\/\/ebTYP.0L0G!E – Grundtypen von Webkünstlern

Niemand kennt sie, keiner will etwas von ihnen wissen und deshalb werden es immer mehr: richtig, die Rede ist von den Künstlern, die im Web vergeblich nach Rum suchen. An ihrem Wesen sollt ihr sie erkennen, heißt es schon in der Bibel und da auch wir eine Fibel des Wissens sind, stellen wir sie einfach mal zusammen an die Wand:

Der JAVA-CODER

Literatur ist, wenn es blinkt und flimmert. Setzt er einen Satz in eine Endlosschleife, denkt er, es wäre ein unsterblicher Roman. Neigt zu Verzweiflungsanfällen, weil niemand seine Werke je gesehen hat. Deshalb programmiert er sich eine Fangemeinde, die ihm täglich 20 LoveMails ins Haus schickt. Er gilt als Meister des Systemabsturzes, endet deshalb meist im Suff. Seine letzten Lebensjahre fristet er als Zählermanipulator, dessen Hochstand er infolge von Altersdemenz auch zu glauben beginnt. Literarische Vorbilder: Noname-Autoren von Sybex und Data Becker, früher die ROM-Listings von C64 und ZX81.

Der HTML-AUTOR

Innovation ist, was in <eckigen Klammern> steht. Deshalb werden die Buchstaben außerhalb der >eckigen Klammern< mit Hunderten von Farb– und Fontsize-Attributen zu Kunst aufgewertet. Nackter Text ist ihm ein Brechmittel. Sinnlose Hyperlinks sorgen für atmosphärische Dichte und verleihen den Baumstrukturen eine verschachtelte Untiefe. Gerne zeigt er seine K&uuml;ste auch durch&nbsp;Aufdecken der HTML<TAG>s. Sein Wunschtraum ist es, einen Leser zu finden, der mehr als dreimal klickt. Bevor er einen Editor einsetzt, sucht er lieber stundenlang nach einem Fehler. Lieblingsthema: Heißt es nun »in HTML programmieren« oder doch »gestalten«? Vor dem Internet-Age eifriger Benutzer billiger DTP-Programme und intensiver Verwender von möglichst vielen Millionen Fonts und Cliparts. Literarische Vorbilder: HTML-4.0-Draft des W3C.

Der GRAFIKER

Buchstaben sind Bilder, und lassen sich beliebig verwechseln. Die kleinste JPEG-Schliere erzeugt bei ihm einen Wutausbruch und wegen eines Wortes wie »Farbreduktion« wird er auch schon mal zum Mörder. Nach anfänglichen Experimenten in HTML geht er zum ausschließlichen Einbinden von Grafiken über. Eine Seite, die schneller als in 10 Minuten geladen ist, findet vor seinen Augen keine Gnade. Literarische Vorbilder: aufwendig gestaltete Bildbände mit gleißenden Goldbuchstaben und handgemalten Initialen mit beigepackten DVDs. Bekennender Mac-User, was als Logo auch auf keiner Seite vergessen wird.

Der MULTIMEDIALIST

HTML, Active-X und JAVA sind für ihn überlebte Archaismen, und Text hat den Stellenwert von Neanderthaler-Gestammel. Aus mindestens dreihundert Sampling-CDs rührt er riesige Click-Events zusammen, die nur auf seinem heimischen Superboliden lauffähig sind. Nach ärgerlichen Erfahrungen mit Providern, deren Großrechenanlagen während des Hochladens seiner Page durchbrannten, verfügt er über einen eigenen Hyperbreitband-Internetanschluß mit MegaByte-SHOOT-Technologie. HorrorWave- und MediaMassacre-PlugIns sind Voraussetzung. Besitzer völlig überholter Pentium IV++-PCs mit 4000 MegaHz Taktrate sollten sich aber erst im FAQ über Alternativen informieren. Literarische Vorbilder: Videoclips, in denen verwaschene Bilder von Gullys im 20 ms-Takt geschnitten sind und von stöhnend heruntergehauchter Depressivlyrik begleitet werden.

