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	<title>Zarathustras miese Kaschemme &#187; unten</title>
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	<description>Blog &#38; Magazin für exzentrische Literatur</description>
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		<title>Im Land der Würmer</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Sep 2009 05:02:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich klopfte gegen das Holz, aber niemand schien mich zu hören. Wie auch? Ich lag zwei Meter unter der Erde in einem Sarg mit einer Ladung Erde darauf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/08/friedhofsteine_350x-250x250.jpg" alt="Grab mal" title="Grab mal" width="250" height="250" class="alignright size-thumbnail wp-image-1217" />Ich konnte nicht mehr Schreiben. Ich konnte mich ja noch nicht mal mehr richtig bewegen. Ich klopfte gegen das Holz, aber niemand schien mich zu hören. Wie auch? Ich lag zwei Meter unter der Erde in einem Sarg mit einer Ladung Erde darauf. Saß ich nicht noch Minuten zuvor an meinem Schreibtisch und machte meinen ersten Eintrag in mein blankes Tagebuch? “Liebes Tagebuch…ich…ich…” Dann war es vorbei. Was für eine bescheuerte Idee es sowieso war, ein Tagebuch zu führen. Meine ehemalige Therapeutin hat mir mal dazu geraten, eins zu führen. “Das ist so was von verrückt, wenn man sich das Jahrzehnte später durchliest”, hatte sie mir gesagt. Gut, dass ich mir die Mühe nicht gemacht hatte, denn jetzt konnte ich nichts mehr lesen. Es gab nichts mehr zu schreiben und auch nichts mehr zu lesen. Alles was es gab, war die Dunkelheit, das schnelle Atmen, das tobende Herz in meiner Brust, der Druck der Innenpolsterung des Sarges gegen meinen Rücken und der Geruch von Erde und Holz. Meine Arme lagen auf meiner Brust und ich konnte meine Hände mit aller Mühe nur noch gegen das Holz über mir bewegen. Der Kasten war viel zu eng. Hatten sie mich hier mit einem Hammer reingeprügelt? Schmerzen hatte ich jedenfalls nicht und vom Tod war auch keine Spur. Ich war vor wenigen Minuten aufgewacht und suchte nach meiner Stehlampe, die neben meinem Bett stand, doch meine Arme steckten fest. Ich dachte ich würde in meinem Bett liegen. Dann fing ich an zu begreifen. Nun, ein wenig später, war mir meine aussichtslose Lage bewusst. Nein, ich konnte nicht mehr schreiben. Das war vorbei. Doch allmählich bekam ich wieder den Drang, einen Eintrag in mein neues Tagebuch zu schreiben. Es musste nun eben ohne Buch und Stift gehen. Mein Verstand musste diese Utensilien ersetzen. Die Schwärze vor mir, dann das leere weiße Blatt Papier drauf projiziert. Der Stift erschien direkt daneben und ich ließ ihn übers Blatt wandern. Es würde nie jemand lesen, aber was hatte ich schon zu verlieren? Ich hatte Unrecht gehabt: Es gab was zu schreiben und es gab was zu lesen.</p>
<p><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/08/friedhofstein_180hoch-180x250.jpg" alt="Friedhofstein" title="Friedhofstein" width="180" height="250" class="alignleft size-thumbnail wp-image-1216" />“Liebes Tagebuch, der Eintrag, den ich eigentlich vor einigen Jahren machen sollte, mag heute nicht mehr ganz akkurat sein, aber das ist nun egal. Ich hätte es in dem mit leuchtenden Blumen bewachsenen Garten schreiben sollen. Nun schreibe ich aus dem Land der Würmer. In dem Garten mit den leuchtenden Blumen brachen wir Nachts immer ein und legten uns auf das Gras neben dem schmalen Steinweg, der zur Laube führte. Wir lagen da, jung und unerfahren, und machten uns Gedanken über die Zukunft. Wir zerbrachen uns die Köpfe, was denn nun werden soll. Vielleicht hätten wir uns einen eigenen Garten zulegen sollen, aber das Einbrechen machte schon Spaß. Jetzt allerdings wollte ich lieber ausbrechen, aber ich lag zu tief.” Da war wieder meine Therapeutin mit ihrer Brille, die ihr von der Nase zu rutschen drohte. </p>
<p>“Na, was machst du denn hier?” fragt sie mich.<br />
Ich hätte ja mit den Schultern gezuckt, aber ich konnte nicht.<br />
“Ich hab auch immer ein Tagebuch geführt”, sagt sie.<br />
“Ich weiß.”<br />
“Da steht so viel drin.”<br />
“Schön für dich.”<br />
“Willste mal was draus lesen?”<br />
“Klar, ich hab ja sonst nichts zu tun”, antwortete ich und war eigentlich nicht sonderlich interessiert. Sie begann ein paar Seiten vorzulesen. Über ihre Eltern, die sich immer so sorgsam um sie gekümmert hatten, und über ihre Studienzeit, die sie nie vergessen wird. Dort, an der Uni, hatte sie auch ihren Ehemann kennen gelernt.<br />
“Das war meine erste große Liebe”, sagte sie mir.<br />
“Schön.”<br />
“Mein erster Mann. Auf der Rückbank seines altes VW Käfers haben wir es zum ersten Mal getan”, fuhr sie fort.<br />
“Ich bin mir nicht sicher, ob ich das hören will,” sagte ich.<br />
“Wenn ich jetzt an das denke, wird mir ganz flau im Magen.”<br />
Ich konnte ihr Lächeln in der ganzen Dunkelheit erkennen.<br />
“Tat aber gar nicht weh.”<br />
“Freut mich.”<br />
“Er lag auf mir drauf und dann hat’s auch schon geflutscht.”<br />
“Warum liest du mir das vor?”, wollte ich wissen und ihr Lächeln wurde noch mal etwas breiter.<br />
“Na, du kannst es doch keinem mehr erzählen.”<br />
“Da hast du wohl recht.”<br />
Sie räusperte sich und feuchtete sich die Finger, um weiter zu blättern.<br />
“Das war vielleicht ein merkwürdiges Gefühl.”<br />
“Das glaub ich, aber jetzt reicht es wirklich.”<br />
“Es geht aber noch weiter.”<br />
“Verschwinde endlich, verdammt noch mal.”</p>
<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/08/friedhofstein_180hoch.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/08/friedhofstein_180hoch.jpg" alt="Friedhofstein" title="Friedhofstein" width="180" height="747" class="alignright size-full wp-image-1216" /></a>Mein Schrei hallte durch den ganzen Kasten und ließ die Erde darüber beben. Der Zorn eines untoten Mannes und seines toten Tagebuchs. Ich sollte vielleicht doch lieber was schreiben, bevor sich noch jemand anders hierher verirrt, der sich ebenfalls gezwungen fühlt, seine Vergangenheit indiskret vor mir auszubreiten. Jetzt wollte ich mal ein paar Worte loswerden. Ich wusste zwar noch nicht so richtig, wie ich anfangen sollte, aber wenn ich erstmal in Fahrt kam, dann würde sich vielleicht schon was brauchbares daraus ergeben. Wo sollte ich nur beginnen? Ich wurde geboren und ich bin bisher noch nicht gestorben, aber dennoch denken alle, ich wäre tot. Was für eine Überraschung es doch wäre, wenn ich es tatsächlich hier raus schaffte und ihnen wieder vor die Augen träte. Ich sehnte mich nach einigen Gesichtern und wünschte, ich könnte sie noch einmal sehen. Die Angst erreichte mich wieder und sie war wohl die beste Vorraussetzung, ein Tagebuch zu beginnen. So wie Antoine Roquentin. Ich bräuchte wahrscheinlich nur einen Sartre, der mir dabei half. Nein, das schaffe ich schon allein. Es war ja auch mein Leben und nicht Antoine’s. Der erste Satz würde sicherlich lauten: Ich weiß, dass ich hier nie mehr lebend rauskomme. Das war ein guter Anfang und ganz falsch war er auch nicht. Er war vielmehr absolut treffend, aber noch war die Angst zu groß, um diesem zweifellos zuzustimmen. