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	<title>Zarathustras miese Kaschemme &#187; weise</title>
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	<description>Blog &#38; Magazin für exzentrische Literatur</description>
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		<title>Nicht heute, heute noch nicht</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Jun 2009 22:01:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stirnulator</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
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		<description><![CDATA[Vielleicht wurde die Ehe vollzogen, das war früher noch üblich, möglicherweise gegen den Willen deiner Mutter, auch das war nicht selten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dein Leben begann irgendwann und entweder bist du dann schon 9 Monate lang jemandem ein Dorn im Auge gewesen oder man hat sich auf dich gefreut, und es sind durchaus Fälle bekannt, wo letzteres der Fall war.</p>
<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/blumen_350px.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1091" title="blumen_350px" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/05/blumen_350px-250x250.jpg" alt="blumen_350px" width="250" height="250" /></a>So oder so gab es Diskussionen wegen dir, schon bei der Herstellung. Vielleicht wurde die Ehe vollzogen, das war früher noch üblich, möglicherweise gegen den Willen deiner Mutter, auch das war nicht selten. Vielleicht aber schien der Mond auf eine Stelle im Wald, oder die Sonne auf die Decke mit dem leeren Picknickkorb in der Wiese aus plattgedrückten Blumen. Auf der ein Paar sich liebte, und einer von beiden hatte Senf am Knie und sie mussten irgendwann lachen deswegen, ja selbst das ist nicht unmöglich, und die Diskussionen kamen dann erst später.</p>
<p>Vielleicht war dein Vater Alkoholiker und hat gar nicht mitbekommen, wie er seine Nudel in deine Mutter hineinsteckte und abspritzte, dumpfgesoffen, vielleicht war er aber auch tapferer Jagdflieger und zärtlich und voller Liebe und Respekt. Deine Mutter hat vielleicht wegen dir das Rauchen aufgehört und auch weniger Racke Rauchzart getrunken. Vielleicht auch nicht, und vielleicht wurde dann viel darüber diskutiert. Und über die Babywäsche. Ob du, wie dein Vater, ein Mann werden würdest, oder, wie deine Mutter, eine Frau. Denn das ist von Anfang an klar: Für das Grau dazwischen ist in der Welt von Rosa und Blau kein Platz.</p>
<p>Vielleicht hat ein Patenonkel für dich ein Sparkonto eingerichtet. Vielleicht hat dein Vater mehr gekegelt als sonst, vielleicht hat er eine Super8-Kamera auf den Bauch Deiner Mami gehalten oder sein Ohr.</p>
<p>Vielleicht. Du jedenfalls weißt davon nichts. Vieleicht war es eine tolle Zeit, mit sanften Lichttönen und tiefen Lauten. Vielleicht hast du nur im Fruchtwasser gelegen und gehofft, dass man dich nicht abtreibt, nicht heute, heute noch nicht.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Entschlossen</title>
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		<pubDate>Sat, 06 Jun 2009 22:04:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susann Klossek</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
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		<category><![CDATA[leben]]></category>
		<category><![CDATA[schreiben]]></category>
		<category><![CDATA[weise]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich sass in der Küche in der Sonntagmorgensonne / Früher okkupierten Männer vorübergehend diesen Platz / Doch das war vorbei / Ich hätte Wegezoll verlangen sollen
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich war kürzlich 42 geworden<br />
Das einzig wirklich Gesicherte in meiner augenblicklichen Lage<br />
Die Existenz war nicht gerade ausbalanciert<a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/fruehstueck_350x250px.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/fruehstueck_350x250px-250x250.jpg" alt="Frühstück (Foto:aw)" title="Frühstück (Foto:aw)" width="125" height="125" class="alignright size-thumbnail wp-image-1144" /></a><br />
Wenn man so wollte<br />
Und es war noch nicht raus<br />
In welche Richtung das Pendel ausschlagen würde<br />
Ich sass in der Küche in der Sonntagmorgensonne<br />
Früher okkupierten Männer vorübergehend diesen Platz<br />
Doch das war vorbei<br />
Ich hätte Wegezoll verlangen sollen<br />
Als noch Zeit dafür war<br />
Die Krise ging mir gelinde gesagt am Arsch vorbei<br />
Das Geld auf meinem Konto würde locker langen<br />
Sich von allem zu verabschieden und aus dem Staub zu machen<br />
Kurzfristig betrachtet zumindest<br />
Ich schrieb mal wieder an einem Buch<br />
Doch der Grossteil der Menschheit bekam davon<br />
Für gewöhnlich nichts mit<br />
Die fette Katze schaute mir beim Denkversuch zu<br />
Sie blinzelte und schien es gut zu finden<br />
Immerhin es hätte schlimmer um mich stehen können<br />
