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	<title>Zarathustras miese Kaschemme &#187; sinn</title>
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	<description>Blog &#38; Magazin für exzentrische Literatur</description>
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		<title>Ein Brief aus Buxxawaan</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Feb 2012 06:34:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
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		<description><![CDATA["Wir sind uns fremd und dennoch haben wir beide das Leben des anderen eines Irrtums wegen grundlegend verändert."
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Lieber Freund,</p>
<p><a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Daugavpils_prison.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1845" title="Zuchthaus (Foto: Gleb Borisov)" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2012/02/zuchthaus.jpg" alt="Zuchthaus (Foto: Gleb Borisov)" width="90" /></a>Sie kennen mich nicht<br />
und ich kenne Sie nur vom Namen her.<br />
Ich weiß wo Sie sich gerade befinden<br />
und ich weiß, dass Sie nichts dafür können.<br />
Wir sind uns fremd und<br />
dennoch haben wir beide das Leben<br />
des anderen eines Irrtums wegen<br />
grundlegend verändert.<br />
Sie leben in einem Gefängnis,<br />
aus dem Sie frühestens in zehn oder elf Jahren<br />
wieder freikommen werden.<br />
Danach werden Sie nie wieder zu jenem Teil<br />
der Gesellschaft gehören, zu dem Sie vor<br />
Ihrer Inhaftierung gehört haben.<br />
Ich lebe noch in dieser Gesellschaft.<br />
Sie hingegen sind ein verurteilter Mörder.<br />
Doch umgebracht haben Sie niemanden.<br />
Ich weiß das so genau, da ich derjenige<br />
bin, der diese Tat verübt hat.<br />
Sie sind nun schon seit über vier Jahren<br />
für ein Verbrechen eingesperrt, das ich<br />
begangen habe.<br />
Ich möchte Sie nicht mit meinem Gewissen<br />
langweilen.<br />
Ich wüsste auch gar nicht, was ich<br />
sagen sollte.<br />
Ich bin nicht sehr geistreich.<br />
Ich hätte wahrscheinlich einen Dichter<br />
beauftragen sollen, Ihnen diesen Brief<br />
zu schreiben.<br />
So bleibt es nur ein Brief von einem<br />
bedeutungslosen Mörder, der nie<br />
verurteilt wurde und dem Sie, ohne<br />
es zu wollen, das Leben gerettet haben.<br />
Ich wünschte ich hätte wenigstens ein<br />
Zitat parat oder könnte Ihnen mitteilen,<br />
dass ich vor einem Jahr mehrere Kinder aus<br />
einem brennenden Haus gerettet habe.<br />
Doch so was passt nicht zu mir.<br />
Ich bin ein Feigling und das Glück<br />
war einfach auf meiner Seite.<br />
Ich habe eine Frau und ein Haus.<br />
<a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Daugavpils_prison.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-1845" title="Zuchthaus (Foto: Gleb Borisov)" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2012/02/zuchthaus.jpg" alt="Zuchthaus (Foto: Gleb Borisov)" width="90" /></a>Ich lebe ein gutes Leben und habe vor zwei Monaten<br />
einen Sohn bekommen.<br />
Ich habe überlegt ihm Ihren Namen zu geben,<br />
als nette Geste sozusagen, aber ich denke nicht,<br />
dass es ein gutes Omen wäre.<br />
Sie sind ein Held des Pechs.<br />
Sie sind mein Held.<br />
Ich hoffe Sie verbringen Ihre Tage einigermaßen<br />
sinnvoll und haben die Hoffnung auf ein<br />
besseres Leben noch nicht aufgegeben.<br />
Sollten Sie das Leben und Gott verfluchen,<br />
dann mache ich Ihnen auch keinen Vorwurf.<br />
Ich wünschte ich könnte sagen, Sie sitzen<br />
für eine gute Sache ein, dass durch Ihre<br />
Inhaftierung eine Art Revolution oder ein<br />
Umdenken bei den Menschen ausgelöst wurde.<br />
Aber nichts dergleichen ist passiert.<br />
Niemand interessiert sich für den Helden des Pechs<br />
und niemand für das Opfer des Glücks.<br />
So ist es nun mal.<br />
Es tut mir leid.<br />
Nun muss ich hier schließen, denn ich<br />
brauche noch Milch<br />
und der Supermarkt an der Ecke<br />
macht in zehn Minuten zu.<br />
Bleiben Sie tapfer.</p>
<p>Grüße aus Buuxxawaan!</p>]]></content:encoded>
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		<title>Refraktärphasen</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 06:11:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>[ ]</dc:creator>
				<category><![CDATA[Text]]></category>
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		<description><![CDATA[Du lebst in einer mittelgroßen Stadt. Was machst du hier? Du gehst einkaufen, du spülst, du putzt deine Wohnung. Du isst. Du wichst wie du pisst: 20 Sekunden oder ein bisschen mehr. Du erhältst dich am Leben; leihst dir Filme aus oder liest ein paar Bücher. Du versuchst von den Menschen nichts mehr zu wollen, nichts mehr zu erwarten. Manchmal, wenn du ein Stück Wirklichkeit brauchst, gehst zu den Nutten, weil es einfach und unkompliziert ist.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="justify">Es gibt nichts zu tun. Du kannst weder den Tod noch das Leben annehmen. Du sitzt da in deiner Wohnung und hörst das Rauschen der Autos, die unter den geschlossenen Fenstern vorbeifahren. Du bekommst das Studiengeld von deinen Eltern, mit dem du deine Wohnung finanzierst; du hast einen kleinen Nebenjob. Du lebst nicht schlecht, du faule Sau: Du stehst spät auf, du hast keine dringlichen Pflichten, du studierst schon lange nicht mehr. Du hast dein schlechtes Gewissen, du hast deine kleinen Pseudo-Tätigkeiten, mit denen du dein Nichtstun kaschierst. Du hast soviel Zeit und keine Idee, wie es weitergehen soll. Du schiebst dein Leben auf. In dir ist schon lange eine latente Krise, die dein ganzes Leben überschattet. Du wartest auf ein Wunder, auf eine Verzauberung; du wartest auf eine Naturkatastrophe, auf einen Krieg. Du bist dir bewusst, dass alles in und bei dir selbst liegt. Du kennst deine Fehler in- und auswendig; du kannst deine Schwächen und Ängste vor- und rückwärts buchstabieren; du meinst ihre Gründe und Gegengifte zu kennen. Trotzdem änderst du dein Leben nicht.</p>
