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	<title>Zarathustras miese Kaschemme &#187; schreiben</title>
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	<description>Blog &#38; Magazin für exzentrische Literatur</description>
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		<title>Monolog eines Schriftstellers</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Nov 2011 11:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susanna Jorek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Miniatur]]></category>
		<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[Gedanken]]></category>
		<category><![CDATA[monolog]]></category>
		<category><![CDATA[schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA[Gedanken kommen mir überall, in der Bahn, im Auto, nachts in meinem Bett. Kurz vor dem Einschlafen kommen mir die besten Gedanken, dann rattere ich ganze Dialoge runter, entsinne großartige Szenarien, unglaublich intensive Landschaften. Und am nächsten Morgen, wenn ich sie aufschreiben will, sind sie weggeflogen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt Menschen, die nur schwer zu fassen sind. Es dauert Monate, Jahre und manchmal sogar Jahrzehnte. Ich kannte mal eine Frau, die habe ich erst nach fünf Jahren durchschaut. Und es gibt die, die wir niemals zu fassen bekommen.</p>
<p>Der Kaffee schmeckt nach bitterem, heißem Wasser, wenn man ihn in der Mikrowelle aufwärmt.</p>
<p>Die besten Gedanken kommen aus dem Bauch heraus, wenn ich zu lange darüber nachdenke, wird es unbrauchbar.</p>
<p>Wunderschöne Landschaften, bei denen es schwer fällt, nicht in kitschige Beschreibungen zu verfallen.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1651" title="graues_haus" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/09/graues_haus.jpg" alt="" width="180" />Aber nicht hier, hier fällt der Blick auf die Schnellstraße und die graue Wiese vor dem Haus.</p>
<p>Gedanken kommen mir überall, in der Bahn, im Auto, nachts in meinem Bett. Kurz vor dem Einschlafen kommen mir die besten Gedanken, dann rattere ich ganze Dialoge runter, entsinne großartige Szenarien, unglaublich intensive Landschaften. Und am nächsten Morgen, wenn ich sie aufschreiben will, sind sie weggeflogen.</p>
<p>Eine Elster zu sehen bringt Unglück, zwei hingegen Glück.</p>
<p>Habe ich schon erwähnt, dass der Kaffee bitter schmeckt?</p>
<p>Nur manchmal kann ich mich nachts dazu bringen, die Gedanken aufzuschreiben, zu diesem Zwecke habe ich ein kleines Notizbuch neben dem Bett liegen, aber ich schaue am nächsten Morgen nie rein.</p>
<p>Kann meine Schrift nicht entziffern.</p>
<p align="center">*</p>
<p>Aus dem Glas strömt mir der abgestandene Geruch von schalem Bier entgegen. Ich ziehe ihn fest ein. Er erinnert mich an etwas.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Draußen arbeiten zwei Männer auf ihrem Hof. Das Geräusch der Kettensäge mischt sich mit dem der Waschmaschine von nebenan. Ich könnte jetzt rausgehen. Aber wozu?</p>]]></content:encoded>
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		<title>Ein Brief</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Oct 2011 10:59:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[Brief]]></category>
		<category><![CDATA[Gedanken]]></category>
		<category><![CDATA[schreiben]]></category>
		<category><![CDATA[Sehnsucht]]></category>
		<category><![CDATA[Verbundenheit]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich will versuchen mit jedem Wort ein wenig Weiß wegzubekommen.
Ich mag dieses Weiß auf diesem Blatt nicht.
Ich glaube, ich fange gleich an in den Schubladen nach einem Tuschkasten zu suchen und male das ganze Ding einfach schwarz.
Aber das wäre doch albern.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sitze am hölzernen Schreibtisch, der schon fast in sich zusammenbricht.<br />
Was drauf steht?<br />
Nicht viel.<br />
Ein Licht.<br />
Ein Becher, mit ein paar Stiften drin.<br />
Ein Blatt hab ich vor mir liegen.<br />
Daneben steht noch eine Flasche.<br />
Fast vergessen, diese Flasche.<br />
Die steht hier auch.<br />
Aber ich trinke langsam, ganz gemütlich.<br />
Die Lampe brennt und wirft einen faden Lichtstrahl auf mein Blatt.<br />
Ich will versuchen mit jedem Wort ein wenig Weiß wegzubekommen.<br />
<a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paper_sheet.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1695" title="Papier (Foto: TJakobs of the German Wikipedia)" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/09/papier.jpg" alt="Papier (Foto: TJakobs of the German Wikipedia)" width="280" height="280" /></a>Ich mag dieses Weiß auf diesem Blatt nicht.<br />
Ich glaube, ich fange gleich an in den Schubladen nach einem Tuschkasten zu suchen und male das ganze Ding einfach schwarz.<br />
Aber das wäre doch albern.<br />
Einfach albern.<br />
Aber so manche Albernheiten gehen mir schon hin und wieder durch den Kopf.<br />
Ich denke zum Beispiel an Spiele.<br />
Spiele im Sand.<br />
Spiele auf der Wiese.<br />
Spiele auf der Straße.<br />
Spiele zu Hause.<br />
Ich glaube, ich mach mich jetzt dran und schreib dir endlich einen Brief.</p>
<p><em>Oh, ich sage dir, ohne dich sind die Tage grau und öde.<br />
Nichts ist wirklich los.<br />
Heute war ich mal wieder unterwegs.<br />
Zog mir die Schuhe an und machte einfach mal einen Spaziergang durch die Gegend.<br />
Ich ging hinten durch das Industriegebiet und dann auch durch die Straßen, wo die ganzen Häuser von den feinen Leuten stehen.<br />
Dann ging ich noch über den Spielplatz, blickte die Rutsche hoch, gab der Schaukel ein wenig Schwung, aber Du saßt ja sowieso nicht darauf.<br />
Ich ging weiter die Straßen auf und ab.<br />
Am Kiosk an der Ecke machte ich zwischendurch mal halt und holte mir eine Limonade.<br />
Ich hatte keine Lust mehr auf Bier.<br />
Ich suchte mir also eine Bank in der Nähe des Waldes.<br />
Dort wo man ungestört sitzen und nachdenken kann.<br />
Ich öffnete meine Flasche und nahm einen kräftigen Schluck.<br />
Ich sag dir, das tat vielleicht gut.<br />
Am Himmel stand die Sonne und nur wenig Wolken gaben sich wirklich Mühe sie zu ärgern. Die Hitze wurde von Stunde zu Stunde kräftiger und irgendwann hatte ich das unkontrollier-bare Verlangen einfach mein Shirt auszuziehen und mit freiem Oberkörper wie ein Verrückter durch die Straßen zu laufen.<br />
Aber das wäre ja was geworden.<br />
Du kennst ja die Leute hier.<br />
Aber mach dir keine Sorgen, ich hab mich schon nicht zum Affen gemacht.<br />
Ich weiß ganz genau, was ich besser tun und besser lassen sollte.<br />
Meistens jedenfalls.<br />
Ich setzte einfach meinen Spaziergang fort und ging ein bißchen durch den Wald.<br />
Ich schaute mich um und sah all die Wege, die ich mit dir noch gehen möchte.<br />
Es sind so viele Wege, aber das ist kein Problem.<br />
Umso mehr, umso besser.<br />
Wir haben ja auch noch so viele Jahre.<br />
So viele Jahre.<br />
Nur wir zwei.<br />
Wir werden groß sein.<br />
Wir werden zusammen groß werden.<br />
Es wird eine schöne Zeit.<br />
Jetzt ist fast nicht mehr vom Weiß übrig, falls Du weißt, was ich meine.<br />
Alles Liebe.<br />
</em></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Jedes Gedicht nur 50 Cent</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Oct 2011 10:01:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[machen]]></category>
		<category><![CDATA[schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA[Tener grinste mich an und wedelte mit dem Fetzen Papier in der Hand umher. Er sprang wieder auf und zog hektisch ein paar Runden um den Tisch. Er murmelte etwas dabei, was ich aber nicht verstehen konnte. Dann schaute er zu mir rüber und seine Worte wurden wieder verständlicher: »Habe gerade drei davon verkauft und habe sogar noch zwei Anfragen wegen Gedichten, die ich noch nicht mal geschrieben habe. Ich werde mittlerweile schon gebucht!«]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Manchmal fragte ich mich, was sich der liebe Gott gedacht hat, als er Tener Spuckrogg Vilster erschuf. Was wollte er der Welt mit diesem Menschen beweisen? Wahrscheinlich nur, dass man auch verrückt sein kann, ohne dabei seine Mitmenschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Tener machte niemandem Angst. Er machte nur viele nachdenklich, mich eingeschlossen. Tener dachte als Jugendlicher, im Alter von sechszehn, ernsthaft darüber nach, auf einer Wolke zu leben. Tener und ich diskutierten diese Idee manchmal, und ich wusste immer nicht so recht, ob ich es ihm ausreden oder ihn darin bestärken sollte. Tener war ein besonderer Mensch. Gott wollte uns wahrscheinlich durch ihn zeigen, dass der Mut zum Wahnsinn gar nicht mal etwas sündhaftes sein muss. Verrückt sein ist gut, Freunde. Schaut euch mal den Tener an!</p>