Es war nahezu erschreckend<br />
Was ich alles nicht von meinen Nachbarn wusste<br />
Andererseits ersparte mir diese Erkenntnis<br />
Möglicherweise einen Umzug in ein feuchtes Exil<br />
Man braucht so wenig um sich gut zu fühlen<br />
Nachbarn die einen in Ruhe liessen<br />
Gehörten definitiv dazu<br />
Ich überlegte was ich als Nächstes tun könnte<br />
Für mein Leben<br />
Für die Menschheit<br />
Aber mir viel nichts ein<br />
Getränke gab‘s an jedem Automaten<br />
Aber wo bekam man bloss die Ideen her?<br />
Eins war jedenfalls klar: Ich war dazu entschlossen<br />
Entschlossen zu sein</p>]]></content:encoded>
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		<title>Nur Kopien</title>
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		<pubDate>Sun, 31 May 2009 22:23:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Helmut Schida</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bild]]></category>
		<category><![CDATA[Story]]></category>
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		<category><![CDATA[doppelgänger]]></category>
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		<description><![CDATA[Er folgt mir bis ins Terrassencafé in der 5. Ebene des Museums, ganz hinten bei den Impressionisten, deutet auf den Stuhl mir gegenüber, wartet mein Zeichen der Zustimmung gar nicht ab und setzt sich. Erst jetzt fallen mir seine schräg übers rechte Auge gezogene Mütze und der dunkle, am Kragen und an den Ärmeln leicht abgenützte Wintermantel auf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1103" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px">
<div style="text-align: auto;"><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/helmut_schida_25_kirche-von-auvers-van-gogh.jpg"><img class="size-full wp-image-1103 " title="Helmut Schida: Die Kirche von Auvers" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/helmut_schida_25_kirche-von-auvers-van-gogh.jpg" alt="Die Kirche von Auvers" width="500" height="593" /></a></div>
<p><p class="wp-caption-text">Die Kirche von Auvers<br />(Helmut Schida, Wien, Juni 2007, Replik nach van Gogh)</p></div></p>
<p>Er folgt mir bis ins Terrassencafé in der 5. Ebene des Museums, ganz hinten bei den Impressionisten, deutet auf den Stuhl mir gegenüber, wartet mein Zeichen der Zustimmung gar nicht ab und setzt sich. Erst jetzt fallen mir seine schräg übers rechte Auge gezogene Mütze und der dunkle, am Kragen und an den Ärmeln leicht abgenützte Wintermantel auf. Ich hab den Kerl schon einmal gesehen! War’s oben am Montmartre? Bevor ich mir ganz sicher sein kann, beginnt er auch schon mit seiner Geschichte.</p>
<p>Sie kennen sich in der Malerei aus. So etwas sehe ich auf den ersten Blick. Ihnen ist die falsche Kirche von Auvers beim Eingang sofort aufgefallen. Sie ist heuer wesentlich kleiner als die Jahre vorher. Stimmt’s? Und wissen Sie, woher das kommt? Sie haben eine andere Kopie aufgehängt.</p>
<p>Sie haben sich darüber auch schon so Ihre Gedanken gemacht. Stimmt’s?</p>
<p>Er sagt zu oft „stimmt’s“, fällt mir auf. Die Kellnerin kommt vorbei. Ich bestelle einen Café au lait. Auch mein Gegenüber nickt der Kleinen zu. Als die beiden Tassen auf dem Tischchen stehen, erzählt der Typ weiter.</p>
<p>Also, kaum eines der wirklich teuren Bilder hängt hier noch im Original. Sind alles Kopien, gut gemacht, aber eben nur Kopien. Sie haben kurz nach dem Anschlag auf die Mona Lisa damit begonnen. Ganz Paris ist seit Jahrhunderten durch ein immenses unterirdisches Geflecht an Gängen, Höhlen und Sälen in mehreren Ebenen unterminiert. Aber darin ist Paris ja nicht allein auf der Welt. Stimmt’s?</p>
<p>Der Louvre und das Musée d’Orsay haben ein ganz besonderes Leben unter Tage. Gegen die anderen Gänge komplett abgeschottet, lässt es sich unter den beiden Museen direkt schöner leben als hier oben bei der Unmenge von ahnungslosen Idioten.</p>
<p>Tief unter uns sitzen – auch jetzt, in diesem Moment - etliche Malergenies, die gerade Monet, Dégas, van Gogh und Kollegen in mühevoller Kleinarbeit kopieren. Rund 80 Prozent aller Ausstellungsstücke sind auf diese Weise in den letzten Jahren schon dupliziert worden. Und einmal im Monat werden nachts etliche Bilder gegen die zuletzt im Keller – wie ich den Untergrund nenne - angefertigten Kopien ausgetauscht. Sie werden sich fragen, wo denn dann die Original bleiben. Stimmt’s?</p>
<p>Lange Zeit waren die Amis die Bestbieter, aber im Moment sind die Oligarchen die eindeutigen Marktführer.</p>
<p>Aber es wird langsam Zeit für mich. Danke für den Kaffee.<br />
Er steht auf, nickt mir zu und im Vorbeigehen flüstert er mir ins Ohr: Ich muss wieder hinunter, um an den Sonnenblumen weiter zu arbeiten. Ist eine harte aber schöne Arbeit. Stimmt’s?</p>