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich keine Hoffnung mehr hatte. Noch immer spielte ich mit dem Gedanken, dass dies alles nur ein schlimmer Alptraum war oder falls nicht, dass ich mich doch noch irgendwie befreien würde. Falsche Hoffnung ist wie geliehenes Geld. Ich machte es meiner Therapeutin gleich und verlor mich in der Nostalgie meines kurzen Lebens. Es gab wahrscheinlich mehr schlechtes als gutes zu berichten, aber ich kann nicht sagen, dass ich mit dem Gesamtergebnis unzufrieden war. Ich bereute nichts. Natürlich habe ich mich des Öfteren zum Affen gemacht, habe falsche Entscheidungen getroffen oder meine Zeit mit nutzlosen Dingen verschwendet, aber all das hat mich letztendlich auch zu dem gemacht, was ich nun war: ein Mann, der lebendig begraben wurde. Dennoch bereue ich nichts, denn es gab ja auch so viel Schönes dort oben, an dem ich teilgenommen hab. Ich ging in der Zeit zurück und sah all die Gesichter, die meinen Weg gekreuzt hatten. Wer waren sie? Was haben sie getan? Was haben sie mir angetan? Jetzt wünschte ich mir meine Therapeutin zurück. Liegen tat ich ja schon. </p>]]></content:encoded>
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		<title>Der Morgen nach der Nacht</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Aug 2009 05:00:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
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		<description><![CDATA[Hunde pissen gegen meine Tür / Bis der Gestank mich weckt / Ich halte die Luft an ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hunde pissen gegen meine Tür<br />
Bis der Gestank mich weckt<br />
Ich halte die Luft an<br />
Deck mich mit dem Kissen zu<br />
Frage mich, warum ich keine Decke hab<br />
Vergewisser mich, dass der Morgen eine Sonne hat<br />
Und schlaf dann weiter<br />
Nein, ich kann nicht<br />
Die Hunde kommen wieder<br />
Pissen nicht mehr, aber bellen laut<br />
Ich will nur wieder weg<br />
Doch der Morgen fragt mich nach der letzten Nacht<br />
Die noch schlimmer war als dieser Morgen</p>]]></content:encoded>
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		<title>Der Verwalter</title>
		<link>http://kaschemme.de/2009/06/der-verwalter/</link>
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		<pubDate>Tue, 16 Jun 2009 22:05:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susann Klossek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
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		<category><![CDATA[politik]]></category>
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		<description><![CDATA[Immer sitzt am Nebentisch / Irgendein Idiot / Und sondert lautstarke Redeschwalle ab / Man möchte aufstehen / Und selbigem die Fresse polieren]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Immer sitzt am Nebentisch<br />
Irgendein Idiot<br />
Und sondert lautstarke Redeschwalle ab<br />
Man möchte aufstehen<br />
Und selbigem die Fresse polieren<br />
Stattdessen sitzt man sich fest<br />
Und erhebt das Glas<br />
Auf die Errungenschaften der Zivilisation</p>
<p>Ich trank meinen Tall Chai Latte und dachte:<br />
Du balancierst besorgniserregend<br />
Am Rande eines grossen dunklen Lochs, mein Freund<br />
Zwischen seinen Beinen<br />
Hampelte ein Hund herum<br />
"Dein Herrchen wagt sich ganz schön weit aus dem Fenster", flüsterte ich<br />
"Ich weiss, er ist ein Arschloch. Aber er verwaltet das Fressen."<br />
Das ist genau das Problem: es gibt immer einen, der das Fressen verwaltet</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/mannmithund_xproc.jpg"><img class="size-full wp-image-1130 aligncenter" title="Mann mit Hund (Foto:aw)" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/mannmithund_xproc.jpg" alt="Mann mit Hund (Foto:aw)" width="258" height="80" /></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Für die Kinder</title>
		<link>http://kaschemme.de/2009/05/fur-die-kinder/</link>
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		<pubDate>Sun, 10 May 2009 22:01:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
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		<description><![CDATA[Hier gab es sie alle: Junge, aufstrebende Literaturstudenten, die schon heimlich ihre Dankesrede für den Nobelpreis geschrieben hatten oder die verträumten Boulevard-Zeitschriften-Dichter, die Posie für ihre Blumentapete schrieben. Es gab Schreiber, die Kredite aufgenommen hatten, damit sie ihre Book-on-Demand Bücher in den Druck geben konnten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>“Warum schreiben wir? Wie oft hat sich das schon einer von euch gefragt? Geht es um die Dinge, die wir nicht vergessen können - oder wollen? Dinge, die wir nicht verstehen und….” Der Professor ließ seinen Kopf nach unten fallen, um über seine runde Brille schauen zu können, und zog die Augenbrauen hoch. Die Falten auf seiner Stirn waren so tief, dass man dachte, jemand hätte sie mit einem Messer in die Haut geritzt. Ein junger Teilnehmer des Schreibkurses, der weiter vorne saß hatte seine Hand gehoben.</p>
<p>“Ja bitte”, sagte der Professor und deutet auf den jungen Mann in der zweiten Reihe, der seinen Arm nun wieder runternehmen konnte.<br />
“Ich hab Angst vor Papier”, sagte der junge Typ verlegen.<br />
“Was hat das mit meiner Frage zu tun?”<br />
“Das nennt man Papyrophobie”, rief einer von ganz hinten.<br />
Paul mit dem Schnurrbart fing an zu lachen.<br />
“Der hat ja voll einen an der Waffel” platzte es aus ihm heraus.<br />
Der Typ aus der zweiten Reihe drehte sich zu Paul.<br />
“Was ist denn da so komisch dran?”<br />
“Nun lasst uns doch mal bitte zu meiner Frage zurückkehren.” Der Professor bat wieder um Aufmerksamkeit und klopfte mit seinem Stift auf das Pult.<br />
“Um unserer Fantasie ein Forum zu geben?”, rief ein anderer dazwischen.<br />
Der Professor nickte nicht ganz unzufrieden.<br />
“Um nicht zu vergessen”, sagte ein junges Mädchen aus der ersten Reihe.<br />
“Gut möglich”, so der Professor.<br />
“Weil wir nichts anderes können”, sagte ich ohne meinen Arm zu heben.</p>
