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	<title>Zarathustras miese Kaschemme &#187; Kindheit</title>
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	<description>Blog &#38; Magazin für exzentrische Literatur</description>
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		<title>Gossenkinder</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Feb 2012 06:06:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Panisch flogen die Vögel davon. Wir setzen uns auf den Tisch, die Schuhe auf die Bank und schauten uns gründlich um.  „Niemand zu sehen“, sagte ich. „Gut, mach auf.” Wir drehten den Verschluss auf und rochen an der Öffnung. Beide verzogen wir das Gesicht und zögerten zu trinken.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir lungerten uns noch sehr spät draußen rum. Frankie und ich balancierten die Bordsteine unserer Straße auf und ab. Zwei verlorene Kinder, er 14 und ich 12, die auf dem dunklen Asphalt irgendwo zwischen unseren Wohnhäusern herumturnten, während die anderen zu Hause waren und fernsahen. Wir wollten nicht nach Hause, vor allem nicht Frankie. Wir hatten seinen Vater besoffen nach Hause kommen sehen und nach trinkfesten Stunden in der Kneipe am Ende der Straße schlug er gerne mal zu. Frankie machte sich um seine Mutter Sorgen, aber er konnte ja an der ganzen Misere sowieso nichts ändern. Bei mir im trauten Heim lag ebenfalls ein überflüssiger Streit in der Luft und so schloss ich mich Frankies Abstinenz an. Wir hatten Glück, dass der Regen ausblieb, die Kälte war erträglich.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1841" title="Plattenjugend" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2012/01/plattenjugend1.jpg" alt="Plattenjugend" width="180" height="1770" />„Ich hab nen Hunderter”, sagte Frankie und zog einen Hundert-Mark Schein aus der Gesäßtasche seiner verwaschenen Jeans, die ihm mindestens zwei Nummern zu klein war. Ich war erstaunt. Das war erst das zweite Mal, dass ich einen Hundert-Mark Schein sah.<br />
„Ich hab auch Zigaretten”, sagte er und zog gleich mal vier Selbstgedrehte aus der linken Brusttasche seines gestreiften Hemdes, mit dem er wie einer von der Olsenbande aussah. Auch wenn seine Hose viel zu klein war, gefiel sie mir um einiges besser als meine. Meine sah so billig aus und barg nichts anderes als Sand und Kieselsteine.<br />
„Wo hast du das Geld und die Zigaretten her?”, fragte ich ihn.<br />
„Meinem Vater ausm Schrank geklaut.”<br />
Wir gingen runter zum Imbiss und kauften uns vier Portionen Pommes, sechs Bratwürstchen und jeder zwei Hamburger. Nach den Bratwürstchen waren unsere Mägen voll und wir ließen den Rest auf dem Spielplatz liegen.<br />
„Was jetzt?”, fragte ich und Frankie begann zu überlegen.<br />
„Lass uns ne Flasche Schnaps kaufen”, sagte er und ich willigte sofort ein. Ich hatte vorher noch nie Alkohol getrunken.<br />
Wir gingen runter zur Ecke, wo der Kiosk war. Der Kioskbesitzer war ein alter Witwer, den alle nur „Tasche“ nannten. Wieso wusste ich nicht. Er saß in seinem Kiosk und las wie immer in einem seiner Groschenromane. Ich blickte aufs Titelblatt und sah einen Cowboy, der einen Indianer erschoss.<br />
„Was macht ihr denn so spät noch draußen?”, fragte er.<br />
„Was für meinen Vater kaufen“, antwortetet Frankie.<br />
„Zigaretten?”<br />
„Nee, Weinbrand.”<br />
„Mariacron?”<br />
„Ja, wie immer.”<br />
Tasche legte sein Heft zur Seite und streckte sich, um die Flasche auf dem Holzregal über der Eistruhe zu greifen.<br />
„Das ist sie”, sagte Frankie und legte seine Hände erwartend auf dem Tresen ab. Ich blieb im Hintergrund. Frankie hatte mehr Erfahrung im Einkaufen von Alkohol und Zigaretten. Schon ein paar Mal hatte er für seinen Vater bei Tasche Nachschub geholt. Frankie nahm die Flasche in seine Hand und reichte sie an mich weiter. Da lag sie nun in meinen Händen. Ich wollte aus lauter Neugier sofort einen Schluck nehmen, doch musste erst mal warten, bis Frankie bezahlt hatte und wir in sicherer Umgebung waren.<br />
Frankie legte das Geld auf den Tresen und wir verabschiedeten uns.<br />
