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	<title>Zarathustras miese Kaschemme &#187; oben</title>
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	<description>Blog &#38; Magazin für exzentrische Literatur</description>
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		<title>Pulsschläge</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Jun 2009 22:01:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daudieck</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
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		<description><![CDATA[Eine Dame aus malerischem Geschlecht
echauffiert vor der Beißwut
ihres Pekinesen
hastet in die offenen Arme des Veterinärs]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Rosshändler aus dem Ländlichen<a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/spassfotos_200px.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1116" title="Spassfotos (Foto: aw)" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/spassfotos_200px.jpg" alt="Spassfotos (Foto: aw)" width="200" height="336" /></a><br />
erbebend vor der Nonchalance<br />
des Herrenausstatters<br />
fingert unter dem Revers eines Cutaway</p>
<p>Ein Software-Hardliner aus der City<br />
im Restaurant angeregt parlierend<br />
vor einem Seitensprung<br />
verfängt sich in Schwärmen von Strapsen</p>
<p>Eine Dame aus malerischem Geschlecht<br />
echauffiert vor der Beißwut<br />
ihres Pekinesen<br />
hastet in die offenen Arme des Veterinärs</p>
<p>Ein Geistlicher aus tiefem Glauben<br />
mit Blick nach oben psalmodierend<br />
vor der Gemeinde<br />
erbricht sich jäh ins Taufbecken</p>]]></content:encoded>
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		<title>Der Verwalter</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Jun 2009 22:05:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susann Klossek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
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		<category><![CDATA[oben]]></category>
		<category><![CDATA[politik]]></category>
		<category><![CDATA[unten]]></category>

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		<description><![CDATA[Immer sitzt am Nebentisch / Irgendein Idiot / Und sondert lautstarke Redeschwalle ab / Man möchte aufstehen / Und selbigem die Fresse polieren]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Immer sitzt am Nebentisch<br />
Irgendein Idiot<br />
Und sondert lautstarke Redeschwalle ab<br />
Man möchte aufstehen<br />
Und selbigem die Fresse polieren<br />
Stattdessen sitzt man sich fest<br />
Und erhebt das Glas<br />
Auf die Errungenschaften der Zivilisation</p>
<p>Ich trank meinen Tall Chai Latte und dachte:<br />
Du balancierst besorgniserregend<br />
Am Rande eines grossen dunklen Lochs, mein Freund<br />
Zwischen seinen Beinen<br />
Hampelte ein Hund herum<br />
"Dein Herrchen wagt sich ganz schön weit aus dem Fenster", flüsterte ich<br />
"Ich weiss, er ist ein Arschloch. Aber er verwaltet das Fressen."<br />
Das ist genau das Problem: es gibt immer einen, der das Fressen verwaltet</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/mannmithund_xproc.jpg"><img class="size-full wp-image-1130 aligncenter" title="Mann mit Hund (Foto:aw)" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/mannmithund_xproc.jpg" alt="Mann mit Hund (Foto:aw)" width="258" height="80" /></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Nur Kopien</title>
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		<pubDate>Sun, 31 May 2009 22:23:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Schida</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bild]]></category>
		<category><![CDATA[Story]]></category>
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		<category><![CDATA[doppelgänger]]></category>
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		<description><![CDATA[Er folgt mir bis ins Terrassencafé in der 5. Ebene des Museums, ganz hinten bei den Impressionisten, deutet auf den Stuhl mir gegenüber, wartet mein Zeichen der Zustimmung gar nicht ab und setzt sich. Erst jetzt fallen mir seine schräg übers rechte Auge gezogene Mütze und der dunkle, am Kragen und an den Ärmeln leicht abgenützte Wintermantel auf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1103" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px">
<div style="text-align: auto;"><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/helmut_schida_25_kirche-von-auvers-van-gogh.jpg"><img class="size-full wp-image-1103 " title="Helmut Schida: Die Kirche von Auvers" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/helmut_schida_25_kirche-von-auvers-van-gogh.jpg" alt="Die Kirche von Auvers" width="500" height="593" /></a></div>
<p><p class="wp-caption-text">Die Kirche von Auvers<br />(Helmut Schida, Wien, Juni 2007, Replik nach van Gogh)</p></div></p>
