Wo nichts lebt, da kann nichts sterben

Es gibt wahrscheinlich nirgends auf der Welt mehr potentielle Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, Filmemacher, Maler und sonstige Künstler als in Los Angeles und zugleich gibt es wahrscheinlich auch nirgends auf der Welt mehr von denen, die gnadenlos in diesem Metier gescheitert sind. Von zehn Leuten, die du triffst arbeiten mindestens acht an irgendeinem Projekt. Du hörst so was wie: Ich gehe demnächst mit meiner Band auf Tour durch Alaska. Ich schnitze Vaginen aus Holz. Ich spiele demnächst Charles Manson auf der Bühne. Ich will einen Film drehen, in dem der Hauptdarsteller mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug springt, aber nie unten ankommt. Der Fall dauert ewig, verstehst du den Sinn dahinter? Ich schreibe ein Buch über eine Frau und einen Mann, die ein Kind adoptieren, von dem sie 15 Jahre später ermordet werden. Carl war mein Nachbar und ambitionierter Schriftsteller. Wenn ich nicht gerade arbeiten war, oder meinen Sohn besuchte, saßen wir beide draußen, vor seinem oder meinem Apartment, tranken ein Bier und rauchten zwei bis fünf Zigaretten in einer Stunde. Es kam ganz auf die Unterhaltung an. Wir redeten über Filme, Bücher, Musik und sonst alles Mögliche, was einem so in den vergangenen Stunden und Tagen widerfahren war. Das typische Zusammentreffen nach Feierabend mit Gequatsche, Bier, Kippen, ein paar Lachern, Seufzern und Minuten der Stille, während die Nachbarskinder im Pool hinterm Zaun planschten. Carl saß im Rollstuhl. Rollstuhl (Foto: bestrossi)Er erzählte mir, dass er durch mehrere Schussverletzungen in diesem Ding gelandet ist und ich wusste nicht so recht, ob ich das glauben sollte. Er sah nicht aus wie jemand, der sich in einem solchen Milieu herumtreibt, aber er deutete hier und da mal an, dass er in seiner Vergangenheit mehrer Sachen getan hat, die ihm beinahe seinen Hals gekostet hätten. Nach der Verletzung zog er sich zurück und fing an zu schreiben erzählte er mir. Ich fragte ihn warum er sich gerade dafür entschieden hatte und wieder einmal landeten wir beim alten Thema, dass eigentlich so gut wie jeder in dieser Stadt ein Künstler sei. Er fügte aber zu seiner Geschichte noch hinzu, dass es ihm einfach Gelegen kam.

„Soll ich etwa Football spielen in dem Ding hier? Das Schreiben lenkt ab und macht auch irgendwie Spaß. Ich bin vielleicht kein wirklich guter Schreiber, aber es hält den Geist wach und das kann nicht schlecht sein, außerdem sitze ich doch sowieso die ganze Zeit.“

 

Die Kinder nahmen Anlauf –so weit es halt ging (der Zaun, der den Pool abschirmte lag keine 2 Meter hinter dem Beckenrand)- und sprangen ins Wasser. Überall lagen herabgefallene schwarze Blätter auf der Wasseroberfläche, die der Baum neben dem Pool nicht mehr wollte. Wir gingen stets zurück ins Apartment oder beugten uns weit ins Zimmer rein, wenn wir eine neue Dose Bier aufmachten. Manche Leute und ganz besonders der Manager sahen das nicht so gerne, wenn man hier draußen vor seiner Tür saß und Alkohol trank. Aber mehr als ein oder zwei Dosen waren es sowieso nie und außerdem konnte uns der Manager aus seinem Apartment hier hinten sowieso nicht sehen.

 

„Mein Bruder hat mich gestern aus Boston angerufen“, sagte Carl und nahm einen Schluck aus der gerade geöffneten Dose.