<div id="attachment_1105" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/helmut_schida_63_sternennacht-van-gogh.jpg"><img class="size-full wp-image-1105" title="Helmut Schida: Sternennacht" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/06/helmut_schida_63_sternennacht-van-gogh.jpg" alt="Sternennacht" width="500" height="404" /></a><p class="wp-caption-text">Sternennacht<br />(Helmut Schida, Wien, März 2008, Replik nach van Gogh)</p></div>]]></content:encoded>
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		<title>Bis Zum Äußersten</title>
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		<pubDate>Sun, 31 May 2009 22:03:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Susann Klossek</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Er hatte einen Ansatz zum Bauch / Angefressen in 25 Jahren Revolutionspause / Jetzt trat er wieder aufs Tapet / Und auf die Barrikaden]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Er spuckte wenn er sprach<br />
Versprühte Geifer<br />
Mit zu Berge stehenden Haaren<br />
Die, die ihm geblieben waren<br />
Er referierte<br />
Während er hastig meinen Wein leerte<br />
Und die Hände ring<br />
Dass das Weisse an den Knöcheln hervortrat<br />
Er hatte einen Ansatz zum Bauch<br />
Angefressen in 25 Jahren Revolutionspause<br />
Jetzt trat er wieder aufs Tapet<br />
Und auf die Barrikaden<br />
Warum gerade jetzt blieb unklar<br />
Er wollte etwas tun<br />
Egal was<br />
Aber es interessierte Keinen<br />
Sie waren zu beschäftigt<br />
Mit der Rettung ihrer Spareinlagen<br />
Und der Spannkraft ihrer Haut<br />
Er fühlte sich wie ein einsamer Wolf in den Abruzzen<br />
Ich bestellte mir einen Espresso<br />
Für meinen Wein gab es eh keine Rettung mehr<br />
Und auch nicht für den alten Aufwiegler<br />
Er würde bis zum Äussersten gehen<br />
Glücklicherweise lag das Äusserste<br />
Knapp hinter seiner Couch<br />
Es bestand also zu keinem Zeitpunkt<br />
Gefahr für die Zivilbevölkerung</p>]]></content:encoded>
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		<title>Ausflug mit Heinzi</title>
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		<pubDate>Sun, 31 May 2009 22:01:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daudieck</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Heinzi hat mir seinen verfaulten Zahn geschenkt. Es war der drittletzte oben in der Mitte, die anderen beiden sind nur zu sehen, wenn er lacht. Heinzi lacht oft. Ich weiß, was ihm dieser Zahn bedeutete.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heinzi hat mir seinen verfaulten Zahn geschenkt. Es war der drittletzte oben in der Mitte, die anderen beiden sind nur zu sehen, wenn er lacht. Heinzi lacht oft. Ich weiß, was ihm dieser Zahn bedeutete, ein echtes Geschenk. Sonst macht Heinzi meistens kurzen Prozess, wacklige Zähne zieht er einfach raus, und dann röchelt er sich einen. Röcheln ist sein Lachen. Für einen Spastiker kann er ganz gut sprechen: langsam, vermurkst, gequetscht. Wir beide können uns unterhalten. Aber in der Schule ging's für ihn irgendwann nicht mehr weiter. Als sein Gelalle und Gezucke schlimmer wurden, schmissen sie ihm als Trost die Mittlere Reife hinterher - sein Traum vom Abitur war ausgeträumt, ein Tiefschlag für Heinzi, auch noch nach Jahren.<br />
„Nu brauch ich... ’n Gebiss.“<br />
Guter Witz, er röchelt, ich grinse ihn an.</p>
<p>Sie hätten ihn wieder vergessen – Heinzi, dieser Lügner. Ich sag’ dazu nichts mehr. Der Fahrer, der die Leute von der Werkstatt nach Hause fährt, ist Zivi wie ich, er hat mir vorher Bescheid gesagt.<br />
„Was grölst du hier so laut rum?“ Die sanfte Tour ist bei Heinzi nicht angesagt, steht er sowieso nicht drauf. Wenn er durchdreht, schnauz’ ich ihn voll an. Ein Mal schrie er so lange im Scherenlager, bis der Dorfpolizist anrückte.<br />
„Vergessen mich hier. Bin’n armes Schwein.“<br />
„Logo.“<br />
„Tour machen, hey? Vielleicht... kommt mein Kumpel.“<br />
„Du nervst.“<br />
<a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/04/rollstuehle_350x250.jpg"><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/04/rollstuehle_350x250-250x250.jpg" alt="rollstuehle_350x250" title="rollstuehle_350x250" width="250" height="250" class="alignright size-thumbnail wp-image-1121" /></a>Bevor wir auf Tour gehen, muss ich den Rollstuhl vollpacken, er hat hinten ein extra großes Netz – obenauf die drei Sixpacks, die sind am wichtigsten, Zigaretten, eine Flasche Wasser, Pampers, Ersatzwäsche und den Beutel mit den Pillen.</p>
<p>„Alles okay... mit Carlo?“ Heinzi meint meinen Chef. Dem passt es nicht, dass ein Zivi mit einem seiner Behinderten säuft. Kein Alkohol bei der Arbeit, trotzdem haben Carlo und ich unser kleines Geheimnis: den abgeschlossenen Spind mit den Sixpacks. Er sorgt stillschweigend für Nachschub. Als Zivi seh’ ich nicht ein, auch noch das Bier zu bezahlen.</p>
<p>„Hab’ schon geschissen... ehrlich.“<br />
„Klasse“, lobe ich wahrheitsgemäß. Heinzi hat sich zwei Mal unterwegs vollgesaut, gibt Schöneres.<br />