<p>Er folgt mir bis ins Terrassencafé in der 5. Ebene des Museums, ganz hinten bei den Impressionisten, deutet auf den Stuhl mir gegenüber, wartet mein Zeichen der Zustimmung gar nicht ab und setzt sich. Erst jetzt fallen mir seine schräg übers rechte Auge gezogene Mütze und der dunkle, am Kragen und an den Ärmeln leicht abgenützte Wintermantel auf. Ich hab den Kerl schon einmal gesehen! War’s oben am Montmartre? Bevor ich mir ganz sicher sein kann, beginnt er auch schon mit seiner Geschichte.</p>
<p>Sie kennen sich in der Malerei aus. So etwas sehe ich auf den ersten Blick. Ihnen ist die falsche Kirche von Auvers beim Eingang sofort aufgefallen. Sie ist heuer wesentlich kleiner als die Jahre vorher. Stimmt’s? Und wissen Sie, woher das kommt? Sie haben eine andere Kopie aufgehängt.</p>
<p>Sie haben sich darüber auch schon so Ihre Gedanken gemacht. Stimmt’s?</p>
<p>Er sagt zu oft „stimmt’s“, fällt mir auf. Die Kellnerin kommt vorbei. Ich bestelle einen Café au lait. Auch mein Gegenüber nickt der Kleinen zu. Als die beiden Tassen auf dem Tischchen stehen, erzählt der Typ weiter.</p>
<p>Also, kaum eines der wirklich teuren Bilder hängt hier noch im Original. Sind alles Kopien, gut gemacht, aber eben nur Kopien. Sie haben kurz nach dem Anschlag auf die Mona Lisa damit begonnen. Ganz Paris ist seit Jahrhunderten durch ein immenses unterirdisches Geflecht an Gängen, Höhlen und Sälen in mehreren Ebenen unterminiert. Aber darin ist Paris ja nicht allein auf der Welt. Stimmt’s?</p>
<p>Der Louvre und das Musée d’Orsay haben ein ganz besonderes Leben unter Tage. Gegen die anderen Gänge komplett abgeschottet, lässt es sich unter den beiden Museen direkt schöner leben als hier oben bei der Unmenge von ahnungslosen Idioten.</p>
<p>Tief unter uns sitzen – auch jetzt, in diesem Moment - etliche Malergenies, die gerade Monet, Dégas, van Gogh und Kollegen in mühevoller Kleinarbeit kopieren. Rund 80 Prozent aller Ausstellungsstücke sind auf diese Weise in den letzten Jahren schon dupliziert worden. Und einmal im Monat werden nachts etliche Bilder gegen die zuletzt im Keller – wie ich den Untergrund nenne - angefertigten Kopien ausgetauscht. Sie werden sich fragen, wo denn dann die Original bleiben. Stimmt’s?</p>
<p>Lange Zeit waren die Amis die Bestbieter, aber im Moment sind die Oligarchen die eindeutigen Marktführer.</p>
<p>Aber es wird langsam Zeit für mich. Danke für den Kaffee.<br />
Er steht auf, nickt mir zu und im Vorbeigehen flüstert er mir ins Ohr: Ich muss wieder hinunter, um an den Sonnenblumen weiter zu arbeiten. Ist eine harte aber schöne Arbeit. Stimmt’s?</p>
<div id="attachment_1105" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/helmut_schida_63_sternennacht-van-gogh.jpg"><img class="size-full wp-image-1105" title="Helmut Schida: Sternennacht" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/helmut_schida_63_sternennacht-van-gogh.jpg" alt="Sternennacht" width="500" height="404" /></a><p class="wp-caption-text">Sternennacht<br />(Helmut Schida, Wien, März 2008, Replik nach van Gogh)</p></div>]]></content:encoded>
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		<title>Ausflug mit Heinzi</title>
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		<pubDate>Sun, 31 May 2009 22:01:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daudieck</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Heinzi hat mir seinen verfaulten Zahn geschenkt. Es war der drittletzte oben in der Mitte, die anderen beiden sind nur zu sehen, wenn er lacht. Heinzi lacht oft. Ich weiß, was ihm dieser Zahn bedeutete.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heinzi hat mir seinen verfaulten Zahn geschenkt. Es war der drittletzte oben in der Mitte, die anderen beiden sind nur zu sehen, wenn er lacht. Heinzi lacht oft. Ich weiß, was ihm dieser Zahn bedeutete, ein echtes Geschenk. Sonst macht Heinzi meistens kurzen Prozess, wacklige Zähne zieht er einfach raus, und dann röchelt er sich einen. Röcheln ist sein Lachen. Für einen Spastiker kann er ganz gut sprechen: langsam, vermurkst, gequetscht. Wir beide können uns unterhalten. Aber in der Schule ging's für ihn irgendwann nicht mehr weiter. Als sein Gelalle und Gezucke schlimmer wurden, schmissen sie ihm als Trost die Mittlere Reife hinterher - sein Traum vom Abitur war ausgeträumt, ein Tiefschlag für Heinzi, auch noch nach Jahren.<br />
„Nu brauch ich... ’n Gebiss.“<br />
Guter Witz, er röchelt, ich grinse ihn an.</p>
<p>Sie hätten ihn wieder vergessen – Heinzi, dieser Lügner. Ich sag’ dazu nichts mehr. Der Fahrer, der die Leute von der Werkstatt nach Hause fährt, ist Zivi wie ich, er hat mir vorher Bescheid gesagt.<br />
„Was grölst du hier so laut rum?“ Die sanfte Tour ist bei Heinzi nicht angesagt, steht er sowieso nicht drauf. Wenn er durchdreht, schnauz’ ich ihn voll an. Ein Mal schrie er so lange im Scherenlager, bis der Dorfpolizist anrückte.<br />
„Vergessen mich hier. Bin’n armes Schwein.“<br />
„Logo.“<br />
„Tour machen, hey? Vielleicht... kommt mein Kumpel.“<br />
„Du nervst.“<br />