Der EXHIBITIONIST

Der Vater hat ihn verprügelt, die Mutter war eine Hure, die Schwester lutschte seinen für fünf Mark, er selbst wichste drei Mal am Tag über den Pornos aus dem Bücherregal des Bruders, der heute Anwalt ist, und das alles erfahren wir sofort und ohne Reime. Seine »Wie spielt der Könner mit Genitalien«-Seite ist oft besuchte Internetlegende, die mit vielen Posingbildern brilliert. Ein detaillierter Lebenslauf informiert über alle seine Selbstmordversuche und die perversen Praktiken seiner Ex-Freundinnen, deren Adressen freundlicherweise weitergegeben werden. Literarische Vorbilder: Keine, weil er schon von der Grundschule flog. Guckt heimlich Biolek.

Der LYRIKER

Kein Thema ist ihm fremd, die Ode auf den zerbrochenen Blumentopf, die Hymne an die summende Festplatte, alles ist auf seinen wohldurchdachten Webseiten zu finden. Aus Rücksicht auf die Leser verwendet er schreiend-bunte Bildschirmhintergründe, auf denen die Texte nicht mehr zu erkennen sind. Bei keinem Bildchen fehlt der danktriefende Hinweis auf den anonymen Künstler. Linksammler, die ihn nicht unter hoffnungslos beknackt klassifiziert haben, werden auf gesonderten Dankseiten angeschleimt. Leicht zu erkennen am Selbstportrait auf der Über-den-Autor-Seite. Literarisches Vorbild: Die LYRIKERIN.

Die LYRIKERIN

Kein Thema ist ihr fremd, aber meist geht es um Geranien, und immer macht es wahnsinnig betroffen, zumindest, wenn man gerade besoffen ist. Als Feministin unbemerkt äußerst erfolgreich, weil es keinen Mann gibt, der sich beim Anblick der Lila, Fuchsia und Violetthintergründe mit gelber und rosiger Schrift nicht spontan übergeben hätte. Literarische Vorbilder: Eugenie Marlitt und Irmgard Adam-Schwätzer.

Der TASTATOURIST

Keine Newsgroup, Mailingliste oder Website ist vor seinen Beiträgen sicher. Er schreibt mindestens fünfzig Mails pro Tag zu allen nur denkbaren Themen. Lieblingsthema ist aber die eigene Telefonrechnung. Bleibt noch Zeit, zieht er sein Tagespensum an Texten auf die Homepage. Unter dem Leitsatz »erst schreiben dann denken« benutzt er schliesslich nur noch kleinbuchstaben und smileys damit nichts in den falschen hals kommt am nde knn kennr me sene tekt lesn :-)))

dEr MO_DERNE

er schreibt nicht / wie andere SCHREI-Benn WUERDEn. und
ver_hindert jede lesb = arkeit : – liteRARische FROHbilder:
literaturMAGERtsine mit AUflage
15 schtück, die 15 AUtoREN haben. AHN
twortet auf keine un/anfrage // da das sEInen Nimm=
BUSSihhhhh des urnVERStanden
seINs IN fRAGE stellen könnte. stendig hofft er / daSS ER
NST jandL im internet kOMmt=, doch dafür ist es nie zu sp8.

Der ALLESKÖNNER

Sammelt Genres und Sujets wie andere Geschlechtskrankheiten, einfach alles ist auf seiner Webseite zu finden: SciFi, Horror, Krimi, echte Literatur, Essays, Gedichte, Hyperfictions, Essays, Rezensionen, Kalauer und Niveauloses, Anstrengendes, Expressionistisches, Berliner, Frankfurter, Meerbuscher und Schlumpfhausener Schule. Message des ganzen: Ich kann alles, da ist es nicht schlimm, daß ich nichts richtig kann. Oft im Verbund mit dem MULTIMEDIALISTEN und dem GRAFIKER zu sehen. Privat beschäftigt er sich mit Videoinstallationen und Bildhauerei, spielt E-Gitarre bei der Punk-Rock-Band ANILIN-NATION und Violine im CHORKUSS-QUARTETT und macht bald eine Ausstellung mit Gipsabdrücken beschnittener Vaginas.

Der Kaschemmenwirt

Gründer und Herausgeber des Literaturmagazin Zarathustras miese Kaschemme, welches seit 1989 in rein elektronischer Form erscheint und damit eines der ersten deutschen, wenn nicht europäischen Magazine seiner Art gewesen sein dürfte. Mag Literatur.

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