und alles in der Farbe ihrer Unterwäsche

Und seine Frau wimmerte

– ach du gütiger Gott

und seine Frau wimmerte erneut

– ach du gütiger Gott

und seine Frau wimmerte

– ich dachte, du willst es auch?

indes sie ein Kissen sich hinter ihren Rücken stopfte, der seit Wochen?, Monaten?, mit Nadelstichen

(Dolchen, rostigen Nägeln)

in ihr Gedächtnis sich brannte, sie also in das Kissen sich sinken ließ und, die Zimmerdecke anstarrend, eine Haarsträhne mit ihrem rechten Zeigefinger aufrollte. Und zwar eine Haarsträhne mit einer zimtfarbenen Glasur, makellos abgestimmt mit der Farbe ihrer Spitzenunterwäsche

(ein leichtes Spiel für Frauen mit Geschmack)

die, Seide simulierend, ebenfalls zimtfarben im Fayencelicht ihrer Nachttischlampe glimmte wie in einer Komposition von Degas. Und ihr Mann wankte vor dem Fußende des Bettes, im Versuch, in seine Hose zu schlüpfen und gleichzeitig ihr Gesicht zu betrachten, die Gleichgültigkeit ihrer Mimik und die Gleichgültigkeit ihrer Gestik, die durch den rotierenden rechten Zeigefinger seiner Frau zusätzlich unterstrichen wurde und, zusätzlich, durch das Schattensgraffito ihrer Frisur, das sich selbst an die Wand etwas oberhalb ihres Kopfes einritzte, während seine Frau

– ach du gütiger Gott

wimmerte, er hingegen

– hast du nicht selbst gesagt, du magst nur die Kinder, die du wieder abgeben kannst?

das Schattensgraffito ihrer Haare mit der wahren Form ihrer Haare verglich, zwei so ähnliche, nahezu identische Dinge, dennoch grundverschieden, völlig identisch nur in der Weise, in der sie Seide simulierten, in der Weise, wie sie ihm das Ausmaß seiner Wiederlichkeit zu verstehen gaben; wie viel Mühe verlangte es ihm ab, simultan

(Männer überfordert so etwas)

einerseits auf zwei verschiedene Dinge, Personen sich zu konzentrieren, die nur ein Ding waren, zum anderen, ihrer Stimme Paroli zu geben

– was bitte schlägst du also vor?

und, während seine Augen ihrer Blickrichtung nachschlichen, die selbe Unebenheit im Stuck wie sie anzustarren, in der inbrünstigen Hoffnung, würde er

(würden sie)

lange genug diese Unebenheit anstarren, begännen zuerst seine Augen zu tränen, dann auch seine Frau und, im gleichen Atemzug, auch dieses ungute Gebrodel

(Dolche, rostige Nägel)

in seinem Magen blasser, nebelhafter zu werden, mit jedem Atemzug ein kleines Stückchen mehr, eine mehr oder weniger

eher mehr als weniger

oft aufkochende, ihm nicht unbekannte Mischung aus Gewissensbissen und diesem Drang

(nicht Drang, dieser Sehnsucht)

seiner Frau alle Zähne auszuschlagen. Jedoch tränten seine Augen nicht, die Fayenceglocke war zu wenig Licht, zu viel Keramik; und in ihm zu wenig Frieden, zu viel ungutes Gebrodel, nicht abebbend, in konzentrischen Stößen aufkommende Wellen, eine nach der anderen, die Gebetsmühle ihres rechten Zeigefingers, diese eine, diese eine einzige, ewige

diese eine einzige, verdammte Haarsträhne in der Farbe ihrer Unterwäsche aufzwirbelnd, seine Frau ließ sie rotieren, ihren Mundwinkel

diese Lippen, großer Gott

touchieren, wickelte sie von neuem auf, unablässig monströs gedankenverloren, als hätte sie alle Zeit der Welt, ähnlich dem Klang eines jener Tremolos, die sich im Ohr einnisten, während außen zeitlos, ziellos, endlos der Regen stürzt. In ihrem Herzen die Rückseite von Regentropfen. Und aus diesem Grund

