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	<title>Zarathustras miese Kaschemme &#187; tristesse</title>
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	<description>Blog &#38; Magazin für exzentrische Literatur</description>
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		<title>Ehefrieden</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Sep 2011 04:46:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanna M. Scotti</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
		<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Ehe]]></category>
		<category><![CDATA[idylle]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>
		<category><![CDATA[tristesse]]></category>

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		<description><![CDATA[Er gurgelt zufrieden / durch ihre Träume / schnarcht er gnadenlos / in den Morgen / ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Er gurgelt zufrieden<br />
durch ihre Träume<br />
schnarcht er gnadenlos<br />
in den Morgen</p>
<p>durch ihre Träume<br />
wälzt sich die Sehnsucht<br />
in den Morgen<br />
zwischen die Laken</p>
<p>wälzt sich die Sehnsucht<br />
in ihre wachen Stunden<br />
zwischen die Laken<br />
durch die gezählten Schäfchen</p>
<p>in ihre wachen Stunden<br />
schnarcht er gnadenlos<br />
durch die gezählten Schäfchen<br />
er gurgelt zufrieden</p>]]></content:encoded>
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		<title>Herbst im eigenen Körper</title>
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		<pubDate>Mon, 04 Apr 2011 06:01:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Vincent E. Noel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[Frau]]></category>
		<category><![CDATA[idylle]]></category>
		<category><![CDATA[moderne]]></category>
		<category><![CDATA[tristesse]]></category>

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		<description><![CDATA[Es verlangt nicht diesen Herbst, um die Frau an ihre Müdigkeit zu erinnern, es verlangt keine Fünfuhrdunkelheit im Oktober, es verlangt nicht weder diese Erwartung von Kindergeschrei im Wohnungsflur noch dieses Kopfzerbrechen, ob ihr Pflichtbewußtsein, das verdammte, alle Erledigungen gespeichert und absolviert hat, und ebenso verlangt es nicht diese Anhäufung tiefgefrorener Schwarzweißphotographien, in der ihre Ehe eingefrostet ist.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einzug">Es verlangt nicht diesen Herbst, um die Frau an ihre Müdigkeit zu erinnern, es verlangt keine Fünfuhrdunkelheit im Oktober, es verlangt nicht weder diese Erwartung von Kindergeschrei im Wohnungsflur noch dieses Kopfzerbrechen, ob ihr Pflichtbewußtsein, das verdammte, alle Erledigungen gespeichert und absolviert hat, und ebenso verlangt es nicht diese Anhäufung tiefgefrorener Schwarzweißphotographien, in der ihre Ehe eingefrostet ist. Es genügt</p>
<p class="einzug">jetzt</p>
<p class="einzug">sage ich</p>
<p class="einzug">jener Moment, wenn sie einen der wenigen Parkplätze in ihrer Straße sich gesichert, das Auto eingeparkt, den Motor abgestellt, einige Minuten sich in den Sitz gepreßt, meditativ geatmet hat, um nicht den Kopf auf das Lenkrad sinken zu lassen oder ihn auf das Lenkrad zu hämmern, wieder und wieder und wieder. Siebzehn Uhr, vier Minuten. Es genügen</p>
<p class="einzug">jetzt</p>
<p class="einzug">sage ich</p>
<p class="einzug">die vorüber hastenden Passanten, sie sehen eine Frau im Wagen, komatös geschlossene Augen, es genügt, irgendwann auszusteigen, Mantel und Tasche zu raffen, das Haus zu betreten, die Tür wie das Maul zu dieser Schlucht voller Erschöpfung und Ausgelaugtheit, in die die Frau jeden Tag sich zu stürzen fühlt, es genügt, auf den Fahrstuhl zu warten, der die Frau ausspucken wird im dritten Obergeschoß. Siebzehn Uhr, zwölf Minuten. Siebzehn Uhr, fünfzehn Minuten: der Fahrstuhl spuckt die Frau aus im dritten Obergeschoß, sie sperrt die Wohnungstür auf, Sohn und Ehemann sitzen auf der Couch und gehen Hausaufgaben durch. Blicken auf, lächeln die Heimkommende an, wenden sich erneut dem Schulheft zu. Es verlangt nicht dieses Familienlächeln und diese Müdigkeit, diese Schlucht aus Müdigkeit, Erschöpfung, viele Worte treffen ihren Zustand und beschreiben ihn doch nur ungenügend, trennen Kopf und Körper voneinander. Der Kopf auf der einen Seite der Schlucht, der Körper auf der anderen. Der Kopf wußte, es muß noch ein Paket abgeholt werden, ihr Pflichtbewußtsein, das verdammte</p>
<p class="einzug">sagte ich bereits</p>
<p class="einzug">zum Teufel damit, der Körper ist nach der Arbeit auf</p>
<p class="einzug">(mehr oder weniger)</p>
<p class="einzug">direktem Wege zum Auto geschlurft, schnurstracks nach Hause. Und es verlangt nicht die Gedanken an dieses Paket, dieses bescheuerte, dieses beschissene Paket und dann an das Abendessen, sie geht in die Küche, in der ihr Ehemann Geschirr auf den Tisch stellt, zwei Weingläser dazu, die Tiefkühlpizza</p>
<p class="einzug">(Gorgonzola, zwei Sorten Salami)</p>
<p class="einzug">ist fast fertig. Es genügt der Frau, Momente nur allein zu sein in der Küche, aber was bitte kann es bedeuten, die Lyrik von allein, die Bedeutungslosigkeit von allein, das bedeutet nur die Frau und dieses Brummen in ihrem Kopf, das sich ankerschwer auf all ihre Gedanken, Nerven legt. Am Kühlschrank die Schiefertafel, auf der die Einkäufe notiert werden. Es genügt der Frau, ein Stück Kreide zu nehmen, und sie schreibt, Milch, denkt, Stefan hat bestimmt nicht an die Milch gedacht, und tatsächlich, sie muß nicht in den Kühlschrank, die Speisekammer schielen, um das Ergebnis zu kennen; die Frau lugt in den Kühlschrank, die Speisekammer, und tatsächlich, viele Dinge, nur keine Milch. Siebzehn Uhr, neunundvierzig Minuten. Erbsendosen, Pfifferlinge, Kartoffeln usw., nur keine Milch. Stefan kann so süß sein, so zärtlich, rücksichtsvoll, zuvorkommend, Stefan hat viele Tugenden und schreibt becketthafte Bücher in Kleinauflage, in dieser bösen Wirklichkeit auf der anderen Seite des Fensterglases jedoch ist er rettungslos verloren. Kongo, Surinam, Ostseeküste, das macht keinen Unterschied. Und wenn wir schon bei den Fensterscheiben sind, die Fenster müssten auch wieder geputzt werden, seit drei Wochen predigt die Frau das, und was ist geschehen. Nun ja. Achselzucken, achtzehn Uhr, dreißig Minuten. Mutter, Vater, Sohn sitzen am Tisch und kauen Pizza. Gorgonzola, zwei Sorten Salami. Mutter und Vater trinken Wein dazu. Vier Stühle und drei Gedecke, zwei Monate zuvor waren es noch vier, aber dies ist Geschichte, seit die Tochter zu ihrem Freund gezogen ist, mit der Begründung, es unter dieser Käseglocke nicht mehr ertragen zu können. Es genügt ein Gedanke an Julia, und schon diese Müdigkeit, bitte bitte, nicht weiter an sie denken, bitte bitte, oder an das Wort, das sie benutzt hat, Käseglocke, exakt dies war ihr böses Wort, Käseglocke, und die Frau fragt sich, was ist so schlecht an einer Käseglocke, eine Käseglocke behütet und wärmt, beinahe wie ein Brutkasten, man muß nicht miteinander Worte tauschen oder Interesse heucheln, das denkt die Frau, man sitzt am Tisch und darf schweigend Pizza kauen mit Gorgonzola und zwei Sorten Salami, das ist gut so und schön.</p>
<p class="einzug">Schweigen.</p>