<a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/04/rollstuehle_350x250.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/04/rollstuehle_350x250-250x250.jpg" alt="rollstuehle_350x250" title="rollstuehle_350x250" width="250" height="250" class="alignright size-thumbnail wp-image-1121" /></a>Bevor wir auf Tour gehen, muss ich den Rollstuhl vollpacken, er hat hinten ein extra großes Netz – obenauf die drei Sixpacks, die sind am wichtigsten, Zigaretten, eine Flasche Wasser, Pampers, Ersatzwäsche und den Beutel mit den Pillen.</p>
<p>„Alles okay... mit Carlo?“ Heinzi meint meinen Chef. Dem passt es nicht, dass ein Zivi mit einem seiner Behinderten säuft. Kein Alkohol bei der Arbeit, trotzdem haben Carlo und ich unser kleines Geheimnis: den abgeschlossenen Spind mit den Sixpacks. Er sorgt stillschweigend für Nachschub. Als Zivi seh’ ich nicht ein, auch noch das Bier zu bezahlen.</p>
<p>„Hab’ schon geschissen... ehrlich.“<br />
„Klasse“, lobe ich wahrheitsgemäß. Heinzi hat sich zwei Mal unterwegs vollgesaut, gibt Schöneres.<br />
Gleich hinter der Hauptstraße fängt das Moor an. Der schnurgerade Feldweg, den sie neu asphaltiert haben, ist ideal für den Rollstuhl. Sogar gutes Wetter, Frühjahr, die Bäume schlagen aus, die Wiesen grünen. Ich schieb’ so vor mich hin, Heinzi lässt sein erstes Holsten einlaufen, zappelt, sabbert, schmatzt vor Vergnügen. Er will schon wieder eine rauchen, pechschwarze Gitanes, normalerweise zwei Schachteln am Tag – seitdem sein linker Arm nicht mehr richtig mitmacht, qualmt er weniger. Ich stecke ihm die Zigarette an und schiebe sie zwischen seine braunen Finger.</p>
<p>„Kann sein... mein Kumpel kommt heut. Reich’... noch’n Holsten rüber.“<br />
Wir sind weit ins Moor gerollt, an unseren Platz, wo wir anhalten und zusammen saufen.<br />
Ich schnapp’ mir auch ein Bier, trinke es in einem Zug aus. Warm hier draußen.<br />
„Willst du heulen?“, frage ich.<br />
„Klar... muss sein... danach quatschen wir, wa?“<br />
Heinzi weint am liebsten allein. Auf der anderen Seite des Weges gibt es eine erhöhte Einfahrt zu einer Viehweide, sein Stammplatz. Es ist ein festgelegter Wechsel, ein Ritual, er winselt, dann wieder glotzt er stumm in die Landschaft.<br />
„Komm’ her!“</p>
<p>Ich bleibe sitzen, auf dem Erlenstamm, der schon seine Borke verloren hat, dessen Holz über den Winter schon weich wurde. Erlen sind nicht langlebig, ihr Holz taugt nichts. Heinzi hat sich aufgebäumt und ist in sich zusammengesackt. Der Rollstuhl steht noch. Sein Kumpel, wir haben beide auf ihn gewartet. Ich bleibe sitzen, ich schnapp’ mir das nächste Bier, trinke es in einem Zug aus – ist ja noch genug da, ein Glück.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Für die Kinder</title>
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		<pubDate>Sun, 10 May 2009 22:01:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Hier gab es sie alle: Junge, aufstrebende Literaturstudenten, die schon heimlich ihre Dankesrede für den Nobelpreis geschrieben hatten oder die verträumten Boulevard-Zeitschriften-Dichter, die Posie für ihre Blumentapete schrieben. Es gab Schreiber, die Kredite aufgenommen hatten, damit sie ihre Book-on-Demand Bücher in den Druck geben konnten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>“Warum schreiben wir? Wie oft hat sich das schon einer von euch gefragt? Geht es um die Dinge, die wir nicht vergessen können - oder wollen? Dinge, die wir nicht verstehen und….” Der Professor ließ seinen Kopf nach unten fallen, um über seine runde Brille schauen zu können, und zog die Augenbrauen hoch. Die Falten auf seiner Stirn waren so tief, dass man dachte, jemand hätte sie mit einem Messer in die Haut geritzt. Ein junger Teilnehmer des Schreibkurses, der weiter vorne saß hatte seine Hand gehoben.</p>
<p>“Ja bitte”, sagte der Professor und deutet auf den jungen Mann in der zweiten Reihe, der seinen Arm nun wieder runternehmen konnte.<br />
“Ich hab Angst vor Papier”, sagte der junge Typ verlegen.<br />
“Was hat das mit meiner Frage zu tun?”<br />
“Das nennt man Papyrophobie”, rief einer von ganz hinten.<br />
Paul mit dem Schnurrbart fing an zu lachen.<br />
“Der hat ja voll einen an der Waffel” platzte es aus ihm heraus.<br />
Der Typ aus der zweiten Reihe drehte sich zu Paul.<br />
“Was ist denn da so komisch dran?”<br />
“Nun lasst uns doch mal bitte zu meiner Frage zurückkehren.” Der Professor bat wieder um Aufmerksamkeit und klopfte mit seinem Stift auf das Pult.<br />
“Um unserer Fantasie ein Forum zu geben?”, rief ein anderer dazwischen.<br />
Der Professor nickte nicht ganz unzufrieden.<br />
“Um nicht zu vergessen”, sagte ein junges Mädchen aus der ersten Reihe.<br />
“Gut möglich”, so der Professor.<br />
“Weil wir nichts anderes können”, sagte ich ohne meinen Arm zu heben.</p>
