Weltfeiertag der Ratten

Sie haben sich überall zum Tanzen und Feiern versammelt, die Haus- und Kanalratten, die Feld- und Wasserratten, Wüstenratten und Bisamratten und all die Ratten ohne Namen. Ihr Freudengepfeife ertönt in den U-Bahnen und Abwasserkanälen von New York und London, Washington und Bagdad, Paris und Berlin. Sie pfeifen ihren Sieg von den Minaretten und Kirchtürmen, strömen aus Synagogen und Tempeln. Kein Land ohne Ratten, kein Land ohne Fest.

„Wir haben gewonnen!“ ruft der Rattenführer.

„Endlich ist es so weit. Das Ungeziefer, das uns zu vernichten drohte, hat sich als der schlimmste Parasit erwiesen. Und als so dumm, dass es uns die Weltherrschaft nicht mehr streitig machen kann.“

Jubel aus dem Rattenvolk lässt aus Millionen Kehlen die Welt kurz erbeben. Der Rattenführer fährt fort: „Sie sind so dumm und unterentwickelt. Sie schlachten sich gegenseitig. Dabei sind sie uns zahlenmäßig längst unterlegen!“ Er wird von einem kleinen Wesen am Pelz gezupft und beugt sich nieder, um der fast unhörbaren Stimme zu lauschen.

Es ist der König der Kakerlaken, die auf ihren Weltfeiertag nicht mehr lange zu warten haben.

„Lasst uns mit euch jubeln – bald ist die Fremdherrschaft beendet! Und wenn sie sich so abschlachten wie immer in ihren Kriegen, dann brechen wieder fette Tage für unser Volk an! Wir vermehren uns, wir fressen ihr Getreide und ihre gebunkerten Vorräte. Wir fressen ihre Uniformen und knabbern an ihrem Aas. Wir fressen den Staub, zu dem sie zerfallen werden! Die Welt ist unser! Sieg der wahren Krone der Schöpfung! Endlich hat sich gezeigt, dass es der Mensch nicht sein kann!“

Mr. God und Mr. Devil, die in einer unentdeckten Galaxie heimlich eine Partie Merde spielen, pulen sich im Ohr, um den seltsamen Erdlärm loszuwerden.

„Ich hätte das nie gedacht,“ murmelt Mr. God in seinen viel zu langen Bart.

„Was hättste nich gedacht?“ fragt Mr. Devil und kratzt sich zwischen den Hörnern.

„Na, als ich Adam und Eva ein Gehirn gab, dass sich entwickeln konnte…“

„Hähähä,“ lacht Mr. Devil und schwenkt eine versilberte Schädelhälfte, dass der Wein darin schwappt, „etwa so wie der hier?“

Mr. God nimmt seine Schädelhälfte und trinkt mit Mr. Devil auf die Gesundheit. Er fragt: „Wer war denn deiner?“

„Das sind die Überreste von Dabbeljuh, musst ich gar nicht viel rauskratzen!“ meint Mr. Devil.

„Du, das ist köstlich, genau wie bei meinem, Saddam hieß der und war genauso hohl!“ antwortet Mr. God.

Nachdenklich hält er inne und murmelt: „Ich habe mir solche Mühe gegeben, mir fast einen abgebrochen zwischen Neandertaler und Cro-Magnon. Großes Hirn, Intelligenz, Bewusstsein. Und was ist draus geworden?“

„Niedliche Trinkschalen!“ keckert Mr. Devil.

„Was ist schiefgelaufen?“ fragt verzweifelt Mr. God.

„Na, hättste damals nich so tief in die Weinschale geschaut mit mir, weisste noch? Damals hastes eingebaut!“

Mr. God versteht nicht.

Sein Spielpartner wird genauer: „Den Irrtum, mein Lieber, und das Bescheissen. Hättste nich Merde gespielt und gesoffen, sondern gleich Ruhe gehalten beim Schöpfen und nich erst am siebten Tag! Ich hatte dich ja gewarnt.“

Mr. God fasst sich an die Stirn, streicht Mr. Devil über den Arm und flüstert: „Kannst du mir noch einmal verzeihen, dass ich dich aus dem Himmel stürzte, aus Neid, weil du Ratten und Kakerlaken besser hingekriegt hast?“

Mr. Devil lacht lauthals und schlägt Mr. God auf die Schulter. Er sagt: „Kumpel, nimm’s nicht so schwer, die nächste Schöpfung überlassen wir unseren Großmüttern. Und wir trinken derweil einen.“

Der himmlische Klang, mit dem die beiden mit ihren Schädelhälften anstoßen, führt bei einer großen Anzahl von Ungeziefer der Menschenart zu Tinnitus. Ungerührt senden Mr. God und Mr. Devil eine Grußadresse an Ratten und Kakerlaken und spielen mit Inbrunst weiter Merde*.

* Merde = Scheisse, französisches Idiotenpoker,
bei dem es darauf ankommt, zu betrügen.

H.G.Rodenbaum

Karrierist, schreibt nur heimlich | Sein Hobby, für das er zwischen Konferenzen und Flügen um die Welt viel zu wenig Zeit hat, ist bei einem Selbsterfahrungsseminar für Führungskräfte entstanden. "Ich lebte damals die übliche Bigamiesituation zwischen den gefüllten Fleischtöpfen meiner Frau und der Fleischeslust zu meiner Assistentin", erinnert er sich. "Ich war total down. Meine Frau betrog mich mit ihrem Metzger, meine Geliebte mit meiner Sekretärin und ich dachte, die Monatsüberweisung meines Gehalts sei eine tiefe Emotion." | Rodenbaum fand aus seinem Tief heraus: "Mein Coach lehrte mich therapeutisches Schreiben. In der Kaschemme fand ich mein Sanatorium." | Unerkannt lebt er im dunklen Anzug mit Krawatte in Frankfurt.

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