Träume brauchen keinen Stoff

Zuerst mischst du das Heroin mit Wasser und Vitamin C. Nimm einen herkömmlichen Esslöffel, erhitze das Zeug mit einem herkömmlichen Feuerzeug, undTräume brauchen keinen Stoff jage es dir mit einer herkömmlichen Spritze in eine passable Vene. Du weißt, wie das geht? Schön. Also binde dir gefälligst den Oberarm ab, sonst stocherst du nur rum, fickrig wie du bist.

Heroin (Foto: Wikimedia, PD)

Intravenös wirkt es sofort: Im Körper wird es rasch zu 6-Monoazetylmorphin (6-MAM) und weiter zu Morphin verarbeitet. Normalerweise erlebst du einen glückseligen Zustand, einen Gefühlscocktail aus Euphorie, Ruhe und seelischer Ausgeglichenheit. All die Depressionen, Ängste, Wahnvorstellungen, Schmerzen und andere Probleme treten in den Hintergrund, sie sind dir kein Privileg mehr. Ein Flashback wie bei LSD bleibt dir erspart.
Und nun, Isabella, schau mich an, bist du gut drauf? Vermutlich, denn deine Augen suchen einen imaginären Punkt an der Decke, sie gleiten über das Muster der Tapete, scheinbar sorgsam, auf jeden Fall sehr langsam, während dir das H. eine Art emotionale Anästhesie verleiht, schlechte Gefühle abtötet und den Gedankenwirbel im Kopf unterbricht.

Ein dreiviertel Jahr vor seinem Tod traf ich Herbert Huncke im New Yorker Chelsea Hotel, dort, wo sich schon Sid Vicious mit H. die Kante gab. Er war nicht nur Muse der Beat-Generation, er hatte W.S. Burroughs 1945 an die Nadel gebracht, er war derjenige, der die Wortschöpfungen „beat, hip, hipster, drag, joint” und „gras” aus dem metabolischen Slang der schwarzen Musiker kreierte.
John Lennon lief mir ein Jahr vor seinem Tod über den Weg, 1979, ebenfalls in New York. Da war es hip sich eine Nadel in den Arm zu stecken und von give peace a chance zu singen, obwohl ich ganz andere Interessen hatte, und genaugenommen lief er mir im wahrsten Sinne des Wortes über den Weg – flankiert von Pressefritzen und Groupies und Yoko Ono auf der Fifth Avenue, Midtown Manhattan.
15 Jahre später, als ich mich gerade um meine erste Akkreditierung bemühte, (in Seattle/WA), machte mir Kurt Cobain einen Strich durch die Rechnung – nicht nur eine Überdosis Heroin streckte ihn nieder, nein, er ging auf Nummer sicher und ballerte sich mit seiner Browning-Selbstladeflinte das Hirn an die Wand, garniert mit dem Zitat aus einem Neil-Young-Song: „It’s better to burn out than to fade away.”

Heroin (Foto: Wikimedia, PD)

1873 von Charles Robert Alder Wright synthetisiert, wurde Heroin 1896 in Deutschland patentiert, weil man die vorherrschende Morphiumsucht bekämpfen wollte, aber es lief wie mit der altbewährten Methode: Schlangengift gegen den Schlangenbiss.
Diacetylmorphin basiert auf der Grundstruktur der Opiate, macht genauso süchtig, ist teurer und wirkungsvoller. Weißt du das, Isabella? Man sagt, das Leben sei kurz. Tatsächlich jedoch ist es das längste, was du je tun wirst. In deinen Adern fließt eine metallisch gelb aussehende Flüssigkeit, mit einer kubisch flächenzentrierten Struktur bei 2856 Grad Celsius, also pures Gold, wie du glaubst. Du bist 23 Jahre alt und gibst dir keine Mühe es bis in den klassischen „Club der 27” zu schaffen, zu denen neben Cobain auch Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison gehören. Aber das sind nur die Gründungsmitglieder, seit der Jahrtausendwende folgten weitere Musiker im Alter von 27: Der Punker Sean McCabe erstickte volltrunken an seiner Kotze, Jeremy Ward, der die Shows der Gruppe The Mars Volta inszenierte, verpasste sich einen Goldenen Schuss, der Gitarrist Bryan Ottoson hielt alle Pillen für bunte Smarties, und bei Amy Winhouse ist man sich noch nicht sicher, ob sie von jedem etwas nahm.

Heroin Nr.1 ist eine weiße oder braune pulvrige Substanz, die eigentliche Morphin-Base, die aus Rohopium gewonnen wird. Heroin Nr.2 ist ein graues bis weißes Pulver, das aus Morphin-Base unter Zusatz von anderen Stoffen hergestellt wird, z.B. Essigsäureanhydrid.
Heroin Nr.3 ist grau-braunes, körnig und krümeliges Granulat in Salzform, auch Hydrochlorid genannt. Und Heroin Nr.4 ist das, was du am liebsten hättest, ein weißes, sehr gut wasserlösliches Pulver und hochkonzentriert, wird aber genauso gestreckt, also mit Backpulver oder Milchzucker versetzt, um den Konsumenten nicht den wiederkehrenden Spaß zu verderben, der sonst im Goldenen Schuss enden würde. Natürlich schleppst du kein chemisches Labor mit dir rum, wenn du deinen Ticker in einem Hinterhof triffst, du musst dich schon auf ihn verlassen können wenn er dir sagt, er habe die Reinheit mit Hilfe der Marquis-Reaktion getestet.

Isabella, ich will dir nichts erzählen was du nicht längst weißt, und es macht mir nichts aus, dass du dich mit deinem Gitarrenkasten in halb Europa prostituierst – Amsterdam, London, Helsinki, Paris, Prag – Städte, aus denen du mir Ansichtskarten schickst, denn jetzt fühle ich mich wohl. Die allgemeine Kälte im Körper, ob Sommer oder Winter, ist wie weggeblasen. Vielleicht sitze ich schon in einem Backofen, entmaterialisiert und schwebend, weil ich viel zu lange einen so schlechten Gebrauch von meinem eigenen Willen machte. Vielleicht möchte ich deine Hand berühren und deine Stimme hören, es wäre ganz angenehm, allerdings lässt die euphorisierende Wirkung ziemlich schnell nach, dann will der Körper mehr, wie bei einem destruktiven Alkoholrausch, wie beim Sex mit 100mg Viagra im Blut.

Heroin (Foto: Wikimedia, PD)

Hartmut Malorny

absolviert 1974 den Hauptschulabschluss cum laude. Stationen: Verkäufer, Vertreter, Gleisbau, Hilfsarbeiter, Faktotum, Arbeitslosengeldempfänger, Bundesbahn, Auslandsaufenthalte in Frankreich, Italien, Südostasien. Ledig, verheiratet, geschieden, Vater mehrerer Kinder. Verfasst Gedichte, Geschichten, Romane und Artikel. Trinker mit den üblich kontroversen Meinungen. Einige Lesungen. Zur Zeit Sonderreiniger.

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