Wir tun so, als täten wir so, als führen wir mit der Bahn in Tokio

In William T. Vollmanns skandalöser Weise noch nicht auf deutsch erhältlichem Sachbuch Poor People findet ein japanischer Nachtclub Erwähnung, der den vielsagenden Namen „Subway Molesters“ trägt. Dort, so erklärt Vollmann, hätte der zahlende Gast für eine bestimmte Zeitspanne Gelegenheit, in einem, U-Bahnen zur Hauptverkehrszeit nachempfunden, überfüllten Raum Mädchen zu begrabschen.

Dass einseitig angemaßtes Fremdenpetting in japanischen Bahnen eine weniger große Seltenheit ist als in mitteleuropäischen Nahverkehrsmitteln, kommt einem nicht gänzlich unbekannt vor. Es ist aber auch nicht das erste, was einem zu diesem Land einfällt. Auf der ziemlich improvisiert wirkenden Internetseite Facts and Details fand ich einen Beitrag, der da hieß „Sex, Children, Teachers und Subways in Japan“. Man muss schon ein bisschen ein Insider sein, was fernöstliche Sexphantasien angeht, um da nicht das Wort, das nicht in die Reihe passt, rot umkreisen zu wollen.

Der Artikel platzt vor Wissenswertem. So erfährt man zum Beispiel, dass es einen Namen gibt für die Männer, die die Enge des Abteils zum Befühlen nebenstehender Frauen nutzen: Sie heißen chikan. Das weiß doch aber eh schon jeder, heißt es jetzt. Na gut, wer Folgendes aber auch schon weiß, ist entweder ein abstrus spezialisierter Wissenschaftler oder aber er gehört getadelt ob seines zwielichtigen Bekanntenkreises. Es gibt nämlich einen Chikan-Verein, der immer mal wieder zusammenkommt, um Tipps für erfolgreiches und straffreies Grabschen auszutauschen, und eines der Mitglieder, ein gewisser Samu Yamamoto, moderierte Mitte der 90er Jahre eine Late-Night-Show namens „Enzyklopädie des Grabschens“, wo er seine Weisheit mit skimaskiertem Chikan-Nachwuchs teilte. Wer nun denkt, so ein Programm hätte ja wohl in etwa den selben Marktanteil wie eine Liveübertragung des alljährlichen Winterweitweinens zu Kopenhagen, dem sei empfohlen, sich auf besagter Seite von der übermäßig großen Beliebtheit des Chikan-tums zu überzeugen.

Dass es so etwas in Japan in recht großem Stile gibt, kann man dem Land verzeihen, wenn auch nicht den Inhabern dieser illegalen Gewohnheiten. Dass es einen Club gibt, der die U-Bahn-Experience simuliert, scheint mir sehr viel irritierender. Dass etwas legal simuliert werden muss, das in der Realität nur in seltenen Fällen juristische Konsequenzen nach sich zieht, so zumindest der oben genannte Artikel, scheint mir seltsam. Dass etwas legal simuliert werden kann, das seinen Reiz ja wohl hauptsächlich aus der Illegalität der Handlung zieht, spricht für die außerordentlichen Verdrängungsfähigkeiten japanischer Widerlinge.

Wie dem auch sei: Man stelle sich einmal vor, man hätte das Vergnügen, so ein Etablissement tatsächlich zu besuchen. Vollmanns Club lässt zwar nur Japaner ein, aber man kann sich ja vorstellen, man wäre Japaner, vielleicht ist man ja sogar Japaner, oder, wem das lieber ist, man stelle sich eben vor, der Club wäre vorurteilsfreier. In einer perfekten Welt dürften ja sowieso Menschen aller Nationalitäten in die jew. U-Bahn-Fummel-Simulationsgaststätte ihrer Wahl.

Wie sieht so ein Ding also aus?

Ich stelle mir vor, dass der Raum, in dem das alles stattfindet, in etwa so länglich und schmal ist, wie die Bahn, die er zu simulieren gezwungen wird. Ansonsten sieht sich der Betreiber vor allerlei unangenehme Entscheidungen gestellt: Soll er die übermäßige Breite des Raumes zum Beispiel ebenfalls mit Fahrgästen, oder vielleicht Fahrgastattrappen auffüllen? Sehr realistisch ist das nicht. Allerdings wahrscheinlich doch etwas besser, als die Menschen sich innerhalb eines markierten Rechtecks drängen zu lassen, während Steppenläufer (das sind diese durch die Wüste rollenden Dornbuschballen, die auf englisch tumbleweed heißen) durch den Rest des Saals wehen. Der eintretende Gast käme sich vor wie ein Bräutigam, der aus der Kirche in einen aus Freundesarmen gebildeten Glückwunschtunnel tritt.