<p>Unruhe kam auf. Einer sagte, dass es mit Sicherheit noch viel mehr gebe, dass er gut beherrschen würde, aber das Schreiben würde ihn halt reizen. Ein weiterer Teilnehmer machte auf das instinktive menschliche Verlangen, sich mitzuteilen, aufmerksam, während ein älterer Typ seine Brille zurecht rückte und noch hinzufügte, dass es auch den Reiz, nicht vergessen zu werden, in sich berge.<br />
“Das hab ich doch gerade gesagt”, sagte das Mädchen aus der ersten Reihe und drehte sich um.<br />
“Du hast gesagt, um nicht zu vergessen … nicht vergessen zu werden ist aber was ganz anderes”, antwortete der Typ mit der Brille prompt.<br />
“Glaubst du denn wirklich in hundert Jahren liest noch einer deine Geschichten?”, fragte das Mädchen kess.<br />
“In hundert vielleicht nicht, aber…” Der mit der Brille stockte und dachte nochmal eine Sekunde darüber nach. “Ja, warum denn nicht?”<br />
Das Mädchen drehte sich wieder zum Pult und lachte.<br />
“Ha, das Vierauge denkt, er wäre ein Apostel.”<br />
“Was ist denn das für eine schwachsinnige Aussage”, feuerte er gleich zurück.<br />
“Kinder, Kinder”, rief der Professor ins Klassenzimmer und hielt die Hände ermahnend hoch, “Wir wollen uns doch hier nicht gegenseitig die Motivation stehlen. Ein Meister ist noch nicht vom Himmel gefallen.”<br />
“Ich hab die 75 Euro im Voraus bezahlt, gibt es die Möglichkeit, einen Teil davon wieder zubekommen, sagen wir mal, wenn man mit dem Seminar nicht zufrieden war?”, fragte Paul ganz beiläufig.<br />
“Das steht hier nicht zu Debatte, jeder von ihnen wird hier schon auf seine Kosten kommen”, versicherte uns der Professor.</p>
<p>Hier gab es sie alle: Junge, aufstrebende Literaturstudenten, die schon heimlich ihre Dankesrede für den Nobelpreis geschrieben hatten oder die verträumten Boulevard-Zeitschriften-Dichter, die Poesie für ihre Blumentapete schrieben. Es gab Schreiber, die Kredite aufgenommen hatten, damit sie ihre Book-on-Demand Bücher in den Druck geben konnten, um dann jeder Tussi im Bekanntenkreis von ihrer Autorenkarriere zu berichten. Eine junge Frau saß an einem Tisch in der Ecke des Raumes. Sie trug eine Brille mit schwarzem Gestell und stellte dauernd Fragen nach der Philosophie des Schreibens. Sie lächelte so gut wie nie und kümmerte sich stets um den korrekten Sitz ihres spitzen Kragens. Sie hatte eine lange Nase, ein sehr schmales Gesicht, das von dunkel-blonden Locken umgeben war. Im Sarah Jessica Parker Double Contest hätte ich ihr auf jeden Fall das Halbfinale zugetraut. In jüngeren Jahren war sie bestimmt mal die Herausgeberin der Schüler-Frauenzeitschrift, die in jeder zweiten Ausgabe ein Gratis-Kondom mit herausbrachte. Ficken ja, aber verlieben nein, denn Männer sind ja sowieso alles Arschlöcher und wir emanzipierten Frauen mit Designerbrillen und Zehner-Karte fürs Fitness-Center mit Gratis-Protein-Shake im Monat, haben etwas Besseres verdient. Hier saß ich nun und trauerte meinen 75 Euro nach. Das ich mich zur Teilnahme an diesem Kurs entschieden hatte, war mehr oder minder eine Kurzschlussreaktion gewesen. Ich saß zu Hause herum, blätterte durch meine Absagen zahlreicher Verlagshäuser und dachte mir, dass ich es vielleicht mal über einen akademischen Umweg versuchen sollte. Wie viele Schreiber hatten es denn schließlich schon von der Straße geschafft? Nicht jeder wird ein Bukowski, ein John Fante oder ein Hubert Selby Jr. Diese Leute haben doch den vielen verlorenen Schreiberseelen den ganzen Mist erst eingebrockt. Ich sehe diese verzweifelten Schreiberlinge vor meinem geistigen Auge: sie sitzen zu Hause, leeren eine Flasche Bier nach der anderen, schreiben von ihren Tagen in der Gosse und hoffen auf ihren großen Durchbruch. Fante hat's geschafft. Dann pack ich das auch! Ich sollte vielleicht einfach eine Geschichte schreiben, sie zwanzigtausend Mal ausdrucken und dann die Blätter in der Innenstadt verteilen. Vielleicht kommt ja jemand daher und erzählt mir was für ein unglaubliches Talent ich doch besitze. Dann lächele ich und fühle mich geschmeichelt. Oh, Mann. Ich sollte vielleicht auch mal meinen Arm heben und eine Frage stellen. Schließlich habe ich einiges hingeblättert für diesen Kurs.</p>
<p>Ich hob meinen Arm und kurz darauf nahm mich der Professor auch schon dran.<br />
"Wann, denken Sie, ist der Punkt gekommen, an dem man sich eingestehen sollte, dass man es einfach nicht drauf hat?", fragte ich und der Professor schaute nachdenklich zu Boden. Mit einer müden Bewegung stand er auf und trottete langsam durch den Raum. Er nahm seine Brille ab und begann auf dem Gestell herum zu kauen. Er bemerkte meine negative Haltung zu der ganzen Sache und wollte nun einmal mehr das Boot vor dem sicheren Untergang bewahren. Er atmete tief ein, kratzte sich die Stirn und machte seinen gekrümmten Rücken gerade. Er stand da, als wäre er im Begriff, vor der ganzen Nation die Nationalhymne zu singen, doch stattdessen sagte er einfach nur in lakonischer Art: "Jedem ist es selbst überlassen, wann er aufgeben will, aber raten würde ich es keinem."</p>
<p>Ich war mit der Antwort nicht sonderlich zufrieden, aber wahrscheinlich wäre ich mit keiner Antwort zufrieden gewesen. Jeder schaute in diesem Moment auf zu unserem Kursleiter wie zu einem Fremdenführer, der uns aus der trostlosen Wüste hinein ins gelobte Land führen sollte. Doch dieser Führer hatte eigentlich gar keine Ahnung. Er wusste nicht mehr als wir. Jeder hier wusste eigentlich gar nichts und doch nahm er sich das Recht eines angehenden Fachmanns heraus. Wir waren doch nichts. Wir schrieben auch nichts. Wir sagten auch nichts. Wir verbrachten nur unsere gottgegebene Zeit hier und stierten Löcher in die Luft.</p>
<p>"Lasst uns eine Geschichte schreiben", sagte der Professor schließlich und gab uns als Hausaufgabe für den nächsten Tag eine Geschichte ohne irgendeinen Themenbezug auf. Alle verabschiedeten sich und schmiedeten schon heimlich Pläne, wie man wohl am morgigen Tag den gesamten Kurs mit einer fetzigen Geschichte weghauen könnte. Ich ging nach Hause, trank zwei Flaschen Wein und machte mich an die Arbeit. Bis zu der Sekunde, in der ich vor den anderen Schreibern in spe den Text vortrug war mir eigentlich nicht ganz bewusst, was ich überhaupt geschrieben hatte. Ich setzte an und las vor. Immer wieder verdrehten die Leute im Kurs die Augen oder fingen an zu lachen, während ich vorlas. Dann war es irgendwann zu Ende und überraschenderweise blieb der Applaus aus. Vielleicht hätte ich vorher dem Kursleiter etwas besser folgen und den einen oder anderen Hinweis zur Kenntnis nehmen sollen.</p>