Gleich hinter der Hauptstraße fängt das Moor an. Der schnurgerade Feldweg, den sie neu asphaltiert haben, ist ideal für den Rollstuhl. Sogar gutes Wetter, Frühjahr, die Bäume schlagen aus, die Wiesen grünen. Ich schieb’ so vor mich hin, Heinzi lässt sein erstes Holsten einlaufen, zappelt, sabbert, schmatzt vor Vergnügen. Er will schon wieder eine rauchen, pechschwarze Gitanes, normalerweise zwei Schachteln am Tag – seitdem sein linker Arm nicht mehr richtig mitmacht, qualmt er weniger. Ich stecke ihm die Zigarette an und schiebe sie zwischen seine braunen Finger.</p>
<p>„Kann sein... mein Kumpel kommt heut. Reich’... noch’n Holsten rüber.“<br />
Wir sind weit ins Moor gerollt, an unseren Platz, wo wir anhalten und zusammen saufen.<br />
Ich schnapp’ mir auch ein Bier, trinke es in einem Zug aus. Warm hier draußen.<br />
„Willst du heulen?“, frage ich.<br />
„Klar... muss sein... danach quatschen wir, wa?“<br />
Heinzi weint am liebsten allein. Auf der anderen Seite des Weges gibt es eine erhöhte Einfahrt zu einer Viehweide, sein Stammplatz. Es ist ein festgelegter Wechsel, ein Ritual, er winselt, dann wieder glotzt er stumm in die Landschaft.<br />
„Komm’ her!“</p>
<p>Ich bleibe sitzen, auf dem Erlenstamm, der schon seine Borke verloren hat, dessen Holz über den Winter schon weich wurde. Erlen sind nicht langlebig, ihr Holz taugt nichts. Heinzi hat sich aufgebäumt und ist in sich zusammengesackt. Der Rollstuhl steht noch. Sein Kumpel, wir haben beide auf ihn gewartet. Ich bleibe sitzen, ich schnapp’ mir das nächste Bier, trinke es in einem Zug aus – ist ja noch genug da, ein Glück.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Für die Kinder</title>
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		<pubDate>Sun, 10 May 2009 22:01:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Hier gab es sie alle: Junge, aufstrebende Literaturstudenten, die schon heimlich ihre Dankesrede für den Nobelpreis geschrieben hatten oder die verträumten Boulevard-Zeitschriften-Dichter, die Posie für ihre Blumentapete schrieben. Es gab Schreiber, die Kredite aufgenommen hatten, damit sie ihre Book-on-Demand Bücher in den Druck geben konnten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>“Warum schreiben wir? Wie oft hat sich das schon einer von euch gefragt? Geht es um die Dinge, die wir nicht vergessen können - oder wollen? Dinge, die wir nicht verstehen und….” Der Professor ließ seinen Kopf nach unten fallen, um über seine runde Brille schauen zu können, und zog die Augenbrauen hoch. Die Falten auf seiner Stirn waren so tief, dass man dachte, jemand hätte sie mit einem Messer in die Haut geritzt. Ein junger Teilnehmer des Schreibkurses, der weiter vorne saß hatte seine Hand gehoben.</p>
<p>“Ja bitte”, sagte der Professor und deutet auf den jungen Mann in der zweiten Reihe, der seinen Arm nun wieder runternehmen konnte.<br />
“Ich hab Angst vor Papier”, sagte der junge Typ verlegen.<br />
“Was hat das mit meiner Frage zu tun?”<br />
“Das nennt man Papyrophobie”, rief einer von ganz hinten.<br />
Paul mit dem Schnurrbart fing an zu lachen.<br />
“Der hat ja voll einen an der Waffel” platzte es aus ihm heraus.<br />
Der Typ aus der zweiten Reihe drehte sich zu Paul.<br />
“Was ist denn da so komisch dran?”<br />
“Nun lasst uns doch mal bitte zu meiner Frage zurückkehren.” Der Professor bat wieder um Aufmerksamkeit und klopfte mit seinem Stift auf das Pult.<br />
“Um unserer Fantasie ein Forum zu geben?”, rief ein anderer dazwischen.<br />
Der Professor nickte nicht ganz unzufrieden.<br />
“Um nicht zu vergessen”, sagte ein junges Mädchen aus der ersten Reihe.<br />
“Gut möglich”, so der Professor.<br />
“Weil wir nichts anderes können”, sagte ich ohne meinen Arm zu heben.</p>
<p>Unruhe kam auf. Einer sagte, dass es mit Sicherheit noch viel mehr gebe, dass er gut beherrschen würde, aber das Schreiben würde ihn halt reizen. Ein weiterer Teilnehmer machte auf das instinktive menschliche Verlangen, sich mitzuteilen, aufmerksam, während ein älterer Typ seine Brille zurecht rückte und noch hinzufügte, dass es auch den Reiz, nicht vergessen zu werden, in sich berge.<br />
“Das hab ich doch gerade gesagt”, sagte das Mädchen aus der ersten Reihe und drehte sich um.<br />
“Du hast gesagt, um nicht zu vergessen … nicht vergessen zu werden ist aber was ganz anderes”, antwortete der Typ mit der Brille prompt.<br />
“Glaubst du denn wirklich in hundert Jahren liest noch einer deine Geschichten?”, fragte das Mädchen kess.<br />
“In hundert vielleicht nicht, aber…” Der mit der Brille stockte und dachte nochmal eine Sekunde darüber nach. “Ja, warum denn nicht?”<br />
Das Mädchen drehte sich wieder zum Pult und lachte.<br />
“Ha, das Vierauge denkt, er wäre ein Apostel.”<br />
“Was ist denn das für eine schwachsinnige Aussage”, feuerte er gleich zurück.<br />
“Kinder, Kinder”, rief der Professor ins Klassenzimmer und hielt die Hände ermahnend hoch, “Wir wollen uns doch hier nicht gegenseitig die Motivation stehlen. Ein Meister ist noch nicht vom Himmel gefallen.”<br />
