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	<title>Zarathustras miese Kaschemme &#187; surrealseltsam</title>
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	<description>Blog &#38; Magazin für exzentrische Literatur</description>
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		<title>Sarkastische Dackelfrisuren und Kalauer-Klammern</title>
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		<pubDate>Mon, 03 May 2010 05:00:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lukas Maisel</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Bis vor kurzem lebte ich im Glauben, die Werbeleute des 21. Jahrhunderts hätten sich von bestimmten Methoden abgewendet, weil sie ihnen selbst zu blöd geworden sind. Mit diesem naiven Gedanken wandelte ich letzthin zwischen den Regalen eines Nahrungsmittel-Verticker-Stores, als ich auf eine Reklame eines Ketchups stiess.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright size-full wp-image-1346" title="weisserturnschuh" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2010/04/weisserturnschuh.jpg" alt="weisserturnschuh" width="258" height="80" />Bis vor kurzem lebte ich im Glauben, die Werbeleute des 21. Jahrhunderts hätten sich von bestimmten Methoden abgewendet, weil sie ihnen selbst zu blöd geworden sind. Mit diesem naiven Gedanken wandelte ich letzthin zwischen den Regalen eines Nahrungsmittel-Verticker-Stores, als ich auf eine Reklame eines Ketchups stiess, dessen "(h)einzigartiges" Aroma angepriesen wurde. Die Zweckentfremdung der Klammer zur Konstruierung von hanebüchensten Kalauern lockt heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, und sei dieser noch so russig. Doch wer weiss, vielleicht ist das die Vorhut eines Kalauer-Klammer-Revivals. Vermutlich sollen wir bald "f(r)ische Heringe" oder "g(l)ute(inhaltige) Brötchen", und was sonst noch in kranken Gehirnen gärt, kaufen. Solche Unhübschheiten sollte man ein für alle mal wegsperren, wie schultergepolsterte Blousons aus den Achtzigern. Doch leider kann ich das nicht entscheiden, bin ich leider kein Mitglied der sogenannten Meinungsführerschaft. Wenn die Oligarchie der Meinungsführer morgen beschlösse, es wäre doch ganz schön lässig, Frisuren in Form von Dackelköpfen zu tragen, übermorgen blickte ich in unzählige haarige Dackelaugen. Dackelfrisuren wären nur ein weiteres Kind des Techtelmechtels zwischen der Meinungsführerschaft mit dem Sarkasmus. Alles gar nicht so gemeint, Satire auf den Biedermann und die Kleinbürgerin. Doch in 30 Jahren wird man ein ernstes Problem haben, die Dackelfrisuren als Sarkasmus zu erklären. Die Jugendlichen der Zukunft werden sagen, oh Lord, was habt ihr denn da auf dem Kopf getragen? Es wird ihnen entgegnet, das sei eine Satire auf Biedermann und Kleinbürgerin gewesen. Doch in 30 Jahren wird der Sarkasmus wahrscheinlich ausgestorben sein, und die heutigen Dackelgirls und -boys stehen in sehr schlechtem, kaum vorhandenen Licht da. Damit werden sie noch mehr die Achtung ihrer Kinder verlieren, die sich dann erst recht nichts mehr sagen lassen wollen und sich ganz den synthetischen Drogen widmen, die von den Albert Hofmanns der Zukunft noch entwickelt werden. Wenn sie nicht auf dem Strich landen, müssen sie sich in einer Werbeagentur verdingen und den ganzen Tag im Wörterbuch blättern, um Wörter zu finden, aus denen sich per Klammer lustige Kalauer basteln lassen. Die so weit gesunkenen Individuen lassen sich meist nur noch per Rasterfahndung aufspüren.