<p class="einzug">Anschließend kann man sich vor den Fernseher fläzen, ein zweites Glas Wein leeren und vielleicht noch ein drittes, was spielt das für eine Rolle, man kann nebeneinander schweigend die Abendstunden verstreichen sehen und von ganz gleich welchem Stumpfsinn auf der Mattscheibe langsam, behutsam sich in den Schlaf tauchen lassen, auch das ist gut so und schön. Und gefahrlos vor allem. Wieder brummt und kratzt es im Kopf der Frau. Neunzehn Uhr, sieben Minuten. Es brummt stärker, in konzentrischen Kreisen, Radiowellen ähnlich oder diesen Wellen, wenn man am Kai steht oder auf dem Molenende und Steine in der Ostsee versenkt. Wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle. Ist das nicht aus einem Gedicht von, von wem noch mal? Egal. Über welche Dinge Menschen sich den Kopf zerbrechen, das glaubt mir niemand wie im Meer eine Welle drängt mein Körper hin zu dir es fragt ja auch niemand, aber das ist</p>
<p class="einzug">jetzt</p>
<p class="einzug">(nebenbei bemerkt)</p>
<p class="einzug">schon in Ordnung so, jetzt keine Fragen bitte, keine Gespräche über die Arbeit, wie war dein Tag wie im Meer eine Welle waren die Kinder anstrengend wie im Meer eine Welle war der Chef gut gelaunt wie im Meer eine Welle schweigend räumt die Frau das Geschirr in die Spülmaschine, nimmt die Tischdecke und wedelt die Krümel in den Mülleimer, sie sieht die Krümel fallen in den Mülleimer wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle drängt mein Körper hin zu dir und was, wenn sie einen Müllsack sich überstülpe, sich selbst in den Flur stelle, bereit zur Entsorgung, wäre das denn so schlimm? Wahrscheinlich nicht, höchstwahrscheinlich nicht. Neunzehn Uhr, zwanzig Minuten. Neunzehn Uhr, einundzwanzig Minuten. Neunzehn Uhr, zweiundzwanzig Minuten. Der Sohn chattet mit Freunden, das Geräusch seiner Finger auf der Tastatur genügt und quetscht sich unter den Türspalt, durch das Schlüsselloch hindurch, tackert sich in ihr Ohr, der Ehemann ist im Arbeitszimmer, korrigiert eine Kurzgeschichte für eine dieser Literaturzeitschriften, die seine Texte veröffentlichen, ohne Honorar zu zahlen. Möge der Teufel seinen künstlerischen Idealismus holen und dieses Gefasel von Kunst um der Kunst willen, davon kann man keine Brötchen oder Schuhe bezahlen, aber auf der anderen Seite findet er innere Ruhe auf einem Blatt Papier, und das ist etwas, worum sie ihren Mann ernsthaft beneidet wie im Meer eine Welle wie im Meer wie ist das in ihrem Kopf gelandet, schlimmer als jeder Ohrwurm. Und sie, sie könnte sich neben die Hausschuhe ihrer Tochter im Flur kauern, niemand käme auf die Idee, sie dort zu bemerken, sie mitsamt den Hausschuhen aufzuräumen, auch davon redet sie seit drei Wochen, aber naja, man will ja nichts sagen. Und es genügt, den Oleander anzustarren, den niemand gegossen hat, leblose Dinge und Pflanzen verstehen sie, nehmen ihre gekrümmte Haltung an, wann immer sie irgendeinen Raum betritt, verdorren genau wie sie am ausgestreckten Arm. Solidarität ist heutzutage steuerlich absetzbar. Einundzwanzig Uhr, das Telefon klingelt. Bitte bitte keine Einladung der Schwiegereltern zu einem Spieleabend bitte bitte. Wie still es doch sein kann. Diese Stille könnte wirklich genügen und irgendwo weit hinten, gar nicht so weit weg, das Meer. Ihr Mann geht ins Zimmer des Sohnes, der ist vor seinem Computer eingeschlafen, sein Kopf ruht auf der Tastatur, der Vater weckt den Sohn kurz auf, schickt ihn ins Bett. Geht dann zu seiner Frau, entnimmt das Weinglas ihrer Hand, tendiert zum Weg ins Schlafzimmer. Seine Frau bleibt sitzen. Es genügt sein After Shave, es drängt sich ihr auf und ist dezent im gleichen Atemzug. Stochert in ihrer Luftröhre, auf ihrem Nacken, wie eine Spinne, nein, ein Igel, der über ihr Genick tappt. Doch in diesem Fall genügt es, kurz im Flur stehen zu bleiben, den Igel mehr oder weniger</p>
<p class="einzug">eher weniger als mehr</p>
<p class="einzug">unauffällig aus dem Genick zu ziehen, im Klo zu ertränken, und Abgang. Vorzugsweise, sobald ihr Ehemann noch einmal kurz das Arbeitszimmer aufsucht, so wie jeden Abend. Der Mensch als solcher braucht Routine, geht ohne sie gnadenlos unter. Eine Laufmasche an ihrem rechten Strumpf nimmt mit einem Schlag das komplette Wohnzimmer ein. Weder Wein noch Fernbedienung hindern ihren Blick daran, in einem unförmigen Takt immer wieder zur Laufmasche zurückzueilen. Der Sohn trottet in Shorts durch das Wohnzimmer zum Bad und dann wieder zurück in sein Zimmer, ohne die Frau zu stören noch wahrzunehmen. Zweiundzwanzig Uhr, sieben Minuten. Es genügt, daß ihr Mann zu ihr kommt, sich neben seiner Frau auf dem Sofa niederläßt, es genügt, daß sein Knie ihr Knie berührt wie im Meer eine Welle und sein Schenkel ihren Schenkel wie im Meer eine Welle und wieder dieser Igel, sie steht auf, schützt Durst vor, um in die Küche zu fliehen. In der Küche öffnet sie den Wasserhahn, und wieder dieses Brummen, Kratzen in ihrem Kopf. Eine Lücke zwischen den Gardinen enthüllt Bäume am gegenüberliegenden Straßenrand, Eschen vielleicht oder Kastanien. Sobald das Glas leer ist, trottet sie ins Bad, zieht sich behutsam aus, einen Pyjama an, sie entledigt sich ihres Schmuckes, als da wäre, beispielsweise, ein Armreif, Altgold, aus Marokko</p>
<p class="einzug">(scheußlich)</p>
<p class="einzug">als da wäre, beispielsweise, eine Bernsteinhalskette, ein Geschenk ihres Mannes, erstanden bei einem immer lächelnden Straßenhändler während eines Urlaubs im Baltikum</p>
<p class="einzug">(deutlich besser)</p>
<p class="einzug">und mit ihrem Make-up und dem Schmuck entledigt die Frau sich ihres Charakters, ihres Rückgrates, entledigt die Frau sich dieser Erinnerungen, die mit manchen Stücken verwachsen sind, rotiert ihr Dasein zurück zum Stadium einer Larve, und das genügt, tatsächlich, das genügt, sie sollte einen Kokon um sich spinnen, in einer der Baumkronen</p>
<p class="einzug">Eschen, Kastanien vielleicht</p>
<p class="einzug">sich verschanzen, der Dinge harren, die da kommen mögen, als da wäre, beispielsweise, irgendwann, vielleicht</p>
<p class="einzug">(vielleicht auch nicht)</p>
<p class="einzug">der nächste Frühling. Fünf Monate Winterschlaf, klingt doch verlockend. Ob jemand ihr Fernbleiben bemerke? Wahrscheinlich nicht, höchstwahrscheinlich nicht. Höchstens der Sohn, hilf-, orientierungslos wie immer, wenn er von der Schule nach Hause kommt und kein ihn tischfertig erwartendes Essen vorfindet. Und wenn nicht, egal. Oder es gelingt ihr der unauffälligere Weg, durch ein dunkles Schlafzimmer hindurch kriechen in ihr Bett, ihre Bettdecke als Kokon von den Zehenspitzen bis zum Kinn. Der Kopf verschanzt unter einer straßenköterblonden Haarflut, ganz unsichtbar jedes Blinzeln und Atmen, allein eine längliche Delle ist geblieben unter einer nichtssagenden Bettdecke. Es würde genügen, eine schlafende Katze auf dieser länglichen Delle zu drapieren, den kompletten Raum einem Museum als Installation</p>
<p class="einzug">(„chambre total #2“)</p>
<p class="einzug">unterzujubeln, von dem Honorar eine Wohnung zu kaufen, irgendwo in einer anderen Stadt an einem anderen Meer als an dieser Ostsee, dieser stumpfen, dieser dumpfen, dieser plumpen Ostsee, das könnte</p>
<p class="einzug">(könnte, wie gesagt)</p>
<p class="einzug">die Lösung sein wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle tagein, tagaus am Fenster sitzen, Wellen zählen, bei der millionsten Welle wieder bei Null beginnen. Und</p>
<p class="einzug">vor allem</p>
<p class="einzug">nie wieder arbeiten, die Wohnung verlassen oder überhaupt morgens aufstehen. Zweiundzwanzig Uhr, fünfzig Minuten. Ihr Mann streicht ihr Haar zur Seite, raubt seiner Frau ihr Versteck. Es genügt</p>