„Und sag ihm seine neue Drehmaschine ist hier,” sagte Tasche und Frankie nickte ihm zu. „Mach ich.”</p>
<p>Wir gingen zurück zum Spielplatz, beschattet vom sterbenden Plattenbau westlich von uns gesehen. Tauben hatten sich inzwischen über unser Essen hergemacht. Sie pickten mit ihren Schnäbeln durch die Alufolie und verstreuten die Gurken und Tomaten der beiden Hamburger über den Boden. Frankie lief rüber zum Tisch und schrie sie an. Panisch flogen die Vögel davon. Wir setzen uns auf den Tisch, die Schuhe auf die Bank und schauten uns gründlich um.<br />
„Niemand zu sehen“, sagte ich.<br />
„Gut, mach auf.”<br />
Wir drehten den Verschluss auf und rochen an der Öffnung.<br />
Beide verzogen wir das Gesicht und zögerten zu trinken. Es muss unglaublich auf der Zunge brennen, dachte ich mir.<br />
Frankie nahm einen kleinen Schluck und ließ ihn im Mund. Er versuchte zu Schlucken, doch es fiel ihm sehr schwer.<br />
„Was ist denn?”<br />
„Mmmm mmmm”, murmelte er mit vollem Mund und gab mir die Flasche zurück. Ich nahm den nächsten Schluck und ließ ihn sofort in den Magen wandern. Als Frankie das sah, schluckte er ebenfalls und beide fingen wir an zu husten, während unsere Kehlen wie das Höllenfeuer brannten.<br />
„Einen nehmen wir noch und dann kannste sie nach Hause bringen.“<br />
Ich nahm noch einen Schluck und dann wieder er.<br />
„Schaffst du noch einen?”, fragte er und ich wollte mich nicht geschlagen geben. Ich nahm einen weiteren Schluck und dann war er wieder am Zug.<br />
<img class="alignright size-full wp-image-1842" title="Plattenjugend2" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2012/01/plattenjugend2.jpg" alt="Plattenjugend2" width="173" height="1534" />„Voll der Brennstoff”, sagte er und hechelte. Wir hatten den Flaschenhals leer bekommen und fühlten noch nichts. Ohne was zu sagen, nahm ich noch einen Schluck und hielt die Flasche triumphierend in meiner Hand. Frankie schaute nachdenklich und griff sich die Pulle siegeswillig. Er trank und gab sie wieder zur mir zurück. Mein Rachen war wie taub und ich spürte die Wärme im ganzen Körper. Wir saßen mitten in der Hölle und genossen es. Gossenkinder, die Spaß an Dummheiten hatten.<br />
„Glaubst du wir schaffen die ganze Pulle?”, fragte er und ich trank erneut.<br />
„Wir hätten Kaugummis kaufen sollen.”<br />
Er nahm den nächsten Schluck. Dann wieder ich und dann wieder er. Bald machte uns das Brennen im Hals nicht mehr viel aus und wir setzten die kleinen Schlucke fort. Wir gingen zu den Bäumen rüber und pinkelten. Wieder zurück auf dem Tisch nahmen wir jeder noch einen Schluck.<br />
„Mann, das Zeug ist echt hart”, lallte Frankie und übergab sich kurz darauf. Seine Augen waren ganz glasig und ich fühlte mich, als hätte ich seit Tagen schon nicht mehr geschlafen. Der Alkohol drückte mich runter. Ich sah sein Erbrochenes vor der Bank und schon wurde mir übel.<br />
„Mir ist ganz komisch”, sagte Frankie und konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten.<br />
„Ich glaube ich sterbe“, sagte er und fing an zu weinen. Ich legte ihm meine Hand auf den Rücken und versuchte ihn zu beruhigen, aber als ich mir anfing vorzustellen, wie wir beide in den nächsten Minuten das Bewusstsein verlieren würden, um dann kurz vor dem Sandkasten im Dreck zu krepieren kam es mir hoch. Er drehte den Kopf zur Seite, fiel fast vornüber und kotzte neben mir auf die Bank.<br />
„Mann, nicht auf die Bank“, sagte Frankie mit seiner weinerlichen Stimme und schubste mich von der Seite.</p>
<p>Frankie sah auf und deutet mit seinem Zeigefinger auf den Nachthimmel, als plötzlich ein Schuss die Luft zerriss und ihn am Oberschenkel traf. Frankie schrie kurz auf und blickte dann rüber zu den Balkonen des Plattenbaus. Irgendwo da oben stand er. Gerd, 15 Jahre alt und heißer Kandidat fürs Jugendamt. Er schoss auf Tauben, streunende Katzen und hatte nun Frankie und mich ins Visier genommen. Wir verschanzten uns hinter der Bank und warteten auf den nächsten Schuss, der aber nicht mehr kam. Frankie lachte und holte ein Taschentuch hervor. Für ihn war es der Anfang einer verheißungsvollen militärischen Karriere, die knapp 13 Jahre später im Norden Afghanistans durch einen Sprengstoffanschlag beendet wurde. Ich hingegen wurde Grundschullehrer und sah manchmal, wenn meine Schüler auf dem Pausenhof Krieg spielten, noch immer den binnen weniger Sekunden gebastelten Molotov-Cocktail aus Weinbrand in Richtung Plattenbau fliegen, dazu der Ruf von Frankie: „Den Hurensohn werden wir braten.