<p align="justify">Du weißt, dass menschliches Glück unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist: Gute soziale Kontakte, reichhaltige Aktivitäten, eine Arbeit, die Freude bereitet, eine gut funktionierende Partnerschaft, eine optimistische Einstellung dem Leben gegenüber – du musst dich also nicht wundern, dass du ständig am Rande der Verzweiflung lebst. Aber im Grunde interessiert dich das sehr wenig, du bist nicht unbedingt ein erfolgreicher Manager des glücklichen Lebens. Du wirst dich hier nie richtig wohl fühlen und hast dich daran gewöhnt. Du fühlst dich oft krank, aber sagst dir immer wieder: Gesundheit ist zum Ausgeben da. Für deine Rekonvaleszenz brauchst du, neben dem Schutzwall aus Gewohnheiten, die Einsamkeit, die Stille, das Ordnen der Dinge, die Gespräche mit dir selbst. Wie jeder suchst du nach angenehmen Momenten und Empfindungen; du lebst in der Postmoderne, dein Körper verbietet sich jegliche Ahnung von Deprivation. Das Bett ist deine Freundin. Viel schlafen, wenig leben: das ist deine Formel. Du magst den Winter, die Zeit der großen Nacht. Du willst die Ruhe fühlen, die Stille und die Dunkelheit; du willst das Aufhören spüren, die ewige Dämmerung. Du willst das Nicht-Sein aktiv miterleben.</p>
<p align="justify">Deine Augen sind in eine blinde Einstellung gerastet. Du siehst dich aufstehen, dann gehst du aus der Wohnung &#8230; Du kannst deinen ganzen Tagesablauf gedanklich vorwegnehmen: du tust alles nur, um es getan zu haben. Gedämpft hörst du hörst die Autos vorbeirauschen und fühlst dich krank. Du weißt, dass du nur aufzustehen brauchst, die Rollladen hochziehen und die Fenster öffnen musst, um den Kontakt zur Außenwelt wieder herzustellen. Es gibt einen Moment, wenn man so daliegt, einen Moment, wo man schon gewillt, wo man schon ganz kurz davor ist aufzustehen &#8230; und da ist dann dieses Grauen, ein Gefühl, ein absolutes Gefühl der Erschöpfung, der Unmöglichkeit, der Unfähigkeit – dies überwunden, steht man. Du weißt, dass der Ruck, den man sich dazu geben muss, eine Art Geburt ist. Es gibt jeden Tag drei Geburten: Aufwachen, Aufstehen, aus der Wohnung gehen. Alle sind immer wieder aufs Neue ein sanfter Schock.</p>
<p align="justify">Du hast deine Gewohnheiten: die Abfolge deines Waschrituals ist immer dieselbe. Die Griffe, die Bewegungen, die Handhabung der Dinge sind immer die gleichen. Wie du dich abtrocknest, wie du dich anziehst und alles weitere. Deine Gewohnheiten funktionieren wie eine Weiche: sie leiten dich in den Tag um – in das bisschen, was davon eben übrig bleibt.</p>
<p align="justify">Du lebst in einer mittelgroßen Stadt. Was machst du hier? Du gehst einkaufen, du spülst, du putzt deine Wohnung. Du isst. Du wichst wie du pisst: 20 Sekunden oder ein bisschen mehr. Du erhältst dich am Leben; leihst dir Filme aus oder liest ein paar Bücher. Du versuchst von den Menschen nichts mehr zu wollen, nichts mehr zu erwarten. Manchmal, wenn du ein Stück Wirklichkeit brauchst, gehst zu den Nutten, weil es einfach und unkompliziert ist. Moralischen Einwänden weichst du aus wie den Leuten in der Innenstadt, du trennst den Müll nicht. Du bist unpolitisch, ein Idiot. Du hast dein kleines Leben und deine kleinen Genüsse; du hast deine Angst, da ist diese Leere, die undeutliche Wahrnehmung eines Fehlens, etwas, das du nicht benennen kannst. Da ist diese Entfremdung, die du empfindest, das Gefühl, das Leben wäre unerreichbar, diese unaufhebbare Distanz. Du hast deine Vergangenheit, deine Unwirklichkeit, vereinzelte Bilder. Du betreibst deine Studien: für dich ist alles tief, für dich ist alles ein Verweis. Oft glaubst du gar nichts zu wissen. Vom Leben und überhaupt.</p>
<p align="justify">Du hältst dich nicht für intelligent: du bist langsam. Deine Aufgabe ist es eher, Intelligenzen zu erkennen und dich im Unterschied zu ihnen zu begreifen. Du bist inkompetent. Deine Allgemeinbildung ist mangelhaft. Wozu, sagst du dir, gibt es Bücher, CDs, Festplatten, also verlässlichere Speicherplätze? Das Nichtwissen lastet: es ist schwerer als dein Wissen. Dunkel erahnst du mehr von dem, was du nicht weiß, als das, was du tatsächlich an Wissen vorzuweisen hast. Deine Weitsichtigkeit reicht aus, um deine totale Beschränktheit ins Unendliche ermessen zu können.</p>
<p align="justify">Manchmal fehlen dir Wörter und Begriffe; manchmal wird dir aus der eigenen Sprache eine fremde. Es fällt dir schwer, dich in anderen Nervenbahnen zu orientieren. Du bist nicht diszipliniert, deine Konzentration ist schlecht, dein Hirn voller Löcher, das meiste fällt durch. Du musst öfters Nachfragen und die Leute wiederholen ihre Sätze. Deine Stimme im Kopf ist laut und beharrlich. Du hast deine Themen und Begriffe, die Gedanken, die einen eben haben. Du bist ein Klischee wie jeder andere. Du bist übervoll von dir. Du kotzt dich selbst an. Du kommst dir vor wie ein Behinderter, der gerade eben noch um seine Behinderung wissen kann, ohne sie überschreiten zu können. Dennoch sind, wie du pathetisch meinst, deine Verblödungsversuche allesamt gescheitert.</p>
<p align="justify">Du hast keinen Bereich des Könnens, du hast nie geübt, nie gelernt: weder eine Fremdsprache, noch ein Instrument oder Handwerk. Nicht mal tanzen kannst du. Du hast nie eine lange Zeit im Ausland verbracht, du hast, wie man sagt, nie wirklich etwas gewagt. Du hast dich einmal für eine Frau aufs Spiel gesetzt, aber das war kein Risiko, sondern die blinde Umklammerung eines Neugeborenen. Du warst oft peinlich. Du hast keine besonderen Talente, was die ganze Sache schwierig macht. Indem man sein Genre, seinen Beruf wählt, denkst du oft, wählt man sich selbst. Aber bei dir ist da nirgendwo ein fester Untergrund, auf dem sich wirklich bauen ließe.</p>
