Tatort Neustadt an der Weinstrasse: Weib und Gesang

Der 8. Krimi für starke Frauen

„Um Himmels Willen, das ist ja Erwin Leitpichler!“ kreischt Hauptkommissarin Else Tritsch beim Anblick der Leiche. Auch nach zwanzig Dienstjahren im Revier Neustadt hat sie es noch nicht gelernt, sich am Tatort zu benehmen. „Ach Gottogottogott!“ jammert sie und schlägt sich die Hände vor das Gesicht. Ihre großen mausgrauen Augen verdunkelt ohnehin ein inneres Gewitter.

Ihr Kollege Dornfelder, hochgewachsen und herb, ein Schüchterner mit roten Haaren, nimmt es gelassen. Er weiß von seiner Oma: Leitpichler war das Volksmusikidol aller Frauen zwischen 12 und 92. Wein, Weib und Gesang – Tingeltouren durch Pfälzer Weinstuben. Und er weiß aus Erfahrung: Else Tritsch, die Vierzigerin mit leichter Torschlusspanik, genehmigt sich regelmäßig je eine Prise Schnupftabak und Hysterie.

In diesem Fall juckt selbst ihm die Nase. Erwin Leitpichler hing eben noch kopfüber in einem Gurkenfass, zumindest in der oberen Hälfte konserviert. Mausetot, Nase und Backen blaurot, um den Hals einen schwarzen Netzstrumpf als Schlinge.

„Zwei Saumagen, dreimal Leberknepf!“ ruft die Bedienung in die Küche, wo der Koch beinahe im Gurkensud ausrutscht.

„Jetzt schaffen Sie doch endlich die Sauerei hier weg, wir haben Gäste!“ beschwert er sich und brüllt in den Gastraum der Weinstube: „Saumagen ist aus!“

Dornfelder stakst mit eingezogenem Kopf zu Hauptkommissarin Tritsch und flüstert: „Sollten wir nicht vielleicht besser den Tatort, äh ich meine, die Weinstube sperren? Die zertappen uns ja alle Spuren.“

Seine Vorgesetzte scheint aus einem langen Alptraum aufzuwachen und klärt ihren Blick zusätzlich mit zwei Prisen Schnupftabak aus regionalem Anbau.

„Ach Dornfelder, du willst ein Einheimischer sein? Wir können doch die Touristen nicht vergraulen! Eine Weinstube schließen, nur weil ein Toter in der Küche liegt? Ist doch nicht in den Kochtopf gefallen!“

„Ja aber, ähm…“

„Dornfelder, überlass das Denken mir. Frauen kennen sich in Küchen besser aus.“ Sie dreht sich zum Koch und zischelt: „Sagen Sie Ihrer Bedienung endlich, dass auch die Gurken aus sind!“

Der Koch wischt sich nachdenklich den Schnauzer. „Ei was, wieso, ich denk, wir nehmen so viel Essig, dass das alle Keime abtötet? Wär‘ doch schad drum… man soll nichts verkommen lassen…“

„Einmal Leberknepf, zweimal Omas Sauerbraten mit Gurken, einmal dreckische Grumbeere!“ ruft es aus der Durchreiche in die Küche.

„Kommt sofort!“ jodelt der Koch.

Else Tritsch stellt sich in Positur, soweit es ihre dürren Glieder zulassen. Ihr Befehl ist klar: „Ihr räumt die Leiche weg, Sie machen mit ihren Gurken, was Sie wollen – und du Dornfelder, rufst den Wirtschaftskontrolldienst an, fragst in allen Bekleidungsgeschäften nach schwarzen Netzstrümpfen, bringst mir ein Paar mit und setzt dich dann mit mir under cover in die Weinstube. Los los, was stehst du noch rum, ist ja kein Kochen, wenn zu viele in der Küche stehen!“

Dornfelder kichert verlegen: „Jaja, viele Köche verderben den Brei…“

„Frau Wachtmeister,“ stottert der Koch und dreht ein Handtuch verlegen in den Händen, „ich hätte da noch eine Frage wegen der Gurken…“

„Hauptkommissarin, guter Mann, Hauptkommissarin. Soviel Zeit muss sein! Fragen Sie, guter Mann, fragen Sie!“

„Ähm, also nicht, dass ich Ihnen zu nahe treten möcht‘, aber haben Sie vielleicht auch in das Gurkenfass gelangt? Sie wissen doch, bei Männern macht das nichts, aber Frauen, also, ich weiß nicht, wie ich des ausdrücken soll, wenn die ihre Tage, also wegen der Gurken…“

Else Tritsch läuft erst rosa an, dann rot, dann blaurot. Sie keucht und hält einen Kollegen fest, der gerade gehen will.

„Verhaften Sie ihn, verhaften Sie den Mann, den guten Mann!“ schreit sie mit umkippender Stimme und fügt krächzend hinzu: „Wer so über Frauen denkt, benutzt Netzstrümpfe, um Morde zu begehen!“

„Leberknepf, Sauerbraten und dreckische Grumbeere aus, Gurken aus, alles aus, aus, aus!“ brüllt der Koch in Richtung Schankraum.

Er lässt sich abführen wie ein Schwein zum Schlachter.

Die Bedienung schlurft heran, steckt den Kopf durch die Öffnung und säuselt: „Aber Schatzi, ich hab dir doch gesagt, der Essig reicht.“

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Dan Rocco (Dirt Diggin Dog): Rouge & Revolver
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Dirt Diggin Dog

DDD wollte eigentlich als Frau auf die Welt kommen, hasst aber Frauenkrimis zu sehr. Brüllte bei Abnabelung Heavy Metal und trägt immer noch keine Krawatten. Mit fünf Jahren leere Sprechblasen aus Comics als Hörbuch eingelesen. Erstes Poem mit zwölf Jahren: „Mein Ascher stinkt wie blaue Weizenkleie’“. Jobs als Fernfahrerbeifahrer, Leichenwäscherhelfer, Literaturpreismanuskriptesortierer, Siebdruckfarbanrührer und Tanzboy. Studium bei Raymond Chandler und Dagobert Duck. Erster Roman: über die Sprechpausen Phil Marlowes. Gewann fünf Pfund Butter beim renommierten Regiokrimi-Preis „Butter bei die toten Fische“. Lieblingsschriftsteller: Jack Torrance. DDD lebt und arbeitet nach dem Prinzip von Tschechows Rasierklinge in Cleveland, Neustadt an der Weinstraße und Clichy. Aktuelles Buch: „Rouge & Revolver – 10 Schnellkrimis“ (under dem Pseudonym Dan Rocco).

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