“ Es zauberte stets ein Lächeln in mein Gesicht. Ja, mein Gesicht, das durch den steigenden Alkoholkonsum immer mehr an Ästhetik und Autorität verloren hatte. Zwei Jahre und zwei Monate nach meiner ersten Unterrichtsstunde ging ich in den Entzug. Zurück blieb nichts als ein schlechtes Gewissen, ein toter Freund und ein peinliches Feuer auf dem Rasen vor dem Plattenbau, das gefühlte vier Minuten gebrannt hatte.</p>]]></content:encoded>
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		<title>auf Händen laufen</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Nov 2011 11:13:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Patrick Steiner</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Text]]></category>
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		<category><![CDATA[Gras]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>

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		<description><![CDATA[Als Kind konnte man ohne große Mühe auf Händen laufen. Die Zeit hat gemacht, dass man diese Fähigkeit irgendwie verlernte, ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Kind konnte man ohne große Mühe auf Händen laufen. Die Zeit hat gemacht, dass man diese Fähigkeit irgendwie verlernte, obwohl sie womöglich zum prozeduralen Wissen gehört, genau wie das Fahrradfahren. Weil man wächst, zunimmt und sich der Schwerpunkt verlagert. Man verliert das Gefühl für die Balance. Und das passiert immer wieder, auch außerhalb des Körpers. Weil Dinge sich ändern wie die Körpereigenschaften oder weil sie das nicht tun. Vielleicht sollte man lernen, wieder auf Händen zu gehen. Man könnte die Welt aus neuen Blickwinkeln betrachten und Wolken wären federweiche Fußbodenplatten, über die man hüpft, um nicht in das kühle Blau zu fallen. Würde man auf den Händen gehen, es bliebe einem der Anblick fremder Gesichter erspart und all das Elend und der Zorn darin. Manche Menschen sollten wirklich immer auf Händen durch das Leben gehen, weil ihnen dann nicht die Decke auf den Kopf fallen könnte. Stattdessen reitet man durch den Sonnenuntergang in Richtung Nacht. Nicht auf Händen, sondern auf Erinnerungen, an damals, an grüne Wiesen an heißen Sommertagen in überfüllten Freibädern und die dünngestreiften Abdrücken, die das abgeknickte Gras auf den rot angelaufenen Handflächen hinterließ.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Triumph des Willens</title>
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		<pubDate>Thu, 14 May 2009 22:01:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es war der Morgen eines blauen Frühlingstages, als Kain seinen kleinen Bruder Abel in den Kindergarten bringen mußte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/blauerhimmel_350px.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/blauerhimmel_350px-250x250.jpg" alt="blauerhimmel_350px" title="blauerhimmel_350px" width="250" height="250" class="alignright size-thumbnail wp-image-1071" /></a>Es war der Morgen eines blauen Frühlingstages, als Kain seinen kleinen Bruder Abel in den Kindergarten bringen mußte. Kain, der alles lieber tat, als sich mit kleinen Brüdern abzugeben, zog Abel wie einen Bollerwagen hinter sich her, er schleppte ihn eine Allee entlang, deren Bäume wie große, grüne Staubwedel aussahen, oder wie regungslose, salutierende Klobürsten. Plötzlich tauchte eine Raupe vor ihnen auf, ein Geschöpf, dem gegenüber sich die Brüder von kleinen Jungen in Riesen verwandelten. Kain hob sein Bein, so daß die Raupe im Schatten seiner Schuhsohle verschwand. Er fragte Abel, ob sie leben oder sterben solle. Obwohl sich Abel für das Leben entschied, zerquetschte Kain die Raupe unter seinem Fuß. Es war der Morgen eines blauen Frühlingstages, als das Leben seine Unschuld verlor, es war auf einer Allee, auf einer Klobürsten- oder Staubwedelallee, als der Tod eines kleinen Tieres einen kleinen Jungen zu Tränen rührte und einen andern zu einem Lächeln.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Taschenuhr</title>