<p class="einzug">jetzt</p>
<p class="einzug">sage ich</p>
<p class="einzug">diese Geste als Beweis seiner Gedankenlosigkeit, was nur soll man sagen. Es genügt nur diese Gier und das After Shave, aufdringlich und dezent im gleichen Atemzug, es genügt nur der Igel, er rollt sich von ihrem Nacken die Wirbelsäule entlang abwärts bis zur Hüfte, dann auf ihren Bauch, dann wieder aufwärts. Diesen Igel erneut packen, im Klo versenken und ersäufen</p>
<p class="einzug">(zweiter Abgang)</p>
<p class="einzug">der fordernder, stacheliger wird. Männeratem in ihrer Armbeuge drängt sie auf den Rücken, dabei etwas raunend in einer ihr fremden Sprache. Dreiundzwanzig Uhr, zehn Minuten. Die Frau in der Küche, mit geschlossenen Augen, stehend, an die Wand gelehnt, der Arm, die Hand mit dem Glas baumelt kraftlos herab, es verlangt nicht dieses Baumrauschen</p>
<p class="einzug">Eschen vielleicht, Kastanien</p>
<p class="einzug">auf der anderen Seite des Fensterglases wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle wie im Meer eine Welle um ihr glaubhaft zu versichern, daß irgendwann</p>
<p class="einzug">ganz bestimmt</p>
<p class="einzug">dieses Raunen leiser wird, diese brummende, kratzende Sehnsucht nach einem Kokon voll lyrischer Stille und Gleichgewicht, und darüber hinaus genügt vielleicht</p>
<p class="einzug">eben, vielleicht</p>
<p class="einzug">dieser Kokon, um in der Frau Hand in Hand mit dieser Sehnsucht auch dieses Verlangen abzukühlen, die Seele sich vollkommen aus dem Leib zu kotzen.</p>]]></content:encoded>
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		<title>und alles in der Farbe ihrer Unterwäsche</title>
		<link>http://kaschemme.de/2011/03/und-alles-in-der-farbe-ihrer-unterwaesche/</link>
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		<pubDate>Mon, 21 Mar 2011 06:01:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Vincent E. Noel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
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		<description><![CDATA[und seine Frau wimmerte - ich dachte, du willst es auch?, indes sie ein Kissen sich hinter ihren Rücken stopfte, der seit Wochen?, Monaten?, mit Nadelstichen (Dolchen, rostigen Nägeln) in ihr Gedächtnis sich brannte, sie also in das Kissen sich sinken ließ und, die Zimmerdecke anstarrend, eine Haarsträhne mit ihrem rechten Zeigefinger aufrollte. Und zwar eine Haarsträhne mit einer zimtfarbenen Glasur, makellos abgestimmt mit der Farbe ihrer Spitzenunterwäsche]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einzug">Und seine Frau wimmerte</p>
<p class="einzug">- ach du gütiger Gott</p>
<p class="einzug">und seine Frau wimmerte erneut</p>
<p class="einzug">- ach du gütiger Gott</p>
<p class="einzug">und seine Frau wimmerte</p>
<p class="einzug">- ich dachte, du willst es auch?</p>
<p class="einzug">indes sie ein Kissen sich hinter ihren Rücken stopfte, der seit Wochen?, Monaten?, mit Nadelstichen</p>
<p class="einzug">(Dolchen, rostigen Nägeln)</p>
<p class="einzug">in ihr Gedächtnis sich brannte, sie also in das Kissen sich sinken ließ und, die Zimmerdecke anstarrend, eine Haarsträhne mit ihrem rechten Zeigefinger aufrollte. Und zwar eine Haarsträhne mit einer zimtfarbenen Glasur, makellos abgestimmt mit der Farbe ihrer Spitzenunterwäsche</p>
<p class="einzug">(ein leichtes Spiel für Frauen mit Geschmack)</p>
<p class="einzug">die, Seide simulierend, ebenfalls zimtfarben im Fayencelicht ihrer Nachttischlampe glimmte wie in einer Komposition von Degas. Und ihr Mann wankte vor dem Fußende des Bettes, im Versuch, in seine Hose zu schlüpfen und gleichzeitig ihr Gesicht zu betrachten, die Gleichgültigkeit ihrer Mimik und die Gleichgültigkeit ihrer Gestik, die durch den rotierenden rechten Zeigefinger seiner Frau zusätzlich unterstrichen wurde und, zusätzlich, durch das Schattensgraffito ihrer Frisur, das sich selbst an die Wand etwas oberhalb ihres Kopfes einritzte, während seine Frau</p>
<p class="einzug">- ach du gütiger Gott</p>
<p class="einzug">wimmerte, er hingegen</p>
<p class="einzug">- hast du nicht selbst gesagt, du magst nur die Kinder, die du wieder abgeben kannst?</p>
<p class="einzug">das Schattensgraffito ihrer Haare mit der wahren Form ihrer Haare verglich, zwei so ähnliche, nahezu identische Dinge, dennoch grundverschieden, völlig identisch nur in der Weise, in der sie Seide simulierten, in der Weise, wie sie ihm das Ausmaß seiner Wiederlichkeit zu verstehen gaben; wie viel Mühe verlangte es ihm ab, simultan</p>
<p class="einzug">(Männer überfordert so etwas)</p>
<p class="einzug">einerseits auf zwei verschiedene Dinge, Personen sich zu konzentrieren, die nur ein Ding waren, zum anderen, ihrer Stimme Paroli zu geben</p>
<p class="einzug">- was bitte schlägst du also vor?</p>
<p class="einzug">und, während seine Augen ihrer Blickrichtung nachschlichen, die selbe Unebenheit im Stuck wie sie anzustarren, in der inbrünstigen Hoffnung, würde er</p>
<p class="einzug">(würden sie)</p>
<p class="einzug">lange genug diese Unebenheit anstarren, begännen zuerst seine Augen zu tränen, dann auch seine Frau und, im gleichen Atemzug, auch dieses ungute Gebrodel</p>
<p class="einzug">(Dolche, rostige Nägel)</p>
<p class="einzug">in seinem Magen blasser, nebelhafter zu werden, mit jedem Atemzug ein kleines Stückchen mehr, eine mehr oder weniger</p>
<p class="einzug">eher mehr als weniger</p>
<p class="einzug">oft aufkochende, ihm nicht unbekannte Mischung aus Gewissensbissen und diesem Drang</p>
<p class="einzug">(nicht Drang, dieser Sehnsucht)</p>
<p class="einzug">seiner Frau alle Zähne auszuschlagen. Jedoch tränten seine Augen nicht, die Fayenceglocke war zu wenig Licht, zu viel Keramik; und in ihm zu wenig Frieden, zu viel ungutes Gebrodel, nicht abebbend, in konzentrischen Stößen aufkommende Wellen, eine nach der anderen, die Gebetsmühle ihres rechten Zeigefingers, diese eine, diese eine einzige, ewige</p>
<p class="einzug">diese eine einzige, verdammte Haarsträhne in der Farbe ihrer Unterwäsche aufzwirbelnd, seine Frau ließ sie rotieren, ihren Mundwinkel</p>
<p class="einzug">diese Lippen, großer Gott</p>
<p class="einzug">touchieren, wickelte sie von neuem auf, unablässig monströs gedankenverloren, als hätte sie alle Zeit der Welt, ähnlich dem Klang eines jener Tremolos, die sich im Ohr einnisten, während außen zeitlos, ziellos, endlos der Regen stürzt. In ihrem Herzen die Rückseite von Regentropfen. Und aus diesem Grund</p>
<p class="einzug">unter anderem aus diesem Grund</p>
<p class="einzug">gäbe ihr Mann in solch einem Moment</p>
<p class="einzug">(ich übertreibe nicht)</p>
<p class="einzug">gäbe ihr Mann in solch einem Moment seine Seele dafür, sich unsichtbar machen zu können, der er seine Hose wie unbeabsichtigt zu Boden rutschen ließ, die Augen auf seine Kniescheiben und die so lächerlichen Storchenbeine geheftet; eine Staffage wie in einem billigen Bauerntheater; Luft holen, überzeugende Argumente finden; sein Gehirn durchblättern, Seite für Seite, rasend schnell, er entdeckte zwar Unmengen an Eselsohren auf jeder Seite und Rotweinflecken und Fingerabdrücke, aber keinerlei überzeugende Argumente, nur wenig mehr als</p>
<p class="einzug">- wir haben so viel Zeit, Arbeit, Geld und Nerven in diese Wohnung gesteckt, ich jedenfalls ziehe wegen einem Balg nicht so schnell wieder um, auch nicht in eine noch größere Wohnung.</p>