<p>"Deine Geschichte ergibt doch überhaupt keinen Sinn", sagte Paul zu mir und ich lächelte.<br />
"Der tiefere Sinn steckt im zweiten Absatz", sagte ich und versicherte mich selbst nochmal. Ja, genau dort lag er verborgen. Aber das versteht ihr alle nicht. Ich nehm mir jetzt mein Robert-Frost-Gedichtebuch, stell mich in die Ecke und höre einfach nicht mehr zu. Da lerne ich doch bestimmt mehr, als in dieser inkompetenten Runde hier. Doch lasst mich vor meinem großen Abtritt noch einmal kurz jemanden zitieren. Ja, ein Zitat. Das passt hier so wunderbar her. Ich zitiere also Bertolt Brecht: <em>So mancher wollt so manches haben was für manchen gar nicht gab: Er wollt sich schlau ein Schlupfloch graben und grub sich nur ein frühes Grab.</em></p>
<p>"Der nächste, bitte", sagte der Professor und die Blümchentapeten-Dichterin legte los. Nach der Vortragsstunde bat der Professor jeden von uns zu einem persönlichen, abschließenden Gespräch zu sich ins Büro.<br />
"Herr ... ," begann er und versuchte sich zu erinnern.<br />
"Nennen Sie mich wie Sie wollen."<br />
"Genau da liegt das Problem."<br />
Er goss sich Kaffee aus der Kanne in seine Peanuts-Tasse und begann ein paar Zuckertüten aufzureißen. Das Büro wirkte auf mich mehr wie eine kleine Kantine, als ein Büro. Ein Kühlschrank, eine Mikrowelle, Elektroherd, frische Weintrauben in einer mit Wasser gefüllten Schale, Bananen, glänzende Kirschen in einem Schälchen. Ein kleines Schlaraffenland mit einem schmalen Schreibtisch, einem hölzernen Stuhl davor und ein gerahmtes Mark Rothko Bild an der Wand, das hier ungefähr so gut reinpasste wie der Teufel in den Petersdom.<br />
"Also, Herr ... ." Der Professor schob seine Brille hoch. "Wie spricht man das aus?"<br />
"Hat ihnen meine Geschichte gefallen?" fragte ich.<br />
"Im Großen und Ganzen ... sagen wir mal ... ja."<br />
Ich schmunzelte und trauerte einmal mehr meinen 75 Euro nach.<br />
"Das Problem mit ihrem Text ist, dass ich nicht sonderlich schlau daraus werde."<br />
"Ach ja?"<br />
"Was soll er aussagen und für wen soll er geschrieben sein?"<br />
"Sie meinen so eine Art Botschaft?"<br />
"Genau. Wie jede Geschichte sie hat."<br />
"Könnte es nicht sein, dass Sie die Botschaft einfach nicht bemerkt haben?"<br />
"Aber wenn ich sie nicht bemerke, dann haben Sie doch irgendwie das Ziel verfehlt."<br />
"Das Problem ist wohl, dass, und nun sind wir beim zweiten Punkt, den Sie angesprochen haben, meine Zielgruppe wahrscheinlich nicht aus solch hochangesehenen, akademischen Schwergewichtlern besteht."<br />
"Und wer ist Ihre Zielgruppe? Für wen schreiben Sie?" fragte er abschließend und nahm seine Brille ab.<br />
Ich ging einen Moment in mich und überlegte mir, ihm eine Antwort darauf zu geben, aber ich dachte mir, er wird vielleicht selbst früher oder später darauf kommen oder er wird mich einfach vergessen. Keine fünf Sekunden nachdem ich aus der Tür bin, wird er schon den nächsten Kursteilnehmer zu sich herein bitten und ihn mit ähnlichen Kritikpunkten konfrontieren, ohne auch nur einen Funken Erinnerungsvermögen an mich zu verschwenden.</p>
<p>"Kann ich mir eine Banane mitnehmen?", fragte ich höflich, und in seiner Perplexität brachte er es nur zu einem Nicken. Ich griff mir das Obst, begann schon beim Hinausgehen mit dem Schälen und verschwand.<br />
"Vielen Dank und viel Glück noch", sagte ich und biss zu.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Nachmieter gesucht</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Apr 2009 06:17:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stirnulator</dc:creator>
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		<description><![CDATA[sie hatte die schufa selbstauskunft 
schon dabei
die blöde streberin
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/04/nachmieter_258px.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/04/nachmieter_258px.jpg" alt="nachmieter_258px" title="nachmieter_258px" width="258" height="75" class="alignright size-full wp-image-989" /></a><br />
erst kamen die anrufe<br />
dann die termine</p>
<p>da kam der alte mann<br />
er sei banker, sagte er,<br />
habe nicht damit gerechnet,<br />
5 jahre vor der rente<br />
noch nen job zu kriegen<br />
mein kleines bad, das sei okay für ihn<br />
derzeit wohne er<br />
für 300 mit stockwerksklo</p>
<p>dann kam dieses pärchen<br />
ein bisschen schnuffig<br />
fanden dies gut und jenes<br />
ob man da oben was ablegen könne<br />
ob das da unten so bleiben müsse<br />
sie wollten es sich nochmal überlegen</p>
<p>dann kam diese schnickse<br />
gepflegte erscheinung, gute zähne<br />
ipod-ohrhöhrer baumeln aus dem kragen<br />
guckte alles kritisch an<br />
nörgelte hier und da<br />
hatte die schufa selbstauskunft schon dabei<br />
die blöde streberin</p>
<p>dann kam dieses andere pärchen<br />
total nett und lieb und so<br />
fanden alles toll<br />
wollten sofort einziehen<br />
ich nannte sie im geiste maria und joseph<br />
sie war schwangere schauspielerin<br />
er student<br />
die kamen wohl nicht in frage</p>
<p>der banker wurde es dann auch nicht<br />
er wurde zum ende der probezeit gekündigt</p>
<p>ist mir auch egal<br />
ich will eure scheiss schicksale nicht<br />
ich will nur einen nachmieter</p>]]></content:encoded>
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		<title>271</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Apr 2004 18:16:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>271</dc:creator>
				<category><![CDATA[Remix]]></category>
		<category><![CDATA[global]]></category>
		<category><![CDATA[politik]]></category>
		<category><![CDATA[street]]></category>
		<category><![CDATA[tristesse]]></category>
		<category><![CDATA[unten]]></category>
		<category><![CDATA[urban]]></category>

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		<description><![CDATA[die fenster ohne griffe
KULTUR
Amt für 
ohne Grenzen
Einwohneramt
Ausländerangelegenheiten
für das
multikulturelle
Nürnberg]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>die fenster ohne griffe<br />
KULTUR<br />
Amt für<br />
ohne Grenzen<br />
Einwohneramt<br />
Ausländerangelegenheiten<br />
für das<br />
multikulturelle<br />
Nürnberg<br />
Wartemarken<br />
sin fronteras<br />
- Aufenthaltsgenehmigungen<br />
- Asylangelegenheiten<br />
Polnische Tänze<br />
senza frontiere<br />
- Duldungen<br />
- Einreise und Visaangelegenheiten<br />
Partnerstadt Krakau<br />
sinir tanimaz<br />
- Einladungen<br />
- Verpflichtungserklärungen<br />
without frontiers<br />
8 Euro<br />
'hoffentlich<br />
nimmt der automat<br />
auch kleine münzen'<br />
bez granic<br />