<p align="justify">Deine Interessen sind unsichtbar: es ist das Rätsel, sagst du romantisch, das dich verzehrt. Du hältst nicht viel von der Idee der Individualität: du empfindest dich als leeres Gefäß, das sich mit fremden Dingen anfüllt. Es gibt nur die wechselnden Einflüsse, die mit dir spielen wie der Wind mit allem Losen. Schwammig bist du und diffus. Du kannst dich schlecht abgrenzen, du verlierst dich im Abstrakten. Du bist unfähig, den Widerspruch zwischen Gedanke und Tat zu überwinden, du bleibst im Getriebe des Selbstzweifels stecken. Es werden keine Punkte für besser denken und besser wollen vergeben: Du weißt, dass nur die Tat, dass nur das Machen zählt. Du bist was du machst: du bist nichts. Du sprichst gerne von der Nichtigkeit des Lebens und weißt über sie Bescheid. Überhaupt gelingen dir die Überleitungen vom Persönlichen ins Allgemeine sehr gut.</p>
<p align="justify">Ein Tag wie jeder andere, der Tag geht um, es wird wieder dunkel draußen. Allein ist nichts wichtig; die Ereignisse versanden stumm in einem selbst. Du hast deine Erledigungen gemacht. Du hast tausendmal die gleichen Bewegungen ausgeführt, du hast tausendmal die gleichen Gedanken gedacht. Es ist still in deinem Zimmer, die Menschen sind wieder zur Ruhe gekommen, in deinem Zimmer ist es still. Dieses Leben, was du jetzt führst, ist eine Alternative, es wiegt nichts. Was du jetzt lebst, das ist schlechte Zwischenmusik, vieles, was man weglassen kann. Du hättest auch nicht sein können. Von dir gibt es Unzählige und keinen. Du weißt, dass dein Leid kein Anrecht auf Allgemeingültigkeit hat.</p>
<p align="justify">Die Uhr in deinem Zimmer. Die Stille. Das Ticken. Der Aufstand, der nie kommt. Manchmal zuckt noch eine Welle Wut durch dich. Doch Überdruss und Langeweile warten wie Schlangen in jedem Winkel deines Zimmers. Man muss alle Systeme verlassen, um wahrhaftiger zu sein, denkst du und starrst auf den Wasserhahn, aus dem in unregelmäßigen Abständen ein Tropfen Wasser tropft. Man wird nie klüger. Du spürst den Abgrund in jeder Abteilung deiner Sinneswahrnehmung, in Geräuschen, in Gerüchen, in deinen Gedanken, in jeder Tätigkeit. In der Stille. Du steigst hinter den Alltag, hinter die Zeit; du bist jenseits des Trubels, jenseits der Massen.</p>
<p align="justify">Die Tür öffnet sich, der Raum ist dunkel. Da ist ein Winkel, aus dem Licht zu kommen scheint; da ist ein Buchrücken, den man befühlt. Aus dem Unmerklichen tritt etwas ins Merkliche über. Transduktion. Man lebt. Es gibt ein Auge, das sieht, und ein Auge, das blind ist und in dem man sich spiegelt. Du bläst den Zigarettenrauch gegen deine Fresse und dein Blick ist glasig. Alles ist sinnlos. Hinter dem Spiegel ist nichts. Wir befummeln die Wahrheit mit tausend Dietrichen: sie ist nicht kitzelig; sie bleibt unbeweglich, starr, unbekannt. Nein, du Trottel, das sind keine Zeichen: das sind Selbstverweise. Wir sind eingesperrt in unsere Ordnung. Da liegt ein kaputter Regenschirm im Rinnstein. Der Mensch ist allein. Du bist allein. Draußen zwitschern schon die ersten Vögel. Was sie singen? Morgen wird wie heute sein.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Weihnacht</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Dec 2011 05:29:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jari N.</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Draußen tobt der Sturm. Alle sitzen stumm ums Feuer, in dicke Decken eingehüllt, nur die Kinder spielen mit den paar alten Puppen und Eisenbahnwaggons, die sie eben auspacken durften. Der Wind heult und pfeift durch die Ritzen.  ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Draußen tobt der Sturm. Alle sitzen stumm ums Feuer, in dicke Decken eingehüllt, nur die Kinder spielen mit den paar alten Puppen und Eisenbahnwaggons, die sie eben auspacken durften. Der Wind heult und pfeift durch die Ritzen.</p>
<p>Großmutter ist bereits eingenickt. Niemand spricht ein Wort, allein das Knacken des warmen Feuers scheint wie ein zutrauliches Flüstern. Als mein Blick zum Christus hinaufwandert, erschrecke ich –– seine Augen wirken zornig und hohl durch die Schatten, die das Licht nicht erreicht.</p>
<p>Ich weiß, dass der kalte Schnee auf mich wartet. Ich muss gehen und etwas Holz holen: das ist meine Aufgabe, ich kann mich ihr nicht entziehen&#8230; Also stehe ich auf, hebe den Korb neben dem Kamin und stelle ihn zur Tür. Ich werfe mir geschwind den Flickenmantel über, dann öffne ich die Tür und stehe Angesicht zu Angesicht mit der Gewalt der Natur, die mir eiskalte Flocken ins Gesicht treibt. Ich verstehe, dass es Sinn ergibt. Dass ich nur hier draußen dem Risiko begegnen und fortgeschleudert im Wirbeln des Sturms meine eigene Geschichte schreiben kann.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Heiliger Morgen</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Sep 2011 15:27:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanna M. Scotti</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Zum Gebet gen / Osten lockt / der Muezzin bellt / ein Maschinengewehr / im Namen Gottes / wimmert das ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-1787" title="Hanna M. Scotti: Heiliger Morgen" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/09/hanna_heiliger_morgen_neu.jpg" alt="Hanna M. Scotti: Heiliger Morgen" width="560" height="436" /></p>]]></content:encoded>
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		<title>Wenn ich Kafka wäre, dann hieße es:</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Mar 2011 04:45:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jari N.</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Durch Zufall kommt eines Tages ein Mann vom Lande zu diesem Türhüter und fragt, ob dieser ihn nicht in das Gesetz einlassen könne. Der Türhüter aber antwortet, dass er ihm jetzt nicht gewähren könne, einzutreten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Durch Zufall kommt eines Tages ein Mann vom Lande zu diesem Türhüter und fragt, ob dieser ihn nicht in das Gesetz einlassen könne. Der Türhüter aber antwortet, dass er ihm jetzt nicht gewähren könne, einzutreten. Also fragt der Mann nach kurzem Überlegen, ob er später vielleicht eintreten dürfe. „Das ist möglich“, entgegnet der Türhüter, „nicht aber jetzt.