<p class="einzug">Und indes ihr Mann dies sagte</p>
<p class="einzug">und indes ihr Mann dies wimmerte</p>
<p class="einzug">hatte er beim Sprechen die Hose hochgezogen und das Hemd in die Hose gestopft, gleichzeitig waren die zwei nahezu identischen Dinge</p>
<p class="einzug">(erinnern Sie sich?)</p>
<p class="einzug">wieder zu einem Ding geworden; seine Frau hatte die Nachttischlampe ausgeschaltet, üppig und langsam wie Kleopatra aus dem Bett sich erhoben, kam jetzt inmitten dieser Siebenuhrfinsternis</p>
<p class="einzug">merkwürdig, ehrlich</p>
<p class="einzug">inmitten dieser Dunkelheit wie ein Feind</p>
<p class="einzug">(ein Meuchelmörder, ein Assassine)</p>
<p class="einzug">auf ihn zu, dunkles Zimmer, dunkler Stoff, dunkle Haare, alles dunkel und alles in der Farbe</p>
<p class="einzug">(erinnern Sie sich?)</p>
<p class="einzug">ihrer Unterwäsche, seine Frau streckte ihre Hände aus und ergriff seine Krawatte, richtete sie ihm, was ihrem Mann das Gefühl gab, zwei fleischfressende Pflanzen gingen ihm an die Gurgel, zwei fleischfressende Pflanzen, die Knoten und Sitz der Krawatte richteten, bis beide den gewünschten fehlerfreien Zustand erreichten. Wie jedermann weiß, benötigen Frauen für derlei Dinge kein Licht.</p>
<p class="einzug">- Dann sei wenigstens so gut, mich zur Frauenärztin zu fahren</p>
<p class="einzug">bat sie ihren Mann, dessen Krawattenknoten begutachtend wie ein Henker seinen Strick, ihre Stimme sehr ähnlich der einer glücklichen Ehefrau, die sich nach dem Spielplan des Theaters erkundigte – man muß hinzufügen, seit der Hochzeit besaß das Paar ein Abonnement für das hiesige Theater, besuchte es mindestens vier Mal im Monat, ihr Mann entschied über die Tage und die Stücke, seine Frau war einverstanden, was eine leichte Sache war, nachdem das Paar zumeist einer</p>
<p class="einzug">(seiner)</p>
<p class="einzug">Meinung war, denn selbst nach elf Ehejahren hat das Paar noch das Glück, so zumindest dachte er</p>
<p class="einzug">dachte ich</p>
<p class="einzug">dachte er</p>
<p class="einzug">hinsichtlich fast aller Dinge, Angelegenheiten des Daseins einer</p>
<p class="einzug">(seiner)</p>
<p class="einzug">Meinung zu sein, abgesehen von gewissen Angelegenheiten, Störungen des inneren Gleichgewichtes wie</p>
<p class="einzug">beispielsweise</p>
<p class="einzug">dieses sinnlose, dieses beschissene, absurde Gespräch, und wenn wir schon beim Thema sind, Störungen wie</p>
<p class="einzug">beispielsweise</p>
<p class="einzug">diese schwachsinnige Unbedachtheit, und schließlich war es auch nur eine Unbedachtheit, mehr nicht, die beweist, wie schnell</p>
<p class="einzug">leider Gottes</p>
<p class="einzug">ein Moment des Glücks in eine Permanenz aus Unfrieden sich verwandelt, man gibt nur einmal kurz nicht acht, vergißt die Selbstbeherrschung, schon ist man mitten in der tiefsten Bredouille. A pro pos Unbedachtheit, von welcher Frauenärztin hat sie geredet?, wie bitte kommt sie denn auf so eine Idee?, was bitte soll das?, was da alles passieren kann, ständig liest man in den Zeitungen solch schreckliche Sachen, pfuschende Ärzte, Fehler in der Hygiene, der Medikation, unvorstellbar, was alles passieren, was den Frauen dort alles angetan werden kann, weswegen ihr Mann nach einer gefühlten Ewigkeit seinen Mund öffnete, weswegen ihr Mann nach einer gefühlten Ewigkeit</p>
<p class="einzug">- selbstverständlich, mein Schatz</p>
<p class="einzug">sagte, weswegen ihr Mann nach erneut der gleichen Zeitspanne</p>
<p class="einzug">- ich begleite dich hin und hole dich wieder ab</p>
<p class="einzug">sagte, der Weg von der Siemensbrücke bis zum Friedrich-Ebert-Platz ist weit und voller Gefahren, und ich spreche hierbei vom Weg zu einer Frauenärztin mit einem auf irgendeiner rumänischen Provinzuniversität erworbenem Doktortitel, die die Tür ihrer Praxis nur einen Spalt weit öffnete, seiner Frau wissend zunickte und ihrem Mann den Zutritt verweigerte. So also verbrachte er die Wartezeit im Wagen auf einem Behindertenparkplatz, auf dem Fahrersitz sich fläzend wie ein Ochsenfrosch auf einem Seerosenblatt, zwei, drei</p>
<p class="einzug">(vier, fünf)</p>
<p class="einzug">Mücken auf der Windschutzscheibe, er wartete</p>
<p class="einzug">und wartete</p>
<p class="einzug">und wartete</p>
<p class="einzug">und wartete, rauchend sich ausmalend, wie sie ihn in Zukunft verabscheuen wird, rauchend an ihre roten Lippen, diese sagenhaft, diese unglaublich rote Lippen</p>
<p class="einzug">diese teuflischen Lippen, großer Gott</p>
<p class="einzug">(erinnern Sie sich?)</p>
<p class="einzug">denkend wie ein Fieberkranker, rauchend sich ausmalend, wie er</p>
<p class="einzug">(nächste Woche oder so)</p>
<p class="einzug">mit einem Strauß Rosen die Wohnung betritt, rauchend sich ausmalend, wie ihr Gedächtnis all dies zu den Akten legen wird, denn so ist das doch immer, nicht wahr, so geht das Leben mit allen Unannehmlichkeiten der Vergangenheit um, nicht wahr, und das war bei seiner Frau nicht anders: all die Unannehmlichkeiten der vergangenen elf Ehejahre, jene Lungenembolie ihres Vaters, jener Flugzeugabsturz, als ihre Schwester auf dem Weg in ihren Urlaub</p>
<p class="einzug">(türkische Ostküste, zwei Pauschalwochen)</p>
<p class="einzug">war, und was geblieben ist, ja, was ist geblieben, geblieben ist ein schales Gefühl auf der Zunge mit der Farbe und dem Geschmack von Regen, und manchmal</p>
<p class="einzug">wie gesagt, manchmal</p>
<p class="einzug">noch der Wunsch</p>
<p class="einzug">(der Drang?, die Sehnsucht?)</p>
<p class="einzug">zu schreien schreien schreien. Und nun, zwei Pappbecher Kaffee und sieben Zigaretten</p>
<p class="einzug">(filterlos, Menthol)</p>
<p class="einzug">später, kauerte seine Frau wieder im Beifahrersitz, während ihr Mann sich daran ergötzte, wie leicht es doch diesem Ding namens Mensch fällt, böse Erinnerungen loszuwerden. Ist es nicht wunderbar, ein Mensch, ein Mann zu sein? Und seine Frau wimmerte</p>
<p class="einzug">- ach du gütiger Gott</p>
<p class="einzug">und seine Frau wimmerte erneut</p>
<p class="einzug">- ach du gütiger Gott</p>
<p class="einzug">und trug weder eine wesentlich andere Gesichtsfarbe noch einen wesentlich anderen Blick als sonst, ihr Mann drehte den Kopf eulenhaft</p>
<p class="einzug">- na?</p>
<p class="einzug">in ihre Richtung, erhielt keine Antwort, aus ihrer linken Hosentasche ragte eine längliche, abgenutzt und abgelaufen wirkende Tablettenpackung mit rumänischer Beschriftung, das Auto passierte die zweite Ampel, seine Frau schluckte die ersten zwei Tabletten. Vier Ampeln später wieder zwei. Und wie stets, als habe nichts sich geändert</p>
<p class="einzug">hatte sich etwas geändert?</p>
<p class="einzug">etwas hatte sich geändert</p>
<p class="einzug">hielt ihr Mann seiner Frau Wagentür, Haustür, Wohnungstür auf, sie schwieg. Und sie schwieg, als sie ins Schlafzimmer schwankte, sie legte nicht ihre Schuhe, nicht ihre Jacke ab, vergrub bis zur Stirn sich unter der Bettdecke, während ihr Ehemann auf der Couch im Wohnzimmer lungerte, ein Kissen sich hinter seinen Rücken stopfte, der seit Wochen?, Monaten?, mit Nadelstichen</p>
<p class="einzug">(Dolchen, rostigen Nägeln)</p>
<p class="einzug">in sein Gedächtnis sich brannte, beruhigte sein wühlendes Herz, indem er die Kunstdrucke</p>
<p class="einzug">(Adele Bloch 2, der Kuss)</p>