<p>Es war an einem Freitag im Sommer letzten Jahres. Tener kam über die Straße gelaufen und blieb vor mir völlig außer Atem stehen.</p>
<p>»Mensch, Tener, wo kommst du denn her?«</p>
<p>Er stützte sich auf seine Knie ab, während ihm die Schweißperlen von der Stirn tropften. Ich saß auf der Bank, genoss meinen Feierabend mit einem kühlen Bier und grübelte hier und da über eine unterhaltsame Geschichte nach, an der ich später arbeiten könnte.</p>
<p>»Willst du ein Gedicht kaufen?« fragte mich Tener und richtete sich wieder auf. Er trug ein weißes Hemd und eine rote Krawatte, weiße Slipper und eine kurze Bermuda-Shorts.</p>
<p>»Du verkaufst Gedichte?«</p>
<p>»Ja, 50 Cent pro Stück.«</p>
<p>Ich nahm einen Schluck aus der Flasche und fing an über sein Angebot nachzudenken.</p>
<p>»Was für Gedichte verkaufst du?«</p>
<p>»Alles was du willst: Liebesgedichte, Gedichte über das Leben, hoffnungsvolle Gedichte, traurige Gedichte, Gedichte über den Abschied oder von mir aus auch über dein Haustier.«</p>
<p>»Okay, Tener. Ich nehme eins.«</p>
<p>Auch wenn man nur selten verstand, was in seinem Kopf vorging, hatte er sich bei den meisten Leuten in der Nachbarschaft durch seine charmante Psychose so beliebt gemacht, dass er nur selten wirklich bösartigem Spott ausgesetzt war.  Manchmal, so wie in diesem Fall, verdiente er sich sogar durch seine, zum Teil unorthodoxen Geschäftsideen, den ein oder anderen Cent oder Euro dazu. Vor ein paar Jahren hatte er mal die Idee, mit einer Kuh von Haus zu Haus zu gehen und den Leuten frisch gezapfte Milch anzubieten. Er hatte sogar schon mit einigen Bauern aus dem Umkreis gesprochen, aber daraus wurde dann doch nichts. Schade, Tener. Ich hätte dir ein paar Liter abgekauft.</p>
<p>Ich gab ihm einen Euro und ließ mir ein »Gedicht über das Leben« geben und eins, das in die Kategorie »hoffnungsvoll« fiel.</p>
<p>Hier das Gedicht über das Leben:</p>
<p><em>Das Leben ist stets ein kleiner Weg<br />
nur unsere Füße sind manchmal so groß<br />
Das alles in sich zusammenfällt<br />
deshalb bleib jetzt einfach zu Hause<br />
leg die Beine hoch und schau Fernsehen<br />
bist du alt und grau bist und nur<br />
noch Staub im Oberstübchen hast</em></p>
<p><em>von Tener Spuckrogg Vilster</em></p>
<p><em></em>Und noch das Gedicht über die Hoffnung:</p>
<p><em>Keine Angst, mein Freund, keine Angst.<br />
Morgen wird der schönste Tag in<br />
deinem Leben und falls nicht,<br />
ist da ja immer noch gestern.</em></p>
<p><em>von Tener Spuckrogg Vilster</em></p>
<p>»Gefällt mir gut, Tener. Echt klasse. Hast dir den Euro wirklich verdient.«</p>
<p>»Habe  auch welche versucht vorm Arbeitsamt zu verkaufen, doch das lief gar nicht gut. Die haben alle kein Geld. Wirtschaftskrise und so.«</p>
<p>»Ich weiß. Die Zeiten sind hart.«</p>
<p>»Naja, ich komm morgen mal wieder vorbei, dann kannst du dir ja nochmal ein paar Gedichte über die Hoffnung kaufen.«</p>
<p>»Ja, klar. Das kann man immer gebrauchen. Gerade heutzutage.«</p>
<p>Tener nickte und lächelte wie ein kleines Kind, dem man gerade einen Wunsch erfüllt hat.  Tener war glücklich, arbeitslos und neuerdings Verkäufer eigenhändig geschriebener Lyrik. Punkt.</p>
<p>»Wie viele hast du davon schon verkauft, Tener?«</p>
<p>»Du bist der erste Käufer.«</p>
<p>»Das freut mich.«</p>
<p>Er grinste noch einmal zum Abschied und ließ mich dann auf meiner Bank zurück. Ich trank aus, verstaute die beiden Blätter in meiner Tasche und begab mich auf den Nachhauseweg.</p>
<p>Am nächsten Tag stand er an der stark<strong> </strong>befahrenen Kreuzung, dort wo unser Wohnblock abschloss, und hatte sich ein großes weißes Schild gebastelt mit der Aufschrift: <em>Jedes Gedicht nur 50 Cent</em>. Ich war gerade auf dem Weg zum Bäcker und machte dann aber kurz bei Tener halt, um ihm einen guten Morgen zu wünschen. Er lächelte mich an, wie immer in seiner aufgeregten, kindlichen Art und deutete sofort auf sein Schild.</p>
<p>»Ja, Tener. Ich hab’s schon gesehen. Und, hilft es?«</p>
<p>&#8220;Die meisten Leute zeigen nur mit dem Finger auf mich und lachen sich tot. Einer hat vorhin das Fenster runtergekurbelt und mich angeschrieen, ich solle doch nach Hause gehen und mir ins Müsli wichsen.«</p>
<p>»Na, mach dir mal keine Sorgen, das wird schon.«</p>
<p>Ich verabschiedete mich, setzte meinen Gang zum Bäcker fort und kaufte mir meine Brötchen und die Tageszeitung. Zu Hause angekommen, schlug ich gleich mal die Stellenanzeigen auf und wie immer war die Auswahl an einigermaßen verheißungsvollen Jobs eher Mangelware. Vielleicht sollte ich es so wie Tener machen. Ich drucke meine kurzen Prosastücke aus und renne damit durch die Innenstadt und verhökere jede Kurzgeschichte für einen Euro. Wenn Tener schon 50 Cent für ein Gedicht nimmt, dann werde ich ja wohl das Doppelte für eine Kurzgeschichte nehmen dürfen. Aber wahrscheinlich würde mir keiner mein Zeug abkaufen. Ich hatte keinen Namen und auch nichts vorzuweisen. Tener war wenigstens noch verrückt. Ich war nicht mal das. Alles eine verdammte Scheiße.</p>
<p>Am nächsten Tag, nach meinem Bewerbungsgespräch bei einer Zeitarbeitsfirma, traf ich Tener in unserer Nachbarschaft wieder. Er saß auf der Bank beim Spielplatz, hatte ein paar Zettel in der Hand, und blickte mit hängendem Kopf trübselig zu Boden. Ich ging rüber zu ihm und erkundigte mich, ob irgendetwas Schlimmes passiert sei und Tener erzählte mir, dass er mittlerweile immer noch kein weiteres Gedicht losgeworden sei.</p>
<p>»Keiner interessiert sich für meine Gedichte«, sagte er und warf seine Zettel von sich. »Ist doch alles Mist«, fuhr er fort. »Ich sollte einfach etwas anderes versuchen.«</p>
<p>Ich riet ihm dazu, sich zu gedulden und sich erstmal einen Job zu suchen, der ihm ein bisschen Geld einbringt, aber davon wollte er nichts hören.</p>
<p>»Die Arbeit hat meine Eltern umgebracht«, sagte er. »Und wahrscheinlich war sie auch schon für das Ableben meiner Großeltern verantwortlich«, fügte er hinzu.</p>
<p>Er überlegte kurz und legte dann nach: »Nein, nein, das ist es nicht, was mich glücklich machen würde. Du arbeitest dein ganzes Leben und eines Morgens wachst du einfach nicht mehr auf und das soll’s dann gewesen sein? Ach, drauf geschissen.«</p>
<p>Während Tener so dasaß und sich über die Arbeitswelt beklagte, warf ich einen Blick auf seine Zettel, die vor der Bank auf dem sandigen Boden verstreut lagen. Hier und dort konnte ich ein paar Verse rausfischen.</p>
<p><em>Eins, zwei, drei<br />
lass mich rein<br />
vier, fünf, sechs<br />
lass mich hier<br />
sieben, acht, neun<br />
begrabe mich</em></p>
<p><em>ein kleiner Mann ist schön<br />
wenn er zwischen deinen Beinen steht</em></p>
<p><em>Liebe, Liebe, Liebe<br />
besser als<br />
Hiebe, Hiebe, Hiebe</em></p>
<p>»Versuch’s einfach weiter, Tener. Mal schauen, was daraus wird.«</p>
<p>Ich ging nach Hause und öffnete eine Flasche Bier. Schließlich gab es etwas zu feiern. Ich hatte endlich wieder Arbeit gefunden. Wie schön es doch mal wieder war, für sechs Euro brutto die Stunde sich den Rücken kaputt zu machen. Wunderbar. Die Zeitarbeit macht so was möglich. Moderner Sklavenhandel mit Büros und all dem Mist. Winzige einfältige Logos auf Plastikkugelschreiberhülsen und auch das dazugehörige Briefpapier und dann dieses schreckliche Grinsen des Menschen hinter dem Schreibtisch. Hinter diesem Grinsen dann auch noch dieses teuflische Logo, allerdings einige Nummern größer, an der Wand. Mein Bier war schnell geleert, und ich überlegte, mir etwas zu kochen. Doch es war nichts da.</p>
