Unterschiede

I.
Während die Menschen im Schlaf Kraft suchen für den nächsten Tag in den Ketten der Arbeit, fahndet meine Hand im Küchenschrank nach einem Glas. Es fällt zu Boden, eine fette Fliege fangend. Ich greife nach einem andern Glas und sehe ein anderes Insekt auf mich zu brummen. Ich weiche zurück und schlage nach meinem Verfolger, nach einer geflügelten Kröte, deren Beine wie gelähmt herabhängen. Mein Hirn führt mich zur Tür, gebietet mir, sie zu öffnen und hinauszutreten. Die Flügelkröte mir nach. Mit einer Drehung bin ich wieder zur Küche hinein, ich schlage die Tür zu und atme auf.
„Du warst voll daneben, letztens auf dem Fest“, grinst Atze feist vom Tisch. „Du warst so voll, daß du Froster, der keiner Fliege was zu Leide tun kann, so gereizt hast, daß auch er dich verprügeln wollte.“
„Hör auf!“ schreie ich. „Ich kann die Scheiße nicht mehr hören.“

II.
Mit der Morgendämmerung überfüllte sich allmählich das Schwimmbecken neben dem verdreckten Fluß mit Uniformierten und Zivilisten. Ich faßte einen Kopf bei der Schaffnermütze und drückte ihn unter die Wasseroberfläche, ich drückte, bis er nicht mehr zappelte. Frauen flehten und kreischten am Beckenrand, sie falteten die Hände, sie fielen auf die Knie. Die Beamten sahen ihrer Niederlage entgegen. Sie wichen zurück, sie flohen in den Fluß. Wir ihnen nach. Sie Strömung riß uns mit sich, doch der Kampf ging weiter. Als ich auf dem Deich Soldaten entdeckte, strebte ich dem Ufer zu. Dort suchte ich mich zu verstecken. Ich sah einen Überlebenden, einen Geretteten neben einem Panzer hocken, den Blick aufs Gras gerichtet. Doch die starrenden Augen sahen nichts, und das Hirn hinter der Stirn nahm das Grün nicht wahr. Kein Elektron der Erkenntnis durchzuckte es.
Dann fuhr ich mit dem Fahrrad auf die Stadt zu. An den Straßenseiten krochen und robbten die Frauen. Sie jammerten und weinten und fanden keinen Trost. Ohne einen Blick fuhr ich an ihnen vorüber – mich fror – bis ich plötzlich heiße Tränen auf den Wangen fühlte.

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008.
Siehe auch www.myspace.com/leereimer – Noch zu haben: Nachtstühle – Erzählungen und Prosa

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