“ Weil das Tor zum Gesetz aber geöffnet steht, wie es wohl immer geöffnet zu sein scheint, und der Türhüter zur Seite tritt, neigt sich der Mann, damit er durch das Tor ins Innere sehen kann. Der Türhüter merkt das, lacht und sagt schließlich: „Wenn du hinein willst, versuche doch, trotz meines Verbotes, einzutreten. Siehe aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der niederste Türhüter. Ich sage dir: von Saal zu Saal stehen Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon beim Anblick des dritten wird mir so übel, dass ich seine Gegenwart nicht einmal mehr ertragen kann.“ Derartige Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht vorausgesehen, das Gesetz soll doch jedem immer zugänglich sein, denkt er sich, und geht rastlos vor dem Tor hin und her.</p>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-1565" title="tor" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/03/tor-280x421.jpg" alt="" width="280" height="421" />Nach ein paar Stunden, in denen der Mann überlegt hat, fragt er: „Warum kommt kein anderer und bittet im Einlass?“ „Das Tor ist nur für dich bestimmt.“, antwortet ihm darauf der Türhüter und lacht. Plötzlich mit schäumender Energie geladen macht der Mann einen Satz zum Tor hinein und, obwohl ihn das gleißende Licht blendet, rennt ohne einen Gedanken an Luft und Licht zu verschwenden weiter, immer weiter. Auf seinem Weg kommt er durch viele Türen und Tore – alle bewacht und doch stehen sie ihm alle offen und lodern gewaltig im Licht. Er rennt gedankenlos. Er rennt getrieben. Eine unsichtbare Macht bewegt seine kräftigen Glieder. Alles rauscht vorbei. Aber wie er so rennt, scheint ihm der Sinn allmählich verloren und er fragt sich, was all dies Rennen solle.</p>
<p>Da hielt er an und überlegte, ob er nicht umkehren und den Wächter, den er vor einigen Jahren gesprochen hatte, nach dem Weg befragen sollte. Das Licht, das ihn die ganze Zeit über gestört hatte, hatte nun aufgehört zu scheinen. Um ihn herum war es nun eher dunkel und leer. Die riesigen Hallen waren schwarz und in ihrer Höhe unschätzbar. Düstere Stille breitete sich aus. Als er auf seine Füße blickte, bemerkte er, dass sie bluteten. Den Schmerz hatte er den langen Weg über nicht gespürt, jetzt stach und folterte es ihn an seinem ganzen Körper und die Rillen zwischen den Pflastersteinen schienen sich mit seinem Blut zu füllen. Er drehte sich um und lief ein paar Tore zurück, um den Wächter um Hilfe zu ersuchen. Rennen konnte er nicht mehr, vielmehr stürzte er, fiel, weil er nicht mehr stehen konnte. Er war verloren. In der Leere tastete er sich auf allen Vieren vorwärts und rückwärts. Es war schon tiefe, tiefe Nacht. Weder Hand noch Fuß konnte er sehen. Blindlinks und schwer atmend kroch er noch einige Längen, ohne zu wissen, wie viel Zeit verging. Dann verließ ihn die Kraft und er streckte sich aus und blieb liegen. Seine Lungen füllten sich mit Blut. Er lag ruhig und schien in der Ferne plötzlich ein Licht aufflackern zu sehen. Es erlosch, als er in seinem Blut erstickte und das letzte Gurgeln in unerträglicher Weise sein Ohr füllte.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Der Gockel</title>
		<link>http://kaschemme.de/2011/02/der-gockel/</link>
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		<pubDate>Sun, 06 Feb 2011 16:55:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>nachtschweigen</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein Junge hatte einen Gockel, dem wollte er das Sprechen lernen. Der Gockel aber blähte immer nur die Brust und schrie laut sein Kikeriki. Der Junge wusste sich keinen Rat.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brentano_Gockel_Hinkel_Gackeleia_1838.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1487" title="gockel" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/02/gockel-140x140.jpg" alt="" width="140" height="140" /></a>Ein Junge hatte einen Gockel, dem wollte er das Sprechen lernen. Der Gockel aber blähte immer nur die Brust und schrie laut sein Kikeriki. Der Junge wusste sich keinen Rat, wie er das Tier dazu bringen sollte, das Kunststück zu vollführen, und so schlug er ein jedes Mal wenn der Gockel die Brust aufblähte dessen Kopf gegen den Tisch, noch bevor das Tier krähen konnte. Die Benommenheit nach den Schlägen nutzte er, um ihm wiederholt eine Folge von Lauten vorzusagen, die sich der Gockel einprägen sollte. Dieser blähte immer seltener die Brust und krähte bald überhaupt nicht mehr. Dafür begann er irgendwann sein erstes Wort zu sprechen: „Ich…“. Der Junge dachte erst sein Gockel sei krank, doch als er genauer hinhörte, erkannte er das leise Krächzen: „Ich…“. Da schwoll ihm vor Stolz die Brust und er gab dem Gockel Pastete zu essen, um ihn dafür zu belohnen. Jetzt sollte das Tier aber weiter lernen, und der Junge ließ es dafür hungern. Ganz abgemagert klagte das Tier in leidvollem Ton: „Ich, ich, ich, ich…“. Doch der Junge blieb stur und gab dem Gockel kein Körnchen. „Ich, ich, ich, ich…“ bejammerte sich der Gockel selbst, bis er alle Hoffnung fahren ließ und leise sagte: „Ich bin…“. Da schrie der Junge vor Freude und drückte und herzte den Gockel. Der aber lag schon fast leblos in seinen Händen. Fragend blickte der Gockel den Jungen ein letztes Mal an und krächzte: „Ich bin…?“ Dann aber wich das Leben aus ihm. Der Junge bemerkte dies über seiner Freude erst nicht, als er aber des leblosen Körpers gewahr wurde, ergriff ihn ein solcher Ekel, dass er das Tier auf den Mist warf, um sich neue, glücklichere Zerstreuung zu suchen.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Affentheater (glutenfrei)</title>
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		<pubDate>Mon, 03 May 2010 05:00:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Clemens Ettenauer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theater]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[absurd]]></category>
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		<category><![CDATA[rituale]]></category>
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		<description><![CDATA[Boris und Malte sitzen in einem Zimmer; die Vorhänge sind geschlossen, weil die Sonne scheint kommt trotzdem ein bisschen Licht herein; unverkennbar schwebt der Duft von Marihuana und schalem Bier in der Luft.