<p>Wenn man lange genug in seinen Kühlschrank schaut, bemerkt man nach einer Weile, wie er mit seinen kalten, gierigen Augen zurückblickt, um dich und dein Durchhaltevermögen zu testen. Mein Kühlschrank blickte mir ganz tief in die Augen, durchbohrte mein Verstand mit hinterhältigem Kalkül, um mich dann den Tränen nahe und mit leerem Magen auf dem Küchenboden liegen zu sehen. Ein Monstrum. Ein Spiegelbild deines Lebens. Seine Augen waren todbringend und sein Korpus vollkommen leer. Alles was einst noch war, war nun leer. Alles aufgebraucht. Alles konsumiert, weggefressen, runtergeschluckt und zerstört. Ach, zur Hölle mit diesem ganzen Fraß.</p>
<p>Es klingelte an der Tür. Ich stellte die leere Flasche zu den anderen beiden Pfandflaschen (insgesamt vierundzwanzig Cent) und ging zur Wohnungstür. Wer das wohl sein konnte?</p>
<p>»Ich glaube, ich hab jetzt wieder den Dreh raus«, sagte Tener und setzte ein breites Lächeln auf. »Tut mir leid, dass ich dich so einfach überfalle, aber das musst du dir anhören.«</p>
<p>Ich ließ ihn eintreten, in der Hand hielt er wieder ein Pappschild, auf dem etwas mit schwarzer Farbe geschrieben stand. Wir machten es uns im Wohnzimmer bequem und er lehnte das Pappschild so an mein Sofa, dass ich den Text lesen konnte: <em>Hier kriegt ihr alles, was ihr wollt!</em></p>
<p>»Ich würde dir ja gerne was zu trinken anbieten, aber ich habe nichts mehr. Unglaublich, aber wahr. Ich bin völlig matt. Salz habe ich noch. Das könnten wir uns ja auf die Handflächen streuen und drüberlecken.«</p>
<p>»Nein, vielen Dank. Hör dir das an und dann hör dir an, was ich dir zu erzählen habe.«</p>
<p>Er war ganz aus dem Häuschen, zog einen Zettel aus der Gesäßtasche und legte los:</p>
<p>»<em>Im Teich habe ich gebadet<br />
mit einem Tintenfisch an meinen Hoden getanzt<br />
und dann durch den Druck im Darm<br />
einen Taifun an Land gesetzt<br />
und nun schaut euch dieses Chaos an<br />
die Handtücher am Ufer sind alle nass geworden<br />
und meine Wichse im Müsli lebt noch</em>«</p>
<p>Tener grinste mich an und wedelte mit dem Fetzen Papier in der Hand umher. Er sprang wieder auf und zog hektisch ein paar Runden um den Tisch. Er murmelte etwas dabei, was ich aber nicht verstehen konnte. Dann schaute er zu mir rüber und seine Worte wurden wieder verständlicher: »Habe gerade drei davon verkauft und habe sogar noch zwei Anfragen wegen Gedichten, die ich noch nicht mal geschrieben habe. Ich werde mittlerweile schon gebucht!«</p>
<p>Er ließ sich wieder auf den Sessel fallen und schaute mit stolz erfüllten Augen auf seine Zeilen, die mit schlecht gespitztem Bleistift auf dem Zettel geschrieben standen.<strong> </strong>So unleserlich, dass ich nicht einmal ein Wort daraus lesen konnte.</p>
<p>»Das ist ja klasse, Tener.«</p>
<p>»Ich weiß. Das hat mich auch auf eine Idee gebracht. Ich meine, weil du doch auch eine anständige Arbeit brauchst und Kohle verdienen willst. Hättest du nicht Lust mein Agent zu werden? Jeder Schriftsteller hat doch einen Agenten.«</p>
<p>Ich schluckte einfach nur und wollte ihn nicht sofort in seiner Euphorie bremsen. Mit einem Schulterzucken tat ich die Sache ab und verschwand für eine Weile in die Küche, um so zu tun, als würde ich Kaffee kochen. Doch nur wenige<strong> </strong>Sekunden später stand er auch schon im Türrahmen und sah mich nachdenklich am Küchentisch sitzen. Seltsamerweise fing ich wirklich an, ernsthaft über die Sache nachzudenken.</p>
<p>»Ist alles okay?« fragte er, und ich sagte ihm, dass ich mir Gedanken über sein Angebot mache.</p>
<p>»Mach dir keine Sorgen mehr. Habe in weniger als einer Viertelstunde 1,50 Euro verdient und das nur mit meinen Gedichten. Einfach auf der Straße.«</p>
<p>Er holte wieder sein Pappschild aus dem Wohnzimmer und hielt es hoch. »Mit dem Ding hier. Die Leute springen da total drauf an. Ich biete ihnen einen ganz exklusiven Service an. Sie bekommen, was sie wollen. Die alte Schäfer will auch ein Gedicht von mir. Ich musste ihr nur die ganze Hornhaut von den Füßen kratzen, aber später will sie auf jeden Fall noch einen Text. Das Thema heißt: <em>Schamlos</em>.« Er zwinkerte mir zu und klopfte mir auf die Schulter.</p>
<p>Ich lächelte und beglückwünschte ihn zu seinem Geschäft, doch sein Angebot, als sein Agent tätig zu werden, musste ich vorerst abschlagen. Er war etwas enttäuscht, aber ließ dadurch sich nicht in seinem Unterfangen beirren. Er liebte und genoss seinen Erfolg in vollen Zügen, und das war auch gut so. Ich beneidete ihn richtig, dass er sich durch so einen winzigen Höhenflug dermaßen Hoffnung machen konnte. Es war wunderbar.</p>
<p>»Aber Tener…«</p>
<p>»Ja?«</p>
<p>»Lass dich von diesen Heuschrecken da draußen nicht ausnutzen?«</p>
<p>Er setzte einfach nur wieder sein breites Grinsen auf und beugte sich vor, als wolle er mir ein Geheimnis verraten.</p>
<p>»Die denken alle, die könnten mit mir machen, was sie wollen, aber so ist es nicht. Weißt du was? Ich schreib die meisten Geschichten beim Kacken.«</p>
<p>Er brüllte los vor Lachen und drückte sich sein Gedicht ans Herz. Ich wünschte ihm weiterhin noch viel Glück und dann zog er mit seinem Schild wieder ab. Durchs Küchenfenster sah ich ihm noch eine Weile nach, wie er mit dem Zettel in der einen und dem Pappschild in der anderen die Straße hinunterschlenderte. Wie ein Schuljunge, der vorzeitig durch Hitzefrei den Heimweg antreten durfte und nun seine verfrühte Freiheit feierte. Er zelebrierte jeden seiner Schritte. Ich nahm mir vor, nochmal über die Rolle als sein Agent nachzudenken. Ich machte mir so meine Gedanken. Es würde bestimmt nicht sonderlich laufen, aber was hatte in letzter Zeit schon großartig geklappt? Ich sollte mir wieder ein Herz nehmen und an die Lächerlichkeiten des Lebens glauben.</p>
<p>»O Tener, die Leute geben dir nur diese lächerlichen Almosen, weil sie dich für einen Schwachsinnigen halten.«</p>
<p>Ich lachte und begann mein letztes Kleingeld, das hier und dort noch auf Tischen und Regalen lag, zu zählen. Ich wollte mir zur Feier des Tages ein schönes kühles Bier vom Supermarkt gönnen. Bald hätte ich einen neuen Job und könnte die Zeitarbeit in den Wind schießen. Ich wäre dann Agent. Agent von Tener Spuckrogg Vilster, und der Preis für jedes Gedicht würde stets so gering bleiben, wie er war. Jedes Gedicht kostet nur 50 Cent. Nur 50 Cent, liebe Freunde. 50 Cent. Ihr fragt: »Was für Gedichte?«</p>
<p>Alles was ihr wollt.</p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Lilly Eulenspiegelin</title>
		<link>http://kaschemme.de/2011/09/lilly-eulenspiegelin/</link>
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		<pubDate>Wed, 07 Sep 2011 13:00:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanna M. Scotti</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
		<category><![CDATA[humoristisch]]></category>
		<category><![CDATA[schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA[Meinen Federkiel tunke ich in / Pulverfässer stochere in / Liebesnestern der Schildbürger]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Meinen Federkiel tunke ich in<br />
Pulverfässer stochere in<br />
Liebesnestern der Schildbürger<br />
und mache mir meinen<br />
Reim drauf</p>
<p>schwelgt Moschus in<br />
meine Rabenaugen und<br />
einen Schlitz ins Kleid<br />
reiß ich mir Lust ins Wort<br />
über und über mit Poesie</p>
<p>Ich schlage Purzelbäume in die<br />
Fesselseile der Blaustrumpfdichter<br />
und innen hohlen Narzissen<br />
etablierter Mainstreamer<br />
turmhoch über ihnen</p>
<p>lache ich meine Torheiten<br />
in ihren Hochmut und<br />
zeige ihrer Lebensfurcht<br />
meinen nackten<br />
verlängerten Rücken</p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Serie &#8216;Kranke Hirne&#8217;: Abbes Ohr</title>
		<link>http://kaschemme.de/2011/09/serie-kranke-hirne__abbes-ohr/</link>
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		<pubDate>Mon, 05 Sep 2011 15:45:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Dirt Diggin Dog</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krimi]]></category>
		<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[essen]]></category>
		<category><![CDATA[märchenhaft]]></category>
		<category><![CDATA[schreiben]]></category>
		<category><![CDATA[Starke-Frauen-Krimis]]></category>