'das ging aber schnell, danke'<br />
- Aufenthaltsbeendigung<br />
(Ausweisung/Abschiebung)<br />
Schalter</p>]]></content:encoded>
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		<title>Tatorte</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Oct 2003 22:52:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>onkelhoste</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krimi]]></category>
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		<description><![CDATA[Tatorte sehen in der Regel wenig einladend aus. Hier eine Vernissage, zu derer der verkannte Künstler vor seiner Eröffnungsrede viele Proseccos spendieren muss, um seine wenigen Besucher mit verkrampfter Gestik, schmerzverzerrtem Gesicht und leisen Klängen avantgardistischer Musik davon zu überzeugen, dass Photoshopfilter und Siebdruck ihn zu einem ganz neuen Menschen haben werden lassen. Er weiß [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright size-full wp-image-282" title="tatort" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/01/tatort.gif" alt="tatort" width="174" height="92" />Tatorte sehen in der Regel wenig einladend aus. Hier eine Vernissage, zu derer der verkannte Künstler vor seiner Eröffnungsrede viele Proseccos spendieren muss, um seine wenigen Besucher mit verkrampfter Gestik, schmerzverzerrtem Gesicht und leisen Klängen avantgardistischer Musik davon zu überzeugen, dass Photoshopfilter und Siebdruck ihn zu einem ganz neuen Menschen haben werden lassen. Er weiß längst, dass er erst sterben muss, um wenigstens über die Stadtgrenze hinaus bekannt zu werden, wie Van Gogh zum Beispiel, aber er kämpft dagegen an (auch, sich eines seiner Ohren zu entledigen), weil er glaubt, dass tief in ihm etwas Unbenennbares, etwas Einzigartiges steckt, das das Recht hat, die Regeln zu brechen. Vielleicht könnte das jemand erklären, der sich im Dunstkreis des Künstlers aufhalten darf und noch mehr von diesem modischen Blubberwasser getrunken hat, dass in Wirklichkeit niemanden wirklich schmeckt. Beide würden dann ihrem elitären Stand entsprechend zusammen Sushi essen gehen und sich gegenseitig in gönnerhafter und weltmännischer Manier versichern, das wäre für diesen Preis durchaus genießbar. Der Künstler selbst schneidet er sich die Haare nicht, hüllt sich in Second-Hand Klamotten, antwortet ausweichend auf Fragen, um sich nicht festzulegen. Festlegen behindert die Metamorphose, Alkohol als Additiv die zusammenhängende Aussage.</p>
<p>Zwischen zerquetschtem Papier, behämmertem Sandsteinabraum und modellierter Bronzeschlacke liegt dann am nächsten Tag ein Opfer, gänzlich konträr zum Arrangement der Farbgebung, vom Täter scheinbar willentlich nicht dem goldenen Schnitt untergeordnet, in seiner Stellung anatomisch hässlich verzerrt. Das Auge mag nicht ruhen auf solch inszenierter Un-Kunst. Die Blutlache tut ihr Übriges, deplaziert zu wirken. Das Gesamtbild ist nachhaltig gestört, das aufgerasterte Bild in der Zeitung ist im Gegensatz zur Ausstellung dilettantisch, der korpus delicti unvorteilhaft getroffen, das Licht stimmt nicht.</p>
<p>Der Pathologe notiert erwartend eine abnorme Eindellung des Hinterkopfes durch einen i.d.R. stumpfen und i.d.R. bisher unbekannten Gegenstand und findet im Magen eine i.d.R. wenig kompromittierende Matsche aus allen Ingredienzien eines dekadenten Buffets. Natürlich ist er überarbeitet und natürlich kann er im Augenblick nicht mehr sagen. Das Opfer ist männlich und der Pathologe fügt in dem seinem Berufsstand eigenen morbiden Humor hinzu, dass es zumindest nicht schwanger war.</p>
<p><img class="size-full wp-image-283 alignleft" title="fearistheanswer1" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/01/fearistheanswer1.gif" alt="fearistheanswer1" width="100" height="326" />Da ist eine erste Verdächtige, die natürlich auch auf der Vernissage zugegen war, eine geschiedene Frau in wallenden Batik-Gewändern, vom Leben gezeichnet, von irgend einer privat finanzierten Therapie zwar nicht geläutert, doch wenigstens gegen Honorar an und durch einen Psychologen im Fernstudium nahezu genötigt, ihre extrovertierten Macken auszuleben. Natürlich malt sie auf Befragung des Kommissars auch ein wenig, wird sie errötend zugestehen und natürlich hat sie zu vorgerückter Stunde auch eine Szene auf der Ausstellung gehabt, nicht zwingend geplant und notwendig, aber durchaus dem Ereignis, wenigstens im kleinen Kreise, angemessen durchgeknallt. Die Zuschauer haben sich, emotional entfesselt, aber intellektuell gebändigt und schon allein wegen ihrem zerbrechlichen Renommee, zum Finale hin abgewendet.</p>
<p>Da ist der Galerist, der in schwerer Stunde zu unserem Künstler hielt und stumm alle Auslagen für Öltuben und Staffelagen beglich und der sich natürlich überhaupt nichts daraus machte, das seine Frau, des Künstlers Muse gleichermaßen, zu ihm auf die Laken sank. Das ging eine ganze Weile und irgendwann überwarfen sich der Protege und der erfolglose Weltschmerzler, dann stritten sie sich und das konnte man Abends von der Strasse aus sehen und hören, als die Sektflasche die große Scheibe im Atelier durchstieß und mit einem Mordskrach auf die Strasse schepperte.</p>
<p>Unten im Wohnzimmer zwischen Renoirs und Beckmanns soff sich die Frau des Galeristen einen an, schnappte sich den Porscheschlüssel und krachte draußen auf der Landstrasse gegen einen Baum. Die Frau kommt nach drei Tagen wieder zur Besinnung und der Galerist und der Künstler auch.</p>
<p>Der Kommissar hat dann irgendwann alle Fragen gestellt und ist allen Hinweisen nachgegangen, hat viel genickt und zieht sich nun zurück, konstruiert, konjungiert und kongruiert. Von der Dienstaufsicht geschüttelt, von Kompetenzgerangel gerührt, im Dunkel einer kleinen Lampe, sitzt er am sperrhölzernen Schreibtisch, einer imaginären, einfallslosen Musik lauschend.</p>
<p>Und zu guter Letzt und nach einigem Hick-Hack ist es dann doch der Galerist gewesen, obwohl unvermittelt mitten in den Ermittlungen dann ein jüngerer Bruder des Künstlers auftaucht, der mit gleichem Erfolg erfolglos gegen sein Unvermögen kämpft, was auf die eigenen Beine zu stellen und ihm vorwirft, undankbar zu sein gegenüber der Mutter, die auf dem Anwesen am See plakativ dahinsiechend ihr Lebensende inszeniert, aber trotzdem ohne Unterlass dem Älteren das Alleinerbe aufdrängt.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-284" title="currywurst1" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/01/currywurst1.gif" alt="currywurst1" width="100" height="288" />Der Kommissar wird dann souverän nicken, weil er schon seit Anbeginn wusste, das es nur der Galerist sein konnte, sich eine Zigarette anstecken oder Gleiches gerade so eben aufgrund eines rechtzeitigen Räusperers seines Partners unterlassen, gerade, als die Flamme die Spitze berühren wollte. Dann wird er einen Fuß auf das Geländer stellen und auf den Rhein hinab sehen oder die Elbe oder eine andere trübe Brühe oder er wird an einer Pommesbude hocken und seufzen und die Verrohung der Gesellschaft anprangern.</p>