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Vatermörder</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Apr 2010 05:43:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daudieck</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Warten vor der Residenzverwaltung, Blick auf die Speisekarte: Montag Putengeschnetzeltes auf Curryreis, Obst nach Saison, Dienstag Obst nach Saison, ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Warten vor der Residenzverwaltung, Blick auf die Speisekarte: Montag Putengeschnetzeltes auf Curryreis, Obst nach Saison, Dienstag Obst nach Saison, Mittwoch... ich habe die  Plastikhaube abgehoben und eine Mandarine entdeckt, ich glaube, sie hat sich vor mir erschreckt – eine verlorene schreckhafte Mandarine auf einer runden Plastikplatte, groß genug für eine Torte.</p>
<p>Die Residenz nimmt zwei Stockwerke in einem Neubau ein, der Residenzverwalter ist ein glatter Aal, er schwamm vom Sargasso-Meer bis in einen Schlickgraben vor der Stadt, aus dem er sich herausschlängelte, um ein Mensch zu werden. Sein Büro riecht nicht nach Tod, es riecht nach den Plastikpflanzen, die vor dem Fenster stehen und vom Blühen träumen. Nein, ich möchte nichts trinken, schon wieder, überall die giftgrünen Selterflaschen, für Babynahrung geeignet, auf den Fluren, in den Zimmern, unten im Foyer der Residenz stapeln sie sich kistenweise, alle Gäste der Residenz setzen ihr Gedärm unter kohlensaures Wasser, damit sie nicht austrocknen.</p>
<p>Die Formalitäten, der Aal lacht wie ein Aal eben lacht - Finanzstatus, Gesundheitsstatus, Familienstatus, Statusdenken einmal anders, Endstatusdenken. Vor mir Formulare, daneben ein Montblanc-Kugelschreiber. Ich kann alles unterschreiben für meinen Vater, ich frage ihn, warum die Alten hier so still sind, ich will vom Aal wissen, ob die Alten mit sehenden Augen tot sind. Er windet sich, er kriecht über seinen Kugelschreiber auf mich zu. Die Mandarine steckt noch in meiner Manteltasche, sie sollte es gemütlich haben. Ich nehme sie heraus, ich zerquetsche sie, der Saft tropft auf die Anträge, der Aal zuckt zurück, blitzschnell kriecht er an der Knopfleiste des weißen Oberhemds auf den Hals zu, auf den offenen Mund, auf das schwarze Loch zu. Bevor ich gehe, nehme ich die Selterflasche und gieße die Blumen.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Hackfleischtinte im Siphon</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Apr 2010 05:38:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lukas Maisel</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gutmenschen spülen, als Belohnung für den Klempner, ein Stück des Stotzens hinunter. Natürlich kämen auch Hackleischtinte oder ein operativ entferntes Unterbewusstsein in Frage, Hauptsache es führt zu einem Aufleuchten der sonst so matten Klempneräugchen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright size-full wp-image-1343" title="bahnhof" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2010/04/bahnhof.jpg" alt="bahnhof" width="258" height="80" />Folgenden Traum schreibe ich zur Deutung aus: Ich fuhr mit meiner Mutter per Zug nach Prag, um dort billige Ersatzpatronen für den Drucker zu kaufen. Dort angekommen, riet ich ihr davon ab, da es keine Originalpatronen waren und somit die Gefahr ausblutender Buchstaben bestand. Ausgeblutete Buchstaben können höchstens Rabbis erfreuen. Doch ich glaube nicht, dass ein Rabbi in Prag Tinte für seinen Drucker kauft, die wie Hackfleisch aussieht. Denn wie Hackfleisch sah sie nämlich aus, die Tinte, wie Knetmassen-Hackfleisch. Es hiess, man müsse es zuerst schmelzen und es dann mit einer Spritze aufsaugen, um es der Patrone zuzuführen. Als wir dann zurück zuhause waren, trieb sich da ein grosser Bär rum, den ich mit einer mit Wasser gefüllten Spritzflasche spritzenderweise entfernen wollte; er wollte nicht.<br />