		<category><![CDATA[tod]]></category>

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		<description><![CDATA[Mein Arzt sagt, wenn ich immer alles schlucke, werden meine Magenbeschwerden nie besser. Also gestehe ich meine Verbrechen und den Wunsch, nach Möglichkeit weitere zu begehen, sofern mir das mein Magen erlaubt, der äußerst empfindlich auf Chilli reagiert. (Damit habe ich eine Spur gelegt, fangen Sie mich, wenn Sie können).]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1620" title="Tasse Kaffee" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/09/tasskaff-140x140.jpg" alt="Tasse Kaffee" width="140" height="140" />Im KDD von Castor-Bauxit ging es wieder einmal zu wie in einer Fernsehserie. Die diensthabende Leiterin warf sich mit der Rechten eine zweifelhafte Tablette ein, rührte mit der Linken hektisch im Kaffee und schaffte es, fast gleichzeitig ihrem Kollegen einen apfelgrünen Brief zuzuschieben. „Lies das!“</p>
<p>Mehmet hob entschuldigend die Hände und rief: „Geht nicht, fettige Finger!“ Dann hob er den Telefonhörer ab, horchte und brüllte: „Der schon wieder, den haben wir doch gestern erst zweimal in die Psychiatrische geschafft! Nee, macht ihr das, bei uns brennt der Laden, kennste ja.“</p>
<p>„Und wenn du jetzt nicht sofort mit deinen Dönerfingern die Arbeit anpackst, brennt gleich noch was anderes“, schnauzte die Chefin.</p>
<p>„Das war Pizza Mafia vom Schwaben gegenüber“, maulte Mehmet zurück und griff sich das Schreiben. „Ein Bekennerbrief. Riecht nach Moschus?“ Zufrieden nickte die Chefin, auf diese Spürnase konnte sie sich verlassen.</p>
<p>„Abbes Ohr?!“</p>
<p>„Lies endlich, frag nicht so blöd!“</p>
<p>&nbsp;</p>
<div style="font-family: Tahoma,Helvetica,Arial,sans-serif;">
<p>„Verehrte Polizei, werte Pathologen,</p>
<p>Mein Arzt sagt, wenn ich immer alles schlucke, werden meine Magenbeschwerden nie besser. Also gestehe ich meine Verbrechen und den Wunsch, nach Möglichkeit weitere zu begehen, sofern mir das mein Magen erlaubt, der äußerst empfindlich auf Chilli reagiert. (Damit habe ich eine Spur gelegt, fangen Sie mich, wenn Sie können).</p>
<p>Meinen ersten Mord haben Sie nicht entdecken können, weil ich ein abbes Ohr an meine Pyranhas verfüttert habe und das andere meinem Nachbarn in den Koi-Teich warf. Das war einer, der nicht hat zuhören wollen, also der mit den abben Ohren, die die Fische gemampft haben. Mit dem Rest habe ich meine Schwiegermutter glücklich gemacht, indem ich ihn in die Musmaschine warf und einen feinen Edelbrand daraus herstellte, garantiert dreimal destilliert im Kupferkessel, so wie es die alte Schnapsdrossel liebt. Ich gestehe, dieses Lebenswasser ganz leicht mit Sternanis und Orangenschalen aufgepeppt zu haben, falls Sie das Rezept wollen, ich mache immer alle gern glücklich, glücklich mach ich alle.</p>
<p>Beim zweiten Mal war mir langweilig, weil mich eine Tussi zu lang hat warten lassen. Früher ging das ja noch, vier Wochen, dann acht Wochen, aber die hat 13 Monate gebraucht, um Nein zu sagen. Möglich, dass Sie noch Spuren an der alten Druckerpresse finden, die ich benutzt habe. Ich habe ganz schön kurbeln müssen, aber dann doch davon abgesehen, sie binden zu lassen. Also trocknet das flache Weibsstück an einem geheimen Ort. Meinen Sie, da wird noch wenigstens ein Ledereinband draus? Dann könnte meine Schwiegermutter ihre Flachmänner drin verstecken, weil ich doch immer alle gern glücklich mache, glücklich mach ich alle.</p>
<p>Gestern ist es wieder passiert. Ich hab den Lackaffen zuerst gefoltert, weil er mich ausgelacht hat. Ich wär eine Versagerin, sagt der (jetzt haben Sie noch eine Spur), und meinen Scheiss will eh keiner, sagt der. Muss ich mir einen solchen Jargon bieten lassen? Und dann sagt der noch, die Leute stehen auf Blut und Ekel und Krankes und Brutales. Das hab ich mir nicht zweimal sagen lassen und ihn mit der Bronzefigur auf dem Schreibtisch kurz angetippt, bis ich ihn gefesselt hatte.</p>
<p>Der hat gewinselt, gewinselt hat der, als ich ihm Hänsel und Gretel vorgelesen habe und bei jedem Absatz einen Fingernagel rausgezogen und dann bei lebendigem Leib Hautstreifen &#8230; aber das wollen Sie sicher nicht so genau wissen, außer dass ich Hänsel und Gretel zwanzig Mal lesen musste, bis ich mit dem fertig war. Weil ich doch immer alle gern glücklich mache, glücklich mach ich alle.</p>
<p>Und jetzt mach ich Sie glücklich: Fassen Sie mich, bevor ich die nächste umbringe. Wieder so eine Tussi, die nichts Englisches mag, sagt sie. Wie wär’s mit einem Steak, werde ich sagen, englisch vielleicht? Weil ich doch immer alle gern glücklich mache, glücklich mach ich alle und jetzt auch die Polizei.“</p>
</div>
<p>&nbsp;</p>
<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1620" title="Tasse Kaffee" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/09/tasskaff-140x140.jpg" alt="Tasse Kaffee" width="140" height="140" />Mehmet warf den Brief zurück zur Chefin und lachte lauthals. Die sah ihn fragend, bohrend und zerknirscht an und rührte rasant im Kaffeesatz.</p>
<p>„Der Fall ist doch klar wie Kloßbrühe!“</p>
<p>„Du meinst, das ist diese Schriftstellerin mit den blutleeren Whodunnits, die wir gestern sturzvoll aufgegriffen haben, nachdem ihr eine Lektorin abgesagt hatte, weil ihr Geschreibsel zu englisch sei?“</p>]]></content:encoded>
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		<title>wer</title>
		<link>http://kaschemme.de/2011/03/wer/</link>
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		<pubDate>Thu, 03 Mar 2011 06:38:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Thomas Hollinger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
		<category><![CDATA[humoristisch]]></category>
		<category><![CDATA[schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA[wer will ihn schon lesen / den braven poeten / wer braucht ihn nicht / den lauten rebell / ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>wer will ihn schon lesen<br />
den braven poeten<br />
wer braucht ihn nicht<br />
den lauten rebell </p>
<p>wer lechzt denn schon<br />
nach den moneten<br />
als seiner hehren ziele quell </p>
<p>mit mehr oder weniger leisem gebell </p>
<p>wer hat ihn nicht<br />
den schalk im nacken<br />
trägt ungern sorgen<br />
huckepack </p>
<p>tagein tagaus<br />
korinthen kacken<br />
taschen voller schabernack </p>
<p>kratzt viel oder wenig an eigenem lack</p>]]></content:encoded>
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		<title>Hunger</title>
		<link>http://kaschemme.de/2011/02/hunger/</link>
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		<pubDate>Tue, 01 Feb 2011 13:17:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Hecht</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[Abgrund]]></category>
		<category><![CDATA[ausweglos]]></category>
		<category><![CDATA[bessereWelt]]></category>
		<category><![CDATA[Geld]]></category>
		<category><![CDATA[Glück]]></category>
		<category><![CDATA[Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[Hunger]]></category>
		<category><![CDATA[künstler]]></category>
		<category><![CDATA[schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA[Er öffnete noch mal die Schränke, sah noch einmal nach – es war jedoch beim besten Willen nichts zu machen. Bis auf eine Konserve mit geschälten Tomaten waren die Regale leer. Im Kühlschrank lag ein kleiner Rest Butter und ganz hinten stand ein fast leeres Glas Salzgurken.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Dinge wurden kurios. Er saß in der Küche und hatte Hunger. Und er hatte kein Geld mehr.</p>
<p>„Hunger, man soll es nicht glauben“, murmelte er, und er öffnete noch mal die Schränke, sah noch einmal nach – es war jedoch beim besten Willen nichts zu machen. Bis auf eine Konserve mit geschälten Tomaten waren die Regale leer. Im Kühlschrank lag ein kleiner Rest Butter und ganz hinten stand ein fast leeres Glas Salzgurken. Geschälte Tomaten – ohne alles – oder ein Stück Butter – sollte er das vielleicht essen? Nein, dann lieber gar nichts.</p>