unter anderem aus diesem Grund

gäbe ihr Mann in solch einem Moment

(ich übertreibe nicht)

gäbe ihr Mann in solch einem Moment seine Seele dafür, sich unsichtbar machen zu können, der er seine Hose wie unbeabsichtigt zu Boden rutschen ließ, die Augen auf seine Kniescheiben und die so lächerlichen Storchenbeine geheftet; eine Staffage wie in einem billigen Bauerntheater; Luft holen, überzeugende Argumente finden; sein Gehirn durchblättern, Seite für Seite, rasend schnell, er entdeckte zwar Unmengen an Eselsohren auf jeder Seite und Rotweinflecken und Fingerabdrücke, aber keinerlei überzeugende Argumente, nur wenig mehr als

– wir haben so viel Zeit, Arbeit, Geld und Nerven in diese Wohnung gesteckt, ich jedenfalls ziehe wegen einem Balg nicht so schnell wieder um, auch nicht in eine noch größere Wohnung.

Und indes ihr Mann dies sagte

und indes ihr Mann dies wimmerte

hatte er beim Sprechen die Hose hochgezogen und das Hemd in die Hose gestopft, gleichzeitig waren die zwei nahezu identischen Dinge

(erinnern Sie sich?)

wieder zu einem Ding geworden; seine Frau hatte die Nachttischlampe ausgeschaltet, üppig und langsam wie Kleopatra aus dem Bett sich erhoben, kam jetzt inmitten dieser Siebenuhrfinsternis

merkwürdig, ehrlich

inmitten dieser Dunkelheit wie ein Feind

(ein Meuchelmörder, ein Assassine)

auf ihn zu, dunkles Zimmer, dunkler Stoff, dunkle Haare, alles dunkel und alles in der Farbe

(erinnern Sie sich?)

ihrer Unterwäsche, seine Frau streckte ihre Hände aus und ergriff seine Krawatte, richtete sie ihm, was ihrem Mann das Gefühl gab, zwei fleischfressende Pflanzen gingen ihm an die Gurgel, zwei fleischfressende Pflanzen, die Knoten und Sitz der Krawatte richteten, bis beide den gewünschten fehlerfreien Zustand erreichten. Wie jedermann weiß, benötigen Frauen für derlei Dinge kein Licht.

– Dann sei wenigstens so gut, mich zur Frauenärztin zu fahren

bat sie ihren Mann, dessen Krawattenknoten begutachtend wie ein Henker seinen Strick, ihre Stimme sehr ähnlich der einer glücklichen Ehefrau, die sich nach dem Spielplan des Theaters erkundigte – man muß hinzufügen, seit der Hochzeit besaß das Paar ein Abonnement für das hiesige Theater, besuchte es mindestens vier Mal im Monat, ihr Mann entschied über die Tage und die Stücke, seine Frau war einverstanden, was eine leichte Sache war, nachdem das Paar zumeist einer

(seiner)

Meinung war, denn selbst nach elf Ehejahren hat das Paar noch das Glück, so zumindest dachte er

dachte ich

dachte er

hinsichtlich fast aller Dinge, Angelegenheiten des Daseins einer

(seiner)

Meinung zu sein, abgesehen von gewissen Angelegenheiten, Störungen des inneren Gleichgewichtes wie

beispielsweise

dieses sinnlose, dieses beschissene, absurde Gespräch, und wenn wir schon beim Thema sind, Störungen wie

beispielsweise

diese schwachsinnige Unbedachtheit, und schließlich war es auch nur eine Unbedachtheit, mehr nicht, die beweist, wie schnell

leider Gottes

ein Moment des Glücks in eine Permanenz aus Unfrieden sich verwandelt, man gibt nur einmal kurz nicht acht, vergißt die Selbstbeherrschung, schon ist man mitten in der tiefsten Bredouille. A pro pos Unbedachtheit, von welcher Frauenärztin hat sie geredet?, wie bitte kommt sie denn auf so eine Idee?, was bitte soll das?, was da alles passieren kann, ständig liest man in den Zeitungen solch schreckliche Sachen, pfuschende Ärzte, Fehler in der Hygiene, der Medikation, unvorstellbar, was alles passieren, was den Frauen dort alles angetan werden kann, weswegen ihr Mann nach einer gefühlten Ewigkeit seinen Mund öffnete, weswegen ihr Mann nach einer gefühlten Ewigkeit

