Von Bautzen nach Buchenwald

Als die Zellentür aufgeschlossen wurde, hörte Thälmann seine Todesglocken. Ihm stand das Ende seines Lebensweges vor Augen, eine Wiese, auf die seine Asche gestreut würde. Er dachte an die Worte Eugen Levinés: „Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub.“ Trotzdem fragte er den Schlüsselschergen „Wohin?“ Die Antwort lautete: „Schnauze halten! Zum Verhör.“ Thälmann wusste, dass das gelogen war. Beinahe zehn Jahre wurde er nicht mehr zur Vernehmung geschubst.

Die gestapograue Limousine passierte Wälder und Felder, vorbei an Erntehelfern, an Zwangsarbeitern, vorbei an Uniformierten in Herrenmenschenpositur. Sie rollte in den Sonnenuntergang hinein. Erinnerungen tauten ab. Thälmann dachte an seine Familie. Wenige Wochen zuvor waren Frau und Tochter verhaftet worden. Dann tauchte Thälmann in den Oktober 1923 ein. Er sah sich mit einer Handvoll Genossen eine Polizeiwache in Barmbek stürmen. Der Hamburger Aufstand als Fanal zur Volkserhebung, zur Revolution im Reich! Zur selben Zeit streikten die Werft- und Hafenarbeiter. Doch sie griffen ebenso wenig zu den Waffen wie Tausende Schaulustige, Maulaffen, die es vorzogen, die Kämpfe zwischen Kommunisten und Polizei in den Dreck ihrer Witze zu werfen. Thälmann öffnete die Augen. ‘Es gab keine Massenbasis’, dachte er, ‚also auch keine Massenaktionen.’

Das Coupé stoppte vor einem Gittertor. Ein Wächter musterte die Ankommenden. Dann wurde das Tor geöffnet, und der Wagen fuhr über schlafendes Lagergelände.

Ernst Thälmann (Bild: Bundesarchiv, Bild 102-12940 / CC-BY-SA)

Ernst Thälmann (Bild: Bundesarchiv, Bild 102-12940 / CC-BY-SA)

Das Krematorium wartete seit dem Nachmittag. Die Häftlinge, die die Toten verbrennen mussten, wurden in ihre Baracke gesperrt, auf dass niemand merkte, wer in jener Nacht sein Leben lassen sollte. Leichenträger Marian Zgoda zwängte sich durch einen Luftschacht in den Krematoriumshof, ein Rechteck, das vom Lager durch eine Mauer getrennt war. Er versteckte sich hinter einem Schlackenhaufen. Kurz nach Mitternacht beobachtete der Häftling, dass zwei Schergen das Hoftor öffneten und eine Limousine hereinließen. Drei Zivilisten stiegen aus dem Wagen aus, wovon zwei den dritten in ihre Mitte nahmen. Vor dem Eingang zum Verbrennungsraum hatten sich Massenmörder versammelt. Es wurde Geschichte geschrieben, und da wollten sie dabei sein. Schade, dass Fotografieren verboten war!

Als Thälmann aus dem Auto stieg, sagte er: „Mich könnt Ihr töten, die Gerechtigkeit nicht.“ In dem Moment, als er das Krematorium betrat, schoss ihm ein Gestaposcherge dreimal in den Rücken. Doch Ernst Thälmann zuckte noch. Deshalb schoss ihm jener, der schon zuvor geschossen hatte, ins Genick. „Eine halbe Stunde später“, erinnerte sich Marian Zgoda sehr viel später vor Gericht, „verließen alle lärmend und lachend das Gelände.“

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008. Siehe auch www.myspace.com/leereimer - Noch zu haben: Nachtstühle - Erzählungen und Prosa

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.