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		<pubDate>Wed, 06 May 2009 22:28:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Schida</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Sie hat viele Jahre meinem Vater gehört
Er ist längst tot
und ich weine ihm keine Träne nach
Er war ein harter Hund]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn ich vor der Maschine sitze<br />
und meine Zeilen in sie hineinhämmere<br />
dann mach ich zwischendurch<br />
kleinere oder auch mal größere Pausen</p>
<p>Und dann schaue ich auf die kleine<br />
silberne Taschenuhr<br />
die neben dem Papierstapel auf dem Schreibtisch liegt</p>
<p>Sie hat viele Jahre meinem Vater gehört<br />
Er ist längst tot<br />
und ich weine ihm keine Träne nach<br />
Er war ein harter Hund<br />
und irgendwie schiebe ich ihm die Schuld<br />
für mein eigenes verkorkstes Leben zu</p>
<p>Er hat mich nie geliebt<br />
hat stets für Aufruhr und Unruhe gesorgt<br />
und mit mir oder meiner Mutter herumgebrüllt<br />
Auch den Riemen ließ er ab und zu<br />
auf mich niedersausen</p>
<p>Er war das Arschloch<br />
das meine Entwicklung um mindestens<br />
ein Jahrzehnt gehemmt<br />
und nachhaltig gebremst hat</p>
<p>Und jetzt liegt er schon längst bei den Würmern<br />
falls überhaupt noch etwas von ihm übrig ist<br />
und seine Taschenuhr zeigt mir täglich<br />
mehrmals die genaue Zeit<br />
Und jeden Morgen<br />
wenn ich sie aufziehe<br />
erregt mich ihr glattes kühles Metall<br />
und ihr schlankes zeitloses Aussehen</p>
<p>Ich finde, das ist mehr<br />
als man von einer Uhr verlangen kann</p>
<p>(2001)</p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Schuld</title>
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		<pubDate>Sun, 26 Apr 2009 19:15:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
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		<description><![CDATA[Auf dem Waldboden liegt ein Teppich aus Moosen, Blumen und Gräsern, und in der Nähe rauscht ein Bach. Und plötzlich steht ein Junge vor ihm, ein Junge wie er.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Da steht er vor ihm, der Wald, die Gehölzgesellschaft, da steht er nun davor, vor dem Wald, vor dem ihm Großmutter so oft gewarnt hatte. Und dann ist er drin im Wald, trotz der Warnungen, trotz der Furcht vor dem dunklen, undurchdringlichen Dickicht. Vor einem Jahr hätte er sich das noch nicht getraut, vor einem Jahr und in den Jahren davor, während der Sommerferien, die er bei Großmutter auf dem Land verbrachte. Da hatte er noch an die Märchen vom schwarzen Mann geglaubt, vom Kinderfresser und von den Seelen seiner Opfer, die durch den Wald geisterten.</p>
<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/04/wald_350.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/04/wald_350.jpg" alt="wald_350" title="wald_350" width="350" height="250" class="alignright size-full wp-image-1065" /></a>Buchen und Eichen zu beiden Seiten des Feldwegs, Baumstämme wie hohe, braune Pfeiler und Kronen wie lichte grüne Kirchenkuppeln. Auf dem Waldboden liegt ein Teppich aus Moosen, Blumen und Gräsern, und in der Nähe rauscht ein Bach. Und plötzlich steht ein Junge vor ihm, ein Junge wie er, wie aus dem Gesicht geschnitten, er steht da und lächelt. „Keine Angst“, sagt sein Ebenbild, „ich bin auf deiner Seite!“</p>
<p>Die Jungen setzen sich an den Bach. Der eine erzählt seine Geschichte, er erzählt die Geschichte vom Alleinsein, von der Einsamkeit in der Stadt. „Hat dich jemand in den Wald gehen sehen?“ unterbricht ihn der Waldjunge plötzlich. Noch ehe der andere den Kopf schütteln, noch ehe er verneinen kann, knackt es hinter ihnen. Und als sie sich umdrehen, sehen sie die Dorfgemeinschaft, sie sehen hundert, zweihundert Menschen auf sich zukommen. Die Großmutter tritt aus dem Pulk heraus und giftet: „Ich habe dir hundertmal gesagt, wer in den Wald geht, kommt nicht wieder heraus. Ich habe dich hundertmal gewarnt, du aber konntest nicht gehorchen.“</p>]]></content:encoded>