<p>Mutlos saß er am Küchentisch und starrte zu Boden. Was für eine verfahrene Situation! „Man hungert heute nicht mehr“, sagte er sich noch einmal, flehentlich fast, als ließen sich die Regale allein durch diese Feststellung wieder füllen. „Man hungert heute nicht mehr. Jedenfalls nicht in Berlin. Das ist albern!“</p>
<p>Verzweifelt blickte er umher. Natürlich, er müsste  nicht hungern. Er müsste in eines dieser Ämter gehen, sich melden – erwerbslos melden – und dann bekäme er Geld. Müsste nicht mehr hungern. Und müsste auch nicht hilflos zusehen, wie die vielen Kleinigkeiten des Lebens plötzlich zu Bedrohungen wurden, jede für sich groß und gefährlich: abgelaufene Schuhsohlen! Nichts war schlimmer als abgelaufene Schuhsohlen. Und vor einigen Tagen hatte er versucht, sich die Haare selbst zu schneiden. Sie standen ab, seine Haare, ungepflegt, in allen Richtungen, vorn und hinten zu lang und an den Schläfen hingen sie schon über die Ohren und er bekam sie kaum noch glatt gekämmt. Er hatte in den Spiegel geblickt, die Schere dann jedoch wieder weggelegt und sich nicht getraut.</p>
<p>Und er war wunderlich geworden: Beim Bäcker hatte er nach Kuchenresten gefragt. Früher, als Kind, hatte er Kuchenreste bekommen, kurz vor Feierabend, wenn die Bäcker die Regale leerten. Für 20 Pfennige, eine große Masse Kuchenreste.</p>
<p>Heute aber gab es keine Kuchenreste mehr. Die Verkäuferin hatte ihn angesehen, verwirrt. Und auch ein paar ältere Damen, die Kundinnen hinter ihm, maßen ihn ab und blickten schließlich verächtlich an ihm vorbei.</p>
<div id="attachment_1413" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img class="size-full wp-image-1413" title="Leere Küche" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/02/leere_kueche.jpg" alt="Leere Küche" width="300" height="533" /><p class="wp-caption-text">Leere Küche</p></div>
<p>Und jetzt saß er hier, in der Küche, zusammengesunken. Und wie er es auch drehte und wendete: Er hatte kein Geld mehr. Und er hatte Hunger.</p>
<p>Nein, er wollte nicht zu diesen Ämtern. Das wäre ja die letzte Bankrott-Erklärung, die Allerletzte! Immerhin hatte er seinen Beruf von sich aus gekündigt. Einen guten Beruf, als Redakteur. Kein Mensch hatte ihn dazu gezwungen. Er hatte seine Arbeit nicht „verloren“, er war nicht „abgewickelt“ worden, – nein, er hatte den Job aufgegeben. An der Garderobe abgegeben, sozusagen. Um richtig zu schreiben. Und alle hatten sich gewundert. Warum denn nur? Besser ginge es doch gar nicht! Und schreiben könne man doch auch „nebenbei&#8230;“</p>
<p>Mit 20 000 war er an den Start gegangen. Das war immerhin so hängen geblieben, in den Jahren als Redakteur. Und er hatte sich reich und unverwundbar gefühlt. Aber nun war die Zeit davon gerast, das Geld war weg – er war umhergereist – und er hatte nichts zuwege gebracht. Kaum etwas, jedenfalls, nicht annähernd das, was man einem Verlag als Manuskript anbieten könnte. Skizzen, Pläne, Gedanken, bestenfalls die grobe Richtschnur für einen Roman, mehr nicht. Und ein Jahr war jetzt vergangen! Wütend starrte er zu Boden.</p>
<p>Vor kurzem hatte er eine Geschichte gelesen. Eine kleine Geschichte von Kesten, der erzählte, wie er einmal Gerhart Hauptmann zum Bahnhof begleitet hatte. Hauptmann war da schon ein alter Mann und der Zug war überfüllt. Trotzdem hatte sich der alte Mann sofort auf seinen Sitz gezwängt, hatte Papiere und einen Stift aus der Tasche gekramt und sich an seine Arbeit gemacht. Als der Zug ausfuhr, war er schon ganz vertieft und hatte zum Abschied nicht einmal mehr aufgeblickt. Hauptmann hatte gearbeitet, zielstrebig. Gleichgültig, wie laut und beengt die Umgebung auch sein mochte. Wie es sich gehörte. So geht man mit der Zeit um!</p>
<p>Aber er selbst? Ein ganzes Jahr war verstrichen! Und jetzt saß er in seiner Küche und hatte Hunger. Hilflos sah er sich um, hing Gedanken nach, Fetzen von Gedanken, floh vor der traurigen Situation, erging sich in Betrachtungen: „Es geht schnell zu Ende“, dachte er zum Beispiel, „&#8230;wenn es einmal soweit ist, geht es schnell. Nicht langsam und schleichend – nein, mit Karacho. Ganz plötzlich fehlt’s an allem&#8230;.und man kommt nicht mehr zur Ruhe.“ Die Miete war jetzt den zweiten Monat überfällig. Jeden Tag konnte der Vermieter vor der Tür stehen. Hin und her sprangen seine Gedanken, eilten von Sorge zu Sorge: „&#8230;und sie werden mir auch noch den Strom abdrehen! Den Strom, die Heizung – alles was man abdrehen kann, wenn nicht mehr gezahlt wird&#8230; und nicht einmal versichert bin ich noch, wenn ich jetzt stolpere und mir ein Bein breche? &#8230;Man darf ja gar nicht daran denken&#8230;.“ Zum Verzweifeln war das alles, er fühlte sich müde und weidwund. Und er hatte Hunger.</p>
<p>Der Hunger kann ausgeschaltet werden, wenn man nachdenkt – aber irgendwann meldet er sich natürlich immer zurück.</p>
<p>Immerhin gab es viel zu bedenken. Jeder Tag war jetzt voller Gefahren, überall lauerten Miseren, Schwierigkeiten.</p>
<p>Es wurde Frühling. Die Sonne schien hell in die großen Fenster und tauchte alles in ein gleißendes, lebensfrohes Licht; die Bäume blühten, es wurde grün – aber in diesem Jahr konnte er sich kaum erfreuen, am ewigen Wunder; seine Geldsorgen übertünchten alles, er hatte keinen Blick dafür. Ruhelos war er auf- und abgegangen, aufgewühlt, hilflos. Endlich verließ er die Wohnung, entschlossen, und marschierte davon.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p><a href="http://kaschemme.de/2008/07/potsdamer-platz/"><img class="alignright size-medium wp-image-1411" title="Potsdamer Platz" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2008/07/potsdamer_platz_2008-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a>Gerüste, Kräne und Baustellen prägten damals die Stadt. Am Potsdamer Platz ragten längst schon stolz die Wolkenkratzer in den Himmel, das neue Kanzleramt war gebaut, der Reichstag renoviert, der Lehrter Bahnhof begann neue Dimensionen anzunehmen – alles erstrahlte in neuem Licht; aber im Kleinen wurde noch überall gebaut und erneuert. Ganze Straßenzüge waren damals eingerüstet, im Ostteil der Stadt, Handwerker waren am Werk, emsig, an diesem hellen Maitag atmete die Stadt anpackenden Elan, Aufschwung und Neubeginn, Hoffnung und Zuversicht – er aber marschierte durch diese Stadt, taumelnd fast, und spürte, wie er immer tiefer sank, wie er seine Kraft, seine Zuversicht immer mehr verlor. Niedergeschlagen marschierte er Unter den Linden entlang, über die Engels-Brücke, sah die weißen Ausflugsdampfer auf der Spree, voller Menschen an Deck, die gespannt, in Ausflugsstimmung umhersahen, fotografierten, fröhlich waren.</p>
<p>Vom Zeughaus marschierte er bis runter zum Brandenburger Tor. Er kam an einem Bratwurst-Stand vorbei und der Grillgeruch der Würste stieg ihm in die Nase. Er schritt schneller voran, verbissen, und endlich fand er, wonach er suchte: Ein Mann spielte Saxophon, direkt am Pariser Platz. Der Mann trug einen grauen Mantel, und sein Instrument war arg lädiert, an vielen Stellen war der Lack ab vom Saxophon. Vor sich hatte der Mann den Instrumentenkasten gelegt, aber nur wenige kleine Münzen verloren sich darin. Variationen waren es, immer wieder die gleichen Töne, Tonleitern rauf und runter, ohne Anfang und Ende, es klang gefällig, insgesamt jedoch blieb es viel zu beliebig, um wirklich die Menschen zum Aufhorchen und Bleiben zu bekommen.</p>
<p>Er stand vor dem Mann, hörte eine Weile zu, ging ein Stück weit weg, sah aus der Entfernung zu&#8230; die Touristen fotografierten und staunten, vor der Quadriga und dem Brandenburger Tor, und beachteten den Saxophonspieler dabei kaum.</p>
<p>Er hatte sich zurecht gelegt, dass auch er vielleicht Saxophon spielen könnte, auf der Straße. Er spielte ganz leidlich; allerdings hatte er seit einer Ewigkeit keine Praxis mehr darin. Aber dennoch – einen Versuch war es jetzt wert.</p>
<p>Zuvor jedoch wollte er sich die Sache ansehen, bevor er selbst loslegte. Und was er sah, machte ihm kaum Mut. Hier, auf dem Pariser Platz, war es ganz unmöglich. Hier wurde man zu wenig beachtet. Was ist schon ein abgerissener Saxophonspieler gegen das Brandenburger Tor? Er beschloss, wenn überhaupt, weiter oben zu spielen, an der Ecke zur Friedrichstraße.</p>
<p>Und wenn ihn jemand erkannte? Nicht auszudenken! „Ich müsste einen Hut aufsetzen“, hatte er überlegt, „und eine Sonnenbrille.“</p>