“Ich hab die 75 Euro im Voraus bezahlt, gibt es die Möglichkeit, einen Teil davon wieder zubekommen, sagen wir mal, wenn man mit dem Seminar nicht zufrieden war?”, fragte Paul ganz beiläufig.<br />
“Das steht hier nicht zu Debatte, jeder von ihnen wird hier schon auf seine Kosten kommen”, versicherte uns der Professor.</p>
<p>Hier gab es sie alle: Junge, aufstrebende Literaturstudenten, die schon heimlich ihre Dankesrede für den Nobelpreis geschrieben hatten oder die verträumten Boulevard-Zeitschriften-Dichter, die Poesie für ihre Blumentapete schrieben. Es gab Schreiber, die Kredite aufgenommen hatten, damit sie ihre Book-on-Demand Bücher in den Druck geben konnten, um dann jeder Tussi im Bekanntenkreis von ihrer Autorenkarriere zu berichten. Eine junge Frau saß an einem Tisch in der Ecke des Raumes. Sie trug eine Brille mit schwarzem Gestell und stellte dauernd Fragen nach der Philosophie des Schreibens. Sie lächelte so gut wie nie und kümmerte sich stets um den korrekten Sitz ihres spitzen Kragens. Sie hatte eine lange Nase, ein sehr schmales Gesicht, das von dunkel-blonden Locken umgeben war. Im Sarah Jessica Parker Double Contest hätte ich ihr auf jeden Fall das Halbfinale zugetraut. In jüngeren Jahren war sie bestimmt mal die Herausgeberin der Schüler-Frauenzeitschrift, die in jeder zweiten Ausgabe ein Gratis-Kondom mit herausbrachte. Ficken ja, aber verlieben nein, denn Männer sind ja sowieso alles Arschlöcher und wir emanzipierten Frauen mit Designerbrillen und Zehner-Karte fürs Fitness-Center mit Gratis-Protein-Shake im Monat, haben etwas Besseres verdient. Hier saß ich nun und trauerte meinen 75 Euro nach. Das ich mich zur Teilnahme an diesem Kurs entschieden hatte, war mehr oder minder eine Kurzschlussreaktion gewesen. Ich saß zu Hause herum, blätterte durch meine Absagen zahlreicher Verlagshäuser und dachte mir, dass ich es vielleicht mal über einen akademischen Umweg versuchen sollte. Wie viele Schreiber hatten es denn schließlich schon von der Straße geschafft? Nicht jeder wird ein Bukowski, ein John Fante oder ein Hubert Selby Jr. Diese Leute haben doch den vielen verlorenen Schreiberseelen den ganzen Mist erst eingebrockt. Ich sehe diese verzweifelten Schreiberlinge vor meinem geistigen Auge: sie sitzen zu Hause, leeren eine Flasche Bier nach der anderen, schreiben von ihren Tagen in der Gosse und hoffen auf ihren großen Durchbruch. Fante hat's geschafft. Dann pack ich das auch! Ich sollte vielleicht einfach eine Geschichte schreiben, sie zwanzigtausend Mal ausdrucken und dann die Blätter in der Innenstadt verteilen. Vielleicht kommt ja jemand daher und erzählt mir was für ein unglaubliches Talent ich doch besitze. Dann lächele ich und fühle mich geschmeichelt. Oh, Mann. Ich sollte vielleicht auch mal meinen Arm heben und eine Frage stellen. Schließlich habe ich einiges hingeblättert für diesen Kurs.</p>
<p>Ich hob meinen Arm und kurz darauf nahm mich der Professor auch schon dran.<br />
"Wann, denken Sie, ist der Punkt gekommen, an dem man sich eingestehen sollte, dass man es einfach nicht drauf hat?", fragte ich und der Professor schaute nachdenklich zu Boden. Mit einer müden Bewegung stand er auf und trottete langsam durch den Raum. Er nahm seine Brille ab und begann auf dem Gestell herum zu kauen. Er bemerkte meine negative Haltung zu der ganzen Sache und wollte nun einmal mehr das Boot vor dem sicheren Untergang bewahren. Er atmete tief ein, kratzte sich die Stirn und machte seinen gekrümmten Rücken gerade. Er stand da, als wäre er im Begriff, vor der ganzen Nation die Nationalhymne zu singen, doch stattdessen sagte er einfach nur in lakonischer Art: "Jedem ist es selbst überlassen, wann er aufgeben will, aber raten würde ich es keinem."</p>
<p>Ich war mit der Antwort nicht sonderlich zufrieden, aber wahrscheinlich wäre ich mit keiner Antwort zufrieden gewesen. Jeder schaute in diesem Moment auf zu unserem Kursleiter wie zu einem Fremdenführer, der uns aus der trostlosen Wüste hinein ins gelobte Land führen sollte. Doch dieser Führer hatte eigentlich gar keine Ahnung. Er wusste nicht mehr als wir. Jeder hier wusste eigentlich gar nichts und doch nahm er sich das Recht eines angehenden Fachmanns heraus. Wir waren doch nichts. Wir schrieben auch nichts. Wir sagten auch nichts. Wir verbrachten nur unsere gottgegebene Zeit hier und stierten Löcher in die Luft.</p>
<p>"Lasst uns eine Geschichte schreiben", sagte der Professor schließlich und gab uns als Hausaufgabe für den nächsten Tag eine Geschichte ohne irgendeinen Themenbezug auf. Alle verabschiedeten sich und schmiedeten schon heimlich Pläne, wie man wohl am morgigen Tag den gesamten Kurs mit einer fetzigen Geschichte weghauen könnte. Ich ging nach Hause, trank zwei Flaschen Wein und machte mich an die Arbeit. Bis zu der Sekunde, in der ich vor den anderen Schreibern in spe den Text vortrug war mir eigentlich nicht ganz bewusst, was ich überhaupt geschrieben hatte. Ich setzte an und las vor. Immer wieder verdrehten die Leute im Kurs die Augen oder fingen an zu lachen, während ich vorlas. Dann war es irgendwann zu Ende und überraschenderweise blieb der Applaus aus. Vielleicht hätte ich vorher dem Kursleiter etwas besser folgen und den einen oder anderen Hinweis zur Kenntnis nehmen sollen.</p>