<p>Unruhe kam auf. Einer sagte, dass es mit Sicherheit noch viel mehr gebe, dass er gut beherrschen würde, aber das Schreiben würde ihn halt reizen. Ein weiterer Teilnehmer machte auf das instinktive menschliche Verlangen, sich mitzuteilen, aufmerksam, während ein älterer Typ seine Brille zurecht rückte und noch hinzufügte, dass es auch den Reiz, nicht vergessen zu werden, in sich berge.<br />
“Das hab ich doch gerade gesagt”, sagte das Mädchen aus der ersten Reihe und drehte sich um.<br />
“Du hast gesagt, um nicht zu vergessen … nicht vergessen zu werden ist aber was ganz anderes”, antwortete der Typ mit der Brille prompt.<br />
“Glaubst du denn wirklich in hundert Jahren liest noch einer deine Geschichten?”, fragte das Mädchen kess.<br />
“In hundert vielleicht nicht, aber…” Der mit der Brille stockte und dachte nochmal eine Sekunde darüber nach. “Ja, warum denn nicht?”<br />
Das Mädchen drehte sich wieder zum Pult und lachte.<br />
“Ha, das Vierauge denkt, er wäre ein Apostel.”<br />
“Was ist denn das für eine schwachsinnige Aussage”, feuerte er gleich zurück.<br />
“Kinder, Kinder”, rief der Professor ins Klassenzimmer und hielt die Hände ermahnend hoch, “Wir wollen uns doch hier nicht gegenseitig die Motivation stehlen. Ein Meister ist noch nicht vom Himmel gefallen.”<br />
“Ich hab die 75 Euro im Voraus bezahlt, gibt es die Möglichkeit, einen Teil davon wieder zubekommen, sagen wir mal, wenn man mit dem Seminar nicht zufrieden war?”, fragte Paul ganz beiläufig.<br />
“Das steht hier nicht zu Debatte, jeder von ihnen wird hier schon auf seine Kosten kommen”, versicherte uns der Professor.</p>
<p>Hier gab es sie alle: Junge, aufstrebende Literaturstudenten, die schon heimlich ihre Dankesrede für den Nobelpreis geschrieben hatten oder die verträumten Boulevard-Zeitschriften-Dichter, die Poesie für ihre Blumentapete schrieben. Es gab Schreiber, die Kredite aufgenommen hatten, damit sie ihre Book-on-Demand Bücher in den Druck geben konnten, um dann jeder Tussi im Bekanntenkreis von ihrer Autorenkarriere zu berichten. Eine junge Frau saß an einem Tisch in der Ecke des Raumes. Sie trug eine Brille mit schwarzem Gestell und stellte dauernd Fragen nach der Philosophie des Schreibens. Sie lächelte so gut wie nie und kümmerte sich stets um den korrekten Sitz ihres spitzen Kragens. Sie hatte eine lange Nase, ein sehr schmales Gesicht, das von dunkel-blonden Locken umgeben war. Im Sarah Jessica Parker Double Contest hätte ich ihr auf jeden Fall das Halbfinale zugetraut. In jüngeren Jahren war sie bestimmt mal die Herausgeberin der Schüler-Frauenzeitschrift, die in jeder zweiten Ausgabe ein Gratis-Kondom mit herausbrachte. Ficken ja, aber verlieben nein, denn Männer sind ja sowieso alles Arschlöcher und wir emanzipierten Frauen mit Designerbrillen und Zehner-Karte fürs Fitness-Center mit Gratis-Protein-Shake im Monat, haben etwas Besseres verdient. Hier saß ich nun und trauerte meinen 75 Euro nach. Das ich mich zur Teilnahme an diesem Kurs entschieden hatte, war mehr oder minder eine Kurzschlussreaktion gewesen. Ich saß zu Hause herum, blätterte durch meine Absagen zahlreicher Verlagshäuser und dachte mir, dass ich es vielleicht mal über einen akademischen Umweg versuchen sollte. Wie viele Schreiber hatten es denn schließlich schon von der Straße geschafft? Nicht jeder wird ein Bukowski, ein John Fante oder ein Hubert Selby Jr. Diese Leute haben doch den vielen verlorenen Schreiberseelen den ganzen Mist erst eingebrockt. Ich sehe diese verzweifelten Schreiberlinge vor meinem geistigen Auge: sie sitzen zu Hause, leeren eine Flasche Bier nach der anderen, schreiben von ihren Tagen in der Gosse und hoffen auf ihren großen Durchbruch. Fante hat's geschafft. Dann pack ich das auch! Ich sollte vielleicht einfach eine Geschichte schreiben, sie zwanzigtausend Mal ausdrucken und dann die Blätter in der Innenstadt verteilen. Vielleicht kommt ja jemand daher und erzählt mir was für ein unglaubliches Talent ich doch besitze. Dann lächele ich und fühle mich geschmeichelt. Oh, Mann. Ich sollte vielleicht auch mal meinen Arm heben und eine Frage stellen. Schließlich habe ich einiges hingeblättert für diesen Kurs.</p>
<p>Ich hob meinen Arm und kurz darauf nahm mich der Professor auch schon dran.<br />
"Wann, denken Sie, ist der Punkt gekommen, an dem man sich eingestehen sollte, dass man es einfach nicht drauf hat?", fragte ich und der Professor schaute nachdenklich zu Boden. Mit einer müden Bewegung stand er auf und trottete langsam durch den Raum. Er nahm seine Brille ab und begann auf dem Gestell herum zu kauen. Er bemerkte meine negative Haltung zu der ganzen Sache und wollte nun einmal mehr das Boot vor dem sicheren Untergang bewahren. Er atmete tief ein, kratzte sich die Stirn und machte seinen gekrümmten Rücken gerade. Er stand da, als wäre er im Begriff, vor der ganzen Nation die Nationalhymne zu singen, doch stattdessen sagte er einfach nur in lakonischer Art: "Jedem ist es selbst überlassen, wann er aufgeben will, aber raten würde ich es keinem."</p>