Boris (nach einer längeren Pause): Malte, wir sind wie Hamster, eingesperrt in einem Käfig trotten wir durch das Laufrad der Zeit.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1364" title="duerchdievorhaengelicht" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2010/04/duerchdievorhaengelicht-250x250.jpg" alt="duerchdievorhaengelicht" width="250" height="250" />Boris und Malte sitzen in einem Zimmer; die Vorhänge sind geschlossen, weil die Sonne scheint kommt trotzdem ein bisschen Licht herein; unverkennbar schwebt der Duft von Marihuana und schalem Bier in der Luft.</p>
<p>Boris (nach einer längeren Pause): Malte, wir sind wie Hamster, eingesperrt in einem Käfig trotten wir durch das Laufrad der Zeit.</p>
<p>Malte (nach einer ebenso langen Pause): Boris, gestern hab ich einen sogenannten „Verrückten“ in der Straßenbahn gesehen. Er brabbelte Unverständlichkeiten vor sich hin, aber er lächelte dabei. Darum habe ich ihn beneidet, offensichtlich war dieser Mensch glücklich.</p>
<p>Boris betrachtet die Knabberzeugschachtel in seiner Hand für ein paar Sekunden. Dann greift er zum Telefon (mit Wählscheibe!) und wählt sehr langsam die Nummer von der Packung.</p>
<p>Boris: Hallo? Bin ich hier bei Snackworld gelandet? Ich hätte da mal eine Frage: Auf ihrem Nuss-Mix steht: „Kann Spuren von verschiedenen Nüssen enthalten!“</p>
<p>Malte holt inzwischen die Post.</p>
<p>Boris: Was heißt „was meine Frage ist“? Ich mach mir nur Sorgen um euch…</p>
<p>Malte kommt mit einem Flugblatt in der Hand zurück (Werbung für Sicherheitsschlösser). Er nimmt Boris das Telefon vom Arm und wählt.</p>
<p>Malte: Hallo! Sie machen da ja Werbung auf Ihrem Flugblatt für mehr Einbrüche, aber sagen Sie mal: Wie kommen denn Sie eigentlich in die Wohnhäuser rein?</p>
<p>Pause.</p>
<p>Malte: Mhm.</p>
<p>Längere Pause.</p>
<p>Malte: Eigentlich interessiert mich das alles gar nicht…</p>
<p>Malte legt auf.</p>
<p>Boris: Lass uns weiter am Weihwasser-Unternehmen arbeiten…</p>
<p>Malte: Es läuft nicht, niemand will Weihwasser kaufen, das von Pfaffen am Fließband gesegnet wurde. Die Leute legen Wert auf Handarbeit bei solchen Sachen.</p>
<p>Boris: Um drei Uhr kommt eine Bewerberin.</p>
<p>Malte verrenkt seinen Kopf Richtung Wanduhr.</p>
<p>Malte: Das ist jetzt.</p>
<p>Die Türglocke bestätigt es.</p>
<p>Malte: Aber wir wollen doch gar niemanden einstellen…</p>
<p>Boris: Weißt du einen besseren Zeitvertreib?</p>
<p>Boris geht zur Tür.</p>
<p>Malte stopft inzwischen seine kleine goldene Marihuanapfeife.</p>
<p>Boris kommt mit einem etwa 20-jährigen Mädchen ins Zimmer.</p>
<p>Boris: Das ist Anne. Sie will sich hier bewerben. Hast Du die Unterlagen vorbereitet?</p>
<p>Malte (nimmt einen Zug): Hää?</p>
<p>Anne: Hallo…</p>
<p>Malte: Ähm, ja, hallo auch!</p>
<p>Boris geht zum Schreibtisch und holt eine paar zerfledderte Zettel aus einer der Laden hervor.</p>
<p>Boris: Also gut, Anne. Dann erzähl uns mal, warum du gerade in UNSERER FIRMA arbeiten willst?</p>
<p>Anne: Naja, da stand „keine Vorkenntnisse“ im Inserat, außerdem ist das hier nur fünf Minuten von mir Zuhause weg…</p>
<p>Boris (macht sich Notizen, verzieht dabei die Mundwinkel): Verstehe. Wo siehst du dich in FÜNF JAHREN?</p>
<p>Anne: Da hab ich noch nicht so drüber nachgedacht, hoffentlich nicht mehr im Studium (grinst).</p>
<p>Boris (macht sich wieder Notizen, schüttelt dabei den Kopf): Könntest du dir eine Affäre mit mir am Arbeitsplatz vorstellen?</p>
<p>Anne: Das ist ein Scherz, oder?</p>
<p>Malte lacht und hustet: Nein, das meint der schon ernst.</p>
<p>Anne: Kann ich jetzt noch nicht sagen, dafür kenn ich dich zu wenig.</p>
<p>Boris (nickt lächelnd und macht sich Notizen): Setz dich mal an den Tisch da drüben (deutet auf den Schreibtisch).</p>
<p>Anne geht hin, Boris legt ein Blatt vor sie.</p>
<p>Boris: Hier sind ein paar Denksportaufgaben, um deine analytischen Fähigkeiten zu überprüfen.</p>
<p>Anne: Kurvendiskussion? Das ist bei mir aber schon länger her… „Löse das P/NP-Problem“… ist das nicht eines dieser mathematischen Rätsel, für deren Lösung ein amerikanischen Institut eine Million Dollar ausgesetzt hat?</p>
<p>Boris: Die Zeit läuft. 15 Minuten.</p>
<p>15 Minuten später.</p>
<p>Boris sieht sich den Zettel an, schüttelt dabei den Kopf: Wir melden uns. Was machst du heute Abend?</p>
<p>Anne geht wortlos, Malte schlägt die Gratiszeitung „Austria“ auf.</p>
<p>Malte: Schlagzeile: „HASCH-NEGER RAUCHTE MARIHUANA. DROHT IHM JETZT DIE ABSCHIEBUNG?&#8221; Auf Seite 5, mit Foto einer Gruppe Neger, aufgenommen von einem unserer Lesereporter. Dafür gibt’s 50 Euro!</p>
<p>Boris reißt ihm die Zeitung aus der Hand, blättert herum: Wo ist das Horoskop?</p>
<p>Malte (genervt): Letzte Seite…</p>
<p>Boris (findet es): &#8220;Schneenashorn: Veränderungen stehen an in nächster Zeit. Riskieren sie nicht zu viel. Ein Freund wird etwas Unerwartetes tun. Das Wetter kann schwanken.“</p>
<p>Boris wirft die Zeitung in die Ecke.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Über das Gute</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Dec 2009 22:01:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[abrechnend]]></category>
		<category><![CDATA[hass]]></category>
		<category><![CDATA[moderne]]></category>
		<category><![CDATA[politisch]]></category>