<p>"Deine Geschichte ergibt doch überhaupt keinen Sinn", sagte Paul zu mir und ich lächelte.<br />
"Der tiefere Sinn steckt im zweiten Absatz", sagte ich und versicherte mich selbst nochmal. Ja, genau dort lag er verborgen. Aber das versteht ihr alle nicht. Ich nehm mir jetzt mein Robert-Frost-Gedichtebuch, stell mich in die Ecke und höre einfach nicht mehr zu. Da lerne ich doch bestimmt mehr, als in dieser inkompetenten Runde hier. Doch lasst mich vor meinem großen Abtritt noch einmal kurz jemanden zitieren. Ja, ein Zitat. Das passt hier so wunderbar her. Ich zitiere also Bertolt Brecht: <em>So mancher wollt so manches haben was für manchen gar nicht gab: Er wollt sich schlau ein Schlupfloch graben und grub sich nur ein frühes Grab.</em></p>
<p>"Der nächste, bitte", sagte der Professor und die Blümchentapeten-Dichterin legte los. Nach der Vortragsstunde bat der Professor jeden von uns zu einem persönlichen, abschließenden Gespräch zu sich ins Büro.<br />
"Herr ... ," begann er und versuchte sich zu erinnern.<br />
"Nennen Sie mich wie Sie wollen."<br />
"Genau da liegt das Problem."<br />
Er goss sich Kaffee aus der Kanne in seine Peanuts-Tasse und begann ein paar Zuckertüten aufzureißen. Das Büro wirkte auf mich mehr wie eine kleine Kantine, als ein Büro. Ein Kühlschrank, eine Mikrowelle, Elektroherd, frische Weintrauben in einer mit Wasser gefüllten Schale, Bananen, glänzende Kirschen in einem Schälchen. Ein kleines Schlaraffenland mit einem schmalen Schreibtisch, einem hölzernen Stuhl davor und ein gerahmtes Mark Rothko Bild an der Wand, das hier ungefähr so gut reinpasste wie der Teufel in den Petersdom.<br />
"Also, Herr ... ." Der Professor schob seine Brille hoch. "Wie spricht man das aus?"<br />
"Hat ihnen meine Geschichte gefallen?" fragte ich.<br />
"Im Großen und Ganzen ... sagen wir mal ... ja."<br />
Ich schmunzelte und trauerte einmal mehr meinen 75 Euro nach.<br />
"Das Problem mit ihrem Text ist, dass ich nicht sonderlich schlau daraus werde."<br />
"Ach ja?"<br />
"Was soll er aussagen und für wen soll er geschrieben sein?"<br />
"Sie meinen so eine Art Botschaft?"<br />
"Genau. Wie jede Geschichte sie hat."<br />
"Könnte es nicht sein, dass Sie die Botschaft einfach nicht bemerkt haben?"<br />
"Aber wenn ich sie nicht bemerke, dann haben Sie doch irgendwie das Ziel verfehlt."<br />
"Das Problem ist wohl, dass, und nun sind wir beim zweiten Punkt, den Sie angesprochen haben, meine Zielgruppe wahrscheinlich nicht aus solch hochangesehenen, akademischen Schwergewichtlern besteht."<br />
"Und wer ist Ihre Zielgruppe? Für wen schreiben Sie?" fragte er abschließend und nahm seine Brille ab.<br />
Ich ging einen Moment in mich und überlegte mir, ihm eine Antwort darauf zu geben, aber ich dachte mir, er wird vielleicht selbst früher oder später darauf kommen oder er wird mich einfach vergessen. Keine fünf Sekunden nachdem ich aus der Tür bin, wird er schon den nächsten Kursteilnehmer zu sich herein bitten und ihn mit ähnlichen Kritikpunkten konfrontieren, ohne auch nur einen Funken Erinnerungsvermögen an mich zu verschwenden.</p>
<p>"Kann ich mir eine Banane mitnehmen?", fragte ich höflich, und in seiner Perplexität brachte er es nur zu einem Nicken. Ich griff mir das Obst, begann schon beim Hinausgehen mit dem Schälen und verschwand.<br />
"Vielen Dank und viel Glück noch", sagte ich und biss zu.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Kommissar Bredenbeck steigt aus</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Feb 2009 06:00:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>onkelhoste</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krimi]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[Bredenbeck]]></category>
		<category><![CDATA[enden]]></category>
		<category><![CDATA[film]]></category>
		<category><![CDATA[hass]]></category>
		<category><![CDATA[leben]]></category>
		<category><![CDATA[tod]]></category>
		<category><![CDATA[weise]]></category>

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		<description><![CDATA[Günzel scheuchte das Einsatzfahrzeug mit 90 Sachen die Strasse hinauf. Kommissar Bredenbeck durchsaß derweil den Beifahrersitz und stellte bei der Beobachtung seines Fahrgeräusche imitierenden Assistenten felsenfest, dass Intelligent Design keinesfalls für die Entstehnung der Arten verantwortlich sein konnte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/02/bredenbeckfaehrt_350.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-878" title="bredenbeckfaehrt_350" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/02/bredenbeckfaehrt_350.jpg" alt="bredenbeckfaehrt_350" width="350" height="250" /></a></p>
