X-Factor – das Unfassbare

ERZÄHLSTIMME: Ich war an jenem verregneten Novembernachmittag nicht so gut drauf, Catherine und ich waren in ziemlich großen Geldschwierigkeiten. Wir hatten uns mit der Renovierung unserer Wohnung und den Spenden an die Kirche und das örtliche Kinderkrankenhaus wohl etwas übernommen.

Ich wartete gerade in Dr. Jacobsons Ordination auf meinen Röntgenbefund. Es war nur eine Routineuntersuchung, mein Hausarzt Dr. Sinderodson hatte mir dazu geraten.

 

DR. JACOBSON betritt mit dem Röntgenbild in der Hand das Zimmer.

DR. JACOBSON: Hallo John. Wie geht’s Catherine?

JOHN: Weißt du, im Moment haben wir ein paar Schwierigkeiten finanzieller Natur. Nun sag schon, wie ist mein Befund?

DR. JACOBSON: Nun ja, das ist etwas seltsam. Siehst du diesen quaderförmigen Fleck hier?

JOHN: Ja, ich sehe ihn!

DR. JACOBSON: So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Und du weißt, ich bin seit 40 Jahren Arzt.

JOHN: Was ist es, Eric?

DR. JACOBSON: Es handelt sich anscheinend um einen Goldbarren. [Mysteriöser Soundeffekt] Hast du öfters mit Goldbarren zu tun?

Goldbarren (Foto: Kinross Gold)JOHN (verdutzt): Nein, eigentlich nicht. Aber Moment mal… als Kind habe ich oft in der Goldbarrenfabrik meiner Großmutter gespielt. Dabei habe ich wohl einen eingeatmet…

DR. JACOBS (verschmitzt): Eure Geldsorgen sind damit auf jeden Fall gelöst! [Mysteriöser Soundeffekt]

 

JONATHAN FRAKES: Hatte John tatsächlich als Kind einen Goldbarren eingeatmet? Meinen Sie nicht auch, dass das etwas merkwürdig klingt? Vor allem, dass er genau in dem Moment davon erfuhr, als er das Geld wirklich gut gebrauchen konnte? Oder handelte es sich nicht vielmehr um einen Engel, der ihm den Goldbarren in den Kopf gezaubert hat? Immerhin hatten er und Catherine zu diesem Zeitpunkt bereits sehr viel Geld an die örtliche Kirche gespendet, wie Zeitzeugen bestätigt haben.

Entspricht diese Geschichte der Wahrheit – oder ist doch nicht alles Gold, was glänzt?

JONATHAN FRAKES lächelt verschmitzt und geht ab.

Clemens Ettenauer

Clemens Ettenauer wurde 1986 in St. Pölten geboren. Nach häufigem Sitzenbleiben hat er an einem Abendgymnasium maturiert. Er lebt mit Freundin und Katzen in Wien, wo er bei einem Buchmagazin arbeitet und nebenbei Komparatistik studiert. Neben dem Schreiben fabriziert er am liebsten Telefonstreiche. Facebook: facebook.com/clemens.ettenauer Im Oktober 2010 erscheint sein erstes Buch "Morbuso geht ab" im PROverbis Verlag.

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