<p class="einzug">an der Wand betrachtete, bis er wieder atmen konnte. Und als er zu Bett ging, erwachte sie nicht, und als er aufstand, erwachte sie nicht, und als er von der Arbeit nach Hause kam, erwachte wurde sie nicht, und als er wieder zu Bett ging, erwachte sie nicht, ebenso nicht, als er erneut einen Tag später aufstand, zur Arbeit ging, in der Pause zwischen zwei Besprechungen wählte er ihre Nummer</p>
<p class="einzug">(Festnetz und Handy)</p>
<p class="einzug">ohne Ergebnis, sein Abteilungsleiter gab ihrem Mann den Nachmittag über frei, dieser erreichte das Haus um Gongschlag vierzehn Uhr. Als er die Wohnungstür aufsperrte, schloß seine Frau eben ihren Mantel, sie hatte ihre Reisetasche geschultert, ging</p>
<p class="einzug">ging nicht, schwankte</p>
<p class="einzug">an ihm vorüber, die Treppe hinab, und er hörte die Bewegung ihrer Lippen</p>
<p class="einzug">diese Lippen, barmherziger Gott</p>
<p class="einzug">- wenn jemand für mich anrufen sollte, sage einfach, ich bin meine Mutter besuchen und Anfang nächster Woche wieder zurück</p>
<p class="einzug">im Treppenhaus langsam verhallen, zwei Etagen abwärts bis zur Haustür, indes bei jedem zweiten Schritt, bei jeder zweiten Stufe die Reisetasche gegen das Treppengeländer knallte, ein Geräusch, fast so herb und lang durch das Treppenhaus surrend wie</p>
<p class="einzug">nein, herber, länger durch das Treppenhaus surrend als der Klang ihrer Stimme. Und er wartete, sah ihr zu, wie sie treppab schwankte wie ein verbrauchter, wertloser Packesel, sich am Geländer festhielt, bis sie die letzte Stufe erreicht hatte, wenige Augenblicke danach stürzte die Haustür</p>
<p class="einzug">(sie fiel nicht, sie stürzte)</p>
<p class="einzug">ins Schloß, woraufhin er sich umdrehte, die Wohnung von innen verriegelte, gesetzten Schrittes in Richtung Couch, in Richtung Adele Bloch 2 ging, mit dem Gefühl, innerlich</p>
<p class="einzug">(Leber, Lunge, Milz)</p>
<p class="einzug">zermalmt zu werden, sich selbst dabei immer wieder</p>
<p class="einzug">- und wenn niemand anruft, was mache ich dann?</p>
<p class="einzug">ins Gehirn träufelnd, sich selbst dabei immer wieder</p>
<p class="einzug">- nächste Woche ist alles wieder in Ordnung</p>
<p class="einzug">ins Gedächtnis rufend, während er sich umblickte in der so plötzlich so leeren Wohnung, in der alles dunkel und gleichzeitig alles in der Farbe von Regentropfen</p>
<p class="einzug">was ich nicht glaube</p>
<p class="einzug">oder gleichzeitig alles in der Farbe</p>
<p class="einzug">was der Wahrheit schon näher kommt</p>
<p class="einzug">(erinnern Sie sich?)</p>
<p class="einzug">ihrer Unterwäsche war, nicht anders als die einzelnen Buchstaben seiner Gedanken, die verschwammen, sich auflösten, seiner Ehefrau, der verlorenen, so schnell und intensiv nacheilen wollten wie das Blut allen Bewegungen des Herzens.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Tür</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Mar 2011 23:13:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krimi]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Flur ist lang, kalt und kahl, und er wäre finster wie die Nacht, wie der Tod, wenn die Leuchtstoffröhren an der Decke schlafen würden. Kein Geräusch stört die Stille, Leben scheint an diesem Ort undenkbar, ein lebensfeindlicher Flur also, eine Wüste, eine Einöde. Doch dann taucht eine Tür aus der Flurschlucht auf, eine blaue [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="size-full wp-image-631 alignright" title="Büro Gang Flucht" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/02/buero_gang_flucht.gif" alt="Büro Gang Flucht" width="230" height="184" /></p>
<p>Der Flur ist lang, kalt und kahl, und er wäre finster wie die Nacht, wie der Tod, wenn die Leuchtstoffröhren an der Decke schlafen würden. Kein Geräusch stört die Stille, Leben scheint an diesem Ort undenkbar, ein lebensfeindlicher Flur also, eine Wüste, eine Einöde. Doch dann taucht eine Tür aus der Flurschlucht auf, eine blaue Tür in einer einstmals weißen Wand. Und neben der Tür bietet ein Klingelknopf seine Dienste an, vielmehr eine Leiste, eine schmutzigweiße Klingelleiste, auf die mein Zeigefinger zuschießt, nachdem sich die Tür als eine verschlossene herausgestellt hat. Anstatt eines Summens, das sich im Normalfall an ein Klingeln anschließt und signalisiert, dass ein Schloss elektrisch entsichert wird und die Tür zum Öffnen freigibt, bohrt sich eine Stimme in die Stille, eine Stimme, nicht aus heiterem Himmel, sondern aus dem Lautsprecher einer Gegensprechanlage, die unterhalb der Klingelleiste kauert. Die Stimme fragt nach meinem Begehren. Ich neige Kopf und Oberkörper zu der Gegensprechanlage hinab, ich verneige mich vor einer unsichtbaren Macht mit metallisch tönender Stimme und sage, dass ich mich bei Frau Sonstwo um eine Stelle als Aushilfsaushilfe bewerben wolle. Darauf werde ich gefragt, ob ich einen Termin habe. Mein Weltbild gerät ins Wanken, meine Identität treibt auf den aufgewühlten Wellen der Verunsicherung, von einer einzigen Frage aus der Verankerung gerissen. Jetzt ist Eile geboten, jetzt bedarf es eines ganzen Mannes: Ich muss mich innerhalb einer Sekunde entscheiden, ob ich die Frage bejahen und also lügen oder ob ich mir treu bleiben und sie verneinen solle. Dann spreche ich mir mit einem gehauchten Nein mein eigenes Urteil aus. Denn die Tür wird mir nicht geöffnet, sie bleibt so fest verschlossen wie ein Stadttor während einer Belagerung. Die unsichtbare Macht mit der metallisch tönenden Stimme bleibt unsichtbar, sie bedeutet mir, meine Bewerbung in den Briefkasten zu werfen und wünscht mir einen guten Tag.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Glicks machten Urlaub</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Feb 2011 16:05:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anna Miel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bild]]></category>
		<category><![CDATA[absurd]]></category>
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		<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Ausstellung Anna Miel]]></category>
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		<category><![CDATA[idylle]]></category>
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		<description><![CDATA['Die Glicks machten Urlaub' - ein Bild von Anna Miel]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1539" title="Anna Miel: Die Glicks machen Urlaub" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/02/anna-miel__die-glicks-machten-urlaub.jpg" alt="Anna Miel: Die Glicks machen Urlaub" width="560" height="455" /></p>]]></content:encoded>
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		<title>Richard und das Meer im Oktober</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Feb 2011 06:01:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Vincent E. Noel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[Abgrund]]></category>
		<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Frau]]></category>
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		<category><![CDATA[Mann]]></category>
		<category><![CDATA[moderne]]></category>