<p>Günzel scheuchte das Einsatzfahrzeug mit 90 Sachen die Strasse hinauf. Kommissar Bredenbeck durchsaß derweil den Beifahrersitz und stellte bei der Beobachtung seines Fahrgeräusche imitierenden Assistenten felsenfest, dass <em>Intelligent Design</em> keinesfalls für die Entstehnung der Arten verantwortlich sein konnte.</p>
<p>"Er entkommt uns!", schrie Günzel die Frontscheibe an, die an manchen Stellen durchblinken ließ, dass sie Fahrer mit feuchter Aussprache hasste.</p>
<p>"Ist Ihnen je der Gedanke gekommen, dass in Ihrem Leben etwas falsch läuft?", fragte der Kommissar nebenbeiläufig und kurbelte seinen Sitz in Liegeposition, um noch lässiger zu wirken.</p>
<p>"Was?", günzelte sein Sozius mit hochrotem Kopf zurück und schielte entlang einer gestrichelten Linie auf den Karton mit den Spitzfindigkeiten, den Bredenbeck im Schoß hielt.</p>
<p>"Oder anders gefragt:", fragte er anders, "sind Sie Veränderungen gegenüber aufgeschlossen?"</p>
<p>"Welche Veränderungen?", echote sein Assistent überzeugend ahnungslos.</p>
<p>"Zum Beispiel: Das dass von uns verfolgte Fluchtauto immer kleiner wird!"</p>
<p>Günzel durchwühlte vergeblich das Handschuhfach, um eine plausible Erklärung zu finden. Er formulierte in Gedanken ein vorsichtiges <em>Weil es sich immer weiter entfernt?</em>, wußte aber, dass er damit nicht durchkommen würde. Nicht bei Bredenbeck, dem mit allen Fahrwassern gewaschenen Kriminaler. "Weil es schneller ist als <em>wir</em>?", überraschte er sich selbst mit kursiver Schrift.</p>
<p>"Und was können <em>wir</em> dagegen tun?", fragte der Kommissar so gedehnt, dass seine Sehnen knackten.</p>
<p>Günzel fühlte, dass er sich vollens in die Enge getrieben fühlte und das lag massgeblich daran, dass sein Chef unbemerkt an seiner Sitzverstellung gespielt hatte, die ihn bedrohlich zwischen Rückenlehne und Lenkrad einquetschte.</p>
<p>"Ich weiß nicht!", erwiderte Günzel gepresst. "Haben sie vielleicht leihweise eine gute Antwort für mich?"</p>
<p>"Wie wär's mit: In den dritten Gang schalten?", grinste Bredenbeck eigenhändig. Dann nahm er sich einen Korb und begann die Früchte seiner raffinierten Verhörmethoden zu ernten.</p>
<p>Seinem Assistenten entfiel alle Farbe aus dem Gesicht, die sich platschend in den Fußraum ergoß. "In den dritten Gang schalten!", wiedergab der kleinlaute Günzel mehr klein als laut. Seine jahrzehntelange Fahrschulzeit lief in Zeitraffer vor seinem einzigen geistigen Auge ab: Die Eröffnung der Fahrschule, die Pensionierung ihres Gründers, die vom Verkehrsminister persönlich mit sorgenvollem Gesicht verlesene Strassenverkehrsordnung.</p>
<p>Günzel stoppte den Film, trat beherzt nach dem Kupplungspedal und betätigte den Schaltknüppel. Verschiedene, bis an die Zähne bewaffnete Zahnräder gerieten aneinander. Einige, von umsichtigen Autoherstellern ursprünglich für den Rückwärtsgang vorgesehene Teile bekamen überraschend den Einsatzbefehl und stürzten sich verwundert, aber pflichtbewußt ins Getümmel. Ein Rucken ging durch den schweren Wagen, als eine Reihe von Getriebeteilen durch die Motorhaube entkam und nach kurzer Suche das Weite fanden. Ein Schuß durchfiel die folgende Stille. Das Einsatzfahrzeug rollte langsam aus und kam am Bordstein zum Erliegen.</p>
<p>Minutenlang ergriff niemand das Wort, obwohl eine ganze Reihe davon zur freien Verwendung bereitgelegen hatten. Schließlich war es der Kommissar, der sich zum Sprechen anhob.</p>
<p>"Sie wußten, dass sie eines Tages während eines Einsatzes sterben würden, nicht wahr?", fragte Bredenbeck nicht wirklich interessiert aber trotzdem, nachdem er gelangweilt in seinem Fragenkatalog geblättert hatte.</p>
<p>Günzel fühlte sich überhaupt nicht wohl in seiner Haut - zum Einen, weil er selbst darin steckte und zum Anderen, weil sich neben ihm noch eine Kugel darin befand.</p>
<p>"Ja!", ächzte Günzel final. "Aber dass mir das ausgerechnet in einem Fahrsimulator passsieren muß!"</p>
<p>Der kinderlose Kommissar nickte väterlich und verließ das Gefährt. Seine Waffe dachte noch lange nicht daran, mit dem Rauchen aufzuhören.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Zur Rettung der Nation</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Oct 2008 08:36:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[global]]></category>
		<category><![CDATA[moderne]]></category>
		<category><![CDATA[politik]]></category>
		<category><![CDATA[schuld]]></category>
		<category><![CDATA[sinn]]></category>
		<category><![CDATA[tod]]></category>
		<category><![CDATA[tristesse]]></category>
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		<description><![CDATA[Sie stehlen ihr Diebesgut durch Steuerschlupflöcher, über unbefestigte Grenzen hinweg, dann, wenn sie und ihr Erbeutetes gefragt sind, wenn Land und Leute Rat und Tat und Hilfe brauchen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Bemühe dich nicht, reich zu werden,<br />