Ich weiss, mein Unterbewusstsein will mir irgendetwas damit sagen. Doch halte ich die Existenz eines Dinges, das sich in mir drin versteckt und mit mir nur mittels kryptischer Botschaften kommuniziert, für überflüssig. Für das Geld, das mir findige Drehbuchschreiber für die obige Synopsis eines Filmes zahlen werden, lasse ich mir mein Unterbewusstsein operativ entfernen. Nach erfolgter Operation wird der Chirurg mit meinem Unterbewusstsein neckisch vor meinen sich öffnenden Augen wedeln und bemerken, ich hätte es mir bestimmt grösser vorgstellt. Nein, habe ich nicht. Wenn ich Glück habe und es ein lieber Chirurg ist, darf ich mein Unterbewusstsein dann in Formalin eingelegt nachhause nehmen, um es ins Regal neben Mecki-Figuren zu stellen. Und wenn ich mal knapp bei Kasse sein sollte, kann ich es immer noch auf dem Flohmarkt für lau verschachern. Heutzutage wird alles gekauft, weil die Leute nicht wissen wohin mit ihrem Geld. Und zählen kann man es ja auch nicht die ganze Zeit, zumal die wenigsten Menschen oder Enten ihr ganzes Vermögen in Hartgeld in einem Geldspeicher horten. Der Kauf eines in Formalin eingelegten Unterbewusstseins oder eine Reise nach Prag, um Hackfleisch-Tinte zu kaufen, sind da nur ein weitere Auswüchse der überbordernden Dekadenz. Mit den aus dem Portmonnaie herausquellenden bunten Noten soll man lieber serbelndes Kleingewerbe unterstützen und einen Klempner rufen. Damit er nicht vergebens kommt, kann man ja ein Schweinchen schlachten und die Schlachtabfälle das Spülbecken bis zur Totalverstopfung hinunterspülen. Gutmenschen spülen, als Belohnung für den Klempner, ein Stück des Stotzens hinunter. Natürlich kämen auch Hackleischtinte oder ein operativ entferntes Unterbewusstsein in Frage, Hauptsache es führt zu einem Aufleuchten der sonst so matten Klempneräugchen. Auch muss er nicht mehr zu den Muffen sausen, die samstags rampenverkauft werden, sondern kann an diesem Tag seinem Sohn beim Referat über Rokoko helfen, falls er überhaupt auch nur irgendetwas darüber weiss, der Prolet.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Echsen der Stadt</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Apr 2010 05:04:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johannes Fightestörk</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Wände der großen Glasfelsen standen hinauf in das Wetter des Tages. In gestreckten Italolettern steht da »La Défense« und die Schrift zerlief in ihren Farben auf dem Metall, ohne dass es jemand bemerkte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Wände der großen Glasfelsen standen hinauf in das Wetter des Tages. In gestreckten Italolettern steht da »La Défense« und die Schrift zerlief in ihren Farben auf dem Metall, ohne dass es jemand bemerkte. Sie lief herab, aber die Zeit, die Fräsung zu erreichen und leise auf den Beton zu klatschen war noch nicht gekommen. Die Menschen sind hier sehr empfindlich. Ihre dünnen Hälse reichen kaum zum Kragen ihres Hemdes hinaus. Ihre langen Augen sehen sich ständig selbst auf die Schulter und dann tippen zwei schnelle Finger darauf. »Sterbe ich für etwas Gutes?«, fragte ich ihren König vor dem grauen Stahleck. Geometrie ragte über mich hinweg. Vierecke. Vierecke. »Lass Feuerworte sprechen«, sagte der König und seine Sprache rollte durch die leeren Schluchten. Die Menschen hier verstecken sich gut, sie sehen sich selbst nur in Spiegeln. Du siehst sie nie. Phantasmen. Phantasmen. »Aber ich kann nicht, mein Mund ist von Fäulnis bedeckt. Wie soll ich sprechen, mir fault der Mund davon« , und ich sehe auf meine Hände herab und sie sind todgelb. »Geh jetzt, und tu was getan werden muss.«</p>