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		<description><![CDATA[Du kommst nach Hause, entnervt und gelangweilt von der Arbeit und den Kollegen, mit deinem Eintreten beginnen die Teppichböden negative Energie zu knistern, und alles hingegen, was du mir bietest, ist der Anblick eines Stückes Unterschenkel zwischen Socke und Hosensaum bei übereinander geschlagenen Beinen, während du dich auf der Couch hinter der Zeitung verschanzt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="einzug">Liebling, wir müssen mit einander reden. Was nur ist geschehen, Richard, was nur hat dich so verändert? Du kommst nach Hause, entnervt und gelangweilt von der Arbeit und den Kollegen, mit deinem Eintreten beginnen die Teppichböden negative Energie zu knistern, und alles hingegen, was du mir bietest, ist der Anblick eines Stückes Unterschenkel zwischen Socke und Hosensaum bei übereinander geschlagenen Beinen, während du dich auf der Couch hinter der Zeitung verschanzt. Das ist ja auch in Ordnung</p>
<p class="einzug">oder zumindest verständlich</p>
<p class="einzug">soweit, jeder hat von Zeit zu Zeit einen schlechten Tag, außerdem ist allgemein bekannt, Männer brauchen ihre Ruhe, und Arbeit ist nun mal kein Ponyhof und keine Puppenstube. Aber, Richard</p>
<p class="einzug">(du musst nicht gleich so böse werden)</p>
<p class="einzug">warum tust du so, wenn ich ein Gespräch versuche, als gäbe es nur die Zeitung, die</p>
<p class="einzug">(mich gibt es nicht)</p>
<p class="einzug">du liest, ich wage den Versuch ein zweites Mal, deine Beine wandern in die mir entgegengesetzte Richtung, das Stück Unterschenkel wächst mit der Aufmerksamkeit, die du nicht mir, die du nur der Zeitung und deinem allabendlichen Sudoku schenkst, ich spüre deinen Atem launischer werden, begehe die Dummheit, meine Hand auf deine</p>
<p class="einzug">warum wirst du so zornig, Richard?</p>
<p class="einzug">Schulter zu legen, und deine Schulter, Richard, versucht mir zu entkommen, meine Hand wandert zu deinen Haaren</p>
<p class="einzug">(kastanienbraun, meine Lieblingsfarbe)</p>
<p class="einzug">und deine Haare wollen nicht berührt werden, zucken weg, als solle es sie nicht, also so wenig wie mich geben oder wie dein Gesicht, von dir existiert nur Oberkörper, Hosensaum, Socken, deine gereizte Stimme</p>
<p class="einzug">- was ist denn Ines</p>
<p class="einzug">- laß mich bitte die Zeitung lesen Ines</p>
<p class="einzug">- tue mir den Gefallen und störe mich nicht Ines</p>
<p class="einzug">du nimmst wortlos und hastig das Abendessen zu dir, schielst heimlich auf die Uhr, mit der Hoffnung, ich würde es nicht bemerken</p>
<p class="einzug">ich bemerke es sehr wohl</p>
<p class="einzug">und dann läßt du mich allein mit deinem schmutzigen Geschirr zurück, obwohl ich noch nicht aufgegessen habe, verlierst kein Wort über meine neue junigrüne Bluse, meine neue junigrüne Bluse</p>
<p class="einzug">absolut und vollkommen</p>
<p class="einzug">uninteressant und ihr Inhalt</p>
<p class="einzug">(mich gibt es nicht)</p>
<p class="einzug">ebenso, du interessierst dich nicht</p>
<p class="einzug">interessierst dich seit Ewigkeiten schon nicht mehr dafür, wie mein Tag war, oder ob das Asthma mir Schwierigkeiten gemacht hat, du gibst mir keinen Kuß, seit Ewigkeiten hast du mich nicht mehr geküßt, nicht einmal auf die Wange, Richard, seit Ewigkeiten hast du mich nicht mehr zärtlich angesehen, diese ganz besondere Art</p>
<p class="einzug">Melodie</p>
<p class="einzug">deiner Augen, wohin ist sie?, was ist der Grund, weswegen du es vorziehst, die Hände vor der Brust verschränkt, auf die Straße zu starren, den Fernseher einzuschalten und den Nachrichtensender dröhnen zu lassen, sobald die Uhrzeit auf den Beginn meiner Serie prallt, bist du von allem</p>
<p class="einzug">bist du von Nachrichten, Uhrzeit, Seifenoper noch mehr genervt, noch mehr angeödet, und von mir scheinbar</p>
<p class="einzug">von mir offensichtlich</p>
<p class="einzug">obwohl, sicher bin ich mir nicht</p>
<p class="einzug">ebenso, rotierst mit der Fernbedienung einmal durch alle Programme, läßt den Kanal bei meiner Serie</p>
<p class="einzug">- mach doch was du willst</p>
<p class="einzug">jedes Ding, jede Kleinigkeit regt dich auf, jedes Ding, jede Kleinigkeit frustriert dich, jedes Ding, jede Kleinigkeit enttäuscht dich, in den Sonntagnächten hingegen, vorzugsweise, wenn ich beinahe eingeschlafen bin, spüre ich</p>
<p class="einzug">- komm her Ines</p>
<p class="einzug">in der Dunkelheit dein Gewicht auf mir, das Becken schmerzt, mein Asthma beschwert sich, die Beine möchten fliehen, eine mitternächtliche Straßenbahn läßt Weingläser in der Wohnzimmervitrine zaghaft, aber penetrant klirren, zu gerne würde ich die Zeiger der Uhr an der Wand entziffern, doch ist es zu dunkel, doch ist es zu kalt, wenn ich mich zudecke, hast du mir bereits den Rücken zugedreht, bist bereits eingeschlafen. Was nur ist geschehen, mein Liebling, was nur hat dich so verändert? Als wir uns vor annähernd dreizehn Jahren</p>
<p class="einzug">ungefähr dreizehn Jahren</p>
<p class="einzug">kennengelernt haben, ich kann mich noch genau entsinnen, wie du, mit diesen unbeholfenen, mich so rührenden Schritten mir entgegenkamst, von Zeit zu Zeit mit einer Blume</p>
<p class="einzug">zumeist einer Orchidee</p>
<p class="einzug">in der zitternden Hand, der du, lautlose Worte murmelnd, ein Blütenblatt nach dem anderen ausgerupft</p>
<p class="einzug">(sie liebt mich nicht, sie liebt mich, ich wünsche mir, sie liebt mich)</p>
<p class="einzug">hast, und dein Oktoberlächeln sanfter als alle Wellen, die da kamen, eine endlos hohe Zahl an Wellen, alle plump, du so warm, so unsicher, wo die Wellen enden dürfen</p>
<p class="einzug">- was für schöne Ohrringe Fräulein Ines</p>
<p class="einzug">makellose Aufmerksamkeit, makellose Zärtlichkeit, makellos mich umwerbend, kein Satz ohne mindestens einem</p>
<p class="einzug">- Fräulein Ines</p>
<p class="einzug">(davon träumen Frauen)</p>
<p class="einzug">nicht mit dem heutigen</p>
<p class="einzug">- ach du</p>
<p class="einzug">nicht mit dem heutigen</p>
<p class="einzug">- mach doch was du willst</p>
<p class="einzug">wenn ich meine Frisur geändert, mich für andere Ringe oder eine Brosche entschieden habe, die du noch nicht kanntest, die Bronzeschnecke aus Kroatien beispielsweise, dauerte es nur einen Moment, nicht länger als ein Herzschlag, bis du etwas charmantes, etwas aufmerksames darüber zu sagen wußtest, und augenblicklich ein zärtlicher Satz in meinem Ohr, dein braunes</p>
<p class="einzug">(kastanienbraun, davon träumen Frauen)</p>
<p class="einzug">Haar, dein brausewarmer Atem und ein zärtlicher Blick auf meiner Haut, ein zärtliches</p>
<p class="einzug">- Fräulein Ines</p>
<p class="einzug">ich meine, immerhin ist es dir sogar gelungen, meinen Vater einzunehmen, was wirklich eine Leistung ist, ich kann mich noch genau entsinnen, wie angetan er von dir war, von deinem Wissen, deinen Manieren, ihr habt über Politik, Geschichte, Astronomie debattiert, du hast augenblicklich jede Debatte unterbrochen, bist augenblicklich vom Stuhl aufgestanden, wenn ich den Raum betreten habe, was nur ist geschehen</p>
<p class="einzug">mein Liebling</p>
<p class="einzug">Richard</p>
<p class="einzug">was nur hat dich so verändert? Wir sind im Oktober ans Meer gefahren, du kanntest eine bescheidene, aber sehr saubere und hübsche Pension, unser Zimmer hatte champagnerfarbene Stofftapeten</p>
<p class="einzug">(champagnerfarbene Stofftapeten sind himmlisch)</p>
<p class="einzug">und Meerblick, ich sah zum ersten Mal das Meer, und das Meer im Oktober ist eine von Möwen und Muscheln bevölkerte Endlosigkeit mit der Konsistenz und Farbe von Schlamm, jeden Morgen nach dem Frühstück</p>