<p>Allen gemeinsam ist, das Kommissare Kunst hassen oder nur billige Plagiate von Magritte in der Küche oder der Gästetoilette hängen haben und dass das wohl kaum dem Verständnis für wahre Kunst zuträglich ist, aber der Ausübung seiner kriminalistischen Arbeit keinerlei Abbruch tut.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Bonny &amp; Clyde (1)</title>
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		<pubDate>Sat, 26 Jul 2003 23:49:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stirnulator</dc:creator>
				<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[bücher]]></category>
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		<description><![CDATA[Bonny &#38; Clyde hatten sich in ihre beste bürgerliche Schale geworfen und bogen in Richtung Marienplatz ab, vorbei an den siebzehn grünen Minnas, die in Reih und Glied im Parkverbot standen und den Eindruck machten, als hätte eine Kohorte sie hier vergessen.
An einem Polizei-Mannschaftswagen zogen sich drei Polizisten um. Einer trug ein Donald-Duck-Shirt, das ihm [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bonny &amp; Clyde hatten sich in ihre beste bürgerliche Schale geworfen und bogen in Richtung Marienplatz ab, vorbei an den siebzehn grünen Minnas, die in Reih und Glied im Parkverbot standen und den Eindruck machten, als hätte eine Kohorte sie hier vergessen.</p>
<p>An einem Polizei-Mannschaftswagen zogen sich drei Polizisten um. Einer trug ein Donald-Duck-Shirt, das ihm hinten aus der Hose flatterte, während er sich erst in schwere, militärgrüne Kluft warf und dann eine kugelsichere Weste anlegte. Jedenfalls sah es wie etwas aus, dass Bonny &amp; Clyde für eine kugelsichere Weste halten konnten.</p>
<p>Clyde wollte ein Buch über Power-Wording kaufen, Bonny begleitete ihn dazu in den Hugendubel am Marienplatz. Auf dem Marienplatz waren bereit die Gewerkschaftler aufmarschiert, Autonome oder das, was Bonny &amp; Clyde dafür hielten, und verschiedene andere Personen mit bunten Fahnen.</p>
<p>"Wenn die bunten Fahnen wehen..." summte Bonny.<br />
"Geht die Fahrt wohl übers Meer..." summte Clyde.<br />
"Wir sind voll von subkutanem Faschismus." behauptete Bonny.</p>
<p>Sie ließen den Aufmarsch links liegen und marschierten auf die Rolltreppen zu, während hinter ihnen die Internationale oder ein anderes Demo-Lied gesunden wurde. Wartende Polizisten rauchten, milde Sorte, denn das Leben war ja hart genug.</p>
<p>"Mann, die greinen was zu zusammen." Bonny zeigte mit einem kurz gehobenen Kinn auf einen Mann in einem Anzug. "Der Anzug sitzt so schlecht, dass mir schummrig wird."<br />
"Das ist ist ein Sicherheitsfritze, Liebes, der passt auf, dass uns nichts passiert."<br />
"Sag mir lieber, warum die hier drin heizen, als wolle man im Januar Bücher im Bikini einkaufen. Die Leute sollen sich was anziehen, statt die Ölreserven des Irak zu verheizen, bloss um nackt shoppen zu können."</p>
<p>Sie rollten weiter nach oben, am geheimnisvoll fehlenden vierten Stock des Münchner Hugendubels vorbei in die Philosophieabteilung. Clyde sah sich orientierend um, wurde aber nicht fündig und ging dann auf einen Informationsschalter zu. Die Angestellte, die noch bis vor einer Sekunde keine Aufgabe hatte, stand plötzlich von ihrem Hocker auf und ging woanders hin. Clyde sah, wie sie in ihr Handy tippte.</p>
<p>"Sehe ich das richtig, dass die Dienstleister hier vor Ihren Kunden fliehen?" nörgelte er.<br />
"Liebster, Du hast aber auch so was an dir, was wie ein Sonderwunsch aussieht."</p>
<p>Ein Mann mit Hugendubel-Schildchen druckste sich an ihnen vorbei.</p>
<p>"Äh hallo, kennen Sie sich hier aus?" rief Clyde.<br />
"Äh, ja. Wenn's sein muss."<br />
"Also, ich suche ein Buch zum Thema Power-Wording..."<br />
"Power-was?"<br />
"Power-Wording. oder so ähnlich. Allgemein betrachtet die Kunst, unangenehme Dinge positiv auszudrücken. Zum Beispiel statt zu sagen, Chef, was Sie da wollen ist hirnrissig und deswegen tue ichs nicht, sagen Sie, Chef, eine prima Idee, und ich finde, wir könnten ein noch besseres Ergebnis erzielen, wenn wir zusätzlich Dieses und Jenes tun, und das, was Sie dann vorschlagen, hat natürlich gar nichts mit seinem Müll zu tun, aber weil Sie es so positiv formuliert dargebracht haben, lobt er es, denn er hält es für das seine, und am Ende sind alle glücklicher und zufriedener, obwohl doch Sie Ihren Kopf durchgesetzt haben."<br />
"Verstehe. Äh, nö, nie gehört, nicht hier gesehen."<br />
"Ah so. Und, äh, haben Sie eine Idee, wo ich es versuchen könnte?"<br />
"Neeee, ich glaube, hier wären Sie an und für sich schon richtig, aber leider... Sie könnten es natürlich mit Psychologie..."</p>
<p>Plötzlich entstand ein Tumult. Eine Gruppe von Demonstranten hatte sich in dem Stockwert breit gemacht und schenkte Fahnen mit der Aufschrift 'Stoppt die Globalisierung der Buchverlage - Nieder mit der Verdummung der Medien!" und ähnlich klugen Texten.</p>
<p>Bonny und Clyde wollten schon zur Abwärts führenden Rolltreppe fliehen, sahen dann aber, dass das unter Ihnen liegende Stockwerk vor lauter Militärgrün bereits überlief. Die Polizei kam von unten.</p>
<p>Erste Gummigeschosse prallten von der Decke. Die Demonstranten bildeten eine Kette zu den Bücherregalen und warfen mit Philosophie-Schinken nach den Beamten. Bonny und Clyde versteckten sich hinter einem Berg Esoterik-Fachliteratur, während Sartre, Nietzsche, Heidegger, Baudrilliard und andere Denker auf die Einsatzkräfte der Polizei niederregneten und an ihren Plexiglas-Schilden abprallten.</p>
<p>Die Philosophie erschöpfte sich jedoch schneller als gedacht, und so...</p>]]></content:encoded>
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		<title>Aspergillus Flavus</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Jun 2003 12:17:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mathias Burkert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
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		<category><![CDATA[leben]]></category>
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		<description><![CDATA[Am Montag kam sie gegen 10 nach Hause, öffnete den Kühlschrank und schloss ihn gleich wieder. Nix appetitlich.