<p>Er schreitet vor mir her, seinen Revolver in der Hose. Hinter mir zwei Schatten. Phantasmen. Meine Lippen schmerzen. Stinkender Sud läuft mir am Kinn entlang. Wir gehen mit gesenkten Köpfen und das Schafott steht bereit, schon sehe ich es hinter den langen Treppen. Ich werde es nicht tun. Ich bin so oft entkommen. Wer ist schon dieser König. Ich reiße meine Hand in seine Tasche, er hantiert, aber schon hat er eine Kugel tief im Hals stecken. Es schäumt aus meinem Mund. Vier Lange Hände strecken sich über mich. Ich bring euch um. Reiß euch die Augen aus. Ich zertrümmere euch. Es tut mir so leid. Vergebt mir. Ich fiel auf die Knie und konnte nicht sprechen. Vierecke stürzten auf mich ein. Glas brach. Die Worte liefen aus meinem Mund, und klatschten leise auf den Beton. »Ihr kriegt mich nicht.«</p>
<p>Da verkrochen sie sich hinter den Spiegeln, die Echsen der Stadt.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1349" title="echsen_blau_" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2010/04/echsen_blau_.jpg" alt="echsen_blau_" width="500" height="376" /></p>]]></content:encoded>
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		<title>Freunde, von denen man spricht</title>
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		<pubDate>Sun, 24 May 2009 22:01:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Zeitgeist arbeitet: als Federhalter oder Finderlöhner, als Lückenbüßer oder Zeitzerstreuer. Der Zeitgeiz zerhackt den Tag in immer kleinere Teile, bis zur Unkenntlichkeit, bis nichts mehr von ihm übrigbleibt]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>I. Der Zeitgeist</strong></p>
<p>Wohin ich auch blicke, an wen ich mich auch wende: Spießer, jung und alt, groß und klein, Bauchbürger und die, die es werden wollen. Und mitten unter ihnen der Zeitgeist, ein kleiner Geist in großem Körper, mit verfettetem, nahezu erstarrtem Mienenspiel. Dieser Herr schert sich um nichts, er überläßt sich und sein Schicksal anderen, unbekannten Mächten, die „schalten und walten, wie sie wollen“, wie er sagt.</p>
<p>Der Zeitgeist arbeitet: als Federhalter oder Finderlöhner, als Lückenbüßer oder Zeitzerstreuer. Er arbeitet, um einzukaufen. Während seiner Freizeit findet er sich in Kramgewölben wieder, in Zeitschriften und Katalogen. Oder er macht Urlaub, zu Lande, zu Wasser oder in der Luft. Kein Land, kein Erdteil, in dem er nicht auf Liegen liegt, auf Plastikliegen am Strand, verwöhnt und verhätschelt, von Zäunen und Sicherheitspersonal abgeschirmt – alles im Preis inbegriffen - abgeschirmt von Einheimischen, die vor den Zäunen verhungern und verdursten.<br />
Der Zeitgeist sieht das Elend anderer nicht. Alle seine Sinne sind auf ihn selbst gerichtet. Die anderen werden zusammen mit der Vergangenheit in die Verließe des Vergessens geworfen, immer und immer wieder, so oft sie auch ausbrechen sollten.</p>
<p>Der Zeitgeist hat mindestens ein Auto, das größte und schnellste im Kollegen- und Bekanntenkreis, trotz ständig steigender Preise, trotz allem. Mit dem Auto fährt er überallhin: zum Bäcker, zur Arbeit und in den Park, wo sich „Hansi“ oder „Hector“, sein Hund, an Enten und Langläufern austobt. Der Kampfhund ist sein bester, sein einziger Freund, denn der Zeitgeist lebt allein. Er hat keine Freunde, nur Bekannte, keine Frau, keine Kinder. „Frauen und Kinder kosten Nerven, Zeit und Geld. Sie kosten die Freiheit“, sagt der Zeitgeist.<br />