<p>Ich war mit der Antwort nicht sonderlich zufrieden, aber wahrscheinlich wäre ich mit keiner Antwort zufrieden gewesen. Jeder schaute in diesem Moment auf zu unserem Kursleiter wie zu einem Fremdenführer, der uns aus der trostlosen Wüste hinein ins gelobte Land führen sollte. Doch dieser Führer hatte eigentlich gar keine Ahnung. Er wusste nicht mehr als wir. Jeder hier wusste eigentlich gar nichts und doch nahm er sich das Recht eines angehenden Fachmanns heraus. Wir waren doch nichts. Wir schrieben auch nichts. Wir sagten auch nichts. Wir verbrachten nur unsere gottgegebene Zeit hier und stierten Löcher in die Luft.</p>
<p>"Lasst uns eine Geschichte schreiben", sagte der Professor schließlich und gab uns als Hausaufgabe für den nächsten Tag eine Geschichte ohne irgendeinen Themenbezug auf. Alle verabschiedeten sich und schmiedeten schon heimlich Pläne, wie man wohl am morgigen Tag den gesamten Kurs mit einer fetzigen Geschichte weghauen könnte. Ich ging nach Hause, trank zwei Flaschen Wein und machte mich an die Arbeit. Bis zu der Sekunde, in der ich vor den anderen Schreibern in spe den Text vortrug war mir eigentlich nicht ganz bewusst, was ich überhaupt geschrieben hatte. Ich setzte an und las vor. Immer wieder verdrehten die Leute im Kurs die Augen oder fingen an zu lachen, während ich vorlas. Dann war es irgendwann zu Ende und überraschenderweise blieb der Applaus aus. Vielleicht hätte ich vorher dem Kursleiter etwas besser folgen und den einen oder anderen Hinweis zur Kenntnis nehmen sollen.</p>
<p>"Deine Geschichte ergibt doch überhaupt keinen Sinn", sagte Paul zu mir und ich lächelte.<br />
"Der tiefere Sinn steckt im zweiten Absatz", sagte ich und versicherte mich selbst nochmal. Ja, genau dort lag er verborgen. Aber das versteht ihr alle nicht. Ich nehm mir jetzt mein Robert-Frost-Gedichtebuch, stell mich in die Ecke und höre einfach nicht mehr zu. Da lerne ich doch bestimmt mehr, als in dieser inkompetenten Runde hier. Doch lasst mich vor meinem großen Abtritt noch einmal kurz jemanden zitieren. Ja, ein Zitat. Das passt hier so wunderbar her. Ich zitiere also Bertolt Brecht: <em>So mancher wollt so manches haben was für manchen gar nicht gab: Er wollt sich schlau ein Schlupfloch graben und grub sich nur ein frühes Grab.</em></p>
<p>"Der nächste, bitte", sagte der Professor und die Blümchentapeten-Dichterin legte los. Nach der Vortragsstunde bat der Professor jeden von uns zu einem persönlichen, abschließenden Gespräch zu sich ins Büro.<br />
"Herr ... ," begann er und versuchte sich zu erinnern.<br />
"Nennen Sie mich wie Sie wollen."<br />
"Genau da liegt das Problem."<br />
Er goss sich Kaffee aus der Kanne in seine Peanuts-Tasse und begann ein paar Zuckertüten aufzureißen. Das Büro wirkte auf mich mehr wie eine kleine Kantine, als ein Büro. Ein Kühlschrank, eine Mikrowelle, Elektroherd, frische Weintrauben in einer mit Wasser gefüllten Schale, Bananen, glänzende Kirschen in einem Schälchen. Ein kleines Schlaraffenland mit einem schmalen Schreibtisch, einem hölzernen Stuhl davor und ein gerahmtes Mark Rothko Bild an der Wand, das hier ungefähr so gut reinpasste wie der Teufel in den Petersdom.<br />
"Also, Herr ... ." Der Professor schob seine Brille hoch. "Wie spricht man das aus?"<br />
"Hat ihnen meine Geschichte gefallen?" fragte ich.<br />
"Im Großen und Ganzen ... sagen wir mal ... ja."<br />
Ich schmunzelte und trauerte einmal mehr meinen 75 Euro nach.<br />
"Das Problem mit ihrem Text ist, dass ich nicht sonderlich schlau daraus werde."<br />
"Ach ja?"<br />
"Was soll er aussagen und für wen soll er geschrieben sein?"<br />
"Sie meinen so eine Art Botschaft?"<br />
"Genau. Wie jede Geschichte sie hat."<br />
"Könnte es nicht sein, dass Sie die Botschaft einfach nicht bemerkt haben?"<br />
"Aber wenn ich sie nicht bemerke, dann haben Sie doch irgendwie das Ziel verfehlt."<br />
"Das Problem ist wohl, dass, und nun sind wir beim zweiten Punkt, den Sie angesprochen haben, meine Zielgruppe wahrscheinlich nicht aus solch hochangesehenen, akademischen Schwergewichtlern besteht."<br />
"Und wer ist Ihre Zielgruppe? Für wen schreiben Sie?" fragte er abschließend und nahm seine Brille ab.<br />
Ich ging einen Moment in mich und überlegte mir, ihm eine Antwort darauf zu geben, aber ich dachte mir, er wird vielleicht selbst früher oder später darauf kommen oder er wird mich einfach vergessen. Keine fünf Sekunden nachdem ich aus der Tür bin, wird er schon den nächsten Kursteilnehmer zu sich herein bitten und ihn mit ähnlichen Kritikpunkten konfrontieren, ohne auch nur einen Funken Erinnerungsvermögen an mich zu verschwenden.</p>
<p>"Kann ich mir eine Banane mitnehmen?", fragte ich höflich, und in seiner Perplexität brachte er es nur zu einem Nicken. Ich griff mir das Obst, begann schon beim Hinausgehen mit dem Schälen und verschwand.<br />
"Vielen Dank und viel Glück noch", sagte ich und biss zu.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Nachmieter gesucht</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 06:17:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stirnulator</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