<p>Nach einiger Zeit wusste er zumindest, wie man es am besten anstellte. Den größten Erfolg hatten die Musikanten, die ein tragbares CD- oder Kassettengerät bei sich hatten, die gängige Musik durch ihre Anlagen spielten und dazu improvisierten. Man hatte einen doppelten Effekt dadurch – und die Blicke der Passanten richteten sich viel schneller auf einen.</p>
<p>Aber woher sollte er so ein Gerät nehmen? Kaufen kam zur Zeit ja nicht in Frage. Er verwarf die Idee mit dem Saxophon. Müde ging er wieder nach Hause.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>„Hunger, man soll es nicht glauben. Romantisch war das ja geradezu, trivial. Albern! Hamsun hatte Hunger, aber das war vor mehr als 100 Jahren&#8230; und in Norwegen.“ Er ging durch die Wohnung, ruhelos, hatte den Punkt erreicht, an dem das Elend übermächtig wird. An dem es vorbei war, mit der Ruhe. Selbst auf die Arbeit konnte er sich nicht mehr konzentrieren. Den vierten Tag hatte er nicht gegessen, den zweiten Tag nicht mehr geschrieben, keine einzige Zeile. Es war plötzlich gar nicht mehr daran zu denken. Die Gedanken kreisten nur noch um eine Frage: Was tun?</p>
<p>Und um den Hunger. Um den Durst nicht, Wasser gab es ja.</p>
<p>Aber er hätte sich gern mal wieder richtig besoffen. Um alles für einen Abend zu vergessen. Und er hätte gern geraucht. Gesoffen und geraucht, wie früher, in den guten Tagen. Damals hatte er für eine Havanna-Zigarre so viel Geld ausgegeben, wie heute für eine ganze Woche Proviant. Wütend könnte man werden, rasend vor Wut, alles war so furchtbar falsch gelaufen, man war einem schönen Traum hinterher gerannt. Schriftsteller – Größenwahn! Ein paar Nummern zu groß. Und jetzt waren sie da, der Hunger und das Elend.</p>
<p>Er ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen, sein Blick fiel auf die Armbanduhr. Natürlich – die Uhr! Es schoss ihm durch den Kopf. Der Geistesblitz, das war’s! Schnell stand er auf, ging durch die Wohnung, kramte in Schubladen – und kehrte schließlich zurück in die Küche, legte seine Schätze auf den Tisch. Die Uhr – von Gucci –  der goldene Füllfederhalter – die goldenen Manschettenknöpfe. Was könnte er dafür bekommen? Er starrte auf die Sachen, überlegte, stand mit einem Ruck auf, steckte alles in die Tasche und verließ wiederum die Wohnung. Zum zweiten Mal an diesem Tage. Ihm war flau im Magen. Alles war unwirklich.</p>
<p style="text-align: center;">*</p>
<p>Er hatte kein Geld mehr für die Bahnfahrt – trotzdem fuhr er bis ans andere Ende der Stadt.  Schwarz. Niemand sollte ihn sehen, treffen, zufällig. Mulmig war ihm auf der Fahrt, aber schließlich ging es gut.</p>
<p>Am Theodor-Heuss-Platz stieg er erst wieder aus. Zweimal umkreiste er dann das Leihhaus, direkt am belebten Platz lag der Eingang und es flanierten immer viele Menschen daran vorbei. Schließlich nahm er jedoch seinen Mut zusammen, steuerte auf den Eingang zu, öffnete die Tür und verschwand schnell.</p>
<p>Das Leihhaus lag im ersten Stock. Er stieg die Stufen hinauf. Im Geiste sah er verzweifelte Menschen vor sich, gleich, in wenigen Sekunden. Vor ihm in einer langen Schlange. Verzweifelte Menschen, die Ihr Gold, ihren Schmuck, ihre Habseligkeiten verpfänden müssen – und am Schalter sitzt ein alter böser und geiziger Mann, mit einer Lupe am Auge, mit Habichtsblick – und beäugt das Gold, den Schmuck – oft in den schönsten Stunden des Lebens bekommen, bei Hochzeiten, Verlobungen, behaftet mit den wunderbarsten Erinnerungen – beäugt es unerbittlich und krächzt dann einen Preis heraus, der nicht annähernd mit den Vorstellungen der Verzweifelten übereinstimmt. Eine Szene wie bei Balzac, bei Zola, bei Dickens. Dantes Inferno. Fegefeuer. So etwas schwante ihm, als er – zum ersten Male in seinem Leben – eintrat, ins Leihhaus.</p>
<p>Aber es war mäuschenstill und leer. Nur ein kurzer Flur führte in den Schalterraum, mit leisen Schritten betrat er ihn, über einen Teppich, der  jedes Geräusch verschluckte. Durch dickes Glas sah er auf zwei Plätze, zwei Schalterplätze, wie in einer Bank. Beide Plätze waren leer. Außer ihm war niemand im Raum. Verwundert sah er sich um. An den Wänden waren Vitrinen ausgestellt, mit Uhren, Füllfederhaltern, Schmuck. Er blickte auf die Vitrinen, nahm sich inständig vor, dass seine Schätze dort nicht landen werden, dass er sie rechtzeitig wieder auslösen werde. Unsicher sah er sich weiter um. Was nun? Schließlich erblickte er eine Klingel an der Glaswand. Er klingelte also, aber die Klingel blieb lautlos. Trotzdem schlurfte jetzt, aus einer hinteren unsichtbaren Ecke des Raumes, jemand zum Schalter. Ein Mann kam hervor, mittelalt, sehr freundlich. Dick, mit rosigem Gesicht. Betont jovial. Sofort bemüht, seiner Kundschaft die Scham zu nehmen, vor seinem Schalter, durch besonders zuvorkommende Freundlichkeit, in seinem Blick lag – unausgesprochen, aber  chronisch: ‘Wir sind doch alle Mal irgendwann in Schwierigkeiten. Dafür muss man sich doch nicht schämen.’</p>
<p>Der Mann besah sich die Dinge schließlich, nacheinander, prüfend – und fragte dann: „Na, und nun mal rundheraus&#8230;was brauchen Sie denn so?“</p>
<p>Er starrte den Mann an. Die Frage überraschte ihn, was sollte er sagen? Was er brauchte? 10 000 Euro, um alle Schulden zu zahlen und noch ein Jahr zu schreiben. Das brauchte er. Benötigte er. Auch im Leihhaus sollte man sprachlich korrekt bleiben. Aber was seine Sachen hier wert waren – davon hatte er nun keine Ahnung. Deshalb entschloss er sich zur Offensive: „Was könnten Sie denn geben?“</p>
<p>Der Mann fingerte wieder herum, nahm alles noch einmal in die Hand. Zu den Manschettenknöpfen sagte er <em>Manschknös</em>. Und für den Füllfederhalter, für die Uhr und die <em>Manschknös</em> könnte er insgesamt also 1200 geben. Ob das in Ordnung wäre?</p>
<p>1200! Das war viel mehr, als er erwartet hatte! 1200! Das war großartig! Auszulösen in drei Monaten, sogar verlängern war möglich. Ein Hauch von Morgenröte tauchte plötzlich auf, wenigstens konnte er wieder essen, trinken, rauchen, für einige Wochen. Und ein bisschen Miete zahlen. Wie ein normaler Mensch. Zum Friseur gehen, zum Schuster. Klopapier kaufen. Vorräte. Und wieder ein paar Wochen schreiben. &#8230; Ein Geschenk war das! Und dies nur für einen Füllfederhalter! Wozu war der schon gut? Ein Bleistift tat’s ja schließlich auch. Und Uhren gab’s an jeder Ecke, wer brauchte heute noch eine Uhr? Und <em>Manschknös</em> erst! Etwas Überflüssigeres als <em>Manschknös</em> gab’s ja gar nicht. Nichts davon tat wirklich weh.</p>
<p>Und für die Zukunft muss man es dann eben sportlich nehmen. Es eben schaffen, die Dinge hier rechtzeitig wieder auszulösen. Immer schön fleißig sein! Weiter schreiben! Nicht aufgeben. Dann wird es schon alles&#8230;jetzt ist erst mal ein paar Wochen Ruhe.</p>
<p>Dies alles schoss ihm durch den Kopf, in einer Sekunde, und der Mann hinter dem Schalter wartete immer noch auf eine Antwort.</p>
<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1091" title="blumen_350px" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/blumen_350px-250x250.jpg" alt="" width="150" height="150" /></p>
<p>Er sagte deshalb, lapidar, unbeteiligt: „1200? Ok! Aber kleinere Scheine, wenn’s geht.“</p>
<p>Und er nahm die 1200, gelassen, in kleinen Scheinen, verließ lautlos das menschenleere Leihhaus und trat wieder auf die Straße.</p>
<p>Die Sonne schien, alles wurde grün – und er fühlte sich plötzlich wie ein König.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Einer kommt und einer geht</title>
		<link>http://kaschemme.de/2010/05/einer-kommt-und-einer-geht/</link>
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		<pubDate>Mon, 10 May 2010 05:00:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[Hotel]]></category>
		<category><![CDATA[schreiben]]></category>
		<category><![CDATA[treiben]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich sehnte mich nach einem Glas Wasser oder was noch viel besser wäre, einem kalten Bier. Die Mittagssonne stand am Himmel, glänzte und brannte uns entgegen wie ein Feuerball. Meine Kehle war getrocknet und auf der Zunge lag noch immer der viel zu süße Geschmack des Zuckers aus dem Kaffee.