Abends, wenn er müde von der Arbeit kommt, in seine leere, weiß geleckte Wohnung, dann raucht der Zeitgeist eine Zigarette. Er raucht auf dem Balkon, er raucht bei Wind und Wetter, damit die Wände seiner leeren, weiß geleckten Wohnung keinen Schaden nehmen.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>II. Der Zeitgeiz</strong></p>
<p>Er ist der kleine große Bruder des Zeitgeists, ein dürrer, abgehetzter Vogel mit fliehendem Blick. Der Zeitgeiz ist der König der Sparkünstler. Er schlägt Menschen und Zeiten in die Flucht - ganze Erdteile und Epochen - in eine fortdauernde Flucht vor dem Leben, vor sich selbst, er jagt sie vor sich her wie gehetztes Wild, wie Schlachtvieh, von Termin zu Termin, von Fluchtpunkt zu Fluchtpunkt. Kein Anhalten, kein Aufatmen. „Nur nicht stillstehen!“ heißt die Devise des Daseins, wer stehenbleibt, hat verloren.</p>
<p>Der Zeitgeiz zerhackt den Tag in immer kleinere Teile, bis zur Unkenntlichkeit, bis nichts mehr von ihm übrigbleibt. „Wie heißt meine Frau noch, und wie sieht sie eigentlich aus?“ heißt es dann. „Wie viele Kinder habe ich? In welche Klasse gehen sie?“ Selbst der Urlaub wird nicht mehr wahrgenommen, der Kurzurlaub auf Mars und Mond. Ein Tag wie der andere, Jahre und Jahrzehnte auf der Überholspur. Und plötzlich spielt das Leben einen Streich, plötzlich zieht es einem einen Strich durch die Rechnung: wenn sich Krankheiten melden, wenn das Rentenalter, der Ruhestand winkt, wenn der Tod plötzlich auftaucht. Dann zeigt der Zeitgeiz sein wahres Gesicht: das eines aufgeplusterten, falschen Vogels, eines Wichtigtuers und Hochstaplers, der einen um die besten Jahre, wenn nicht ums Leben gebracht hat.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Unterschiede</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 06:00:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Während die Menschen im Schlaf Kraft suchen für den nächsten Tag in den Ketten der Arbeit, fahndet meine Hand im Küchenschrank nach einem Glas. Es fällt zu Boden, eine fette Fliege fangend.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>I.</strong><br />
Während die Menschen im Schlaf Kraft suchen für den nächsten Tag in den Ketten der Arbeit, fahndet meine Hand im Küchenschrank nach einem Glas. Es fällt zu Boden, eine fette Fliege fangend. Ich greife nach einem andern Glas und sehe ein anderes Insekt auf mich zu brummen. Ich weiche zurück und schlage nach meinem Verfolger, nach einer geflügelten Kröte, deren Beine wie gelähmt herabhängen. Mein Hirn führt mich zur Tür, gebietet mir, sie zu öffnen und hinauszutreten. Die Flügelkröte mir nach. Mit einer Drehung bin ich wieder zur Küche hinein, ich schlage die Tür zu und atme auf.<br />
„Du warst voll daneben, letztens auf dem Fest“, grinst Atze feist vom Tisch. „Du warst so voll, daß du Froster, der keiner Fliege was zu Leide tun kann, so gereizt hast, daß auch er dich verprügeln wollte.“<br />
„Hör auf!“ schreie ich. „Ich kann die Scheiße nicht mehr hören.“</p>
<p><strong>II.</strong><br />
Mit der Morgendämmerung überfüllte sich allmählich das Schwimmbecken neben dem verdreckten Fluß mit Uniformierten und Zivilisten. Ich faßte einen Kopf bei der Schaffnermütze und drückte ihn unter die Wasseroberfläche, ich drückte, bis er nicht mehr zappelte. Frauen flehten und kreischten am Beckenrand, sie falteten die Hände, sie fielen auf die Knie. Die Beamten sahen ihrer Niederlage entgegen. Sie wichen zurück, sie flohen in den Fluß. Wir ihnen nach. Sie Strömung riß uns mit sich, doch der Kampf ging weiter. Als ich auf dem Deich Soldaten entdeckte, strebte ich dem Ufer zu. Dort suchte ich mich zu verstecken. Ich sah einen Überlebenden, einen Geretteten neben einem Panzer hocken, den Blick aufs Gras gerichtet. Doch die starrenden Augen sahen nichts, und das Hirn hinter der Stirn nahm das Grün nicht wahr. Kein Elektron der Erkenntnis durchzuckte es.<br />