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		<category><![CDATA[job]]></category>
		<category><![CDATA[menschlich]]></category>
		<category><![CDATA[moderne]]></category>
		<category><![CDATA[oben]]></category>
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		<category><![CDATA[unten]]></category>

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		<description><![CDATA[sie hatte die schufa selbstauskunft 
schon dabei
die blöde streberin
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/04/nachmieter_258px.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/04/nachmieter_258px.jpg" alt="nachmieter_258px" title="nachmieter_258px" width="258" height="75" class="alignright size-full wp-image-989" /></a><br />
erst kamen die anrufe<br />
dann die termine</p>
<p>da kam der alte mann<br />
er sei banker, sagte er,<br />
habe nicht damit gerechnet,<br />
5 jahre vor der rente<br />
noch nen job zu kriegen<br />
mein kleines bad, das sei okay für ihn<br />
derzeit wohne er<br />
für 300 mit stockwerksklo</p>
<p>dann kam dieses pärchen<br />
ein bisschen schnuffig<br />
fanden dies gut und jenes<br />
ob man da oben was ablegen könne<br />
ob das da unten so bleiben müsse<br />
sie wollten es sich nochmal überlegen</p>
<p>dann kam diese schnickse<br />
gepflegte erscheinung, gute zähne<br />
ipod-ohrhöhrer baumeln aus dem kragen<br />
guckte alles kritisch an<br />
nörgelte hier und da<br />
hatte die schufa selbstauskunft schon dabei<br />
die blöde streberin</p>
<p>dann kam dieses andere pärchen<br />
total nett und lieb und so<br />
fanden alles toll<br />
wollten sofort einziehen<br />
ich nannte sie im geiste maria und joseph<br />
sie war schwangere schauspielerin<br />
er student<br />
die kamen wohl nicht in frage</p>
<p>der banker wurde es dann auch nicht<br />
er wurde zum ende der probezeit gekündigt</p>
<p>ist mir auch egal<br />
ich will eure scheiss schicksale nicht<br />
ich will nur einen nachmieter</p>]]></content:encoded>
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		<title>Äähh</title>
		<link>http://kaschemme.de/2009/02/aahh/</link>
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		<pubDate>Sun, 15 Feb 2009 22:19:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>spule</dc:creator>
				<category><![CDATA[Miniatur]]></category>
		<category><![CDATA[oben]]></category>
		<category><![CDATA[trash]]></category>

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		<description><![CDATA[Well, sagte der Sheriff und pumpte dem alten Clint Morrisson zweieinhalb Unzen Blei in den Schädel.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/02/sherriff.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/02/sherriff.jpg" alt="sherriff" title="sherriff" width="258" height="80" class="alignright size-full wp-image-885" /></a></p>
<p><em>Well</em>, sagte der Sheriff und pumpte dem alten Clint Morrisson zweieinhalb Unzen Blei in den Schädel, <em>der ääh Wind hat gedreht. Morgen wirds regnen.</em></p>
<p>Dieses nachdenkliche "ääh" ist das Leitmotiv meines dritten Western-Romans.</p>
<p>Es erscheint zum Beispiel auch auf Seite 708: <em>Schneid mir mal die Kugel aus den Bauch, Junge, wir haben noch einen weiten ääh Ritt vor uns.</em><br />
Und dann wieder auf Seite 856 ganz oben: <em>ÄÄÄ,  könnt mir auch ne andere Visage unter deinem Hut vorstellen, Memme!</em></p>]]></content:encoded>
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		<title>Straßenrand (Rückschnitt)</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Dec 2008 22:23:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tjbeck</dc:creator>
				<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[angst]]></category>
		<category><![CDATA[feiertage]]></category>
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		<category><![CDATA[tristesse]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Weihnachtsabend 1997 fuhr ich zu meiner Freundin, um ihr ihr Geschenk zu  geben und um sie zu sehen. Um ca. 18.00 Uhr mache ich mich auf den Heimweg. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2008/12/xmas_350x250.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2008/12/xmas_350x250.jpg" alt="xmas_350x250" title="xmas_350x250" width="350" height="250" class="alignright size-full wp-image-888" /></a>Am Weihnachtsabend 1997 fuhr ich zu meiner Freundin, um ihr ihr Geschenk zu geben und um sie zu sehen. Um ca. 18.00 Uhr mache ich mich auf den Heimweg. Irgendwie hatte ich nicht mehr allzu viel vom Weihnachtsfest zu erwarten und schon zwei von den 25 Kilometer gefahren, denke ich mir, dass der Weihnachtsabend immer schon etwas Besonderes gewesen ist. Ein breites Wonnegefühl macht sich in mir breit: Ich bin ergriffen, zufrieden und im Innersten ruhig, grundlos. In der Erwartung eines unbeschreiblichen Ereignisses. Ich fahre und warte, auf eine Art von Zeichen, weil