“Ich hab noch ein paar Dollar, wir sollten uns ein Bier besorgen”, sagte ich und deutete auf ein kleines Lokal.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es war an einem Mittwochmorgen. Ich saß auf der schwarzen Ledercouch und lauschte der sanften Stimme der Sekretärin, die keine vier Meter vor mir hinter ihrem Schreibtisch saß und beruhigend in den Hörer sprach. “Er wird sich bei ihnen melden&#8230; ja, sicher &#8230; vielen Dank &#8230; auf Wiederhören.” Ich schaute über den kleinen Zeitungsstapel, der auf dem Tisch lag, unter ihnen der “New Yorker”, ”LA Weekly”, die “New York Times” und die “Los Angeles Times”. Ich las über die Titelblätter: <em>Democracy in Iraq,  Colombia army chief linked to outlaw militias, Broken Bridges, Yankees On The Run</em>. Ich lehnte mich an und kratzte ungeduldig mit den Fingernägeln über die Zähne. Die Sekretärin blickte mit einem nicht überzeugenden Lächeln rüber und tippte dann weiter auf ihrem Notebook herum. Ich lächelte zurück, doch da schaute sie schon lange wieder auf den Bildschirm. Die Bürotür ging auf und ein Mann in den späten 30gern, mit gebügeltem weißen Hemd und einer gepunkteten blau-weißen Krawatte, kam herausgeschossen.</p>
<p>“Francis…? Francis…” Er versuchte sich zu erinnern, machte dann einen großen Schritt auf mich zu und reichte mir die Hand. “Francis Moon”, platzte es schließlich aus ihm heraus. Er zog mich vom Sessel hoch und führte mich in sein Büro. “Keine Anrufe”, rief er der Sekretärin zu und schloss die Tür hinter sich. Ich stand in seinem Büro. Ein heller Raum im dritten Stock mit Ausblick auf eine T-Kreuzung und ein gut besuchtes Café.<br />
”Nehmen Sie doch bitte Platz”, sagte er und ging rüber zur Kaffeemaschine. “Auch einen?”</p>
<p>“Sicher”, sagte ich und nahm auf dem breiten Ledersessel Platz.</p>
<p>“Schwarz oder mit Milch?”</p>
<p>“Milch.”</p>
<p>“Ein oder zwei Würfel Zucker?”</p>
<p>“Fünf.”</p>
<p>Er lachte, warf gleich sechs Stücke rein, verrührte die Dosenmilch darin und reichte mir die Tasse rüber.</p>
<p>“Ich hab mir ihre Texte mal angeschaut”, sagte er halb aus der Tasse schlürfend und zu seinem Bürosessel eilend. Er war eine nervöse Persönlichkeit. Keine zwei Sekunden vergangen ohne ein flinkes Autozwinkern, oder einer raschen Handbewegung.</p>
<p>“Gefällt mir ganz gut.”</p>
<p>“Das freut mich”, sagte ich und nahm vorsichtig einen Schluck. Ich verzog das Gesicht. Der Kaffee war viel zu süß.</p>
<p>“Na, zu süß, nicht? Das wusste ich. Hab zur Vorsicht noch einen nachgeworfen.”</p>
<p>“Danke”, sagte ich halbgrinsend.</p>
<p>“Willst Du einen Neuen?”</p>
<p>“Nein, danke. Es geht schon.”</p>
<p>Ich war gespannt, was aus diesem Gespräch mit Charly Fish werde könnte. Vor zwei Monaten hatte der richtige Francis Moon seinem Magazin eine Kurzgeschichte geschickt und sah dann, dass sie in der aktuellen Ausgabe des “Yap Yap Magazine” nicht zu lesen war. Dann eines Tages rief seine Sekretärin an und bat Francis vorbeizukommen. Was war denn nun an seiner Geschichte, die Charly nicht gut genug für sein “Yap Yap” (ein doch sehr gut angesehenes Literaturmagazin in Autorenkreisen) hielt, wirklich dran?</p>
<p>“Deine Geschichte, genau…” redete er sich aus seinem zu vorigen Gedanken heraus, &#8220;die ist schon was.”</p>
<p>“Das ist gut”, antwortete ich in bescheidener Manier und fühlte mich zum ersten Mal hinters Licht geführt.</p>
<p>“Hast Du noch mehr geschrieben?”</p>
<p>“Ja, sicher, aber die Anzeige gab an nur eine Geschichte einzusenden.”</p>
<p>“Ja ja. Ich weiß. Unter die besten hast du es leider nicht geschafft, aber das liegt nicht an der Qualität der Geschichte, sondern an der Art und Weise ihrer Arbeit.”</p>
<p>“Wie meinst du das?”</p>
<p>“Du hast großes Talent…entweder wird daraus noch was oder du bleibst das ewige Talent, verstehst Du?”</p>
<p>Ich blickte hinter ihm durchs Fenster, sah die Straße runter bis zur Kreuzung und beobachtete die Leute die sich im Café trafen, sich unterhielten und lachten. Charly drehte sich zum Fenster.</p>
<p>“Kennst Du den Laden?”</p>
<p>Ich schüttelte den Kopf. “War schon lange nicht mehr in einem Restaurant oder einem Café”, sagte ich und nahm einen Schluck aus meiner Kaffeetasse. Umso näher ich dem Boden kam, umso süßer wurde es. Bald konnte ich den Zucker auf meinen Zähnen knirschen hören.</p>
<p>“Willst Du rüber gehen auf’n Sandwich?” fragte Charly und sah zu mir mit einem hängenden Blick voller Mitleid. Ich kam mir bescheuert vor. Mein Magen hatte schon mehrere Male geknurrt und ich wollte das Angebot einfach nicht annehmen. Das musste ich mir wirklich nicht an tun. Man kann arm sein, aber das doch bitte mit Würde.</p>
<p>Wir gingen runter zur <em>Melrose Ave.</em> und schlenderten an den Shops und Cafés vorbei.</p>
<p>„Los Angeles ist eine mystische Stadt, findest du nicht? Ein modernes Sodom.&#8221;</p>
<p>Charly rieb sich die Schweißperlen von der Stirn und blinzelte hoch zur Sonne.</p>
<p>&#8220;Ich frage mich, wann das große Beben kommt und uns auffrisst.&#8221;</p>
<p>Ich sehnte mich nach einem Glas Wasser oder was noch viel besser wäre, einem kalten Bier. Die Mittagssonne stand am Himmel, glänzte und brannte uns entgegen wie ein Feuerball. Meine Kehle war getrocknet und auf der Zunge lag noch immer der viel zu süße Geschmack des Zuckers aus dem Kaffee.</p>
<p>“Ich hab noch ein paar Dollar, wir sollten uns ein Bier besorgen”, sagte ich und deutete auf ein kleines Lokal, dass an der Ecke auf der anderen Seite lag.</p>
<p>“Fein”, sagte er und drehte sich zum Bordstein um die Straße zu passieren. Wir liefen rüber und nahmen uns einen Tisch für Zwei neben zwei jungen Mädchen draußen vor dem großen Fenster. Bald kam der Kellner und nahm unsere Bestellung auf.</p>
<p>“Weißt Du was, ich hab’s mir anders überlegt. Bring mir doch bitte ne Margarita, schön kühl”, sagte Charly zum Kellner und zeigte dann auf mich.</p>
<p>“Ich nehme ein Bier, was Importiertes, wenn’s geht.”</p>
<p>Der Kellner machte sich seine Notiz und zog ab.</p>
<p>„Du gefällst mir“, sagte er und lächelte.</p>
<p>Ich lächelte zurück.</p>
<p>Er kratzte sich an der Stirn und blickte zur Seite. Er wurde etwas nervös und ich hatte das Gefühl, ich würde wieder in seinem Büro sitzen und wäre sein Angestellter und genau in diesem Moment würde ich gefeuert werden. Dann kamen die Getränke, aber ohne sein Glas zu beachten schaute er daran vorbei und mir direkt in die Augen.</p>
<p>„Das mit deinen Geschichten das wird nichts mehr. Sie sind einfach Scheiße. Versuch am Besten mal anderes. Malst du gerne?“</p>
<p><em>Fuck you</em>, schoss mir durch den Kopf.</p>
<p>„Sehr gerne“, sagte ich und trank mein Bier in einem Zug leer.</p>
<p>Mit großen Augen verfolgte er wie mein Glas wieder auf dem Tisch platziert wurde. Ich hatte ihn beeindruckt.</p>
<p>„Ich geh dann mal“, sagte ich und verschwand.</p>
<p>Eine Stunde später befand ich mich wieder im Süden der Stadt und trabte langsam den staubigen und steinernen Weg, der sich bei den Schienen am LAX zum Freeway hin lang zog. Eine mageres Abbild einer vergessenen Wüste aus Abfallresten, grauen Steinen und zerplatzten Reifen. Neben mir einmal mehr die Straße, die in ihrer Abgeschiedenheit fast noch mehr an eine Wüste erinnerte. In knapp 40 Minuten würde ich wahrscheinlich bei ihm sein, wäre da nicht dieses unwohle Gefühl in der Magengegend, dass mich dazu veranlasste, möglichst bald eine Toilette aufzusuchen erzeugen. Beim nächsten Motel machte ich halt und klingelte an der Rezeption. Ein alter Koreaner trat hinter der Glasscheibe hervor, seine Augen ganz klein durch die dicken Brillengläser.</p>
<p>“Guten Tag”, begrüßte ich hin und wischte mir den Schweiß von der Stirn. “Ganz schön hei? da draußen”, sagte ich.</p>
<p>“Wollen Sie Zimmer?”</p>
<p>“Ja…ich meine…nein. Ich müsste mal aufs Klo. Haben Sie ne Toilette hier?”</p>
<p>“Nur Mitarbeiter.”</p>
<p>“Ah, okay. Könnte ich vielleicht eines der Zimmer mal kurz benutzen?”</p>
<p>“Sie wollen Zimmer?”</p>