Dann fuhr ich mit dem Fahrrad auf die Stadt zu. An den Straßenseiten krochen und robbten die Frauen. Sie jammerten und weinten und fanden keinen Trost. Ohne einen Blick fuhr ich an ihnen vorüber - mich fror - bis ich plötzlich heiße Tränen auf den Wangen fühlte.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Black Box</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Oct 2008 09:51:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Pussi Quetschklo entgeht nichts, nichts bleibt ihr verborgen, weder die Dinge, die sich vor noch hinter den Fassaden abspielen. Pussi sieht alles, Pussi weiß Bescheid.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Pussi Quetschklo entgeht nichts, nichts bleibt ihr verborgen, weder die Dinge, die sich vor noch hinter den Fassaden abspielen. Pussi sieht alles, Pussi weiß Bescheid. Das Adlerauge, wie sie genannt wird, ist nicht nur berühmt, sondern auch berüchtigt. Denn Pussi hat ein loses Mundwerk, wie es so schön heißt, Pussi kann ihr Wissen nicht für sich behalten. Im Umkreis von zehn Kilometern kommt kein Ehebrecher, kein Einbrecher unerkannt davon, und die Lottozahlen kennt sie zehn Tage im voraus. Seit geraumer Zeit ist Pussi Quetschklo gern gesehener Gast im Fernsehen, in keiner Ratesendung darf sie fehlen.</p>
<p>Doch eines Tages passiert etwas, das sie nicht vorhergesehen hat, eines Tages kehrt sie von ihrem Spaziergang nicht zurück. Pussi Quetschklo bleibt unauffindbar. Es scheint, als habe die Erde sie verschluckt. Und niemand schöpft Verdacht, als kurz darauf ein Satellit in den Weltraum geschossen wird, ein Spionagesatellit mit Adleraugen, ein Schnüffelsatellit, der alles preisgibt, was er weiß, einer mit losem Mundwerk, wie es so schön heißt.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Moosjesus</title>
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		<pubDate>Fri, 25 Apr 2008 11:06:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Schweinhart Schmorwurst ist einer von denen, die unter die Brücken kriechen, um sich dort vor Regen, Lärm und Leuten zu verbergen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Schweinhart Schmorwurst ist einer von denen, die unter die Brücken kriechen, um sich dort vor Regen, Lärm und Leuten zu verbergen. Doch in dieser Nacht dringt der Winter durch Schlafsack, Lumpen und von Witterung und Jahren zermürbte Knochen. Im Morgengrauen schwankt der Bettler zu einem Kirchenskelett. „Der Wärme wegen“, schwatzt Schweinhart, obwohl die Wände des Gerippes Kältespeicher sind. Schweinhart Schmorwurst fürchtet die Stürme, die man Leben nennt.</p>
<p>Ausgerechnet hier stört der Herr von Nazareth, mittschiffs an ein Schwebekreuz genagelt, flankiert von zwei Hunden mit Maulkorb und Überwürfen.</p>
<p>„Bist du es, mein Tod?“ Unser Held reibt sich die Augen.<br />
„Nein“, antwortet der Herr. „Ich bin das Leben und die Liebe.“</p>
<p>„Du bist alt geworden, Heiland...grüngrau.“<br />
„Zwei Jahrtausende warten bereits auf euch. Ihr aber, Ihr öffnet eure Augen immer noch nicht. Also höre!“ hebt Herr Jesus Kopf und Stimme.</p>
<p>„Vergiß es! Ich bin raus aus dem Geschäft. Egal, was du verlangst, es wäre zuviel. Willst du mich zurück in die Anstalt bringen?“ Schon schwingt frisches Blut in Schweinhart Schmorwursts sonst so müden Beinen, und sie tragen ihn hinaus in die Stürme, die man Leben nennt.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Sail away</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Jan 2007 16:40:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daudieck</dc:creator>