Musik läuft wohl keine. In U-Bahnen läuft in der Regel ja auch keine Musik, obwohl ich weiß nicht, wie das in Japan ist. In Brügge, wo ich einmal war, plärrte sogar auf der Fußgängerzone laut Radio aus kleinen Hochfrequenzboxen, was der Stadt das romantisch Altertümliche ebenso austrieb wie es das lebensnah Erotische aus japanischen U-Bahn-Bars verdammen würde. Eine Bar, noch dazu eine überfüllte, in der keine Musik liefe, wäre aber eine beklemmende Sache. Vielleicht werden ja aber als Kompromiss Zug-Geräusche eingespielt, die der zufriedene Gast im Souvenirladen am Ausgang auf CD erstehen kann.

Wahrscheinlich ähnelt das Ganze weniger einer Bar als einer Kirmes-Attraktion. Vor dem samtverhangenen Eingang steht ein Ausrufer mit Klappzylinder und bittet Vorbeigehende näherzutreten. Die Kopfbedeckung lässt Frack etc. erwarten, jedoch trägt dieser Ausrufer ein Longsleeve mit einem T-Shirt darüber, auf dem so etwas geschrieben steht wie Jährlich sterben 240 Kinder auf malaysischen Hanfplantagen und außerdem Jeans. Weil japanische Grabschclub-Betreiber keinen Sinn haben für stereotype Zirkusästhetik.

Man tritt ein und zahlt bei dem studentischen Kassenmädchen das Yen-Equivalent von 75 Euro. Wer keine Aktentasche dabei hat, kann sich gegen eine kleine Kaution eine leihen, weil wer ohne Aktentasche in der Rushhour steht, der träumt und steht gar nicht in der Rushhour. Dann begibt man sich zum wirklichen Eingang, der eine Bahntür eines längst ausrangierten Bahntyps ist, die der Bruder des Barbesitzers vom Schrottplatz geerntet hat. Man zieht die zweite Tür zur Seite und betritt den Waggon.

So wie Vollmann das beschreibt, scheinen da nur Mädchen im Zug zu sein. Das kommt mir aber unwahrscheinlich und simulationshinderlich vor, und Vollmann als Nichtjapaner war schließlich nicht wirklich drin. Also sind da zumindest ein paar Männer, die sich wahrscheinlich in den hinteren, dem Gast nicht so leicht zugänglichen Teilen des Raumes aufhalten. Beziehungsweise: Wir sind ja nicht der einzige Gast, schätze ich, und der simulationsdienliche männliche Prozentsatz der Passagiere wird also, wenn möglich, von anderen Gästen gestellt. Das spart natürlich Geld. Sollte man den Fehler machen, um 9 Uhr morgens in die Bar zu gehen, wenn alle normalen Menschen tatsächlich zur Arbeit pendeln, ist man entweder wirklich allein unter den weiblichen Angestellten und muss sich vorstellen, man wäre in den Schulausflug eines Mädcheninternats geplatzt, oder aber der Besitzer hat für diese eher traurigen Stunden männliches Personal eingestellt, bzw. verdingt seine Familie für diese Zwecke.

Männlicher Statist in einer U-Bahn-Bar zu sein stelle ich seltsam vor, da gäbe es allerhand zu sagen, aber wir stellen uns ja schon vor, wir seien Gast, und fürs Erste muss das genug sein.

Wir sind jedenfalls im Mantel der Nacht hierher gekommen und der Waggon ist also beinahe zur Hälfte mit Kunden voll, zur anderen Hälfte mit Mädchen, insgesamt also gerammelt, wie man sagt.

Und gerammelt nach japanischem Standard natürlich. Es gibt ein Video auf Youtube, das zeigt, wie an einem Stopp Asiaten in eine sowieso schon übervolle Bahn drängen und einige Bahnangestellte drückend und schiebend dabei behilflich sein müssen, auch den letzten noch aus dem Türbereich in die Waggons zu bekommen, was ein wenig so aussieht, wie wenn man einen nachlässig zusammengerollten Schlafsack in seine Hülle zwängt.

Wer illegal grabscht, grabscht hier sehr gut, weil sich in so einer Bahn niemand auch nur umdrehen, geschweige denn wehren kann. Wer illegal grabscht, tut dies außerdem, so stelle ich mir vor, einigermaßen wahllos. Wir aber haben 8500 Yen gezahlt und finden uns jetzt umgeben von drei kurz vor uns eingetreten älteren Herren und das einzige Mädchen, das wir mit unseren einigermaßen unfreien Händen erreichen könnten, ist nicht unser Typ: Wir würden sie noch nicht einmal angrabschen, wenn wir nicht dafür gezahlt hätten.

Es ist ziemlich ruhig hier, bis auf die Bahngeräusche aus der Dose. Die Luft ist unglaublich stickig und warm, es riecht nach Schweiß, nassem Leder, altem Rauch und Sperma. (Es besteht vielleicht ein Onanierverbot aber setz das mal durch.) Keiner spricht, diverse Männer stöhnen typisch pervers, die Mädchen werden bezahlt fürs still sein und -halten, in der Position einarmiger Kirschenpflückerinnen hängen sie an den Deckengriffen und würden möglicherweise sogar etwas simulant schwanken, wenn es bloß nicht so voll wäre. Sie alle tragen stereotyp Mädchenhaftes, das heißt entweder die vor allem in Japan sehr beliebten Schuluniformen oder aber knapp bemessene Kinderklamotten in pink und weiß. Die Kleider sind verrutscht und wirken so dreckig wie das schweißdurchtränkte Bettlaken der minderjährigen Hure, die Garcia Marquez in seinem besten Roman mit ihrer gierigen Großmutter, glaube ich, durch den Urwald tingeln lässt, wo sie hunderten von Kunden pro Nacht und Tag Befriedigung verschaffen muss. Wer von den Chikans noch glaubt, hier Unbeflecktes beflecken zu können, der hat sie nicht alle.