		<category><![CDATA[sinn]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich sitze zuhause, ich sitze zuhause im Sessel und lese. Ich lese ein Buch, ein gutes Buch über das Gute. Ich lese und lese, und zuletzt glaube auch ich, ich, der Gläubige, der Bekehrte, ich glaube an das Gute: zu Lande, zu Wasser und in der Luft.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich sitze zuhause, ich sitze zuhause im Sessel und lese. Ich lese ein Buch, ein gutes Buch über das Gute. Ich lese und lese, und zuletzt glaube auch ich, ich, der Gläubige, der Bekehrte, ich glaube an das Gute: zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Und schon lese ich nicht mehr. Auch den Sessel und das Zuhause lasse ich hinter mir, denn mein Weg führt mich zur Arbeit, zu meinem Büro, zu meinem Schreibtisch. Das Gute habe ich mitgenommen, wie einen Hund; es weicht mir nicht von der Seite, bis mich jemand um etwas Kleingeld bittet, ein stinkender Jemand, ein alter, häßlicher, lumpiger Jemand, ein gewisser Jemand, mit dem ich nichts zu tun haben will. Das Gute bekommt einen Tritt, wie ein Hund, der mir im Weg steht, es bekommt einige Kratzer, als ich die Bitte des Bettlers überhöre und ihn links liegen lasse. Doch schon ist es wieder da, das Gute, treu wie ein Hund; es blickt mich von unten herauf an und wedelt mit dem Schwanz, als ich im Bus meinen Sitzplatz einem Rentner anbiete. Ich fühle mich wie ein beflügelter Samariter, wie ein Ritter ohne Furcht und Tadel, dem Guten sei Dank. Doch kaum bin ich bei der Arbeit, kaum bin ich im Büro, am Schreibtisch, da verflüchtigt sich das Gute wie ein Traum, es verblaßt wie eine schöne, aber ferne Erinnerung, wie eine Urlaubserinnerung. Mit den ersten Demütigungen des Chefs streicht es die Segel, mit den ersten Witzen der Kollegen macht es sich aus dem Staub, Demütigungen und Witze, die ich wie immer ohne Widerstand, ohne Widerspruch hinunterschlucke.</p>
<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1251" title="hund_fris" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/11/hund_fris-250x250.jpg" alt="hund_fris" width="250" height="250" />Das Gute geht zugrunde, denke ich auf dem Heimweg, es ist wie ein Hund, der vor die Hunde geht, denke ich und trete einen Köter, einen, der es wagt, vor meinen Augen an einen Baum zu pinkeln, allein, ohne Schutz, ohne Schirm seines Herrn. Ich trete einen kleinen Köter, vor großen fürchte ich mich, ebenso vor Hundeherren. Das Vermögen, meine Schwächen, in diesem Fall meine Feigheit und meine Furcht, ebenso wie meinen Frust und meine Wut zu sehen und mir einzugestehen, geben mir ein gutes Gefühl. Und schon ist das Gute wieder da, schöner und strahlender als zuvor. Es klopft mir auf die Schulter, es küßt mir Füße und Hände, obwohl ich im Traum nicht daran denke, mich jemals auch nur ein Stück weit ändern zu wollen. Furcht und Feigheit, Frust und Wut gehören zu mir, seit meiner Geburt, seit viel zu langer Zeit. Warum sollte ich mich ändern? Warum bin ich Anarchist? Doch nur darum, damit ich tun und lassen kann, was ich will! Ich habe ein gutes Gewissen, eines mit einem guten, gesunden Schlaf, ich habe ein Gewissen, das selbst dann nicht aufwacht, wenn im Fernseher Kriege wüten, wenn ganze Völker an Seuchen krepieren, vor Kälte, vor Hitze, vor Hunger und Durst. Mein Gewissen wacht erst dann auf, wenn es um mich geht, wenn mir etwas nicht paßt, wenn es gar zu arg wird mit der Ungerechtigkeit, mit dem Neid und dem Haß, mit der Gier und der Bosheit der anderen, dann ist mein Gewissen hellwach, dann ist es Zeit, hohe Zeit zuhause zu sitzen, zuhause im Sessel mit einem guten Buch, mit einem Buch über das Gute&#8230;</p>]]></content:encoded>
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		<title>Der Gefangene</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Dec 2009 22:01:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
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		<description><![CDATA[Hilfe mußte her, denn er mußte unbedingt zur Arbeit, zu seinem Chef, er durfte nicht noch einmal zu spät kommen, wenn er seine Arbeit, seinen Chef nicht verlieren wollte. Er brauchte Hilfe, von einem Fachmann, er brauchte jemanden, der sich mit widerspenstigen Türen auskannte, der ihren Willen zu brechen verstand.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es war, wie es immer war: Er hatte verschlafen, er hatte den Weckruf seines Weckers nicht gehört, dieses verhaßten Helfers seines Chefs, dieses Kainsmal seiner Unfähigkeit, die gewohnten Lebensgleise eines Bürgers, eines Angestellten zu verlassen. Es war, wie es immer war: Er schnellte aus dem Bett und zog sich an, wie ein Soldat, wie ein Feuerwehrmann bei Alarm. Dann stürzten er und die vergangene Nacht, ein Bienenkorb voller Träume, zuerst ins Bad, dann in die Küche. Der Wecker war unterdessen nicht stehengeblieben, er hatte jede Minute, jede Sekunde genau gezählt, wie die Erbsen eines Erbsenzählers. Und nun hielt er ihm die Zeit vor Augen und befahl, auf das Frühstück, auf Brot und Kaffee zu verzichten. Und er, hungrig und durstig wie er war, gehorchte. Er war kein Übermensch, er war nur ein Bürger, einer, der die Gleise seines Lebens nicht verlassen konnte.</p>
<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1254" title="durchgang_350x" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/11/durchgang_350x-250x250.jpg" alt="durchgang_350x" width="250" height="250" />An der Wohnungstür aber passierte es: Die Tür ließ sich nicht öffnen. Er drehte den Schlüssel einmal, zweimal herum, der Riegel zog sich mit Krach, mit Getöse zurück, doch die Tür blieb fest verschlossen, sie gab keinen Spalt weit nach. Er drehte den Schlüssel weiter, immer weiter, dreimal, viermal, fünfmal, doch die Tür blieb hart und unbeweglich wie eine Wand. Er schwitzte, Hände und Gedanken zitterten. Er drehte den Schlüssel im Schloß herum, er hörte, wie sich der Riegel krachend und tosend zurückzog, und dennoch ließ sich die Tür nicht öffnen. Sie gab nicht nach, sie widersetzte sich seinem Willen, seiner Gewalt.</p>