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		<category><![CDATA[experimentell]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Sherryflecken fressen sich ins Polster, Schmieröl vom Discounter für die schlappe Orgie. Canderelsüß wird hingelächelt, noch Haftcreme für den Zungenkuss, doch die Spucke schmeckt salzig und nach Fusel – zu schlundig, lässt den Kehlkopf schickern.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Fliegender Holländer, Klabautermann, Shanty-Schmus: Her damit, nehmen wir. Auf zum Schlüpfersturm beim Kaffee-Segeln hart am lauen Wind. Mündung, lockt uns die See, das Meer, unendlich bis zum nächsten Bohrturm. Nimmt der Wind die Sehnsucht mit, bläst uns einen, treibt Liebeslügen in die Wellentäler, verweht die Romanzen ins Blaue. Alles weg wischt der glasreine Tag, wichst uns souverän die Blicke blank. Da drängen Edelstahlgefühle frischwärts auf den Ozean, wo sich die Herzen an ihnen verkühlen. Wärme nur unter Deck, vibrationsarm, kleines Wohlgefühl per Thermostat.</p>
<p>Überraschend Wetterunbilden: Böen pfeifen uns ins Gesicht, verklammen die Stirn. Kein Horizont mehr, der Ausblick verschliert. Nässe drückt unter den Friesennerz, dafür das Leben schranktrocken im Schapp, abgewickelt und weichgespült neben den Mottenkugeln mit Odeur. Die Sherryflecken fressen sich ins Polster, Schmieröl vom Discounter für die schlappe Orgie. Canderelsüß wird hingelächelt, noch Haftcreme für den Zungenkuss, doch die Spucke schmeckt salzig und nach Fusel – zu schlundig, lässt den Kehlkopf schickern.</p>
<p>Es brist weiter auf. Lage schieben, presst ungeahnte Kräfte in die Glieder, zaubert Entschlossenheit in die verfalteten Visagen auf dem Luvbord. Naturgewalt, vergessen die Fußpflege und die große Hafenrundfahrt beim Urologen: Alle werden Wikinger in einem Drachenboot, Seeleute, blutrünstige Haudegen mit Blutverdünnern im Necessaire. Die Bierflaschen in den Fäusten verwandeln sich Schluck für Schluck zu Streitäxten. Wahrschau für die Wende – Baum kommt! Der Skipper leichenblass, träumt vom Motoren</p>]]></content:encoded>
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		<title>Aus früher Harnzeit</title>
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		<pubDate>Sat, 16 Dec 2006 20:03:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mit den ersten Pickeln gedieh Harns Lehrkraft, Haldi Spackstadt, eine aufgeschossene Vogelscheuche mit angeklebten Wimpern, zu Abziehbild und Wichsvorlage.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="justify">Mit den ersten Pickeln gedieh Harns Lehrkraft, Haldi Spackstadt, eine aufgeschossene Vogelscheuche mit angeklebten Wimpern, zu Abziehbild und Wichsvorlage. Wie zu seiner Geschmacksrettung aber verließ die Prachtschabe bald die Baumschule. Harn, von ersten Hormonstürmen gepeitscht, irrte auf der Suche nach anderem Anschauungsmaterial umher.</p>
<p align="justify">Doch der Knabe sollte Haldi Spackstadt noch einmal zu sehen bekommen. Es geschah auf einem Schulfest, während des Quälens, Häutens und Augenausstechens eines Mitschülers, da stelzte die Vogelscheuche zur Festturnhalle herein. Natürlich übersah die Spackstadt Harns aufdringliche Augenblicke. Sie übersah ihn - wie immer - in Gestalt und Person. Ausgleichsweise biß der Mitschüler, der Gequälte, in den Schwebebalken.</p>]]></content:encoded>
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