Und, oh, ist uns unwohl hier zwischen diesen von den sogenannten Snakeheads, einer weniger stylischen Yakuza, nach Japan geschmuggelten Huren mit ihren gelangweilten Gesichtern und blutleeren Armen und den geifernden Kunden, zu denen jeder Außenstehende uns zählen müsste, was unserem Selbstbewusstsein gar nicht gut tut. Wir wollen raus, aber wir müssen tatsächlich bis zur nächsten Haltestelle warten, kein Scheiß, so weit geht das hier mit dem Realismus, aber da ist eine Signalstörung oder Umbauarbeiten oder ein Selbstmörder und kein Halt in Sicht. Für alle Anderen ist das eine Art happy hour, für uns der blanke Horror.

Neben uns streiten sich zwei Männer mit Sakeatem, wessen Hände wo weg sollen. Hinter dem gleichgültig zerfledderten Rücken des Mädchens, das in Gedanken Stundenlöhne von ihren Mafiaschulden subtrahiert, werden Gebiete abgesteckt wie in Jugoslawien. Der eine fordert oben vorne, bietet oben hinten, aber wer will schon oben hinten: Oben hinten ist das Palästinensergebiet unter den Körperregionen. Da muss mindestens noch unten hinten draufgelegt werden wie Camembert auf Kirmes-Käsekörbe, aber wer bekommt dann unten vorne? Eigentlich müsste der Konflikt in eine Prügelei ausarten, aber erstens kann ich mir eine einfache Prügelei ohne Handkantenschläge und minutenlanges Inderluftsein zwischen Asiaten nicht vorstellen und zweitens lässt die Enge des Abteils sowieso nichts Derartiges zu. Vielleicht spucken die beiden sich gegenseitig an. Damit kann ich leben.

Das Mädchen, das nicht unser Typ ist, sieht uns der derweil mit besorgten Augen an, weil wir sie nicht begrabschen, und hofft, dass niemand ihre relative Unzerfleddertheit bemerkt, weil sonst ist sie womöglich ihren Job los. Um ihr die Schmach des Harakiri-Zerfledderns zu ersparen, zerren wir ihr also einmal schnell an ihrer weißen Bluse, die sofort an der Schulter einreisst. Kurz ist das Mädchen verwirrt, dann aber sieht sie uns dankend an: Der moderne Samariter zerreisst nicht seinen eigenen Mantel, das haben wir heute gelernt.

Minuten vergehen, in denen nicht viel passiert, außer dass die Luft immer schlechter wird. Wir denken: Raus, raus, raus, raus, raus, raus. Wir denken auch: Wenn einer meint, so ein Etablissement holt die Perversen wenigstens von der Straße, kanalisiert ihre Lust also auf legalem Weg, dann sei diesem erwidert, dass die Mädchen hier nicht arg viel glücklicher über ihr Befummeltwerden wirken als es ihre Geschlechtsgenossinnen auf dem Weg zur Arbeit wahrscheinlich tun. Dass die hier dafür bezahlt werden, macht kaum einen Unterschied, weil die anderen werden dafür bezahlt, dort zu sein, wohin sie mit der Bahn, in der sie befummelt werden, fahren. Letztendlich ist das Jacke wie Hose. Dann denken wir wieder: Raus, raus, raus.

Irgendwann ist es dann endlich vorbei. Es macht vielleicht „Ding“ und das heißt dann, man  muss aussteigen und erlöst treten wir in diese schöne Freiheit, die sich auftut, wenn sich eigener Wille und äußerer Zwang decken. Wir atmen unversamte Luft und entfernen uns ganz schnell von den anderen Fahrgästen, bevor uns noch einer von denen auf ein Bier einlädt. Diese Leute tendieren, wie wir wissen, zur Rudelbildung, machen gar Vereine auf, was noch so eine irritierende Sache ist. Einen „Verein deutscher Freier“ kann ich mir nicht recht vorstellen. Aber vielleicht sollte ich den anerkannten „Freierforscher Udo Gerheim“ fragen, den ich soeben auf der Malmoe-Website gefunden habe. Der weiß da sicher mehr.

Viktor Szukitsch

*1984 in Esslingen a. N.; Lebt in Stuttgart; Promoviert in Amerikanischer Literatur; Die wenigen Veröffentlichungen: 1. Platz Essaywettbew. des Merkur (2010/11), ein Essay auf Titel-Magazin.de (in Bälde).

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