unter packungen prostagutt sitzen

prostagutt100bWährend einer nicht zu vermeidenden Bahnfahrt von X nach Y – diesen zweifelsfrei nicht schönsten unter unseren deutschen Städten – bemerkte ich, eingequengelt zwischen einer Fensterplatz-Mutti mit Schoßkind und der gläsernen Schiebetür eines ICE 411 (2. Baureihe), wie die im Großen und Ganzen uninspirierten Passagiere jedes Mal, wenn sie zur Weiterverfügung einer Körperüberflüssigkeit auf den Gang traten und der eng und eckig umstellten Scheinweite des Sanitärraumes zustrebten, einen Blick der Besonderheit in meine Richtung warfen. Blicke, die zunächst über mein Haupthaar streiften, nach dem Bruchteil einer Sekunde aber um etwa fünfundzwanzig Grad nach unten knickten, in die Volle und Fülle meines Gesichts, dem ein –chen hinzuzufügen ich geneigt und entschlossen bin. In die Fülle meines Gesichtchens also, das daran zu arbeiten hatte, unter den Anstrengungen des Tages nicht zu kapitulieren und jenen Faltenwurf zu meiden, der das Passieren meiner Person zu einer Zittern- und Zagensache hätte herabwürdigen können, wenn es sich bei den Vorbeitretenden um nervlich schwache Personen gehandelt hätte. Es waren dies aber samt und sonders beschlipste Männer der Geschäftswelt, nervlich schwach zwar, gewiss, doch mit den Regungen einer Bedeutsamkeit ausgestattet, die jeden Schritt zu einem Schreiten machte und jeden Blick zu einem Strahl in sich gekehrter Erleuchtung. Der nächste dieser Blicke, die mir aus der Geschäftswelt zufielen, veranlasste mich zu einer Drehung meines Kopfes, den Haupt zu nennen ich mich an dieser Stelle scheue, wohingegen der Einschmelzung dieses mittelwichtigen Körperteiles durch ein –öpfchens ich mit freudigem Herzen zustimme. prostagutt100aDie Drehung meines Köpfchens also ermöglichte es mir mit dem bisher nicht zur Kenntnis genommenen Hintermir Fühlung aufzunehmen, und guck an: Über mir wölbte eine waagerecht angebrachte und grellweiß beleuchtete Werbesäule einen freundlichen Glasbauch aus, dem die Genauerisierung mit einem –äuchlein wohl bekommen sollte. In einem Glasbäuchlein also, ansprechend auf einem Lichtteller gruppiert und mit Spiegeleffekt vielfach vermehrt, lagen mehrere Packungen des Medikaments Prostagutt forte, deren baldige und andauernde Einnahme schriftlich in, sagen wir, 72-Punkt-Schrift mit der offenbar ohne Bedenken versprochenen (äußerst dramatischen und recht subversiven) Folgewirkung Weniger Müssen Müssen nahegelegt wurde.

Während ich mit geringer geistiger Verzögerung über Sinn und Bedeutung des zweiten Ts im Namen Prostagutt nachzudenken begann, fiel mir ein erneuter Blick eines Geschäftsmannes zu, den zu erwidern ich nun keine Bedenken mehr trug.

Ich versuchte das, was Literaten ein „freundliches Lächeln“ nennen und in dieses Lächeln hinein ein Unterleibsgefühl der dumpfen Art zu integrieren und hinüber zu transportieren: die Rache des kleinen Mannes.

Joachim Friedrich

Ich bin ein ruhiger Mensch. Habe mir damals im Fernsehen die Beerdigung der vier toten (ach was: gefallenen) Soldaten angesehen, und ich bin ganz ruhig geblieben. Begegnungen: Sah in den Siebzigern den MONARCH spielen, in OPPERMANNS SPIELHÖLLE; kennt den noch jemand? – Innerhalb eines Jahres habe ich zweimal Wolfgang Völz getroffen. – Einmal mit Markus Wolf Wartburg gefahren; ich saß auf der Rückbank. Haltungen: 1. Pazifist, natürlich. 2. Kompromissloser Anhänger der ACHT-PUNKTE-PROKLAMATION DES POETISCHEN ACTES. 3. Glaube an Freuds „Charakter und Analerotik“ (aber nur ein bisschen). Ansonsten bin ich voller Hoffnung; ich denke oft an den Nordpol, an weißes Land, an Oben; ich schreibe gerne über den Tod.

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