Weihnachten ist und ich bin mir sicher: Es wird geschehen. Noch in solchen Gefühlen und gedankenversunken, fahre ich Richtung nächster Ortschaft . Von weiten sehe ich rechts jemanden stehen. Es ist ein Anhalter. Ob es das ist? Ich weiß nicht ob es diese gespannte Erwartung, dass etwas passieren werde oder doch die Abenteuerlust war: Nach 500 Meter drehe ich um, fahre einen Kreis und stehe vor ihm. Es regnet und ich glaube, eine wirklich gute Tat zu tun, wie ich ihn ins Auto lasse. Natürlich habe ich in dem Moment Angst. Zuvor schon habe ich mir Gedanken über Kriminelle gemacht. Meine linke Hand am CS-Gas. Er steigt ein. Er sagt hallo. Er riecht furchtbar nach Alkohol. Mein Puls ist ziemlich nach oben und ich atme flach. "Wo wollen sie denn hin?" Er will in die nächste Ortschaft, sich mit Freunden treffen, sonst wäre er alleine heute. Er sitzt neben mir. Ihm ist sicher schon von Anfang an aufgefallen, wie nervös ich bin. Er richtet seine Jackentasche, in der er seine Hand hat, auf mich. Mir bleibt das Herz stehen. Ein verschmitztes Grinsen in seinem Gesicht. Was für ein Schrecken! So ein Arschloch. Wir unterhalten uns, was er macht, was ich mache usw. Das Wirtshaus in der nächsten Ortschaft hat geschlossen. Ich nehme ihn die 20km mit nach Bamberg, zum Bahnhof, weil halt Weihnachten ist. Ich fühle mich so toll. Er erzählt Dinge wie: Wenn er noch mal jung wäre, er würde nach Indien zu Mutter Theresa gehen, um den Armen zu helfen. Es klingt ein wenig märchenhaft. Ich denke nach. Am Bahnhof sitzen wir noch eine Weile im Auto, des Gesprächs wegen. Er hat mir so viel zu sagen. Noch ein paar Minuten und ich werde froh sein, seine Alkoholfahne nicht mehr riechen zu müssen. Er steigt aus: "Frohe Weihnachten!" "Frohe Weihnachten!" Der restliche Abend zu Hause und in der Kirche war eher langweilig.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Menschlich.</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Apr 2008 11:22:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Managerin_05</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[angst]]></category>
		<category><![CDATA[hass]]></category>
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		<category><![CDATA[moderne]]></category>
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		<category><![CDATA[sinn]]></category>

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		<description><![CDATA[Dieses Mal wollte er beides und er nahm es sich. Er fuhr, gab nach, konsumierte, sog auf, verschlang gierig und hinterließ einen Haufen Dinge, die durcheinander und chaotisch vor ihm lagen. Völlig verkatert vom Adrenalin und doch stocknüchtern sah er sich das Chaos an und bereute.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal">Er verzettelte sich. Wieder und wieder. Und wusste nicht, wie er es ändern oder gar verhindern könnte. Immer wieder geriet er in die gleichen Situationen. <span> </span>Es war wie immer, fiel ihm quasi in den Schoß. Er wollte es eigentlich nicht. Als er mit ihr telefonierte ahnte er, dass es nicht bei einer harmlosen Begegnung bleiben würde und er haderte mit sich. Sollte er fahren und sich der Gefahr einer Affäre hingeben und gleichzeitig der süßen Versuchung, der Aufregung, der neuen Zärtlichkeit? Der neue Horizont, der die Sonne anders auf- und untergehen lässt, der die Farben schriller macht, Geräusche lauter, Gefühle intensiver, Gedanken wirr und frisch, so wie früher, in seiner Jugend. Das war so verlockend, so unglaublich unwiderstehlich, dass er im Grunde schon wusste, dass er es tun würde.</p>
<p class="MsoNormal">Seine vernünftige Seite schalt ihn schlecht. Er zog den Kopf ein, versteckte sich vor ihm – dem schlechten Gewissen. Er wollte nichts davon hören, aber diese Stimme war laut. Sie schrie ihre Bedenken in sein Gehirn und er wagte es fast nicht, sie laut auszusprechen, aus Angst, sie könnte sich als etwas erheben und Gestalt annehmen. Er ließ sich gut zureden, von ihr. Der schönen Unbekannten, am anderen Ende der Welt – so kam es ihm vor. Fast exotisch und doch nicht fremd, lang ersehnt, heiß erträumt, ungeduldig erwartet. Jetzt, in greifbare Nähe gerückt, nur noch mystischer, geheimnisvoll, fremd und doch vertraut.</p>
<p class="MsoNormal">Seine Gedanken rasten, schoben alle Bedenken beiseite. So lange musste er entbehren, musste sich zurücknehmen in der Blüte seines Lebens, mittendrin im Mann sein. Hier und jetzt wollte er es, wollte nicht aufgrund der Vernunft seinen Lebensdrang, seine Gier unterdrücken müssen. Ihm waren schon so lange die Hände gebunden und er lief in seinem Leben auf und ab, rastlos, unzufrieden, hungrig und doch voll bis obenhin mit Ablenkung und Einerlei und Einöde. Er hasste dieses Gefühl, wollte es nie. Er hatte gekämpft – um beides: Freiheit und Sicherheit. Aber beides auf einmal<span>  </span>schien ihm nie zu gelingen, eines musste immer seinen Platz räumen. Er hasste es. Er strampelte sich dafür ab – und scheiterte doch immer wieder und wieder.</p>
