Treffen alter Freunde

Es war Burma Blasen nicht vergönnt, ein langes Leben zu führen. Er hat gern gefeiert. Diese Feiern erscheinen im Nachhinein als Höhepunkte seines Lebens. Um sein Leben geht es hier aber nicht – hier geht es um sein Sterben – trotzdem ist es schnell erzählt: Er war ein kinderlos verheirateter Verkäufer gewesen, ein Freizeitfußballtreter, ein Genußmensch. Um Burma Blasens Bauchnabel herum blähte sich das Fett wie ein türkischer Halbmond, ein Zeichen nordatlantischer Wohlstandskultur, eine Überflußkultur in der Wiege des dritten Jahrtausends.

Eines Novemberabends klemmte er sich hinters Lenkrad seines Wagens. Seine Zechkumpane rieten, ein Taxi zu nehmen, aber Burma wußte es besser. Er beschleunigte in den Kurven, er legte sein ganzes Gewicht hinein. Diese Geschichte würde ungeschrieben bleiben, würden nicht Blätter auf der Fahrbahn gelegen haben. Sie verweigerten Burma Blasens Reifen Halt und Griff, so daß sie ins Schleudern kamen. Und dann stand da plötzlich dieser Baum im Weg. Er bewegte sich nicht, er ging nicht zur Seite. Zum Glück war Blasen auf der Stelle tot. „Er rief ihn zu sich!“ rief der Pfarrer in sein Grab, und die Trauernden zuckten mit den Schultern: „Eine Verkettung von Umständen“, sagten sie und weinten.

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008. Siehe auch www.myspace.com/leereimer - Noch zu haben: Nachtstühle - Erzählungen und Prosa

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