<p>Hilfe mußte her, denn er mußte unbedingt zur Arbeit, zu seinem Chef, er durfte nicht noch einmal zu spät kommen, wenn er seine Arbeit, seinen Chef nicht verlieren wollte. Er brauchte Hilfe, von einem Fachmann, er brauchte jemanden, der sich mit widerspenstigen Türen auskannte, der ihren Willen zu brechen verstand. Im Telephonbuch boten sich die Fachmänner wie zweifelhafte Frauenzimmer an, da tummelten sich die Namen von Schlossern und ihre Telephonnummern. Doch das half ihm letzten Endes nicht, all die Schlosser, die ihre Dienste anboten, konnten ihm nicht helfen, denn sein Telephon war tot, kein Freizeichen, kein Rauschen, nichts. Eine jähe Angst überfiel ihn. Sie sprang wie eine große, fette Spinne auf sein Herz und klemmte es wie in einem Schraubstock ein. Die Spinne stopfte Watte in seine Luftröhre, in seine Lungen, so daß er zu ersticken glaubte, und sie stieß ihn in die Kälte, in ewiges Eis, so daß er zitterte und bibberte. Die Spinne wuchs und wuchs, sie wuchs über sich und ihn hinaus, bis sie alles überragte, bis sie alles andere unter sich begrub. Dann hetzte sie ihn, sie trieb ihn vor sich her, von Zimmer zu Zimmer, sie zwang ihn zum Fenster, um es aufzureißen und um Hilfe zu rufen, um zu schreien wie ein Wahnsinniger. Doch auch das Fenster, das eine wie das andere, ließ sich nicht öffnen, es gab wie die Wohnungstür um keinen Millimeter nach, weder auf Bitten, auf Flehen noch auf Gewalt. Auch die Fensterscheiben gaben sich nicht geschlagen, obwohl sie sich einem Hagel von Hammerschlägen ausgesetzt sahen. <img class="alignright size-thumbnail wp-image-1255" title="fenster-zum-hof.jpg" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/11/fenster-zum-hof.jpg-250x250.jpg" alt="fenster-zum-hof.jpg" width="250" height="250" />Die Leute auf der Straße nahmen ihn nicht wahr, weder das Hämmern gegen die Fenster, noch seine Hilferufe oder sein Winken. Mancher Passant blickte zwar zu ihm hinauf, mancher verlangsamte seinen Schritt oder blieb sogar stehen, dann aber schüttelte er seinen Kopf, zeigte ihm einen Vogel und ging weiter. Auch die Nachbarn nahmen keine Notiz von ihm, selbst die Empfindlichen, die Hellhörigen und Nervösen nicht, die schon das leiseste Geräusch in ihrer Ruhe störte. Ihre Aufmerksamkeit erwachte erst mit dem Gestank, der sich im Hausflur auszubreiten begann. Sie beschwerten sich über den Pesthauch, der die Kehle zuschnüre, der zum Erbrechen reize, sie beschwerten sich beim Hausmeister, beim Vermieter. Als diese in seine Wohnung eindrangen, fanden sie ihn im Bett. Sie fanden eine zum Skelett abgemagerte Leiche, der sich die Qualen des Hungers ins Gesicht gefressen hatten, sie fanden die Reste eines Vergessenen, die sich zu mumifizieren begannen. Sonst fanden sie nichts.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Im Land der Würmer</title>
		<link>http://kaschemme.de/2009/09/im-land-der-wuermer/</link>
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		<pubDate>Mon, 14 Sep 2009 05:02:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
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		<description><![CDATA[Ich klopfte gegen das Holz, aber niemand schien mich zu hören. Wie auch? Ich lag zwei Meter unter der Erde in einem Sarg mit einer Ladung Erde darauf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/08/friedhofsteine_350x-250x250.jpg" alt="Grab mal" title="Grab mal" width="250" height="250" class="alignright size-thumbnail wp-image-1217" />Ich konnte nicht mehr Schreiben. Ich konnte mich ja noch nicht mal mehr richtig bewegen. Ich klopfte gegen das Holz, aber niemand schien mich zu hören. Wie auch? Ich lag zwei Meter unter der Erde in einem Sarg mit einer Ladung Erde darauf. Saß ich nicht noch Minuten zuvor an meinem Schreibtisch und machte meinen ersten Eintrag in mein blankes Tagebuch? “Liebes Tagebuch…ich…ich…” Dann war es vorbei. Was für eine bescheuerte Idee es sowieso war, ein Tagebuch zu führen. Meine ehemalige Therapeutin hat mir mal dazu geraten, eins zu führen. “Das ist so was von verrückt, wenn man sich das Jahrzehnte später durchliest”, hatte sie mir gesagt. Gut, dass ich mir die Mühe nicht gemacht hatte, denn jetzt konnte ich nichts mehr lesen. Es gab nichts mehr zu schreiben und auch nichts mehr zu lesen. Alles was es gab, war die Dunkelheit, das schnelle Atmen, das tobende Herz in meiner Brust, der Druck der Innenpolsterung des Sarges gegen meinen Rücken und der Geruch von Erde und Holz. Meine Arme lagen auf meiner Brust und ich konnte meine Hände mit aller Mühe nur noch gegen das Holz über mir bewegen. Der Kasten war viel zu eng. Hatten sie mich hier mit einem Hammer reingeprügelt? Schmerzen hatte ich jedenfalls nicht und vom Tod war auch keine Spur. Ich war vor wenigen Minuten aufgewacht und suchte nach meiner Stehlampe, die neben meinem Bett stand, doch meine Arme steckten fest. Ich dachte ich würde in meinem Bett liegen. Dann fing ich an zu begreifen. Nun, ein wenig später, war mir meine aussichtslose Lage bewusst. Nein, ich konnte nicht mehr schreiben. Das war vorbei. Doch allmählich bekam ich wieder den Drang, einen Eintrag in mein neues Tagebuch zu schreiben. Es musste nun eben ohne Buch und Stift gehen. Mein Verstand musste diese Utensilien ersetzen. Die Schwärze vor mir, dann das leere weiße Blatt Papier drauf projiziert. Der Stift erschien direkt daneben und ich ließ ihn übers Blatt wandern. Es würde nie jemand lesen, aber was hatte ich schon zu verlieren? Ich hatte Unrecht gehabt: Es gab was zu schreiben und es gab was zu lesen.</p>