<p class="MsoNormal">Dieses Mal wollte er beides und er nahm es sich. Er fuhr, gab nach, konsumierte, sog auf, verschlang gierig und hinterließ einen Haufen Dinge, die durcheinander und chaotisch vor ihm lagen. Völlig verkatert vom Adrenalin und doch stocknüchtern sah er sich das Chaos an und bereute. Und er fuhr zurück in sein ödes Leben, das ihm nichts mehr versprach außer Alltag und Stagnation. Und er dachte und dachte und dachte. Und fand doch keine Lösung. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihm das Gleiche wieder passieren würde. Es gab kein Entkommen und keine Lösung war in Sicht. Es würde auch nichts von allein passieren, das ihm die Entscheidung abnehmen würde. Er wusste aber auch nicht, was er tun konnte, um diesem Irrsinn ein Ende zu machen. Es passierte einfach immer wieder und jeder noch so gute Vorsatz scheiterte bereits im Ansatz. Er ließ es geschehen und er würde es wieder tun. Vielleicht war das sein Leben, vielleicht auch nur ein Irrtum. Was auch immer es war: er würde sich nie sicher sein und es immer wieder geschehen lassen, wahrscheinlich für immer. Mit dieser seinen Gewissheit könnte er vor den Traualtar treten, ihr ewige Treue schwören und es wäre eine Allianz fürs Leben. Und die einzige Konstante, die er jemals haben würde.</p>
<p class="MsoNormal">Seine kühnen Jungenträume von einst wurden zu einer Ahnung. Er ahnte, dass Zeit kein Wert ist, auf den er Einfluss haben würde. Das machte ihn traurig und lähmte ihn. Er ahnte die Sinnlosigkeit seines Lebens – eines jeden Lebens. Und konnte doch nichts dagegen tun.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Statt Karten</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Jan 2007 13:22:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daudieck</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[essen]]></category>
		<category><![CDATA[oben]]></category>
		<category><![CDATA[zigaretten]]></category>

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		<description><![CDATA[Manche Kneipen bleiben immer Trinkhallen, nur mit niedrigeren Decken und höheren Preisen. Dann gibt es Kneipen, in die man eintauchen muss, mit Sauerstoffmangel zu später Stunde. Die Ansteckungsrate der Zigaretten steigt, die Dunstglocke senkt sich langsam auf die Köpfe der Gäste herab. Am Tresen lacht einer rau die Blondine auf dem Bierdeckel an. Er kennt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Manche Kneipen bleiben immer Trinkhallen, nur mit niedrigeren Decken und höheren Preisen. Dann gibt es Kneipen, in die man eintauchen muss, mit Sauerstoffmangel zu später Stunde. Die Ansteckungsrate der Zigaretten steigt, die Dunstglocke senkt sich langsam auf die Köpfe der Gäste herab. Am Tresen lacht einer rau die Blondine auf dem Bierdeckel an. Er kennt sie gut, schon viele Abende lang hat sie ihm zähnefletschend zugeprostet und niemals ihr Lächeln verloren. Sein Nachbar stiert abwesend in das Zwielicht unter der Blechlampe, er wird zum Fruchtzwerg, dem eine fahle Sonne die mütterliche Bauchdecke erleuchtet.</p>
<p>F sagt, dass P tot sei, gestorben vor ein paar Tagen. Nein, schon vor zwei Wochen. Genau weiß es keiner. M hat P kaum gekannt und findet das Thema blöd. Er versucht, es mit Bemerkungen über das warme Bier zu torpedieren. Der Wirt springt nicht darauf an, stattdessen baut er eine Reihe Schnapsgläser auf, um aus Pietät eine Runde Kurzen auf das posthume Wohl von P auszugeben. Noch vor dem Anstoßen beharrt M darauf, dass das Bier zu warm sei, und findet Unterstützung am anderen Ende des Tresens - günstiger Zeitpunkt, um einen auszugeben, denn er besänftigt den Unmut, in den man sich gern hineinsteigert, wenn es etwas auszusetzen gibt. Alle bis auf M, der gerade gegen einen Blackout ankämpft, stoßen an, aber schon nicht mehr auf P, dessen Verwesung unablässig fortschreitet.</p>
<p>Trotzdem gelingt es P, noch ein letztes Mal in den Mittelpunkt des Interesses gleichermaßen zu schweben, so dass ihm ein spröder Abgesang zuteil wird, wenn auch mit Verspätung. Der an sich wortkarge E fängt an: Echt Scheiße, wenn die falschen Leute zu früh sterben. Stimmt - und weil es jeder mit einem Anflug von Grauen auf die eigene Zukunft bezieht, werden die Gläser gehoben, um einen Schluck lauwarmes Bier zu trinken. Mit einem Nachruf - nein, mit einem Nachschrei vertreibt F die rührselige Melancholie, die sich zwischen die Rauchschwaden gekuschelt hat: P sei sowieso - JAWOLL, SOWIESO!! - viel zu gut für diese Welt gewesen. Stille. G hebt irritiert den Kopf und pflückt eine Kippe aus seinen Haaren, die eben noch in den vollen Aschenbecher hineinhingen. Immerhin rafft er sich auch noch zu einer Eloge auf, sogar dem Anlass angemessen, in weinerlichem Tonfall: Ja, zu gut für die Welt - aber an zwei Krebsen gleichzeitig gestorben: Lunge und Bauchspeicheldrüse. Damit verdient er sich ein beifälliges Nicken in der Runde. </p>]]></content:encoded>
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