Weihnachten in einer WG

Malorny

Malorny

Wir bewohnten damals ein baufälliges Einfamilienhaus in einer baufälligen Gegend, und da die Bagger auch zum Ende des Jahres nicht anrückten, luden wir einen Bekannten zum traditionellen Weihnachtsabend ein. Mein Bruder und seine Verlobte, und ich und meine Verlobte, hatten einen Karpfen (blau) in der Röhre, und als der Bekannte endlich an die Tür klopfte, war die Hälfte der Geschichte bereits vorbei. Während unsere Verlobten noch die Rezepte studierten, tranken wir den Wein aus der Korbflasche, der für die Sauce vorgesehen war.

 

Nach Streichholzziehen und Knobeln und lauten Diskussionen bewaffnete ich mich mit einem Schlachtermesser und begegnete dem Fisch da unten im Keller, in der Kinderbadewanne, und wie alle Beteiligten später bemerkten, eignete ich mich nicht zum Killer, und das Resultat war entsprechend. Wir schoben den Leichnam ohne Kopf und Schwanz in den Ofen, und die gefährlich aussehenden Stellen retuschierte meine Verlobte dezent mit einem Bund Petersilie.

Zuerst wollte mein Bruder den Karpfen mit dem Luftgewehr füsilieren, doch da sagte SEINE Verlobte: „Stop, so geht das nicht.“

Wie gesagt, als unser Besuch an die Tür klopfte, war das Massaker beendet und wir empfingen ihn mit glänzenden Augen, die uns der Wein aus der Korbflasche beschert hatte.

Nach dem Essen wurde es noch lustig.

Da wir den Frauen den Einkauf überlassen hatten, fehlte uns für die obligatorische Feuerzangenbowle der brennbare 54%ige Rum, und so stöberte mein Bruder im Keller eine Flasche Methylalkohol auf, und auch den Hinweis des Bekannten, der meinte, von Methylalkohol könne man blind werden, ignorierten wir gelassen, denn das was wir sahen bestand aus zwei Dauerverlobten und einem baufälligen Haus. Den Höhepunkt des Abends bildete dann auch die bläulich zur Decke zischende Flamme, die sich (unerklärlicherweise) in die vergilbte Wohnzimmergardine fraß, doch da war schon der Bekannte mit der feuerfesten Form zur Stelle, in der sich – neben Fischgräten – noch gut ein Liter Fischsud befand, welcher sich hervorragend zur Löschung anbot.

Anschließend tranken wir die kalte Bowle in der Küche. Dummerweise hatte unser Kumpel so eine Art Gewissensbisse, und nachdem er bemerkt hatte dass sich die Situation zuspitzte, verschwand er. Mein Bruder und ich tranken ohne Gewissensbisse die Bowle, den restlichen Wein und das Bier aus.

Irgendwann zwischen 6-7 Uhr morgens warf mir die Verlobte meines Bruders schräge Blicke zu, aber es war ja nicht meine Verlobte, und so tranken wir noch die drei Flaschen Sekt leer, die wir nach langer Suche in der Abstellkammer fanden. Dafür war es dann MEINE Verlobte, die mich sturzbetrunken aus der Küche in die Abstellkammer verfrachtete, und ich merkte es erst, als mein Bruder am späten Nachmittag in eben dieser Kammer nach Sekt, Wein oder Bier suchte.

Hartmut Malorny

absolviert 1974 den Hauptschulabschluss cum laude. Stationen: Verkäufer, Vertreter, Gleisbau, Hilfsarbeiter, Faktotum, Arbeitslosengeldempfänger, Bundesbahn, Auslandsaufenthalte in Frankreich, Italien, Südostasien. Ledig, verheiratet, geschieden, Vater mehrerer Kinder. Verfasst Gedichte, Geschichten, Romane und Artikel. Trinker mit den üblich kontroversen Meinungen. Einige Lesungen. Zur Zeit Sonderreiniger.

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