„Und was will er?“

„Seine Frau ist gestorben.“

„Das tut mir leid, Carl.“

„Mir auch. Meine Schwägerin war eine anständige Frau. Terry hatte echt Glück so eine Frau abbekommen zu haben. Ich hatte nicht soviel Glück, aber jetzt siehst du ja was daraus geworden ist.“

„Wie ist das passiert?“

„Autounfall. Kam von der Arbeit, ist irgendwie von der Straße abgekommen und frontal in einen entgegenkommenden LKW gerast. Sie war sofort tot. Kam auch drüben in den Nachrichten.“

„Fliegst du zur Beerdigung?“

„Deshalb hatte er ja angerufen.“

„Und?“

„Ich hab mich noch nicht entschieden.“

Wir zündeten uns jeder eine Zigarette an und verweilten ein paar Minuten in völliger Stille. Die Kinder planschten weiter, Leute kamen von der Arbeit nach Hause, grüßten kurz mit einem Nicken und verschwanden dann in ihren Apartments.

„Ich will hier einfach nicht mehr weg und auf die meisten von meiner Familie hab ich auch keine Lust. Weißt du, viele da drüben wissen gar nicht, dass ich im Rollstuhl sitze.“

„Weiß Terry das?“

„Nein und ich will das es so bleibt. Sie würden natürlich fragen, wie das passiert ist und ich hab die Schnauze voll von der ganzen Lügerei. Hab schon genug davon in meinem Leben gehört und hab auch schon genug Müll von mir gegeben, aber ich will ihnen auch nicht erzählen, was mit mir wirklich passiert ist.“

„Sie verstehen das bestimmt, wenn du nicht kommen kannst. Das ist immerhin Boston und nicht Bakersfield, wo du in zwei Stunden mit dem Auto bist.“

„Ja“, sagte er in Gedanken versunken, während seine Kippe weiter runterglühte. Er hatte nur zum Anzünden einmal daran gezogen.

„Ich bin hier damals hergekommen, um Arbeit zu finden, bessere Arbeit. Auch wegen dem Wetter. Ich hatte viele Pläne, wollte irgendwann meine eigene Bar eröffnen und eine Band gründen. In Boston hatte ich eine Band und wir waren ziemlich gut. Wir haben in allen möglichen Clubs gespielt. Blues und Folk und so’n Zeug, aber du weißt ja, jeder in L.A. hat irgendein Projekt und jeder ist irgendein Künstler.“

„Ja, das stimmt wohl.“

„Was macht dein Schreiben?“

„Geht so.“

„Das wird schon“, sagte er und warf seine verglühte Zigarette in die geleerte Bierdose.

 

Am nächsten Abend saßen wir wieder vor seiner Tür. Diesmal war der Pool unbelebt. Wir beide waren die einzigen draußen. Das gewohnte Szenario. Wir rauchten, erzählten Geschichten, real oder auch nicht und tranken ein Bier zur Entspannung.

 

„Mein Bruder kommt morgen aus San Francisco, um mich zu besuchen und mit mir nach Boston zu fliegen.“

„Er kommt extra her, um dich abzuholen?“

„Na ja, nicht direkt. Er trifft sich hier mit irgendeinem Fundraiser für ein Filmprojekt, das hat er mir zumindest erzählt. So ganz verstanden hab ich das auch nicht. Auf jeden Fall wird er morgen Nachmittag hier sein und deshalb muss ich dich um einen Gefallen bitten.“

„Und der wäre?“

Rollstuhl (Foto: bestrossi)„Versteck morgen meinen Rollstuhl bei dir.“

„Was?“

„Nur für eine Stunde, oder so. Bis er wieder weg ist. Ich muss ihm nur diese ganze Idee ausreden. Ich flieg mit ihm nicht nach Boston, auf keinen Fall.“

„Und was machst du dann die ganze Zeit über ohne das Ding?“

„Ich setze mich einfach an den Schreibtisch und bleib da sitzen bis er wieder geht.“

„Und du denkst, dass fliegt nicht auf.“

„Lass das mal meine Sorge sein.“

Am nächsten Tag, um kurz nach halb 3 hievte er seinen etwas rundlichen Körper aus dem Rollstuhl auf seinen Schreibtischstuhl und zwinkerte mir zu.

