Trockenübung

Der merkte nichts, bis zuletzt. Ich dachte immer, er hätte irgendeine Ahnung haben müssen. Heute glaube ich, als ich das zum ersten Mal dachte, war es schon zu spät. Da hätte auch ich nichts mehr für ihn tun können. Deshalb erzähle ich sie lieber selbst, meine Geschichte – unsere Geschichte. Nicht, dass mir einer mit unterlassener Hilfeleistung ankommt.

Den Anfang kenne ich nur vom Hörensagen. Diesen ganzen Klimastreit, die Debatten, den säuerlichen Geruch. Das war alles vor meiner Zeit. Unbestritten ist, dass wir uns irgendwann alle immer häufiger waschen mussten. Die anderen Mutmaßungen und Munkeleien, mit denen versucht wurde, das Systemproblem auf Einzelne abzuwälzen, erspare ich Ihnen. Wenn Sie mich fragen, da müssen ganze Generationen die ersten Anzeichen verpennt und untätig herumgesessen haben. Den Fetten, Faulen und Alten, den ganzen Spießern, die sich in ihrem Drecksnetz aus Sachzwängen und Feigheit gemütlich eingerichtet hatten, denen haben wir das zu verdanken. Auf uns Junge hört ja keiner. Dabei geht es um unsere Zukunft.

Als ich alt genug war mir eigene Gedanken zu machen, war das mit dem Waschzwang schon unerträglich, aber wir hatten uns irgendwie daran gewöhnt. Es stank überall. Arbeit blieb liegen, obwohl alle am rotieren waren. Seit ich denken kann, ging es darum, den endgültigen Systemkollaps hinauszuzögern, irgendwie im Spiel zu bleiben, nicht unterzugehen. Vielen war das zu stressig. Ein paar von ihnen gelang die Flucht aus dem Hamsterrad, aber vor diesem Schritt bin ich zurück geschreckt. Ich bin zu so einem Verrat nicht fähig, wissen Sie. Auf Kosten anderer leben, das wollte ich nie.

Nun ja, das jedenfalls war die Dreckswelt, in die ich hineingeboren wurde. Ob ich etwas hätte ändern können? Die Frage stellt sich nicht, wenn es ums Überleben geht. Ich wollte nur leben.

Leben, verstehen Sie?
Und jetzt, endlich, der große Marsch!

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass die Ereignisse der heutigen Nacht Ergebnis unseres Widerstandes sind, dass wir auf die Barrikaden gegangen wären und uns gewehrt hätten. Das würde mich stolz machen. Aber wir verdanken diese neue Hoffnung ihm. Er, der uns so lange unterjocht und vergiftet hat, hat am Ende selbst den Schlussstrich gezogen. Fein säuberlich, vor knapp einer Stunde. Nun marschieren wir der Freiheit entgegen und er wird bald verrottet sein. Wenn Sie mich fragen: Ein guter Tausch. Die Welt ist eben doch gerecht, denn jetzt ist meine Zeit, unsere Zeit! Immerhin können wir noch etwas bewegen, alles in Ordnung bringen, was die Generationen vor uns zerstört haben. Mit jeder Minute fühle ich mich sauberer, befreiter, stärker. Ja, ich bin meiner neuen Aufgabe absolut gewachsen. Der Mensch hätte die Krankheit sowieso nicht überlebt, aber meine Genossen und ich, wir haben diese Chance auf ein besseres Leben verdient.

Jetzt bin ich einer der letzten Blutstropfen, der diesen stinkenden Körper verlässt. Da, ich kann sie schon sehen, meine Brüder. Was für ein herrlicher Anblick, dieser Zinnobersee dort unten auf den weißen Bodenfliesen.

Oh, Brüder – gleich bin ich bei Euch!
Oh, Freiheit – ich komme!

doncish

Zwischen Nexus und Limbo. Ansonsten auch in Bremen. Oder wie Genette sagte: ‚Often the proper answer would be that it depends on the day, the context, and the way the wind is blowing.‘ http://blog.donci.de

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