Twingo

Wir fuhren rum. Also natürlich fuhr bloß ich. Moga hatte noch immer keinen Führerschein. Dabei hatten wir damals zusammen in der Fahrschule angefangen und ich war jetzt schon seit einem halben Jahr fertig. Moga hingegen war schon zwei Mal durch die Theoretische gerasselt und für weitere Fahrstunden hatte er keine Kohle mehr. Kleine Verzögerung, murmelte er, wenn ich ihn darauf ansprach, bloß ne kleine Verzögerung. Überhaupt redeten wir nicht viel, wenn wir nebeneinander im Twingo meiner Mutter saßen. Die Musik war voll aufgedreht und wir fuhren einfach rum, mal durch die Stadt, dann eine Zeit lang über die Dörfer, schließlich zurück in die Stadt.

„Wir sollten nie wieder damit aufhören“, sagte Moga plötzlich.

„Was?“

Ich war gerade dabei einen Traktor zu überholen.

„Nie damit aufhören.“

„Was meinste jetzt genau?“

blaue_wolken_100x625b„Immer rumfahren und frei sein.“

Ich schaute zu Moga rüber, um zu sehen, ob er es ernst meinte. Manchmal, und das obwohl er mein bester Freund war, wurde ich einfach nicht schlau aus ihm.

„Frei, Moga? Freiheit in einem Renault Twingo? Dem von meiner Mutter?“

„Ist doch egal.“

„Ja, egal.“

„Hey, halt mal da vorne an der Bushalte.“

„Ich dachte du wolltest einfach nur rumfahren?“

„Jetzt halt schon an.“

„Is ja gut, Mann.“

Ich wusste schon, warum Moga gerade hier halten wollte. Da saßen zwei Mädchen in dem Bushäuschen, etwa unser Alter, vielleicht etwas jünger. Eine, die etwas größere, war blond und trug ausgefranste Shorts. Ihre Freundin war etwas kleiner, auch nicht so dünn, aber sie hatte ein freundliches, warmes Gesicht. Hübsch waren beide.

„Ich mach das schon“, sagte Moga. Dann stieg er aus. Ich drehte den Rückspiegel so hin, dass ich das Gespräch unauffällig beobachten konnte. Ich sah, wie sie redeten. Die Blonde und Moga, das andere Mädchen sagte weiter nichts. Sie wirkte ein bisschen schüchtern. Schließlich stiegen sie tatsächlich ein, die beiden Mädchen hinten, Moga setzte sich wieder auf den Beifahrersitz. „Zum See“, sagte er nur. Ich legte den ersten Gang ein, fuhr, ich legte den zweiten ein, den dritten. Wir waren auf dem Weg zum See.

Ich mochte die kleine Schüchterne lieber als die Blonde. Sie hieß Vanessa, war noch, das „noch“ betonte sie seltsam, 16 und ging auf irgendein Gymnasium in der Umgebung. Wir saßen zu viert am See, unterhielten uns und schauten aufs Wasser. Ein paar Enten streckten uns ihre Bürzel entgegen, während sie mit ihren Köpfen und Hälsen unter Wasser waren. Wenn sie auftauchten, glitzerte das grüne Gefieder in der untergehenden Sonne.

Moga richtete sich auf.

„Lewi, geh mal Bier holen. Da vorne war doch ne Tanke. Wo wir dran vorbeigefahren sind.“

„Geh doch selbst, du Pimmelkopf.“

„Bitte, Lewi.“

„Dann zahlst du aber.“

„Fein“

Er drückte mir einen Zehner in die Hand und ich ging los. Noch einen Moment lang konnte ich ihre Stimmen hören, das Lachen der Blonden, dann wie Lewan den Bohlen imitierte, das konnte er gut und zeigte es jeder, die es lang genug in seiner Nähe aushielt. Ich dachte an Vanessa und dass ihre Hand ganz warm gewesen war, als sie mich zufällig am Arm berührte. Aber vielleicht war es kein Zufall gewesen.

Als ich mit einem Sechserträger Becks Gold zurückkam, waren die Mädchen nicht mehr da. Nur Moga saß noch am Ufer und warf mit Kieseln auf die Enten.

blaue_wolken_100x625a„Was hast du mit den Mädchen gemacht?“, fragte ich.

„Die sind weg“

„Wie jetzt?“

„Weggelaufen.“

„Und warum?“

„Hab ihnen was erzählt.“

„Und was?“

„Dass sie hier am See letzte Woche Eine vergewaltigt haben und dann erwürgt und in den See geschmissen. Oder erst erwürgt und dann vergewaltigt oder erst in den See…“

„Scheiße, Moga.“

„Da sind die jedenfalls abgehauen. Nichts zu machen.“

Ich friemelte eine der Flaschen aus dem Träger und rechte sie Moga. Missmutig inspizierte er das Etikett: „Jetzt haben wir Frauenbier. Aber keine Frauen. Story of my life.“

„Hättest sie ja nicht verjagen müssen mit deinen Psychogeschichten.“

„Prost.“

Moga hatte die Flasche mit den Zähnen aufgemacht und reichte sie mir zurück. Ich nahm einen Schluck.

„Prost“, sagte ich und setzte mich neben meinen Freund ins Gras.

Eine Zeit lang saßen wir so schweigend da und sahen zu, wie es immer dunkler wurde und die Enten schließlich doch genug hatten und davonschwammen, dann sagte Moga es wieder: „Wir sollten nie damit aufhören. Rumfahren und frei sein und Bier trinken und Mädchen haben und sie wieder verjagen und am See sitzen und gucken und reden.“

„Manchmal glaub ich, Moga, dass mit dir was nicht stimmt.“

„Manchmal glaub ich’s selber auch“, sagte er.

Sebastian Wippermann

sagt: "Alle Autoren, für die ich mich wirklich begeistere, werden eigentlich bereits durch ihre Texte charakterisiert. Bei B... braucht kein Mensch die paar biographischen Angaben im Buchrücken. Alles was man über den Mann wissen muss, steht in seinen Texten."

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