– selbstverständlich, mein Schatz

sagte, weswegen ihr Mann nach erneut der gleichen Zeitspanne

– ich begleite dich hin und hole dich wieder ab

sagte, der Weg von der Siemensbrücke bis zum Friedrich-Ebert-Platz ist weit und voller Gefahren, und ich spreche hierbei vom Weg zu einer Frauenärztin mit einem auf irgendeiner rumänischen Provinzuniversität erworbenem Doktortitel, die die Tür ihrer Praxis nur einen Spalt weit öffnete, seiner Frau wissend zunickte und ihrem Mann den Zutritt verweigerte. So also verbrachte er die Wartezeit im Wagen auf einem Behindertenparkplatz, auf dem Fahrersitz sich fläzend wie ein Ochsenfrosch auf einem Seerosenblatt, zwei, drei

(vier, fünf)

Mücken auf der Windschutzscheibe, er wartete

und wartete

und wartete

und wartete, rauchend sich ausmalend, wie sie ihn in Zukunft verabscheuen wird, rauchend an ihre roten Lippen, diese sagenhaft, diese unglaublich rote Lippen

diese teuflischen Lippen, großer Gott

(erinnern Sie sich?)

denkend wie ein Fieberkranker, rauchend sich ausmalend, wie er

(nächste Woche oder so)

mit einem Strauß Rosen die Wohnung betritt, rauchend sich ausmalend, wie ihr Gedächtnis all dies zu den Akten legen wird, denn so ist das doch immer, nicht wahr, so geht das Leben mit allen Unannehmlichkeiten der Vergangenheit um, nicht wahr, und das war bei seiner Frau nicht anders: all die Unannehmlichkeiten der vergangenen elf Ehejahre, jene Lungenembolie ihres Vaters, jener Flugzeugabsturz, als ihre Schwester auf dem Weg in ihren Urlaub

(türkische Ostküste, zwei Pauschalwochen)

war, und was geblieben ist, ja, was ist geblieben, geblieben ist ein schales Gefühl auf der Zunge mit der Farbe und dem Geschmack von Regen, und manchmal

wie gesagt, manchmal

noch der Wunsch

(der Drang?, die Sehnsucht?)

zu schreien schreien schreien. Und nun, zwei Pappbecher Kaffee und sieben Zigaretten

(filterlos, Menthol)

später, kauerte seine Frau wieder im Beifahrersitz, während ihr Mann sich daran ergötzte, wie leicht es doch diesem Ding namens Mensch fällt, böse Erinnerungen loszuwerden. Ist es nicht wunderbar, ein Mensch, ein Mann zu sein? Und seine Frau wimmerte

– ach du gütiger Gott

und seine Frau wimmerte erneut

– ach du gütiger Gott

und trug weder eine wesentlich andere Gesichtsfarbe noch einen wesentlich anderen Blick als sonst, ihr Mann drehte den Kopf eulenhaft

– na?

in ihre Richtung, erhielt keine Antwort, aus ihrer linken Hosentasche ragte eine längliche, abgenutzt und abgelaufen wirkende Tablettenpackung mit rumänischer Beschriftung, das Auto passierte die zweite Ampel, seine Frau schluckte die ersten zwei Tabletten. Vier Ampeln später wieder zwei. Und wie stets, als habe nichts sich geändert

hatte sich etwas geändert?