<p>“Ja, aber nicht für lange. Ich müsste nur mal aufs Klo. Ginge das? Ich weiß, das klingt merkwürdig, aber…”</p>
<p>“Sie wollen auf‘s Klo?”</p>
<p>“Ja.”</p>
<p>“Ich kann sie nicht in ein Zimmer lassen für Toilette.”</p>
<p>“Sie können doch im Zimmer auf mich warten. Dauert nicht länger als fünf Minuten.”</p>
<p>“Kann nicht machen.”</p>
<p>“Drei Minuten.”</p>
<p>“Nein. Geht nicht.”</p>
<p>“Okay, was kostet das Zimmer für drei Minuten?”</p>
<p>“Geht nur Tag oder Woche. Ein Tag 33. Eine Woche 151. Plus Steuern.”</p>
<p>“Aber ich….” Bevor ich weiter auf der Toilettendebatte herumritt, genehmigte ich mir einen Blick durch die kleine Empfangshalle. Von einer Halle konnte man nicht sprechen, aber die Wände schienen frisch gestrichen, die Pflanze, die auf dem Ecktisch mit den gepolsterten Stühlen stand war echt und die Klimaanlage in der Ecke funktionierte auch. Ich konnte wenn ich meine beiden Arme ausstreckte die Wände an beiden Seiten berühren und auch wenn der Ort klein und kalt wirkte, konnte von Dreck oder Verfall soweit keine Rede sein.</p>
<p>“Sagten sie 151 für eine Woche? Plus Steuern?”</p>
<p>“151 für Woche. Plus Steuern.”</p>
<p>Mein Lächeln kam zurück und ich unterdrückte die Magenschmerzen.</p>
<p>“Können sie einen Dollar wechseln?”</p>
<p>Es klingelte zweimal, dann nahm er ab.</p>
<p>“Rudy?” fragte ich in den Hörer. Rudy war mein Vermieter und neuerdings Hundezüchter. “Was machen die Dobermänner, Rudy?”</p>
<p>“Das sind Pitbulls, Mann.”</p>
<p>“Hör zu Rudy, ich zieh vielleicht aus.”</p>
<p>“Das sagst du schon seit zwei Monaten. Was ist überhaupt mit den letzten beiden Monatsmieten…?”</p>
<p>“Ich weiß, Rudy. Ich weiß. Ich wollte dir nur Bescheid sagen. Ich komm nachher mal bei dir rum, okay? Sperr nur vorher deine Bullterrier ein.”</p>
<p>“Das sind Pitbulls, Mann.”</p>
<p>Ich hing auf, lies die anderen drei 25 Cent Stücke in meiner Hand klimpern und rechnete mir aus, wie ich die erste Woche überleben könnte. Es wäre nicht allzu schwer. Knapp 215 Dollar sind mir noch geblieben und am Ende der nächsten Woche wäre mein nächster Scheck fällig.</p>
<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1324" title="matraze_350x250" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2010/01/matraze_350x250-250x250.jpg" alt="matraze_350x250" width="250" height="250" />Ich nahm mir ein Zimmer und ruhte mich ein paar Minuten auf dem Bett aus. Es war ein wunderbares Gefühl. Ein altes Radio mit hölzerner Verkleidung stand auf dem kleinen Nachttisch. Ich suchte einen Sender und hörte bald die Stimme Frank Sinatras, die in lieblicher Agonie <em>“In the Wee Small Hours of the Morning”</em> sang. Ich bekam irgendwie gute Laune, auch wenn mich, dass alles auch irgendwie ziemlich runter zog.  Bald würde es wieder anfangen, dass ich mich beschissen fühlte. Die gute Laune würde nicht lange anhalten, da war ich mir sicher. Ich verließ das Zimmer und das Motel und suchte mir einen Schnapsladen. Mit einem Sechserträger Bier und einer Flasche Whiskey ging ich wieder auf mein Zimmer und feierte ein wenig bei melancholischer jazziger Musik. Es war großartig. Alles war vergessen. Die Autorenkarriere, die zahlreichen Geschichten, die Arbeit und das öde Leben. Als es anfing zu dämmern (draußen und in meinem Kopf), machte ich mich auf vors Motel, um noch eine zu rauchen. So gut hatte mir schon lange keine Zigarette mehr geschmeckt. Ich war total benebelt. Alles drehte sich und der Himmel schaute auf mich herab, wie ein großes schwarzes Auge.</p>
<p>“Nicht ein Stern zu sehen”, sagte ich mir und blickte auf. Mir wurde irgendwann kalt und ich ging zurück zur Eingangstür. Ich hörte ein Motorrad die Straße entlang dröhnen und drehte mich noch einmal um. Auf der anderen Seite sah ich einen Obdachlosen den staubigen Weg entlanggehen. Ein trauriges Bild. Er war kaputt, stand kurz vor dem Zerfall. Er war gebeutelt von diesem Leben. Ein langer zerfetzter Mantel, Vollbart im Gesicht und zerrissene Joggingschuhe. So schlimm hatte es mich nicht erwischt. Er hatte die alten Kleider, die dreckige Straße. Ich hatte das warme Bett, den Whiskey und das Bier. Ich verschwand in meinem Zimmer und stellte das Radio wieder an. Immer noch, oder schon wieder Sinatra. Er sang <em>„That’s Life“ </em>und ich musste an den einsamen Menschen denken, der jetzt durch die dunklen Straßen lief.</p>]]></content:encoded>
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		<title>sei kein dichter</title>
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		<pubDate>Thu, 31 Dec 2009 21:59:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anton Velhagen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
		<category><![CDATA[schreiben]]></category>
		<category><![CDATA[tod]]></category>

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		<description><![CDATA[am Ende glotzt Du / dem Tod ins Auge / ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright size-full wp-image-1298" title="amende" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/12/amende.jpg" alt="amende" width="200" height="220" /></p>
<p>Am Ende glotzt Du</p>
<p>dem Tod ins Auge</p>
<p>und alles,</p>
<p>was Du vorweisen kannst,</p>
<p>sind weggeworfene Gedichte.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Dichters Nachtspaziergang&#8230;</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Dec 2009 22:01:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Paul Laub</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
		<category><![CDATA[abrechnend]]></category>
		<category><![CDATA[apollinisch]]></category>
		<category><![CDATA[schreiben]]></category>

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		<description><![CDATA["Schlurfschritt. Kapuze. Hände in den Taschen. /
Und immer einen Reim. Seit vielen Lenzen. /
Stets kategorisch hart am Schaum, im raschen /
Irrwechselgang versteckter Eloquenzen."]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright size-full wp-image-1282" title="nachtspaziergang_hoch" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/12/nachtspaziergang_hoch.jpg" alt="nachtspaziergang_hoch" width="100" height="855" />Schlurfschritt. Kapuze. Hände in den Taschen.<br />
Und immer einen Reim. Seit vielen Lenzen.<br />
Stets kategorisch hart am Schaum, im raschen<br />
Irrwechselgang versteckter Eloquenzen.</p>
<p>Muss ja nicht jeder wissen, was ich treibe.<br />
Die Schnäppchenjäger sonder Feingeistsinn -<br />
was wissen die von meiner innren Bleibe,<br />
die mich zu dem macht, der ich wirklich bin!</p>
<p>Was wissen die von Wellen und Musik,<br />
Dreifaltigkeitsmomenten und gelebten<br />
Unsäglichkeiten und von den aspik-<br />
nen Nächten, die entseelt vor Liebe bebten?</p>
<p>Hausmauerschattenschleichgang. Auf der Suche<br />
nach irgendwas, das lohnt, es aufzuschreiben.<br />
Ein kühles Bier, der Ignoranz zum Fluche?<br />
Na immer doch! Und auf das Dichtertreiben!!!</p>
<p>Biergarten. Ha! Schenk ein, Frau Wirtin! Heute<br />
hockt dir der Letzte, Frohste stumm bei Tisch<br />
und schreibt im Beisein wohlstandsstarrer Leute<br />
sein Manifest vorm Hinterhofgebüsch.</p>
<p>Schenk ein, Frau Wirtin! Alles dreht im Kreis.<br />
Wo ist mein Windspiel? Wo mein Mittelfinger?<br />
Wie viele Küsse küsste ich um welchen Preis?<br />
Schenk ein, Frau Wirtin! Auf das Reimgeschlinger.</p>
<p>Gradwanderung an Haschischzigaretten.<br />
Wohin das Auge blickt, ist Stadtgewimmel.<br />
Von grauen, unverzierten Häuserglätten<br />
tropf Nacht und Rausch und kalter Sternenhimmel.</p>
<p>Handindentaschenheimweg. Wie wir kommen,<br />
so gehn wir wieder. Altes, altes Spiel.<br />
Was zählt, ist, was man für sich mitgenommen… &#8211; -<br />
Dies Gleichzuhausesein ist auch kein Ziel.</p>
<p>Noch eine kleine Runde in den Park?<br />
Zum großem Welken? Und den flachen Teichen?<br />
Der Herbst geht einem ganz durch Mark<br />
und Bein &#8211; welch metaphysisches Vergleichen…</p>
<p>(9. September 2009)</p>]]></content:encoded>
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