Tatort Kairo: Mord an den Pyramiden

Der 6. Krimi für starke Frauen

Kommissarin Imho wäscht sich die Hände und restauriert sich das Gesicht. Die Melonenscheibe hatte ihr von Ohr zu Ohr gereicht. Sie muss sich jeden Tag von Neuem durchbeißen, Kommissare mit einer solchen Oberweite hat es in Kairo bisher nicht gegeben.

„Mord an den Pyramiden!“ schreit ihr Kollege Abd El Toth, noch ehe er die Tür ganz aufgerissen hat.

Imho, sich ein Stück Wassermelone aus dem rechten Ohrring pulend, verpasst ihren Kollegen. Als Ausrufezeichen hat er die Tür wieder zugeschlagen, aber aus dem Nebenbüro klingt es noch einmal:

„Mord an den Pyramiden!“

Kommissarin Imho wirft im Spiegel einen letzten zufriedenen Blick auf ihr edel geschnittenes, milchkaffeebraunes Profil. Zwei geübte Striche mit dem bordeauxfarbenen Lippenstift, ein dritter tastend über den Schreibtisch. Sie findet endlich das Telefon unter dem Pappteller, der beweist, dass angebrannte Kichererbsen zur Reinkarnation nicht fähig sind.

Die Leiterin des Kommissariats leitet ein, was sie einleiten muss. Der Fremdenverkehrsminister, der Innenminister, der Polizeipräsident, NSA und CIA, dazu die großbuchstabige Analphabetenzeitung aus Germania.

Noch während sich das Gespräch durch die Leitung quält, stopft Imho die Dienstwaffe ins Halfter und die Ohrclips dazu. Jetzt reißt die Kommissarin die Tür auf und überrascht Kollegen Abd El Toth beim Nassrasieren.

„Aber ich muss doch noch…!“ stammelt er hilflos, greift jedoch gehorsam zu Waffe und Fliege. Den Abendanzug trägt er bereits.

„Abmarsch!“ schreit Imho, stürzt zum Jeep und setzt sich mit einem schwer bewaffneten Antiterror-Kommando in Richtung Wüste in Bewegung.

„Wollen Sie die alle mitnehmen?“ stammelt Abd El Toth, dem es schwer fällt, auf dem rüttelnden Beifahrersitz die Fliege zu binden.

„Wenn es nach mir ginge,“ schnauzt Imho, „hätte ich die halbe Armee dabei!“

„Da wird er sich aber freuen…“ murmelt der Kollege betreten.

Kommissarin Imho streicht ihren blutroten Seidenrock glatt und setzt ein Kopftuch auf. Für alle Fälle. Man weiß ja nie.

„Wer sich zuletzt freut, freut sich am längsten,“ orakelt sie.

„… schon gelesen?“ druckst Abd El Toth. Seine Vorgesetzte gibt sich keine Blöße. Sie liest nie Berichte, sie lässt sich Berichte berichten. Dazu sei ein Bericht da, sagt sie. Er wird von ihrer kleinen Leseschwäche auch diesmal nichts erfahren. Ihre Augen verschleiern sich, sanft legt sie ihre Hand auf die makellos gekämmte Mako-Baumwolle seines Anzugärmels.

„Lieber Toth, einfach wunderbar. Perfekt! Alles drin, und dann dieser Stil!“

„Ja, der Stil…“ flüstert er ebenso hingerissen.

Sie fahren langsamer, pirschen sich in fächerförmiger Formation durch die Wüste. Hinter der nächsten Kurve werden sie die Pyramiden erreicht haben. Im Abendhimmel spielen gelbe und osirisgrüne Laser.

„Laserkanonen!“ schreit Imho und legt jetzt auch die Brillianten ab. „Anhalten!“ befiehlt sie.

Vorne am Durchlass steht der Polizeipräsident. Im Abendanzug mit einem zerknautschten Amerikaner in Trenchcoat und Sonnenbrille.

„Haben Sie sie dabei?“ fragt der Polizeipräsident lächelnd.

„Aber ja!“ ruft Kommissarin Imho, bereits auf dem Sprung in einen Graben.

„Angriff! Jetzt!“ murmelt sie in ihr Funkgerät.

Warum bewegt sich Toth nicht? Was macht er so lange beim Polizeipräsidenten?

„Die Einladung…!“ ruft der verzweifelt, als die ersten Granaten und Rauchbomben detonieren.

Der Weg ist schnell frei gesprengt. Die unwahrscheinlich große Anzahl von Geiseln in Abendrobe flieht in Panik; der Täter, der sich vergeblich auf der Bühne mit einem Buch zu tarnen versucht, wird im Tumult erschossen.

Kommissarin Imho greift nach dem blutverschmierten Beweismittel und entziffert den Titel: Mord an den Pyramiden – von Christian Agathy.

„So eine Geschmacklosigkeit!“ brüllt sie der Leiche ins zerschossene Gesicht. „Terrorist! Menschenschinder! Lügner!“

Im kühler werdenden Abendwind löst sie ihr Kopftuch und wirft es angeekelt auf den Brei, der dort liegt, wo andere Menschen Augen und Schädeldecke haben. Dann zieht sie ihre Lippen in Bordeauxrot nach, steht auf und geht. Sie dreht sich noch einmal um, streicht ihren blutroten Seidenrock glatt und sagt zu ihrem Kopftuch: „Jetzt weißt du, wie man mit Menschenfängern umgeht.“

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Dan Rocco (Dirt Diggin Dog): Rouge & Revolver
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Dirt Diggin Dog

DDD wollte eigentlich als Frau auf die Welt kommen, hasst aber Frauenkrimis zu sehr. Brüllte bei Abnabelung Heavy Metal und trägt immer noch keine Krawatten. Mit fünf Jahren leere Sprechblasen aus Comics als Hörbuch eingelesen. Erstes Poem mit zwölf Jahren: „Mein Ascher stinkt wie blaue Weizenkleie’“. Jobs als Fernfahrerbeifahrer, Leichenwäscherhelfer, Literaturpreismanuskriptesortierer, Siebdruckfarbanrührer und Tanzboy. Studium bei Raymond Chandler und Dagobert Duck. Erster Roman: über die Sprechpausen Phil Marlowes. Gewann fünf Pfund Butter beim renommierten Regiokrimi-Preis „Butter bei die toten Fische“. Lieblingsschriftsteller: Jack Torrance. DDD lebt und arbeitet nach dem Prinzip von Tschechows Rasierklinge in Cleveland, Neustadt an der Weinstraße und Clichy. Aktuelles Buch: „Rouge & Revolver – 10 Schnellkrimis“ (under dem Pseudonym Dan Rocco).

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