<p class="einzug">englischer Toast, Eier, Orangensaft</p>
<p class="einzug">sind wir dem Ufer gefolgt und haben Hand in Hand Vögel erschreckt, und du hast gesagt, ich</p>
<p class="einzug">(die es nicht gibt)</p>
<p class="einzug">sei so fröhlich, du hast gesagt, ich</p>
<p class="einzug">(die es nicht gibt)</p>
<p class="einzug">sei so hübsch, manchmal hast du sogar gesagt, ich</p>
<p class="einzug">(die es nicht gibt)</p>
<p class="einzug">sei schön, ich entsinne mich an dein Lächeln</p>
<p class="einzug">dein Lächeln, großer Gott, dein Lächeln</p>
<p class="einzug">wenn ich mit schnellen Schritten dem Ufer folge auf der Jagd nach Möwen, und dann deine nächtliche Angst, ich könnte, kreischend mit einem Fisch zwischen den Lippen, davonflattern, nach Fisch miefende Tropfen auf den Bettvorlegern oder der champagnerfarbenen Stofftapete</p>
<p class="einzug">(champagnerfarbene Stofftapeten sind großartig)</p>
<p class="einzug">hinterlassen, deine bange, besorgt flüsternde Stimme, die mich bat, beinahe anflehte, bei dir zu bleiben, dich niemals zu verlassen und für immer bei dir zu bleiben, bis du</p>
<p class="einzug">(was nie lange dauerte)</p>
<p class="einzug">eingeschlafen bist, und während dich mein Oberkörper als Kopfkissen verwöhnte, süße Träume schenkte, lagen deine Arme derart schwer, derart drückend auf meinem Becken, daß sie mir das Blut abschnürten, sage mir doch endlich, welchen Fehler habe ich begangen, was nur ist geschehen</p>
<p class="einzug">mein Liebling</p>
<p class="einzug">Richard</p>
<p class="einzug">was an mir hat dich so verändert, bin ich keine Möwe mehr, Richard, ich verstehe es nicht, und was mich</p>
<p class="einzug">(die es nicht gibt)</p>
<p class="einzug">betrifft, so bin ich der Meinung, wir sollten im Oktober Urlaub nehmen und wieder das Meer besuchen, in dieser hübschen Pension absteigen, in der wir jede Nacht …, wohin ist dieses Wellenlächeln verebbt, fühlst du dich von mir </p>
<p class="einzug">(die es nicht gibt</p>
<p class="einzug">die es nicht mehr gibt)</p>
<p class="einzug">vernachlässigt, warum sagst du das nie, aber damit ist nun Schluß, ich werde mir mehr Mühe geben, abwechslungsreicher kochen, sorgfältiger die Blumen gießen, ich werde einen teueren Lippenstift, eine tiefer ausgeschnittene, enger anliegende Bluse, Schuhe mit hohen Absätzen kaufen und in den Reisekoffer schmuggeln, jeden Morgen das Ufer aufsuchen, wo ich, schöner noch als vor annähernd dreizehn Jahren</p>
<p class="einzug">ungefähr dreizehn Jahren</p>
<p class="einzug">auf dich warten, und wenn auch du am Strand bist und mich siehst, am Rande dieser Endlosigkeit aus Möwen, Muscheln, Schlamm, wirst du einen Augenblick lang stehen bleiben, und du wirst lächeln</p>
<p class="einzug">ganz bestimmt wirst du lächeln</p>
<p class="einzug">mein Liebling</p>
<p class="einzug">die Zeitung, dein allabendliches Sudoku, die Nachrichten aus aller Welt werden dich nicht mehr interessieren, du wirst nur noch mich sehen, mich so nervös wie damals in ein Cafè ausführen, mir Käsekuchen und Milchkaffee spendieren, makellose Aufmerksamkeit, makellose Zärtlichkeit, makellos mich umwerbend, eine Flut an lächelnden Wellen, die kein Ende nehmen, kein Ende nehmen werden, niemals ein Ende nehmen, die mitternächtliche Straßenbahn wird unsere Weingläser häufiger zittern lassen, du wirst mir wieder diese gewissen Dinge ins Ohr flüstern, die mich damals erröten ließen, du weißt schon, und jetzt, schau nur, Richard, du siehst ja gar nicht hin, die Möwen vermischen lautlos sich mit den Wolken, wir sind allein, mein Liebling, nur du und ich und der nasse Sand und</p>
<p class="einzug">vielleicht finden wir Bernsteine, man muß nur sorgfältig genug suchen</p>
<p class="einzug">das ewige Meeresrauschen, und du bist glücklich, nicht wahr, sage mir, daß du so glücklich</p>
<p class="einzug">(komm schon, sag es)</p>
<p class="einzug">bist wie ich, denn ich bin glücklich, fühle mich geborgen bei dir, spüre in mir, in meinem Herzen keine Zweifel mehr, nur noch eine Sicherheit, die mir kein Mensch nehmen kann, denn ich weiß, daß wir</p>
<p class="einzug">und nichts überzeugt mich vom Gegenteil</p>
<p class="einzug">endlos glücklich, für alle Zeiten glücklich, bedingungslos glücklich sein werden</p>
<p class="einzug">bedingungslos glücklich sein können, sofern du dir endlich einen Ruck gibst, dich endlich überwinden kannst und dich nicht mehr dagegen sträubst</p>
<p class="einzug">(du sträubst dich, du sträubst dich nicht, ich wünsche mir, du sträubst dich nicht)</p>
<p class="einzug">wenn mich dein Oberkörper als Kopfkissen verwöhnt und ich meine Arme derart schwer, derart drückend auf dein Becken lege, bis sie dir das Blut abschnüren, während ich dich an dein Versprechen</p>
<p class="einzug">und versprochen ist versprochen</p>
<p class="einzug">erinnere, mich niemals zu verlassen und für immer bei mir zu bleiben, bis ich</p>
<p class="einzug">(was nicht lange dauern wird)</p>
<p class="einzug">eingeschlafen bin.</p>
<p class="einzug">
<p style="text-align: right;">(<em>November 2009 )</em></p>]]></content:encoded>
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		<title>Alles geht zum Anus</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Feb 2011 05:31:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sven Klöpping</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
		<category><![CDATA[medial]]></category>
		<category><![CDATA[moderne]]></category>
		<category><![CDATA[tristesse]]></category>

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		<description><![CDATA[Manchen TV-Sendern ist eben nichts zu schade. / Da können schon mal Blondinchen im grammatikalischen Vakuum gedeihen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1490" title="3-glotz-tv" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/02/3-glotz-tv-140x140.jpg" alt="" width="140" height="140" />Wolleier legende Saumilchshowmaster,</p>
<p>Phrasenheischendes Affenauditorium –</p>
<p>manchen TV-Sendern ist eben nichts zu schade.</p>
<p>Da können schon mal Blondinchen im grammatikalischen Vakuum gedeihen.</p>
<p>Da kann einer ein Sterbenswörtchen verlieren und dabei so richtig aufleben.</p>
<p>Da kann es sogar vorkommen, dass man so entstandene Bildermündel aufzeichnet, pflegt und säugt, bis sie nur noch rumschreien und mehr Quotenschlachtungen verlangen.</p>
<p>Dann ist es an der Zeit, sich mit einer Kettensäge unterzumieten.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Abweisendes Gebäude</title>
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		<pubDate>Tue, 08 Feb 2011 14:15:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Der Wirt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Foto]]></category>
		<category><![CDATA[ablehnend]]></category>
		<category><![CDATA[grau]]></category>
		<category><![CDATA[steinern]]></category>
		<category><![CDATA[terror]]></category>
		<category><![CDATA[tod]]></category>
		<category><![CDATA[tristesse]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein abweisendes Gebäude.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1488" title="abweisendes_gebaeude" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/02/abweisendes_gebaeude.jpg" alt="" width="560" height="560" /></p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Welt, das Leben und ich</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Feb 2011 22:01:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Miniatur]]></category>