<p><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/08/friedhofstein_180hoch-180x250.jpg" alt="Friedhofstein" title="Friedhofstein" width="180" height="250" class="alignleft size-thumbnail wp-image-1216" />“Liebes Tagebuch, der Eintrag, den ich eigentlich vor einigen Jahren machen sollte, mag heute nicht mehr ganz akkurat sein, aber das ist nun egal. Ich hätte es in dem mit leuchtenden Blumen bewachsenen Garten schreiben sollen. Nun schreibe ich aus dem Land der Würmer. In dem Garten mit den leuchtenden Blumen brachen wir Nachts immer ein und legten uns auf das Gras neben dem schmalen Steinweg, der zur Laube führte. Wir lagen da, jung und unerfahren, und machten uns Gedanken über die Zukunft. Wir zerbrachen uns die Köpfe, was denn nun werden soll. Vielleicht hätten wir uns einen eigenen Garten zulegen sollen, aber das Einbrechen machte schon Spaß. Jetzt allerdings wollte ich lieber ausbrechen, aber ich lag zu tief.” Da war wieder meine Therapeutin mit ihrer Brille, die ihr von der Nase zu rutschen drohte. </p>
<p>“Na, was machst du denn hier?” fragt sie mich.<br />
Ich hätte ja mit den Schultern gezuckt, aber ich konnte nicht.<br />
“Ich hab auch immer ein Tagebuch geführt”, sagt sie.<br />
“Ich weiß.”<br />
“Da steht so viel drin.”<br />
“Schön für dich.”<br />
“Willste mal was draus lesen?”<br />
“Klar, ich hab ja sonst nichts zu tun”, antwortete ich und war eigentlich nicht sonderlich interessiert. Sie begann ein paar Seiten vorzulesen. Über ihre Eltern, die sich immer so sorgsam um sie gekümmert hatten, und über ihre Studienzeit, die sie nie vergessen wird. Dort, an der Uni, hatte sie auch ihren Ehemann kennen gelernt.<br />
“Das war meine erste große Liebe”, sagte sie mir.<br />
“Schön.”<br />
“Mein erster Mann. Auf der Rückbank seines altes VW Käfers haben wir es zum ersten Mal getan”, fuhr sie fort.<br />
“Ich bin mir nicht sicher, ob ich das hören will,” sagte ich.<br />
“Wenn ich jetzt an das denke, wird mir ganz flau im Magen.”<br />
Ich konnte ihr Lächeln in der ganzen Dunkelheit erkennen.<br />
“Tat aber gar nicht weh.”<br />
“Freut mich.”<br />
“Er lag auf mir drauf und dann hat’s auch schon geflutscht.”<br />
“Warum liest du mir das vor?”, wollte ich wissen und ihr Lächeln wurde noch mal etwas breiter.<br />
“Na, du kannst es doch keinem mehr erzählen.”<br />
“Da hast du wohl recht.”<br />
Sie räusperte sich und feuchtete sich die Finger, um weiter zu blättern.<br />
“Das war vielleicht ein merkwürdiges Gefühl.”<br />
“Das glaub ich, aber jetzt reicht es wirklich.”<br />
“Es geht aber noch weiter.”<br />
“Verschwinde endlich, verdammt noch mal.”</p>
<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/08/friedhofstein_180hoch.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/08/friedhofstein_180hoch.jpg" alt="Friedhofstein" title="Friedhofstein" width="180" height="747" class="alignright size-full wp-image-1216" /></a>Mein Schrei hallte durch den ganzen Kasten und ließ die Erde darüber beben. Der Zorn eines untoten Mannes und seines toten Tagebuchs. Ich sollte vielleicht doch lieber was schreiben, bevor sich noch jemand anders hierher verirrt, der sich ebenfalls gezwungen fühlt, seine Vergangenheit indiskret vor mir auszubreiten. Jetzt wollte ich mal ein paar Worte loswerden. Ich wusste zwar noch nicht so richtig, wie ich anfangen sollte, aber wenn ich erstmal in Fahrt kam, dann würde sich vielleicht schon was brauchbares daraus ergeben. Wo sollte ich nur beginnen? Ich wurde geboren und ich bin bisher noch nicht gestorben, aber dennoch denken alle, ich wäre tot. Was für eine Überraschung es doch wäre, wenn ich es tatsächlich hier raus schaffte und ihnen wieder vor die Augen träte. Ich sehnte mich nach einigen Gesichtern und wünschte, ich könnte sie noch einmal sehen. Die Angst erreichte mich wieder und sie war wohl die beste Vorraussetzung, ein Tagebuch zu beginnen. So wie Antoine Roquentin. Ich bräuchte wahrscheinlich nur einen Sartre, der mir dabei half. Nein, das schaffe ich schon allein. Es war ja auch mein Leben und nicht Antoine’s. Der erste Satz würde sicherlich lauten: Ich weiß, dass ich hier nie mehr lebend rauskomme. Das war ein guter Anfang und ganz falsch war er auch nicht. Er war vielmehr absolut treffend, aber noch war die Angst zu groß, um diesem zweifellos zuzustimmen. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich keine Hoffnung mehr hatte. Noch immer spielte ich mit dem Gedanken, dass dies alles nur ein schlimmer Alptraum war oder falls nicht, dass ich mich doch noch irgendwie befreien würde. Falsche Hoffnung ist wie geliehenes Geld. Ich machte es meiner Therapeutin gleich und verlor mich in der Nostalgie meines kurzen Lebens. Es gab wahrscheinlich mehr schlechtes als gutes zu berichten, aber ich kann nicht sagen, dass ich mit dem Gesamtergebnis unzufrieden war. Ich bereute nichts. Natürlich habe ich mich des Öfteren zum Affen gemacht, habe falsche Entscheidungen getroffen oder meine Zeit mit nutzlosen Dingen verschwendet, aber all das hat mich letztendlich auch zu dem gemacht, was ich nun war: ein Mann, der lebendig begraben wurde. Dennoch bereue ich nichts, denn es gab ja auch so viel Schönes dort oben, an dem ich teilgenommen hab. Ich ging in der Zeit zurück und sah all die Gesichter, die meinen Weg gekreuzt hatten. Wer waren sie? Was haben sie getan? Was haben sie mir angetan? Jetzt wünschte ich mir meine Therapeutin zurück. Liegen tat ich ja schon. </p>]]></content:encoded>
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