Am Dienstag kam sie gegen 9 nach Hause, öffnete den Kühlschrank, schloss ihn wieder. Nix appetitlich. Aber die Cola.
Am Mittwoch kam sie gegen 8 nach Hause. Sie hatte außer Haus gegessen. Frühstück holte sie beim Bäcker, Mittags nutzte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Montag kam sie gegen 10 nach Hause, öffnete den Kühlschrank und schloss ihn gleich wieder. Nix appetitlich.</p>
<p>Am Dienstag kam sie gegen 9 nach Hause, öffnete den Kühlschrank, schloss ihn wieder. Nix appetitlich. Aber die Cola.</p>
<p>Am Mittwoch kam sie gegen 8 nach Hause. Sie hatte außer Haus gegessen. Frühstück holte sie beim Bäcker, Mittags nutzte sie die Kantine. Abends aß sie oft außer Haus, in Gesellschaft oder gar nicht.</p>
<p>An einem Donnerstag kam sie gegen 7 nach Hause, öffnete den Kühlschrank, ekelte sich und schloss ihn wieder.</p>
<p>An einem Freitag hatte sich Aspergillus Flavus über den ganzen Käse ausgebreitet und begann zu sprechen.</p>
<p>Bald sprach er ganze Sätze, fragte, wie es ihr geht, ob es was Neues gibt und ob es möglich sei, das Licht dauerhaft anzulassen. Erst erschrak sie, dann wollte sie ihn wegmachen. Doch Aspergillus Flavus gab sich solche Mühe freundlich zu sein und putzte den Kühlschrank mit seinem Pelz.</p>
<p>Er entwickelte sich prächtig, nahm bald ein ganzes Fach ein und kletterte die Rückwand hoch. Dann war er verschwunden.</p>
<p>Über drei Monate sah und hörte sie nichts von ihm. Das Fenster war geschlossen, er musste sich unter der Küchentür durch und durch den Briefschlitz gezwängt haben. Sie vernagelte den Briefschlitz mit einem Stullenbrett. An einem Montag kam sie gegen 10 nach Hause.</p>
<p>Er hing an der Küchendecke und schaute sie an. Sie bemerkte ihn, als er einen Fühler nach ihr ausstreckte.</p>
<p>Er sei wiedergekommen. Er hat sein Glück in der Welt suchen wollen. Doch die Welt ist schlecht zu ihm gewesen. Niemand mochte ihn. Alle haben sich abgewandt. Am schlimmsten waren die Kinder. Sie haben geschrieen, laut geschrieen nachdem ihnen wer gesagt hat, was er ist. Davor hätten sie ihn fast gestreichelt. Frauen wie sie haben auch geschrieen. Er weiß gar nicht warum. Und wussten sie es denn? Als Gipfel der Peinlichkeit hat er Ärger mit der Polizei bekommen. Er ein Verbrecher. Er ist angeschossen. Aber es wächst wieder zu.</p>
<p>Sie sagte nichts. Sie bewegte sich nicht. Sie spürte sein Misstrauen.</p>
<p>Möglich auch, er käme auf die Idee, sie zu umarmen.</p>
<p>Er könnte unter der Tapete leben. Sie würde gar nichts mitkriegen. Er will doch nur leben und ... vielleicht ein bisschen Liebe.</p>
<p>Es erschien gering, was er verlangte. Trotzdem, es ging nicht. Er könnte immer Staub wischen. Ausgeschlossen. Wie er überhaupt hereingekommen ist. Durch die Wand.</p>
<p>Durch die Wand. Sie umschloss das Eisen in ihrer Hosentasche. Glatt und kompakt. Nicht bewegen. Er war noch immer über ihr. Und setzte sich in Bewegung. Langsam, langsam kroch er von der Decke die Wand hinunter, und Teile von ihm verschwanden schon hinter dem Kühlschrank. Sie hielt es für eine günstige Gelegenheit. Und: sie wollte Aspergillus Flavus brennen sehen. Das Feuerzeug kam ans Licht, klappte auf und zündete. Im Nu loderte er hell und zerfledderte zu feiner Asche, die hinter den Kühlschrank fiel.</p>
<p>Die auf die Tapete übergesprungenen Flammen waren leicht zu löschen. Sie musste nur einige Tassen Wasser an die Wand klatschen lassen. Wenn sie erst einen Topf nähme statt einer Tasse, würde das Feuer leicht zu löschen sein. Töpfe hatten mehr Platsch. Zwar ließen sich die Spritzer aus der Tasse eindeutig höher schleudern als die Güsse aus dem Topf, nämlich dorthin, wo die Flammen waren, aber sie konnte ja auf die Spüle klettern.</p>
<p>Dort hatte sie keinen festen Stand. Es gelang ihr nicht, das Wasser so viel höher zu wuchten, nicht bis an die Decke. Hohe Räume hatten eben auch Nachteile.</p>
<p>Inzwischen war die Rauchentwicklung so stark, dass sie aus dem Zimmer ging und die Feuerwehr anrief. Als die kam, fünfzehn Minuten später, stand sie schon unten und besah mit Schaulustigen das Lichterspiel. Sie konnte von Glück sprechen. Die Hälfte ihrer Wohnung blieb verschont, und die Versicherung zahlte sofort. Der Umzug kam ihr gelegen. Unschönes möchte man gern vergessen.</p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Niemand hatte mir gesagt</title>
		<link>http://kaschemme.de/2002/03/niemand-hatte-mir-gesagt-2/</link>
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		<pubDate>Thu, 28 Mar 2002 22:58:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>onkelhoste</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[drogen]]></category>
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		<category><![CDATA[liebe]]></category>
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		<description><![CDATA[Niemand hatte mir gesagt, wie es ist, in Hamburg-Altona in einem kleinen Einzimmer-Appartement mit billigen Versandhausmöbeln zu sitzen und zu warten, bis das billige japanische Telefon klingelt.