etwas hatte sich geändert

hielt ihr Mann seiner Frau Wagentür, Haustür, Wohnungstür auf, sie schwieg. Und sie schwieg, als sie ins Schlafzimmer schwankte, sie legte nicht ihre Schuhe, nicht ihre Jacke ab, vergrub bis zur Stirn sich unter der Bettdecke, während ihr Ehemann auf der Couch im Wohnzimmer lungerte, ein Kissen sich hinter seinen Rücken stopfte, der seit Wochen?, Monaten?, mit Nadelstichen

(Dolchen, rostigen Nägeln)

in sein Gedächtnis sich brannte, beruhigte sein wühlendes Herz, indem er die Kunstdrucke

(Adele Bloch 2, der Kuss)

an der Wand betrachtete, bis er wieder atmen konnte. Und als er zu Bett ging, erwachte sie nicht, und als er aufstand, erwachte sie nicht, und als er von der Arbeit nach Hause kam, erwachte wurde sie nicht, und als er wieder zu Bett ging, erwachte sie nicht, ebenso nicht, als er erneut einen Tag später aufstand, zur Arbeit ging, in der Pause zwischen zwei Besprechungen wählte er ihre Nummer

(Festnetz und Handy)

ohne Ergebnis, sein Abteilungsleiter gab ihrem Mann den Nachmittag über frei, dieser erreichte das Haus um Gongschlag vierzehn Uhr. Als er die Wohnungstür aufsperrte, schloß seine Frau eben ihren Mantel, sie hatte ihre Reisetasche geschultert, ging

ging nicht, schwankte

an ihm vorüber, die Treppe hinab, und er hörte die Bewegung ihrer Lippen

diese Lippen, barmherziger Gott

– wenn jemand für mich anrufen sollte, sage einfach, ich bin meine Mutter besuchen und Anfang nächster Woche wieder zurück

im Treppenhaus langsam verhallen, zwei Etagen abwärts bis zur Haustür, indes bei jedem zweiten Schritt, bei jeder zweiten Stufe die Reisetasche gegen das Treppengeländer knallte, ein Geräusch, fast so herb und lang durch das Treppenhaus surrend wie

nein, herber, länger durch das Treppenhaus surrend als der Klang ihrer Stimme. Und er wartete, sah ihr zu, wie sie treppab schwankte wie ein verbrauchter, wertloser Packesel, sich am Geländer festhielt, bis sie die letzte Stufe erreicht hatte, wenige Augenblicke danach stürzte die Haustür

(sie fiel nicht, sie stürzte)

ins Schloß, woraufhin er sich umdrehte, die Wohnung von innen verriegelte, gesetzten Schrittes in Richtung Couch, in Richtung Adele Bloch 2 ging, mit dem Gefühl, innerlich

(Leber, Lunge, Milz)

zermalmt zu werden, sich selbst dabei immer wieder

– und wenn niemand anruft, was mache ich dann?

ins Gehirn träufelnd, sich selbst dabei immer wieder

– nächste Woche ist alles wieder in Ordnung

ins Gedächtnis rufend, während er sich umblickte in der so plötzlich so leeren Wohnung, in der alles dunkel und gleichzeitig alles in der Farbe von Regentropfen

was ich nicht glaube

oder gleichzeitig alles in der Farbe

was der Wahrheit schon näher kommt

(erinnern Sie sich?)

ihrer Unterwäsche war, nicht anders als die einzelnen Buchstaben seiner Gedanken, die verschwammen, sich auflösten, seiner Ehefrau, der verlorenen, so schnell und intensiv nacheilen wollten wie das Blut allen Bewegungen des Herzens.

Vincent E. Noel

, *1980 in Wilhelm-Pieck-Stadt Guben, lebt in Nürnberg. Der zweifache Literaturpreisträger ist Verfasser von Theatertexten, Kurzgeschichten, Märchen, Novellen, Erzählungen. Veröffentlichte eine Serie von Kurzgeschichten in einer Tageszeitung [Altmühl-Bote], daneben Publikationen in Literaturzeitschriften, Anthologien. Seine aktuelle Publikation „wem wenig vergeben wird (darf fressen mein Herz)“ ist im Juni 2010 im Wiesenburg Verlag erschienen.

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