<em>Und laß ab von deinen Fündlein.(Salomo, 23,4)</em></em></p>
<p><strong>Was kümmert es Kapitalkakerlaken, was kümmert es Satte, wenn es mit ihrem Land bachab, den Wirtschaftsbach runtergeht? Diese Prachtschaben! Die, die alles haben, sie bleiben unempfindlich, solange ihnen niemand etwas wegnehmen will. In Zeiten aber, da das Volk sich mit Ratten um Hungertücher balgt, fliehen Betuchte scharenweise außer Landes. Sie stehlen ihr Diebesgut durch Steuerschlupflöcher, über unbefestigte Grenzen hinweg, dann, wenn sie und ihr Erbeutetes gefragt sind, wenn Land und Leute Rat und Tat und Hilfe brauchen. Was ist das für ein Weltgebäude, was für ein Morschgemäuer, das seine Sanierung Schwachen und Bedürftigen aufhalst!</strong></p>
<p>Wohlhabende überfahren Verhungernde. Sie preschen mit Vollgas in Armutsprozessionen, in Hungerdemonstrationen. Sie schubsen Verzweifelte ehrlich entrüstet, ethisch und moralisch gerüstet, Tod und Teufel in die Klauen. Kein Grund zum Anhalten, Nachdenken, Hinterfragen. Und sollten Fragen, sollten Schuldgefühle aufbrechen, dann schütteln die Engelmacher ihr tragbares Gewissen ab. Sie werfen sie armen Sündern auf die Schultern, in die Seele. Sie können es sich leisten. Sie sind reich, und wer reich ist, hat recht. Und wer es nicht hat, kauft es sich. Das Recht sitzt auf Seiten der Satten, der Kapitalkakerlaken. Das sehen die Armen genauso. Deshalb streben alle nach Reichtum. Das ist die Wahrheit. Wahrheit? Was ist die Wahrheit? Die Wahrheit verwest in Bankschließfächern.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Werthers Echte</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Jan 2007 16:45:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daudieck</dc:creator>
				<category><![CDATA[Miniatur]]></category>
		<category><![CDATA[menschlich]]></category>
		<category><![CDATA[rituale]]></category>
		<category><![CDATA[supermarkt]]></category>
		<category><![CDATA[tod]]></category>
		<category><![CDATA[weise]]></category>

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		<description><![CDATA[Schon wieder steht so ein Opa vor der Ampel, Mercedes-Schieber par excellence: E-Klasse,  vorzugsweise silbermetallic, auch schon mal travertinbeige: Rentnergold.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So sind sie, die Alten: gütig, geistig voll auf der Höhe, mit einem Bonbon in der Hand, nach dem der Wonneproppen von Enkel hechelt. Fernseh-Großväter, wie entfesselt tollen sie mit oder ohne Omma über Almwiesen, besoffen vor Glückseligkeit stapfen sie kniefrei durch die Toskana, mit ihren knallweißen Keramikzähnen zerknuspern sie telegen Salatblätter in linksdrehendem Schleimdressing, sie zeralbern den Tod zur Schimäre – sie frohlocken, dass die Schwarte kracht. </p>
<p>Schon wieder steht so ein Opa vor der Ampel, Mercedes-Schieber par excellence: E-Klasse, vorzugsweise silbermetallic, auch schon mal travertinbeige: Rentnergold. Die Ampel wurde neulich grün, doch er muss erst noch das Suspensorium zurechtrücken, bevor er aus Versehen in den Dritten schaltet. Abgewürgt, der Hintermann schreit los, Opa schreit zurück, läuft rot an, doch er überlebt und bringt es fertig, seinen ganzen Stolz auf vier Rädern in Bewegung zu setzen: In deutlich weniger als fünf Minuten wird er ihn auf 45 km/h beschleunigt haben – seine Marschgeschwindigkeit, mit der er unaufhaltsam den Supermarkt ansteuert, wo er sich eine Tüte Rasierwasser kaufen will.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Aus früher Harnzeit</title>
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		<pubDate>Sat, 16 Dec 2006 20:03:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Miniatur]]></category>
		<category><![CDATA[surrealseltsam]]></category>
		<category><![CDATA[weise]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit den ersten Pickeln gedieh Harns Lehrkraft, Haldi Spackstadt, eine aufgeschossene Vogelscheuche mit angeklebten Wimpern, zu Abziehbild und Wichsvorlage.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="justify">Mit den ersten Pickeln gedieh Harns Lehrkraft, Haldi Spackstadt, eine aufgeschossene Vogelscheuche mit angeklebten Wimpern, zu Abziehbild und Wichsvorlage. Wie zu seiner Geschmacksrettung aber verließ die Prachtschabe bald die Baumschule. Harn, von ersten Hormonstürmen gepeitscht, irrte auf der Suche nach anderem Anschauungsmaterial umher.</p>
<p align="justify">Doch der Knabe sollte Haldi Spackstadt noch einmal zu sehen bekommen. Es geschah auf einem Schulfest, während des Quälens, Häutens und Augenausstechens eines Mitschülers, da stelzte die Vogelscheuche zur Festturnhalle herein. Natürlich übersah die Spackstadt Harns aufdringliche Augenblicke. Sie übersah ihn - wie immer - in Gestalt und Person. Ausgleichsweise biß der Mitschüler, der Gequälte, in den Schwebebalken.</p>]]></content:encoded>
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