Wir waren jung, unbeschlagen, unbeschwert, einige nahmen einige Drogen. Die Mädchen kicherten, verschlossen sich noch vor der Wahrheit ihrer Karriere in der Küche und die Jungs dachten unentwegt ans [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Niemand hatte mir gesagt, wie es ist, in Hamburg-Altona in einem kleinen Einzimmer-Appartement mit billigen Versandhausmöbeln zu sitzen und zu warten, bis das billige japanische Telefon klingelt.</p>
<p>Wir waren jung, unbeschlagen, unbeschwert, einige nahmen einige Drogen. Die Mädchen kicherten, verschlossen sich noch vor der Wahrheit ihrer Karriere in der Küche und die Jungs dachten unentwegt ans Kopulieren. Die Mädchen wechselten ihren Besitzer und irgendwann, im Tumult einer Party, zogen wir meine Freundin aus und hielten sie fest und bemalten sie mit einem Filzstift von oben bis unten und schrieben "Die Milchbar hat geöffnet" quer über ihre Brüste und sie schien das sichtlich zu genießen und ich genoss, dass sie es genoss und dachte noch, das hast du mir nie erzählt, du kleine Schlampe.</p>
<p>Da war eine, die hieß Annette und die war blond, die hatte ihre große Liebe gefunden und die ein Lächeln hatte wie eine Blumenwiese. Die wünschte für sich und ihren Kerl Glück und eine Wohnung und Kinder und eben alles, was man sich wünscht, wenn man eben nicht alle Wünsche kennt, die es im Leben gibt. Ihr Kerl war ein wenig unbeschlagen und verschlagen und spielte ein wenig mit ihr und sie lächelte ein wenig hilflos, bis sie merkte, das aus dem Spiel Ernst wurde und dann war ihre große Liebe verschwunden. Sie vergrub ihr Gesicht in die Hände und ihr Herz irgendwo am Ufer unseres Mittellandkanals. Sie machte noch eine Weile alleine weiter und dann verschwand sie einfach.</p>
<p>Wir machten auch immer weiter und alles verlief sich schließlich und ein paar gingen zum Bau und ein Anderer ging in den Bau und immer wenn wir uns trafen, sprachen wir über Annette. Aber alles war nicht mehr so unbeschwert wie früher, als sei die Wirklichkeit zwischen uns gefahren. Die Mädchen standen in der Küche und die Jungs dachten unentwegt ans Kopulieren und an das Lachen von Annette.</p>
<p>Und irgendwann war sie wieder da, niemand wusste, wo sie gewesen war und es gab natürlich ein paar Gerüchte von einem Nachtclub an einer Bundesstrasse. Ihr Lachen war seltener und härter und ihre Augen leerer. Sie hatte nur ein paar Plastiktüten mit Schlüpfern und wenn sie nicht auf den dunklen Gängen im Sozialamt saß, wusste sie nicht wohin. Sie zog bei einem Freund ein, der machte sich falsche Hoffnungen, es gab Tränen und dann verschwand sie wieder.</p>
<p>Viel später klingelte mein Telefon und da war Annette dran. Sie machte Witze und gab sich weltgewandt und ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, was sie mir die ganze Zeit zu erklären versuchte. Das sie jetzt in Hamburg lebt. Das sie jetzt eine "Professionelle" ist und ihr Name mit einer Telefonnummer in der Hamburger Morgenpost steht. Ich verstand schließlich, dachte ein wenig ans Kopulieren und kaufte eine Fahrkarte und besuchte sie.</p>
<p>Da saßen wir nun in Hamburg-Altona in einem kleinen Einzimmer-Appartement mit billigen Versandhausmöbeln und diesem billigen japanischen Telefon und lachten verschämt wie früher, aber das Gesetz der Strasse hatte sie längst eingeholt und als das billige japanische Telefon klingelte, wechselte sie ihre Stimme aus und hauchte etwas in den Hörer und ich bekam Geld, um in einer Kneipe gegenüber was zu trinken und auf ihr Fenster zu starren, wenn sie dort steht und winkt und die Luft wieder rein ist und ich wieder rüber kommen kann, immer wieder, bis es dunkel wurde und an zu regnen fing.</p>
<p>Ihr billiges japanisches Telefon klingelte wieder und ihre Augen glänzten und dann kam so ein Typ zu ihr, der war Flugkapitän und der war sanft und wollte nur reden und gab ihr immer viel Geld. Und weil es schon dunkel war und es regnete, trug sie mir auf, mich in den Schrank zu setzen und mich ruhig zu verhalten. Und dann saß ich da, den Kopf ins Kissen gepresst, den Magen voller Luft von diesem Cola-Barcardi Gemisch und ich musste lachen und der Typ redete und redete und schließlich, als er gegangen war, kugelte ich aus dem Schrank und wir lachten wie früher.</p>
<p>Dann kam ihr "Freund", sie gab ihm das ganze Geld und wir gingen essen und redeten über Sachen, die keinen von uns wirklich interessierten und sie hatte ihr Leben wirklich im Griff und wollte wirklich bald wieder aufhören und ihr Kerl sei meistens wirklich nett. Daneben saß noch eine, die ihr Leben wirklich im Griff hatte und wirklich auch bald wieder aufhören würde und die musste wirklich wissen, wovon sie sprach, weil sie das wirklich schon sehr lange jedem erzählte. Dann schlief ich auf der billigen Umbauliege aus dem Versandhaus und dachte nicht mehr ans Kopulieren.</p>
<p>Wir verabschiedeten uns und ich fuhr nach Hause zurück, mit diesem Zug, im Februar. Ich erzählte es den Jungs und ich glaube, keiner lachte mehr, außer an der Stelle mit dem Schrank. Wir tranken dann wieder Bier und ein paar von den Mädchen mit dickem Bauch machten Schnittchen und ein paar mussten los, weil Schicht war oder Sportschau oder einfach, weil die Ausgangszeit zuende war.</p>
<p>Und jetzt, nach Jahren, ist das Lachen von Annette wieder da, aber natürlich nur in meinem Kopf. Ich versuche mir nicht vorzustellen, was aus ihr wurde, aber heute weiß ich, was ein geborenes Opfer ist.</p>]]></content:encoded>
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