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		<title>Eine Weihnachtsgeschichte</title>
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		<pubDate>Mon, 20 Dec 2004 06:22:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ulrich Klein</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Erinnerung an die letzte Nacht trieben langsam in ihr Bewusstsein hoch. Wie das ins Klo geschüttete Öl einer Sardinenbüchse.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Susanne schlug die Augen auf. Ihr Blick schweifte zum Fenster, während sie sich noch enger in ihre Bettdecke zu schmiegen versuchte. Nach und nach klärte sich ihr Blick und die Realität holt sie ein. Im Mund der Geschmack von zuviel Rotwein. Ein Chianti Superior, für dessen hohe Qualität die Hersteller laut Etikett zwanzig Prozent Ernteeinbußen hinnahmen &#8211; und dafür zwanzig Prozent auf den Preis aufschlugen. Pelzige Zunge am Tag danach inklusive. Auf dem Nachttisch ein Zettel mit der Nachricht &#8220;Ich ruf Dich an, Heiko&#8221;. Kein &#8220;es war toll&#8221; oder &#8220;in Liebe&#8221; oder &#8220;bis heute Abend&#8221;. Susanne schloss die Augen. Heiko. Die Erinnerung an die letzte Nacht trieben langsam in ihr Bewusstsein hoch. Wie das ins Klo geschüttete Öl einer Sardinenbüchse. Ein freier Abend ohne Ziel. Ein Cocktail und ein paar Zigaretten zuviel in einer hippen Bar im Münchner Glockenbachviertel. Und Heiko. Charmant, gutaussehend, smart und von sich überzeugt. Später ein kurzer, heftiger Fick und nun ein Eintrag mehr auf der Liste der Enttäuschungen.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-452" title="winter" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/02/winter.gif" alt="winter" width="177" height="202" />Es liegt Schnee. Vier Tage vor Weihnachten. Kälte schneidet ihr ins Gesicht und sie zieht den roten Schal etwas fester um ihr Gesicht. Komisch, denkt sie, dass sie jetzt an Joshua denken muss. Joshua Kahapka. Ihr erster Freund in der dritten Klasse. Klein, schmächtig und Außenseiter. Kind deutschstämmiger Einwanderer, die die Dorfkneipe im Ort ihrer Kindheit betreiben. Ihr erster Freund &#8211; echte Freundschaft. Unschuldig. Bild: U.Klein Ohne sexuelle Spannungen. Dritte Klasse Grundschule. Gespräche im Pausenhof über Fahrräder, Indianer oder die kommenden Weihnachtsgeschenke. Wer schneller laufen kann oder ob das Taschengeld jemals für die in Comics beworbenen Sea-Monkeys reicht &#8211; ein Pulver, das in Wasser geschüttet zu lebenden Seemenschen wird, für die sie dann sowas wie Königin und König wären. Was einem eben in dem Alter so interessiert. Verstohlenes Händchenhalten &#8211; zurückgezogen unter verlegenem Grinsen. Und große braune Augen. Die sind ihr bis heute in Erinnerung geblieben. Joshs große braune Augen. Genau wie Heikos, oder all der anderen. Vielleicht prägt einen die Kindheit doch, denkt sie.</p>
<p>Der Schnee knirscht unter ihren Stiefeln auf dem Weg zum Supermarkt. Komisch, denkt sie, dass sie ausgerechnet heute daran denken muss.</p>
<p>Heute vor dreiundzwanzig Jahren. Turnen in der fünften Stunde. Josh war den ganzen Tag nicht erschienen. Dafür kam die Turnlehrerin in Begleitung von zwei Polizisten. Josh wird nicht mehr zur Schule kommen, erklärt sie. Es wird still in der Turnhalle. Ob er umgezogen ist, will sie wissen. Und nein, kommt die zögerliche Antwort. Josh ist beim Spielen verunglückt. Hat sich beim Versteckspielen im Keller des elterlichen Gasthauses in einem alten, abgestellten Kühlschrank versteckt. Man hat ihn erst Stunden später gefunden. Erstickt. Die Innentür leicht eingebeult von den Schlägen seiner kleinen Fäuste. Es folgt eine Belehrung, sich nicht in alten Kühlschränken zu verstecken, danach gibt es Schulfrei.</p>
<p>Im Supermarkt ist nicht viel los. Sie entscheidet sich für italienische Pesto, Kosmetiktücher, teure Spaghetti und einen schweren Merlot-Rotwein. An der Kasse vor ihr steht eine Frau mit einem geschulterten Säugling. Große braune Augen lächeln sie an.</p>]]></content:encoded>
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