		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
		<category><![CDATA[tristesse]]></category>

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		<description><![CDATA[Was sehe ich: mich – immer ein und denselben. / ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was sehe ich: mich – immer ein und denselben.</p>
<p>Was höre ich: Lärm – immer ein und denselben.</p>
<p>Was denke ich: Mist – immer ein und denselben.</p>
<p>Was schmecke ich: Langeweile – immer ein und dieselbe.</p>
<p>Was fühle ich: Leere – immer ein und dieselbe.</p>
<p>Was will ich: nichts – immer ein und dasselbe.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Karriere</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Jun 2010 05:00:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[Glück]]></category>
		<category><![CDATA[Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[Karriere]]></category>
		<category><![CDATA[tristesse]]></category>
		<category><![CDATA[Wünsche]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich war nervös. In einer Stunde sollte ich einen Auszug aus Schillers „Räuber“ vor der Aufnahmejury der hiesigen Theaterhochschule vortragen. Ich würde ein Schauspieler sein. Jemand, der so tut als ob.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Wasser in der Wanne war mittlerweile kalt, doch Didi wollte noch nicht raus. Mutter gab noch etwas warmes Wasser hinzu und rieb dann Didi’s Kopf mit Kindershampoo ein. Es roch nach Pfirsich und brannte nicht in den Augen. Didi schrie trotzdem und ich saß draußen in der Küche und versuchte zu Lesen. Bei jedem zweiten Satz verlor ich die Konzentration und nippte an meiner Tasse Tee. Wie das Wasser in der Wanne, war auch mein Tee mittlerweile kalt. Ich war nervös. In einer Stunde sollte ich einen Auszug aus Schillers „Räuber“ vor der Aufnahmejury der hiesigen Theaterhochschule vortragen. Ich würde ein Schauspieler sein. Jemand, der so tut als ob. Ich wollte eigentlich noch mal den Text durchgehen, aber ich hatte Bedenken, dass meine Nervosität mich dazu brachte, die ganze Sache noch mal derartig zu überdenken, dass ich am Ende die „Räuber“ in den Müll werfen würde. Scheiß auf Schiller. Scheiß auf das ganze Theater. Ich nahm meine Tasse und besuchte meine kleine Schwester und meine Mutter im Badezimmer. Ich setzte mich auf den Toilettendeckel und sah zu, wie Mutter mit einem kleinen Eimer Wasser aus der Wanne schöpfte und es dann Didi über den Kopf goss.</p>
<p>“Nimmst du den Bus?” fragte meine Mutter.</p>
<p>Natürlich nehme ich den Bus, ein Auto hatten wir ja nicht.</p>
<p>“Hast du ein frisches Hemd angezogen?”</p>
<p>Es war nicht frisch gewaschen, aber es sah gut aus und das musste reichen. Mutter schrubbte Didi das Shampoo aus den Haaren und kämmte mit den Händen noch mal durch.</p>
<p>“Ja, alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen,” sagte ich.</p>
<p>“Gleich fertig, lass die Augen noch zu,” sagte Mutter zu Didi und die wollte einfach nicht hören.</p>
<p>“Es brennt,” protestierte sie und Mutter reagierte schon gar nicht mehr darauf.</p>
<p>“Nimmst du deinen Lebenslauf mit?” fragte mich meine Mutter.</p>
<p>Nein, den denn würde ich nicht brauchen, zumal es sowieso nicht viel zu erwähnen gab. Doch ich log, ich sagte ich hätte alles parat. Meine Kleider, meinen Lebenslauf, mein optimistisches Lächeln.</p>
<p>“Mann, das ist ja mal was. Da wirst du ja bald dein eigenes Büro bekommen, was?”</p>
<p>Nein, das würde ich bestimmt nicht, denn es gab überhaupt kein Vorstellungsgespräch für ein Ausbildungsplatz als Bankkaufmann. Ich würde Schauspieler werden. So wie Klaus Kinski oder Armin Mueller-Stahl, oder vielleicht auch Komiker oder Kabarettist wie Dieter Krebs oder Dieter Hallervorden. Schauspieler, Mutter. Die, die so tun als ob. Ich hatte doch Talent, oder etwa nicht?</p>
<p>“Habe an alles gedacht, Mutter. Keine Sorge.”</p>
<p>“Na dann.” Mutter nahm sich ein Handtuch und half Didi aus der Wanne.</p>
<p>Während sie Didi trocken rieb, gab sie mir noch mal einen abschließenden Vortrag darüber wie glücklich ich mich schätzen sollte.</p>
<p>“Ich hatte nicht diese Möglichkeit, die du nun hast. Das ist wirklich was Einmaliges. Du wirst wohl der erste in der Familie sein, der Karriere macht.”</p>
<p>„Ja, so was in der Art.“</p>
<p>Ich lächelte nur bescheiden und nickte in einer Art und Weise, die ihr signalisieren sollte, dass ich den Vortrag nicht weiter hören wollte.</p>
<p>“Ich will Schokolade,” sagte Didi und hielt das Handtuch, dass Mutter ihr umgelegt hatte fest.</p>
<p>“Na, komm,” sagte Mutter und ich trat als Erster aus dem Badezimmer zurück in die Küche. Didi wurde in ihr Zimmer gebracht und aufs Bett gesetzt. Neben ihr lagen ihre Kleider, die sie heute in die Schule anziehen sollte. Ein schwaches Licht schien aus der halboffenen Tür in den Flur und ich konnte die flüsternden Worte meiner Mutter hören, die Didi dazu bringen wollte sich endlich anzuziehen und die Schokolade zu vergessen.</p>
<p>“Ich will aber noch Schokolade,” hörte ich Didi, die gar nicht daran dachte zu flüstern.</p>
<p>“Du hast dir aber schon die Zähne geputzt.”</p>
<p>“Aber ich esse doch bald sowieso was…”</p>
<p>“Das erste am Tag muss aber nicht gleich Schokolade sein.”</p>
<p>Danach war nur noch der Fön zu hören.</p>
<p>Ich derweilen blickte hinab auf meine billigen Lederschuhe mit den nervigen Gummiabsätzen, in denen ich mir vor kam wie ein Clown. Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich mich beim Zirkus beworben hätte. Mein dunkles Jackett, die dunkel-blaue Hose dazu und meine gestylten Haare, die ich wahrscheinlich besser unter einer knallroten Perücke verstecken sollte. Ich sah rüber zur Tür, das kleine Mädchen mit dem verweinten Gesicht stand dort in ihrer Regenjacke und ihrem Tornister umgeschnallt.</p>
<p>“Schokolade,” sagte sie.</p>
<p>“Schokolade willst du?” fragte ich und sie nickte.</p>
<p>“Später kannst du Schokolade haben”, sagte meine Mutter und schlängelte sich neben Didi vorbei.</p>
<p>Ich nahm mir eine saubere Tasse aus der Spüle und trocknete sie mit dem Handtuch ab.</p>
<p>„Ich bring Didi jetzt. Wenn ich zurück komme, bist du bestimmt schon weg.“</p>
<p>„Ja, das ist gut möglich“, sagte ich und goss mir frischen Kaffee ein. Ich nippte an der Kaffeetasse und machte mir schon mal erste Gedanken, was ich später erzählen würde.</p>
<p>&#8220;Na, würde meine Mutter fragen, &#8220;wie lief das Gespräch?&#8221;</p>
<p>&#8220;Super&#8221;, würde ich dann sagen, &#8220;ich hab vielleicht die Stelle.&#8221;</p>
<p>&#8220;Dann kann es ja losgehen mit der Karriere.&#8221; Und ihre Augen würden voller Stolz funkeln und mich anschauen.</p>
<p>&#8220;Ja, das kann es dann wohl&#8221;, würde ich antworten und voller Scham weggucken.</p>
<p>Anderthalb Stunden später stand ich in der Lagerhalle der Spedition und ein Mann mit blauem Kittel und Firmenlogo auf der Brust zeigte auf die Dachrinnen, die in großen Plastikbeuteln verpackt waren.</p>
<p>„Die kannst du schon mal auspacken. Die langen kommen in den Container A, die mittleren in den Container B und die kurzen in Container C. Hast du das alles verstanden?“</p>
<p>Ich nickte und zog mir die Handschuhe an. Ich würde der erste in der Familie sein, der Karriere macht.</p>]]></content:encoded>
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