„Alles klar. Ich ruf dich später an, wenn du mir das Ding wieder bringen kannst.“

„Ist gut, Carl.“

 

Ich schob den Rollstuhl aus seinem Apartment in meins rüber und stellte ihn in der Ecke des Wohnzimmers ab. Ich setzte mich daneben auf die Couch und guckte ein bisschen fern, doch schon wenige Minuten später stand ich auf, setzte mich in den Rollstuhl und fuhr ein bisschen durchs Zimmer. Viel Platz hatte ich nicht, aber für ein bisschen hin und her rollen reichte es allemal. Ich fuhr rüber zu meinem Schreibtisch, schob den Stuhl beiseite, rollte an den Tisch heran und schaltete meinen Computer an.  Ich versuchte irgendwas zu schreiben, aber mir fiel einfach nichts Brauchbares ein. Es waren nur Fragmente, die mir durch den Kopf schossen und nichts war dabei, was wert war, es auf dieses leere Dokument zu schaffen. Um halb 6 klingelte das Telefon und ich brachte Carl seinen Rollstuhl vorbei.

„Alles gut gelaufen?“ fragte ich und er nickte einfach nur stumm, während er sich zurück in seinen Rollstuhl fallen ließ. Ich merkte schnell, dass er sich nicht unterhalten wollte, also verschwand ich wieder.

 

Zwei Stunden später saßen wir wieder draußen, rauchten, quatschten, tranken und schwiegen hin und wieder, während drei Kinder im Pool schwammen. Alles Routine.

Rollstuhl (Foto: bestrossi)„Wie war denn nun das Treffen mit deinem Bruder?“

„War gar nicht mein Bruder. Er ist doch direkt von San Francisco nach Boston geflogen.“

„Also war gar keiner da?“

„Doch, war ein Mädchen. Sehr hübsch und auch sehr talentiert. Sie singt, modelt, macht gerade so einen Schauspiel- Workshop, die hat wirklich was drauf und hin und wieder strippt sie auch mal, um Geld zu verdienen. Sie hat jetzt auch ein Drehbuch geschrieben.“

„Und um was geht’s darin?“

„Weiß ich auch nicht mehr so genau. Wir haben auch, ehrlich gesagt nicht so viel über ihr Buch geredet.“

 

Wir schwiegen wieder und nahmen jeder einen kräftigen Schluck.

„Und was ist jetzt mit deinem Bruder?“ fragte ich nach einer Weile.

„Ist mir alles scheißegal.“

„Die Sache ist also definitiv gestorben?“

„Weißt du, wo nichts lebt, da kann nichts sterben.“

 

Er wurde deutlich nervöser, während er völlig gedankenverloren durch den Zaun zum Pool blickte. Er zog seine Zigarettenschachtel aus der Brusttasche und sie fiel ihm aus der zittrigen Hand. Sie prallte auf seinem Knie ab und landete zwei Meter weit vor seinen Füßen. Ich wollte mich gerade danach bücken, als er mich am Arm packte, mich zurückzog und selbst aufstand. Er machte zwei Schritte nach vorne, streckte sich kurz und nahm dann wieder ganz lässig in seinem Rollstuhl Platz. Ein Kind machte einen Salto ins Wasser und die beiden anderen schrieen: „Jetzt ich, jetzt ich.“

 

„Alles Künstler hier“, sagte Carl und steckte seine Kippe an.

Marc Mrosk

Jahrgang 82, jobbt, schreibt Geschichten, baut Luftschlösser. Zahlreiche Veröffentlichungen in verschiedenen Literaturmagazinen. Aktuelles Buch: Los Perdidos Gibt eigene Magazine am laufenden Band heraus, nach LOST VOICES derzeit ROGUE NATION http://rogue-blogue.blogspot.de/

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1 Antwort

  1. Hanna Scotti sagt:

    Hi Marc, ich stelle immer wieder fest, dass ich auch Paul bin und mir einen AOK shopper nehme, damit ich bloß ja keinen Erfolg zu habe brauche. Die Geschichte ist sehr gut.
    Hanna

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