dass ich nicht sonderlich schlau daraus werde."<br />
"Ach ja?"<br />
"Was soll er aussagen und für wen soll er geschrieben sein?"<br />
"Sie meinen so eine Art Botschaft?"<br />
"Genau. Wie jede Geschichte sie hat."<br />
"Könnte es nicht sein, dass Sie die Botschaft einfach nicht bemerkt haben?"<br />
"Aber wenn ich sie nicht bemerke, dann haben Sie doch irgendwie das Ziel verfehlt."<br />
"Das Problem ist wohl, dass, und nun sind wir beim zweiten Punkt, den Sie angesprochen haben, meine Zielgruppe wahrscheinlich nicht aus solch hochangesehenen, akademischen Schwergewichtlern besteht."<br />
"Und wer ist Ihre Zielgruppe? Für wen schreiben Sie?" fragte er abschließend und nahm seine Brille ab.<br />
Ich ging einen Moment in mich und überlegte mir, ihm eine Antwort darauf zu geben, aber ich dachte mir, er wird vielleicht selbst früher oder später darauf kommen oder er wird mich einfach vergessen. Keine fünf Sekunden nachdem ich aus der Tür bin, wird er schon den nächsten Kursteilnehmer zu sich herein bitten und ihn mit ähnlichen Kritikpunkten konfrontieren, ohne auch nur einen Funken Erinnerungsvermögen an mich zu verschwenden.</p>
<p>"Kann ich mir eine Banane mitnehmen?", fragte ich höflich, und in seiner Perplexität brachte er es nur zu einem Nicken. Ich griff mir das Obst, begann schon beim Hinausgehen mit dem Schälen und verschwand.<br />
"Vielen Dank und viel Glück noch", sagte ich und biss zu.</p>]]></content:encoded>
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