Zucht und Ordnung

Es begab sich eines schönen Mittages. Genauer gesagt, am letzten Februartag dieses Jahres.
Ich hatte eben ein Geschäftslokal verlassen und war guter Dinge (eine für mein veraltetes Betriebssystem passende AGP-Karte in der Tasche, welche zufällig gerade … aber das gehört nicht hierher). Wie auch immer. Ich blinzelte in die Sonne, zündete mir eine Zigarette an und begab mich frohgemut zur U-Bahn-Station.
Nicht, daß Sie nun denken, ich wollte Schwarzfahren. Weit gefehlt! Meine Finger umspielten bereits die Zwei-Euro-Münze, als ich mich der schweren Glastür näherte.
Und da war er.
Weder Uniform noch ähnliche Insignien machten ihn kenntlich. Und doch – dieses raumgreifende Wippen in den Beinen. Dieses stete Rearrangieren der Achselpartie, als müsse er imaginäre Schulterklappen zurechtrücken. Gestrengen Blickes musterte er alle Passanten, einem tatendurstigen Zerberus gleich.
Sie ahnen, was folgt? Sie täuschen sich. Und ich – zumal in Unkenntnis narrativer Kausalität – registrierte die merkwürdige Gestalt nur im Augenwinkel, während ich auf die (wenige Meter hinter den erwähnten Türflügeln befindlichen) Automaten zuhielt.
„Wann ihnan do drin wer mit da Zigarettn dawischt, kost des vierzig Euro!“

Ich hielt inne. Eine Hand am Türgriff, wandte ich den Kopf dem eifrigen Sprecher zu. Was wollte er? Lächelnd erkundigte ich mich, ob es wohl gestattet sei, mir einen Fahrschein zu kaufen und dann hier draußen fertigzurauchen.
Seine Hände – eben noch amtlich am Steißbein gekreuzt – fuhren in abwehrender Geste nach oben. „Na, mir is jo wurscht! Ii bin ned von die Verkehrsbetriebe! Ii sog nua.“
Leicht verwirrt betrat ich das Foyer, löste eine Karte und begab mich brav wieder hinaus. Wer immer dieser seltsame Heilige sein mochte; schließlich konnte ich auch von hier oben das Nahen der Züge verfolgen (für Ortskundige: es war die U4-Station „Unter St.Veit“).
Ich rauchte. Ich wartete. Hinter mir waren durch den Verkehrslärm federnde Schritte zu vernehmen, auf und ab marschierend.
Dann ging mit einem Male alles sehr schnell. Ich sah den Zug kommen, warf die Zigarette weg, griff nach der Tür …
„Und wanns den Tschick do heraußn wegschmeißn, kost des sechsadreißig Euro!!!“
… und ging hinein. Indes ich mir am Weg über die Stiege noch dieses Triumphgeheul zu erklären versuchte – von unten war bereits das Rattern nahender Räder zu hören -, ertönte die Stimme abermals, in meinem Rücken: „Hee! Sie! Se san verpflichtet, mir ihren Ausweis zu zagn!“
Ich warf einen Blick über die Schulter, der Mann kam schnaufend hinter mir hergerannt, er schrie: „Wos is – werma de Polizei brauchn?!“
Der Triebwagen hatte fast das Ende der Station erreicht. Ohne die Schritte zu verlangsamen, fragte ich den Wütenden konsterniert, was er überhaupt im Sinn hätte; ich wußte es wirklich nicht. Ein Verrückter? Oder hatte auch er Probleme mit seinem Betriebssystem?
„Sie ham eine Zigarette weggeschmissen! Das ist verboten! Gemäß dem Wiener Reinhaltungsgesetz!!“

Stop.
Halten wir den Film kurz an. Standbild: Zwei Personen auf der Treppe, noch etwa zehn Stufen vom Absatz entfernt. Ein Zug, eingefahren; am Bahnsteig Wartende, die sich den Waggontüren nähern.
Ich überlege. Wer ist der Mann? Nach eigener Aussage kein Bediensteter der Verkehrsbetriebe. Warum läuft er mir dann jetzt nach? Ich beginne, zu verstehen. Ein Magistratsbeamter offenbar, mit der Tagesmission, achtlose Raucher zu stellen.
Ah, ja. Der Stationsbereich der Wiener Linien ist nicht sein Revier, aber er weiß: davor lassen sich einschlägige Umweltsünder am ehesten ertappen. Wer nun – wie ich – samt Tschick hineingeht, entkäme ihm als Kandidat. Also zitiert er hilfsbereit die Vorschriften der Verkehrsbetriebe, lockt den Kunden zurück und harrt seiner Chance …
Nein. Man müßte wahrlich paranoid sein, anzunehmen, daß sich unsere wackeren Stadtbediensteten solch perfider Tricks befleißigten. Zumal nicht weggeräumter Hundekot auch 36,- einbringt. Respektive einbrächte; oder haben Sie schon jemals erlebt, daß ein Herrl von einem Organ des Magistrates angesprochen wurde (bzw. gar mit der Androhung von Polizeigewalt konfrontiert)? Eben.
Lassen wir den Film also weiterlaufen.

Ich schnauzte den Echauffierten ungnädig an, mir gefälligst nicht auf die Nerven zu gehen, und setzte meinen Weg fort. Woraufhin er stehenblieb und drohend sein Handy zückte.
An dieser Stelle hielt die Regie noch eine etwas unnötige Pointe bereit – die Garnitur fuhr nämlich durch. Es war eine Fahrschule. Die Anzeige am Perron verkündete „3 Minuten“ bis zur Ankunft des regulären Zuges.
Damit war das Spannungspotential aber auch schon erschöpft, denn weiter geschah nichts, das die Handlung zu einem originellen Ende gebracht hätte. Ich ging langsam zum hinteren Stationsbereich und überließ den Hüter der Reinlichkeit seinem Schicksal.
Wen mag er wohl angerufen haben? Falls es die Exekutive war, benötigte sie anscheinend länger als drei Minuten, um den Tatort zu erreichen. Vielleicht hat er aber auch nur der Telefonseelsorge sein Leid geklagt.
Ich jedenfalls war um die Erkenntnis reicher geworden, daß es theoretisch teurer kommt, in den Gefilden der Wiener Linien eine Zigarette zu rauchen, als eine solche auf die Straße zu werfen. Oder seinen Hund aufs Trottoir … na, Sie wissen schon.

Später in der U-Bahn dann – die Sonne schien freundlich durchs Fenster – plagte mich doch ein wenig das schlechte Gewissen. Schließlich hatte er mir ja nur helfen wollen, vier Euro zu sparen.

 

Marcus Stöger

Geboren 1963 in Linz, aufgewachsen in Wien. Studienabbrecher. Hat nichts gelernt und schlägt sich als Ausstellungsbauer durch. Raucht, trinkt, kann Dummheit nicht ausstehen und ist – frei nach Karl Kraus – der Ansicht: Wer sich nicht ordentlich ausdrücken kann, kann auch nicht ordentlich denken.

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